DER RICHTIGE WEG


von Curlylein




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Kapitel 1-4


Disclaimer: Die Figuren gehören J.K.Rowling, ich leihe sie mir nur kurz aus. Es ist kein finanzieller Zweck beabsichtigt.

 

Der richtige Weg?

 

Kapitel 1: Herausforderung

 

Hermine trat aus dem Badezimmer, eine Hand gegen ihren Mund gepresst.
"Du siehst blass aus"
Jeremy sah mit besorgter Miene zu ihr auf. Er hatte es sich in dem kleinen Sessel am Fenster ihres Schlafzimmers bequem gemacht.
"Geht es dir nicht gut?"
"Nein, ist schon in Ordnung. Eine kleine Magenverstimmung, nicht mehr." wehrte Hermine ab.
"Sicher? Ich hätte einen neuen Auftrag für dich"
"Jeremy. Du weißt genau, dass ich das nicht mehr möchte." Sie sah ihn gequält an und ließ sich auf dem Bett nieder.
"Ja, es ist auch wirklich das letzte Mal"
"Das hast du beim letzten Mal auch gesagt und bei dem Mal davor, und davor."
"Beruhige dich. Ich denke nur, dass es etwas ist, dass deinen Ehrgeiz anspornt." Er bedachte sie mit einem geheimnisvollen Blick.
"Nun rück schon mit der Sprache raus" forderte Hermine ihn auf.
"Es ist jemand, den du kennst."
"So?"
"Aber es wird nicht einfach werden"
"Möchtest du Orakel werden oder warum sprichst du in Rätseln?"
"Immer mit der Ruhe. Ich denke, du möchtest nicht mehr"
"Ich möchte nur wissen über wen du redest, ich habe noch nicht gesagt, dass ich es mache"
"Na gut. Es ist niemand anders als", er machte eine dramatische Pause, "Professor Severus Snape"
Sie sah ihn verblüfft an.
"Du machst Scherze"
"Nein, es ist mein voller Ernst. Also machst du es?"
"Ich soll bei Snape einbrechen? Worum geht es genau?"
"Der Herr Tränkemeister war wohl in den letzten Jahren nicht ganz untätig und hat einige Tränke entwickelt, die für andere großen Wert zu haben scheinen."
"Und ich soll jetzt bei ihm hereinspazieren und ein paar Rezepte mitgehen lassen."
"Das ist der Job"
"Einfach wird das nicht. So wie ich ihn kenne, hat der doch Hunderte von Blockaden gegen unwillkommene Gäste um seine Heiligtümer gelegt"
"Und wie ich dich kenne" bei diesen Worten schritt Jeremy langsam auf sie zu, "macht es dir deshalb Spaß". Grinsend zog er sie in seinen Arm.
"Das letzte Mal?"
Hermine sah ihn fragend an.
"Das letzte Mal" versprach Jeremy und gab ihr einen Kuss.

~*~*~*~*~*~*~*~

‚Wieso mache ich das?'
Hermine stand vor dem Spiegel und steckte ihre Haare hoch. Bei ihrem Vorhaben würden sie nur stören. Sie starrte unschlüssig in die Augen ihres Spiegelbildes.
‚Obwohl Snape ein Reiz ist, bei dem ich nicht nein sagen kann'
Sie zupfte an ihrem schwarzen Top. Es war hauteng, ähnlich wie die schwarze Hose, die sie dazu trug. Sie ließ ihren Blick über ihren Körper streichen. Diese Kleidung war so klischeehaft und doch wie geschaffen um still und heimlich in den Schatten zu verschwinden.
Hermine sah auf die Uhr. Mitternacht. Ja, auch das ein Klischee. Sie atmete noch einmal tief durch und nahm dann ihre schwarze Umhängetasche, die sie für alle Umstände rüsten würde.
Nach einem kurzen weiteren Blick in den Spiegel lief sie in die Küche, in der Jeremy an dem klapprigen Tisch saß und einen großen Lageplan ausgebreitet hatte.
Er lächelte ihr zu und erklärte ihr dann, wie sie vorgehen müsste.
"Leider konnte ich nichts Genaues über seine eigenen Schutzzauber herausfinden. Aber wie ich dich kenne, wirst du es trotzdem schaffen. Allein um ihm eins auszuwischen, oder?"
"Das wäre wirklich ein absoluter Triumph. Schade nur, dass ich ihn nie wirklich auskosten kann."
"Das Wissen besser als er zu sein, sollte dir genügen, alles andere wäre Leichtsinn."
"Ich weiß, ich weiß"
Er blickte auf die Uhr.
"Du solltest jetzt wirklich los"

~*~*~*~*~*~*~*~

Langsam glitt sie an der Wand entlang. Der Geruch des alten Gemäuers stieg in ihre Nase. Der Stein war überwuchert mit Pflanzen, die sie in der Dunkelheit nicht erkannte. Doch durch den Regen der letzten Zeit waren sie nass und glitschig.
Im Schutz der Schatten hielt sie inne. Bis jetzt war alles nach Plan gelaufen. Sie war an den Rande des Schlossgebietes appariert und hatte mit einigen Tricks die Schutzzauber des Schlosses umgangen.
Ein Blick zu allen Seiten gewährte, dass sie allein war. Lautlos öffnete sie ihre Tasche und zog ein Stück Pergament heraus. Mit einer Berührung ihres Zauberstabs öffnete sich eine Karte und zeigte ihre Umgebung, ähnlich der Karte des Rumtreibers, an.
‚Die Karte des Rumtreibers' Hermine erinnerte sich, ‚ja, hilfreich, doch wenn ich mir dieses Baby hier anschaue, war sie doch sehr primitiv.'
Ihre Karte passte sich ihrer Umgebung an und zeigte noch ein paar weitere Besonderheiten. Die Hilfreichste war wohl, dass sie die gängigsten Schutzzauber anzeigte.
Sie orientierte sich. Dort war sein Büro. Sie nahm zwei Kerkerfenster ins Visier.
‚Wie früher'
Der schien sich ja nur in miefigen Kellern wohl zu fühlen.
‚Na ja, seine Sache und ich bleibe bestimmt nicht lang.'
Vorsichtig zog sie schwarze Handschuhe über ihre Finger. Das Suchen von Fingerabdrücken war zwar eher eine Muggelmethode, aber ihr Hang zur Perfektion ließ das Hinterlassen von stümperhaften Spuren nicht zu.
Als letztes wanderte noch eine Maske vor ihr Gesicht.
Sie schlich zu einem der beiden Fenster. Kein Licht erhellte den Innenraum. Sie holte die Karte erneut hervor.
"Zeige mir Snape" flüsterte sie und die Karte verschwamm, um dann erneut ein klares Bild zu zeigen.
‚So, so, der Zaubertränkemeister macht einen seiner Überwachungsgänge. Sie wissen gar nicht wie recht mir das ist. Das sollte mir genug Zeit geben.'
Sie ging in die Hocke, um sich die tiefen Fenster genauer anzuschauen.
‚Die Karte sagt, Sie schützen ihre Fenster mit drei der einfachsten Schutzzauber, die ich je gesehen habe. Tz, tz, tz, die könnte ja jeder Erstklässler auflösen.'
Mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen flüsterte sie die Gegenzauber.
‚Aber wissen Sie was, ich glaube Ihnen nicht, dass das alles sein soll.'
"Transvectio"
Die Fensterscheibe löste sich auf.
‚Zu einfach, mon cher'
Hermine suchte den Boden um sie ab und nahm einen Stein, der ihr passend erschien in die linke Hand. Mit dem Zauberstab in der rechten Hand tippte sie ihn an und sprach:
"Verraverto"
Augenblicklich verwandelte sich der Stein in eine kleine Maus. Die piepsend versuchte sich Hermines Griff zu entwinden.
"Na, meine Süße"
Vorsichtig kraulte sie das graue Fell und setzte sie dann direkt vor das Kerkerfenster auf die kühle Erde.
"Ich hoffe für dich, dass ich Snape überschätze" sagte Hermine besorgt und stupste das kleine Tier an, das sich langsam in Richtung des Fensters bewegte.
Gespannt verfolgte Hermine ihren Weg.
Halb glaubte sie, dass die Maus einfach durch die Öffnung im Gestein tapsen würde, doch in dem Moment, da sie vollständig durch das ehemalige Fenster gekrochen war, verpuffte sie mit einem erschreckten Quietschen.
‚Tutamentum totalis? Der hat sie ja nicht mehr alle. Ist das nicht ein wenig übertrieben, Professorchen? Der hat scheinbar mehr als nur ein paar Rezepte da drin, wofür braucht der sonst so einen Zauber. So ein Pech das Know-it-all-Granger in ihrem Auroren-Studium aufgepasst hat...'
Ein teuflisches Grinsen festigte sich in ihrem Gesicht, doch es gefror. Eigentlich wusste sie den Gegenzauber, doch der funktionierte nur...
‚Snape, auch du kannst dich der Liebe nicht verschließen.'
Sie zeigte in die rechte obere Ecke des Fensterrahmens.
"Caritas"
Der Rahmen begann violett zu schimmern.
‚Na bitte. Hoffentlich schaut niemand aus dem Fenster'
Sie bewegte den Zauberstab nach links.
"Pietas"
Das Violett verfärbte sich zu einem dunklen Blau.
Ihr Zauberstab wanderte nach unten.
"Studium"
Die rechteckige Öffnung schimmerte nun grün.
Hermine führte den Zauberstab nach rechts.
"Officium"
Das Grün, das der Szenerie etwas Unheimliches gegeben hatte verschwand und an seine Stelle trat ein sonniges Gelb.
Hermine richtete nun ihren Zauberstab auf die Mitte des Rechtecks.
"Amor"
Langsam wandelte sich das Gelb in Orange.
"Veritas"
Die Öffnung erstrahlte nun blutrot und mit einem Mal legte sich wieder Dunkelheit über Hermine und das Fenster.
‚Ich habe es ja gewusst, der Zauber der wahren Liebe öffnet nicht nur Herzen. Ich hoffe, das war alles'
Konnte sie es wagen? Waren vier Zauber genug für einen listigen Slytherin oder hatte er nur auf einen zu mutigen Gryffindor gewartet?
Sie überprüfte die Karte. Snape hatte seinen Kontrollgang anscheinend fortgesetzt und näherte sich allmählich wieder den Kerkern.
‚Jetzt oder nie'
Sie ließ ihre Vorsicht fallen und spähte durchs Fenster. Vorsichtig kletterte sie durch die schmale Öffnung.
‚Jetzt weiß ich, warum Slytherin eine Schlange als Wappentier hat. Um durch diese Fenster zu kommen bleibt einem ja nichts anderes übrig als sich schlangenhaft zu winden.'
Nachdem sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, atmete sie ein paar mal tief durch bis sich ihr Atem normalisiert hatte und blickte sich um.
"Lumos"
Das Mondlicht, dass sie bis jetzt als Lichtquelle genutzt hatte, drang nicht in das dunkle Gemäuer.
Sie ließ den Schein des Zauberstabs über die Wände gleiten. Wie in alten Tagen waren dort Regale mit Gläsern, in denen verschiedenste Dinge schwammen.
‚Schon immer einen guten Sinn für Deko gehabt, nicht Snape?'
Ihr Augenmerk fiel auf einige Schränke, die im Hintergrund aufgereiht standen.
Sie untersuchte den ersten und öffnete die große morsche Holztür.
Er enthielt nicht mehr als ein paar alte Umhänge und Putzutensilien.
Doch schon beim zweiten Schrank schien sie Erfolg zu haben. Er beherbergte einige Pergamente und eine große silberne Schatulle mit der eingeprägten Schrift ‚Elixierformeln'.
‚Wie schön, dass er so ordnungsliebend ist'
Vorsichtig strich sie über das kalte Metall.
‚und was haben wir uns dafür ausgedacht?'
Sie befühlte das Schloss.
"Alohomora"
Nichts geschah.
‚es wäre auch zu einfach'
"Clausum"
‚auch nicht'
"Compressum"
‚was ginge denn sonst noch?'
Plötzlich fuhr sie aus ihren Gedanken. Sie hatte etwas gehört. Waren das etwa Schritte? Ein Blick auf ihre Karte, ließ sie erschrecken.
Auf dem Gang vor dem Büro sah sie die kleine Figur S. Snape laufen und einige Schritte dahinter M. Lambert (Gryffindor).
‚Mist'
Für einen Moment überlegte Hermine.
‚Sofortige Flucht?'
Der erste Schrank, den sie untersucht hatte schien ihr zuzuwinken. Schnell schloss sie den anderen Spind und huschte in letzter Minute zwischen die alten Umhänge im Ersten.
‚Seine kleine Standpauke wird nicht lange dauern und dann wird er schon wieder verschwinden'
Sie hörte ein dunkles Murmeln und einen Augenblick später schien Licht durch das Holz der alten Schranktür.
Hermine ging ein wenig in die Knie und konnte nun durch ein größeres Astloch das Geschehen im Büro beobachten.
Sie sah ein verängstigtes Mädchen - nicht älter als 13, dass sich unruhig vor den Schreibtisch stellte.
Snape musterte sie mit einem bitterbösen Blick.
‚Immer noch der Alte'
"Miss Lambert, was gibt einem Gryffindor" er sprach dieses Wort mit absoluter Abscheu aus, "wie Ihnen, das Recht mitten in der Nacht durch das Schloss zu streunen?"
Das Mädchen wollte zu sprechen ansetzen, doch Snape brachte es mit einer Handbewegung zum Schweigen. Er drehte seinen Kopf ruckartig zu einem der beiden Kerkerfenster bzw. dem was davon übrig war.
‚Shit! Das Fenster'
Misstrauen zeichnete sich auf Snapes Gesicht ab.
"20 Punkte Abzug für Gryffindor und jetzt sofort zurück in ihren Schlafsaal."
Das Mädchen tat wie ihm geheißen und verließ Snapes Büro.
"Ostendere malificus"
Seine dunkle Stimme halte durch den Raum.
‚Ein bisschen eingerostet. Mit diesem Spruch findest du noch nicht einmal einen kriminellen Elefanten in deinem Büro'
Durch ihr Astloch sah Hermine, wie Snape sich ruckartig in Richtung des Schrankes bewegte.
‚Woran erkennt der mich?'
Deutlich sah sie seine Nasenflügel beben.
‚Er kann dich riechen. Verdammtes Parfüm'
Mit einem vernichtenden Grinsen trat er näher an den Schrank. Seine Schritte klangen laut, in der Stille, die sich über das Büro gelegt hatte.
‚Hermine, lass dir was einfallen'
Und immer näher brachten ihn seine Bewegungen.
Sie hörte seinen Atem und war sich sicher, dass ihr Herz beim nächsten Schritt des Zaubertränkemeisters aus ihrer Brust springen würde.
‚Konzentrier dich. Es muss doch einen Ausweg geben, verdammt.'


~~~~~~

 

Kapitel 2: Problemlösung(en)?

 

‚Warum habe ich mich breitschlagen lassen? Und ausgerechnet bei Snape. Das Einzige wäre vielleicht - Nein, Gedanken beeinflussen war eh nie meine Kunst und Snapes Geist ist zu geschult, um es nicht zu merken. Mist! Mist! Mist! Obwohl - die Fähigkeit Gedankenmanipulationen zu erkennen könnte mir doch nützlich sein...'

Sie stellte erschreckt fest, wie nah er dem Schrank bereits war.

‚Meine letzte Chance. Konzentrier dich, Hermine!'

Sie schloss die Augen und richtete ihre Gedanken auf Snape.

‚Ja Snape, gehe nur weiter auf den Schrank zu. Genau... auf den Schrank... nicht in den Klassenraum neben deinem Büro. Genau der Schrank. Der Schrank ist richtig. So ist es vernünftig. Da möchtest du hin...'

Snape hielt in seiner Bewegung inne. Er sollte also nicht in den Klassenraum? Wer auch immer hier war, wenn er gedacht hat, er könne seine Gedanken manipulieren, dann hatte er sich geschnitten...
Mit schnellen Schritten verließ er das Büro und machte sich auf den Weg in den anliegenden Klassenraum.

Hermine atmete tief durch.

‚Ein schwerer Brocken, aber dass du darauf reinfällst, hätte ich nicht gedacht, Sevilein. Egal, wer weiß, wie lang, also sollte ich mich lieber zurückziehen'

Schnell und dennoch lautlos glitt sie aus Schrank und schlich zum Fenster.

‚Da quäle ich mich nicht noch einmal durch, aber wozu bin ich Animagus.'

Mit einem Schlag ihrer schwarzen Federn flog Hermine in Form einer tiefschwarzen Krähe aus dem Büro.

‚Wir sehen uns wieder'
~*~*~*~*~*~*~*~

"Hier, deine heiße Schokolade"

Jeremy reichte Hermine einen dampfenden Becher. Hermine hatte sich auf dem Sofa in eine Decke eingemummelt, so dass nur ihr Gesicht zu sehen war. Jetzt jedoch, entwand sie sich dieser, nahm den Becher entgegen und klopfte mit der freien Hand auf den Platz neben sich.

"Bitte setz' dich, du kannst mich wärmen."

Jeremy tat wie ihm geheißen und Hermine lehnte sich an ihn.

"Ich hasse das Fliegen. Ich friere mich jedes Mal halb tot und mein Hals ist trocken, weil ich die Tasche im Schnabel tragen muss."

"Armer Schatz"

Lächelnd strich er über ihre Haare.

"Ja, armer Schatz. Du kannst mich ruhig bedauern."

"Du tust mir ja soooooo leid."

"Schon besser"

"Aber du musst zugeben, dass dir dein Krähendasein schon häufig geholfen hat"

"Du hast ja Recht, aber ich kann es trotzdem nicht leiden. Irgendwie will mir die Verwandlung nie so recht glücken."

"Willst du deinen Lehrer etwa schlecht machen?" fragte Jeremy mit gespielter Entrüstung.

"Nein, du hast mir das alles ganz gut beigebracht" winkte Hermine ab, "nur manchmal denke ich, dass ein richtiger Animagus-Lehrgang besser gewesen wäre..."

"Dann hätte dich dein Lehrer allerdings am Ende angemeldet, somit wäre dein Krähengefieder ministeriumsbekannt und du könntest dir die unerkannte Flucht an den Hut stecken."

"Ja schon, aber weißt du zum Beispiel noch als ich dieses rote Kleid anhatte und mich verwandelt habe?"

"Wie könnte ich das vergessen?"
Ein breites Grinsen breitete sich über Jeremys Gesicht.

"Das ist nicht komisch. Mein Gefieder hatte rote Flecken. Eine Rabenkrähe mit roten Flecken ist etwa so unauffällig wie ein fliegender Teppich bei einem Treffen der Besenfreunde in Edinburgh!"

"Na und? Mittlerweile hast du ein tiefschwarzes Gefieder."

"Ja, weil ich bei meinen Aufträgen nur schwarz trage."

"Apropos Aufträge, meinst du, man könnte es bei Snape schaffen?"

"Wahrscheinlich schon. Leider ist er jetzt gewarnt, denn unauffällig waren meine Gedankentricks nicht. Dafür meine ich zu wissen, wo ich suchen muss. Dumm nur, dass er seine Formeln in einer silbernen Schatulle aufbewahrt. Silber ist so magiebeständig, aber das knacke ich schon noch. Ich hoffe nur, dass er seine Schutzzauber nicht verstärkt, denn dass ein Einbrecher den Tutamentum totalis übergangen hat, wird ihn misstrauisch machen."

"Tutamentum totalis, also entweder übertreibt er absolut oder du hast Recht und er besitzt mehr als wir uns zu träumen wagen."

"Wenn ich ihm das nächste Mal einen Besuch abstatte, kann ich mich ja mal ein wenig genauer umsehen."
~*~*~*~*~*~*~*~

Von einem herrlichen Kaffeeduft, der sie in der Nase kitzelte, erwachte Hermine aus erholsamem Schlaf. Gähnend streckte sie sich ausgiebig und warf einen Blick auf die andere Seite des Bettes, die verwaist war.
Durch das Fenster fiel das schwache Licht des Herbsttages. Die Decke von sich werfend, schwang sie ihre Beine aus dem Bett und horchte auf.

Durch die Wand drangen zwei Stimmen, Jeremys und die einer Frau. Aufhorchend bei deren nächsten Worten erkannte sie diese, als die ihrer Freundin Amanda.
Ein Blick auf die Uhr verriet ihr die morgendliche Zeit. Sie zog die Stirn in Falten. Warum war Amanda hier und vor allem, warum um diese Uhrzeit?
Schnell zog sie sich Socken an und schlang sich in ihren Morgenmantel, bevor sie, über den Holzboden gleitend, die Tür öffnete und den Stimmen folgte.

In der Küche saßen Jeremy und Amanda am Küchentisch, der mit einem ausgiebigen Frühstück belegt war.
Jeremy im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange drückend, begrüßte Hermine ihre Freundin mit einer Umarmung.
Danach nahm sie einen Becher aus dem Schrank und füllte ihn mit der schwarzschimmernden Flüssigkeit, die ihren Morgen versüßen sollte.
Während sie sich auf einen dritten Stuhl schob, musterte Hermine den besorgten Gesichtsausdruck ihrer Freundin.

"Was ist los?"
Jeremy sah Amanda auffordernd an. Diese warf ihr rotbraunes Haar nach hinten, streckte ihren Rücken und bedachte Hermine mit einem ernsten Blick aus ihren grünen Augen.

"Ich habe das Gefühl, dass man uns auf die Schliche kommt."
Hermines Miene versteinerte, nach einer kurzen Pause fuhr Amanda fort.

"Vielleicht ist es nur eine Einbildung, aber ich glaube, man verfolgt mich."
Hermines Augen wanderten zu Jeremy, der ein ebenso ernsthaftes Gesicht zeigte, bevor sie die beherrschende Frage in den Raum stellte:

"Und was wollen wir jetzt machen?"

"Ich denke, ich ziehe mich für einige Zeit aus dem Geschäft zurück. Bin nicht mehr die Halbtagseinbrecherin, sondern nur noch die Ganztagskellnerin. Irgendwann werden sie es aufgeben. Ich werde euch nur noch selten kontaktieren. Allerdings sollte dies nicht ganz aufhören, sonst fällt sofort der Verdacht auf euch. Aber letztendlich liegt die Entscheidung bei Jeremy. Er ist schließlich der Boss."

Jeremy räusperte sich.

"Wir haben das alles besprochen, ich meine, uns bleiben nicht viele andere Möglichkeiten. Ich möchte es noch mit den anderen durchsprechen, ich habe sie bereits über ein Treffen heute Abend verständigt."
Sie sprachen noch einige Zeit bis sich Amanda verabschiedete und Jeremy und Hermine allein zurückblieben.

"Ich denke, ich werde heute Harry noch besuchen."

"Schon wieder?" Jeremy versuchte sein Missfallen keinesfalls zu verstecken.

"Warum denn nicht? Er hat doch außer mir kaum Besuch und das Treffen ist erst heute Abend."

"Er hat außer dir keinen Besuch? Als ob er mitbekommen würde, wenn jemand da ist. Er sitzt stur auf seinem Bett mit glasigem Blick. Er ist nicht mehr ganz dicht."

"Er ist mein Freund."

"Nein, er war dein Freund. Der oder das, was dort vor sich hinvegetiert, hat mit Harry doch nichts mehr zu tun."

"Das ist mir egal. Er ist der Einzige, der mir wirklich geblieben ist. Ron, Lavender, Parvati - sie sind alle im Kampf gegen Voldemort gestorben und ich wäre es vielleicht auch, wenn Harry ihn nicht schließlich besiegt hätte."
"und dabei vollkommen durchgeknallt ist."

"Mach es ihm nach und wir würden sehen, wie es dir danach geht."

Mit einem lauten Knall ließ Hermine die Küchentür hinter sich zufliegen. Tränen rannen über ihre Wangen. Warum konnte er sie nicht verstehen?
~*~*~*~*~*~*~*~
Ihre Schritte hallten an den langen Steinwänden wieder. Staubige Fenster tauchten den Krankenhausflur in irreales Licht. Hermine hatte sich beruhigt. Sie kannte Jeremy und konnte ihn durchaus verstehen, sie hätte sich nur das Gleiche von ihm gewünscht.
Bei jeder Bewegung schwang ein kleiner Korb in ihrer Hand mit, der einige Bananen und Äpfel enthielt. Dies war einer ihrer Bräuche, die sie seit Jahren schon pflegte. Ein jedes Mal brachte sie Harry frisches Obst mit, in der Hoffnung sie könnte wenigstens Etwas für ihn tun. Und dennoch war sie sich keinesfalls sicher, dass er aus seiner Monotonie erwachen würde, um sich ein Stück Banane zu nehmen. Sie hatte den Verdacht, dass die Schwestern und Pfleger das Obst regelmäßig verschwinden ließen, um sie zu beruhigen.
Nun ja, dann würde es wohl anderen Patienten zu Gute kommen.
Die Oberschwester - eine kleine, dominante, jedoch gutherzige Medihexe - kreuzte ihren Weg und begrüßte sie mit einem Lächeln. Sie kannte Hermine und bewunderte, wie ausgiebig diese sich um ihren Freund kümmerte.

Hermine bog in ein Zimmer und erkannte Harry. Er saß auf seinem Bett, war in Schatten, die einer seiner Vorhänge warf, getaucht und richtete seinen ausdruckslosen Blick auf ein Bild, das die bereits gelbliche Raufasertapete schmückte. Ein paar spielende Hundewelpen boten darauf einen recht putzigen Anblick.
Hermine lächelte. Wenn Harry auf dieses Bild sah, schien es nicht so hoffnungslos, war er nicht so von der Außenwelt isoliert, als wenn sein starrer Blick an der weißen Decke hing. Ihr Lächeln wich aus dem Gesicht. Schon so oft hatte er diese Fotografie betrachtet. Es hätte sie beruhigt, wenn die Hunde sich, wie auf normalen Zaubererfotos, bewegt hätten, doch dies vermied man in dieser Abteilung des St. Mungos. Es würde die Patienten zu sehr aufregen, war die langläufige Begründung.
Eine andere Möglichkeit wäre, dass du es so schreibst:
Mit "Hallo Harry" begrüßte sie ihn freundlich und schritt auf sein Bett zu.
Keine Reaktion.
"Ich habe dir Obst mitgebracht"
Sie hob anschaulich ihren Korb und schritt auf die Schale zu, die wie immer leer auf einem Tisch stand.
Keine Reaktion.
"Du hast ja alle Früchte gegessen, haben sie denn geschmeckt?"
Sie spielte ihre Rolle.
Keine Reaktion.
Sie streifte ihren Umhang ab, legte ihn über die Stuhllehne des einen Stuhles, um danach den zweiten Stuhl an Harrys Bett zu ziehen.
Keine Reaktion.
Das Halbdunkel schluckte sie.
"Und wie geht es dir so?"
Keine Reaktion.
Sie nahm seine Hand und strich vorsichtig über die trockene Haut.
Harry schloss die Augen.
Ein zufriedener Ausdruck wanderte über Hermines Gesicht und sie begann in ruhigem Ton zu erzählen. Ein jedes Mal lief es so ab. Sie erzählte all das, was ihr passierte und erinnerte ihn an ihre Vergangenheit, ihre Zeit in Hogwarts, ihre Zeit mit Ron, ihre Kindheit. Ein jedes Zeichen, das ihr zeigte, dass ihre Anwesenheit registriert wurde, beglückte sie. Doch immer wieder rannen ihr Tränen über die Wangen, erkennend, dass es nie wieder so sein würde wie früher.

Ein Gesicht sah zur Tür herein. Es war die Oberschwester.

"Na, bist du immer noch bei ihm, Hermine?"

Hermine blickte auf ihre Uhr.

"Oh mein Gott, es ist ja schon so spät. Ich muss los, Maria."
Sie gab Harry vorsichtig einen Kuss auf die Stirn und warf sich ihren Umhang über.

Maria begleitete sie noch ein Stück des Flures.

"Er freut sich auf deine Besuche, Hermine."

Hermine zeigte einen resignierten Gesichtsausdruck.
"Manchmal denke ich, es hat keinen Sinn, er ist so..."

"Glaube mir, es bringt ihm was, ich merke so etwas."

"Wenn du meinst."

"Ich denke allerdings auch, dass du aufpassen musst, dass du dich nicht vergisst."

"Ach was."

"Du bist blass."

"Nicht der Rede wert."

Maria wollte schon zu einer Gegenrede ansetzen, als ein junges Mädchen, das scheinbar eine Ausbildung zur Medihexe machte, sie mit verzweifelter Miene unterbrach:
"Maria, Mr. Dawson hat es schon wieder getan."

"Was denn?"

Die junge Frau hob anklagend ein kleines silbernes Kästchen hoch.

"Nicht weiter schlimm."

"Aber er hat seinen Zimmerschlüssel hineingelegt und ich bekomme sie nicht mehr auf."

Maria hatte Hermines forschenden Ausdruck bemerkt und erklärte:
"Mr. Dawson ist ein Ex-Auror, wie so viele hier, und versteckt gern seine Sachen in dieser magischen Dose. Sie ist aus seiner aktiven Zeit und hat einige Schutzzauber. Leider bekommt er sie selbst nicht mehr auf. Man sollte sie ihm wegnehmen, aber das wäre, nun ja..."

"Und was machen sie wegen dem Silber, ich wüsste nicht, wie ich eine geschützte Silberschatulle aufbekommen sollte."

Maria lächelte wissend.
"Es ist ganz einfach. Wir sind durch Zufall darauf gestoßen. Mein Mann - Gott hab ihn selig - wollte mir einen Gefallen tun und das Silber putzen. Er war ein Muggel und nahm ein gewöhnliches Muggel-Mittel um Silber zu reinigen. Unser Besteck ließ sich auf einmal nicht mehr mit Magie waschen - ich habe ihn verflucht dafür, aber dann habe ich herausgefunden, dass dieses Mittel jegliche Zauberkraft aus Silbergegenständen zieht und dann brauchen Sie bei einer solchen Dose nur noch eine Haarklammer und ein wenig Geschick."

Mit einem fiebrigen Ausdruck verließ Hermine die Klinik. Jetzt wusste sie, was sie bei Snape zu tun hatte. Sollte Jeremy noch einmal behaupten, ihre Besuche bei Harry brächten nichts...
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Kapitel 3: Entscheidungen
 
Der Schlüssel rutschte durch ihre schweißnassen Hände. Sie bückte sich und versuchte - diesmal mit Erfolg - die eichene Wohnungstür zu öffnen. Im Gefühlsrausch, den die plötzliche Erkenntnis über eine einfache Öffnung der Silberschatulle ausgelöst hatte, war Hermine in einen Muggelladen gegangen und hatte sich eine grünliche Dose mit einer nicht allzu gut riechenden Paste zugelegt. Schon das Bezahlen war eine Geduldprobe für ihre Aufregung gewesen. Sie konnte es kaum abwarten Jeremy von ihrer Entdeckung zu erzählen.

Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, rief sie nach Jeremy und fand ihn schließlich in der Küche, wo er in den Tagespropheten vertieft war.

"Ich habe die Lösung", sprudelte es aus ihr heraus.

Neugierig musterte sie Jeremy.

"Ich weiß jetzt, wie ich die Schatulle öffne."

"Welche Schatulle?"

"Na, die silberne bei Snape", ihrem Gesichtsausdruck war zu entnehmen, dass seine Begriffsstutzigkeit ihrer Euphorie ein Gräuel war.

"So?"

"Du könntest ruhig ein wenig mehr Begeisterung zeigen."

"Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, wir haben wesentlich ärgere Probleme, als diesen Einbruch."

Hermines Blick hätte Jeremy problemlos an die Wand nageln können. Er lenkte ein:

"Wie bekommst du das Kästchen denn nun auf?"

"Muggel-Silberreiniger"

"Wie bitte?"

"Ja, glaube mir, es entzieht dem Silber seine Magie." Demonstrativ hatte sie die Dose aus ihrer Tasche gezogen und hielt sie nun hoch.

"Heute Abend werde ich ihm einen erneuten Besuch abstatten."

"Das geht nicht. Oder hast du unser Treffen vergessen?"

"Ich finde das Treffen ist keine gute Idee."

"Wieso?"

"Wenn wir nun wirklich beobachtet werden, servieren wir uns so auf einem silbernen Tablett."

"Wir werden nicht überwacht. Es war nur Amanda und die wird nicht am Treffen teilnehmen."

"Woher nimmst du dein Wissen?", ungläubig beobachtete Hermine ihren Freund.

"Manchmal sind Geschwister doch nützlich..."

Hermine war klar, was Jeremy meinte. Jeremy hatte eine Schwester, die Hermine noch vor Jeremy kennen gelernt hatte. Sie arbeitete als Aurorin im Ministerium und schien damit das genaue Gegenteil ihres Bruders. Ihr Name? Nymphadora Tonks.

"Du hast deine Schwester ausgehorcht?", Hermine widmete ihm einen kritischen Blick.

"Ausgehorcht? Das würde ich nie tun. Aber besucht habe ich sie und die Wände im Ministerium sind nun mal sehr dünn, da schnappt man - vollkommen unabsichtlich - was auf."

"Eigentlich ist es mir egal, es dient ja schließlich der Sache und da ich heute Nacht bei meinem Ex-Zaubertränkelehrer einbrechen werde, bin ich wohl nicht in der Situation Vorträge über Moral und Anstand zu halten."

"Du wirst heute nicht einbrechen."

"Sagt wer? Ich werde heute einbrechen, jeder Tag, der vergeht, bedeutet einen weiteren Schutzzauber, den ich übertreten muss, denn du denkst doch nicht, dass Snape diesen Einbruch auf sich sitzen lässt, oder?"

Widerwillig nickte Jeremy.

"Ich beeile mich und komme dann dazu, zuerst musst du doch eh erklären, was Amanda dir erzählt hat und das weiß ich schon, also?"

"Als ob meine Meinung dir etwas bedeuten würde."

"Nun sei nicht so", sagte Hermine, verzog ihre Lippen zu einem Schmollen und gab ihm dann einen flüchtigen Kuss.
~*~*~*~*~*~*~*~
Ein Klicken.
Über Hermines Gesicht zog sich ein leuchtendes Lächeln. Sie hatte den Weg in Snapes Büro gefunden, alle Barrieren überwunden und überrascht festgestellt, dass keine weiteren Schutzzauber installiert worden waren. Es machte sie misstrauisch, doch die Freude über die geöffnete Schatulle ließ sie dies vergessen. Sie strich über das Pergament, das beim Öffnen des silbernen Kästchens zu Tage getreten war.

Irgendetwas störte sie, doch was? Ein Blick wanderte zu ihrer Karte, Snape befand sich seit geraumer Zeit in Dumbledores Büro und auch dieses Mal hatte sich seine Position nicht geändert.

Klar! Das Pergament war zu neu, die Tinte zu frisch, das war es. Nicht das, was sie suchte, sondern ein Duplikat, das sie hereinlegen sollte, das verriet ihr Instinkt. Deshalb keine neuen Schutzzauber, er wusste also wonach sie gesucht hatte. Aber wo würde jemand wie Snape die Originale verstecken? Sich in die Gedanken dieser Person zu versetzen fiel ihr schwer.

Sie durchsuchte den Schreibtisch, doch fand nicht mehr als ein paar Unterlagen, die eindeutig mit seinem Unterricht zusammenhingen, einige Federn, Pergament und ein vergilbtes Foto, unter dessen Rändern sich ein übelgelaunter Snape versteckte. Hermine klopfte das alte Holz des Tisches ab, doch kein Klopfen verriet ihr einen eventuellen Hohlraum. Wo hatte dieser Miesepeter seine Unterlagen versteckt?

Ihr Blick glitt über die aufgereihten Gläser, in denen die seltsamsten Dinge schwammen. Ein Glas stand ein wenig nach vorn versetzt. Diese Unordnung passte nicht zu Snape, sollte ihr der Zufall helfen? Ein kurzer Blick zur Karte, der Snapes Abwesenheit sicherte und sie schritt zu besagtem Gefäß. Vorsichtig befühlte sie das staubige Regal. Hermine ertastete eine kleine Holzdose und zog diese vorsichtig aus ihrem Versteck hervor. Die Dose war bereits ein wenig angeschlagen, so dass der dunkle Lack geplatzt war. Dünne hellblaue Striche formten Muster. Sie versuchte einige Öffnungszauber, doch das Behältnis hielt stand. Ein Blick auf ihren Plan zeigte ihr, dass Snape sich nun doch zur Rückkehr entschieden hatte und seinem Büro unaufhörlich näher kam.

Schnell verstaute sie die Dose in ihrer Tasche und verschwand lautlos. Die Dose würde etwas Wichtiges enthalten, da war sie sich sicher, denn ohne Grund hatte er sie nicht versteckt.
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Zufrieden mit sich lief Hermine einige Straßen entlang. Laternen warfen Lichtkreise, die sich hell von der Umgebung abhoben. Sie war an den Rande des Stadtviertels appariert, in dem sie zusammen mit Jeremy lebte. Dies war üblich, damit ihre Spuren nicht zu leicht nachzuvollziehen waren. Ihre Absätze erzeugten ein leises Klacken, das an den Hauswänden wiederhallte. An einer Kreuzung wählte sie einen kleinen Weg. Nachdem sie um die Ecke gebogen war, kamen glühende Augen auf sie. Sie erschrak für einen Moment bevor sie ihren geliebten Kater Krummbein erkannte.

"Krummbein, du hast mich aber erschreckt."

Der Kater gab ein Schnurren von sich und streifte um ihre Beine.
Hermine streichelte ihn und hielt ruckartig in ihrer Bewegung inne.

"Wer hat dich rausgelassen?"

Es war nicht üblich, dass ihr Kater um diese Zeit herumstreunte. Mit Einbruch der Dunkelheit war er auf einem samtenen Kissen vor ihrem Kamin zu finden, sofern er sich nicht an sein Frauchen schmiegte.

Ein beunruhigendes Gefühl schnürte ihre Kehle zu. Sollte etwas passiert sein?

Nervös hob sie den Kater auf ihren Arm und versuchte mit gleichmäßigen Schritten nach Hause zu laufen. Immer wieder beschleunigte sie ihre Schritte, ihr gesamter Körper wollte rennen, doch etwas sagte ihr, dass sie sich am Riemen reißen musste.

Als sie die letzte Biegung nahm, rannen ihr kalte Schauer über den Rücken. Die Laternen der Straße waren dunkel, doch aus der Dunkelheit erhob sich eine gespenstische Szene. Verschwommen in der Schwärze der Nacht sah sie eine Gruppe Menschen. Gedämpftes Fluchen drang zu ihren Ohren. Sie meinte zwei Zauberer unter den schemenhaften Gestalten zu erkennen, die vier weitere Männer festhielten - wohl mit ihren Zauberstäben, denn zeitweise waren stabförmige Gegenstände durch kurzes Aufleuchten in ihren Händen erkennbar. Außerdem wurde eine Frau aus dem Haus geführt.
Grüne und gelbe Funken stoben aus diesem hervor. Rauch zog wallende Kreise.

Hermine blieb stehen und beobachtete. Ihr war klar, was passiert sein musste. Ihre Bande war aufgeflogen, dass Ministerium hatte doch mehr gewusst, als Jeremy dachte. Was sollte sie nun tun? Flucht? Sollte sie sich stellen? In ihrer Verzweiflung drückte sie das Tier auf ihrem Arm weiter an sich. Ein Regen aus warmen Tränen traf auf das Fell des Katers. Das war zu viel für sie, sie hatte es doch nie gewollt und nun war alles so aussichtslos.

Eine Hand drückte auf ihre Schulter und ließ sie zusammenfahren. Sie drehte sich um und sah in die Augen von... Nymphadora Tonks.

‚Aus, alles aus.'
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Kapitel 4: Gefühlssturm

Grell stach das Licht des Raumes in Hermines Augen. Sie saß - seit geraumer Zeit vollkommen allein - in Tonks Büro. Diese hatte sie hierher gebracht und sie freundlich aufgefordert auf sie zu warten. Hermine hatte keinen Blick mehr auf ihre Freunde werfen können. Tonks war zusammen mit ihr ins Ministerium appariert und auch dort waren sie niemandem begegnet. Das Warten schien sich grausam in Hermines Körper zu brennen. Ungeduldig zog sie an ihren Fingern. Kalter Schweiß benetzte ihre Stirn. Musste sie nun ins Gefängnis? Askaban? Obwohl statt der Dementoren nun Zauberer die Aufsicht hatten - eine Folge der Kämpfe, die Dementoren hatten sich der dunklen Seite angeschlossen - waren die Vorstellungen von Askaban keinesfalls rosiger geworden. Geschichten aus Furcht, Erbarmungslosigkeit und Tortur fanden ihren Weg in die Gedanken der Zauberer weltweit.
Die Tür öffnete sich und Tonks trat zusammen mit einem streng wirkenden Mann herein. Seine dunklen kurzen Haare, die mit einem drakonischen Schnitt in Form gehalten wurden, hatten bereits graue Spitzen und seine harten Gesichtszüge schienen ausgemergelt. Seine braunen Augen hatten ihre Wärme schon vor langer Zeit verloren und fixierten Hermine nun mit unbändiger Gewalt, als wollte er sie röntgen.
Tonks ihrerseits lächelte Hermine mitleidig an, die Strapazen ihres Nachtdienstes schlugen sich in dunklen Augenringen nieder.
"Hermine, das ist Mr. Clyde vom Amt magischer Strafverfolgung, er wollte sich kurz mit dir unterhalten." Ihre Stimme war schwach, doch freundlich.
Mr. Clyde baute sich hinter Tonks Schreibtisch auf, ohne seine Augen von Hermine zu nehmen. Tonks nahm sich einen Stuhl, der in einer Ecke ihres Büros stand und setzte sich neben ihn an den Tisch.
"Ms. Granger, Sie werden verdächtigt, in einer Bande kriminellen Tätigkeiten nachzugehen. Was haben Sie dazu zu sagen?" Sein anklagender Tonfall hallte laut von den Wänden wieder.
Hermine überlegte. Sollte sie alles zugeben? Sie fühlte sich danach, doch Jeremy hatte ihr eingebläut nichts zuzugeben, was man ihr nicht beweisen konnte.
Ehe sie zu einer Entscheidung kam, sprang Tonks auf und sah ihren Kollegen mit tiefem Unverständnis an.
"Sagen Sie mal, Bertie, was erlauben Sie sich? Sie denken doch nicht, dass Hermine an diesen Sachen beteiligt wäre. Das ist absurd, ebenso gut könnten Sie mich verdächtigen."
"Aber nein", beschwichtigte sie Clyde, "ihre Geschichte lässt eine solche Verdächtigung nicht zu und ihr Verwandtschaftsgrad macht Sie keinesfalls verdächtig, aber Ms. Granger..."
"Ach was, Hermines Reputation ist über eine solche Anschuldigung erhaben. Er hat sie genauso getäuscht, wie mich."
"Wenn Sie meinen, aber ich..."
"Kein aber, oder haben Sie Hermine heute bei dem Treffen der Bande gesehen?"
"Nein, aber..."
"Na sehen Sie? Mein Bruder konnte seine Angelegenheiten schon immer gut verbergen und denken Sie an Hermines Vergangenheit als Aurorin..."
"Denken Sie wirklich - gerade als Ex-Aurorin - wären ihr die Machenschaften Ihres Bruders nicht aufgefallen?"
"Mir sind sie schließlich auch nicht aufgefallen. Außerdem: Mein Bruder würde jeden reinreißen, wenn er sich damit das Fell retten könnte. Es tut weh dies zu sagen, aber so ist es. Er hätte sie längst verraten, doch sie waren bei seinem Verhör dabei. Was hat er auf die Frage von Hermines Mitgliedschaft geantwortet?"
"Ich weiß, doch ich glaube ihm nicht."
"Er stand unter Veritaserum!"
"Sie können mir nicht erzählen, dass sie noch nie etwas von Geheimhaltungssprüchen gehört haben."
"Ja schon, aber..."
"Nymphadora, Sie sind nur befangen, weil sie die Angeklagte kennen."
Hermine sah Tonks an, dass sie innerlich ihrem Kollegen Recht gab, doch dies niemals zugeben würde. Sie hatte während des Disputs der beiden Ermittler ruhig auf ihrem Stuhl gesessen und die Wortwechsel verfolgt. Eines war ihr klargeworden, sie hatten nichts gegen sie in der Hand und Jeremys Geheimhaltungszauber schien zu funktionieren.
"Gerade deshalb weiß ich, dass sie so etwas keinesfalls tun würde."
Tonks Bestimmtheit ließ den Kloß in Hermines Hals anschwellen. Ihr schlechtes Gewissen versetzte ihr Stiche. Sie konnte ihr nicht in den Rücken fallen.
Clyde wandte sich nun wieder Hermine zu:
"Was ist das für eine Dose die Sie in Ihrer Tasche hatten?" Ein unheilvolles Glitzern stand in seinen Augen.
"Das ist, also, das ist..."
"Na?"
"Ach die Holzdose, als ob jemand für so ein Ding einbrechen würde", schnaubte Tonks verächtlich.
"Ach so, die meinen Sie. Entschuldigung, das war heute alles ein bisschen viel für mich. Die Dose habe ich bei einem Händler in der Winkelgasse gekauft. Sie wissen schon, einer dieser wandernden Händler."
"So ein Zufall, da haben Sie ja gleich schon die Entschuldigung mit eingebaut, wenn wir den Händler nicht finden." Böse betrachtete Clyde Hermine.
"Also Bertie, jetzt machen Sie mal einen Punkt."
"Na gut, wir haben nichts gegen Sie in der Hand, Ms. Granger, aber Sie werden bis zum Prozess die Stadt nicht verlassen, Sie melden sich regelmäßig auf dem Amt und sollten Sie verschwinden... Wir werden Sie finden und Ihr Davonmachen wäre ein Fluchtversuch, der die Schlinge um Sie zuziehen wird. Und glauben Sie nicht, dass Jeremys Geheimhaltungszauber ewig währt, ich habe noch jeden gebrochen und dann..." Statt seine Ausführungen zu Ende zu bringen rauschte der Zauberer aus dem Büro und ließ Hermine mit Tonks allein.
Tonks sah Hermine verzeihungsheischend an.
"Es tut mir Leid, dass du an den geraten musstest. Auf seine alten Tage leidet er ein bisschen an Verfolgungswahn."
"Ja", kam als schwache Antwort von Hermine.
"Tja, um dein regelmäßiges Melden kann ich dich nicht herumbringen, aber du hast nichts zu befürchten, denn du hast schließlich nichts getan."
"Ja", ihre Stimme wackelte.
"Alles zuviel für dich, nicht wahr?" Hermine hatte Tonks mitleidige Ader getroffen.
"Ja"
"Geh nach Hause und morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. Ich bin immer für dich da, sag Bescheid."
"Mach ich."
Niedergeschlagen verließ Hermine Tonks Büro und machte sich auf den Heimweg.
Nach kurzem unruhigen Schlaf wachte Hermine am nächsten Morgen auf. Die Gardienen zur Seite schiebend sah sie die grauen Wolken, die den Himmel ebenso wie ihre Seele bedecken zu schienen. Das ungewohnte Gefühl allein zu schlafen verbunden mit den Gedanken über ihre ungewisse Zukunft vermengten sich zu einer Stimmung der abgrundtiefen Unglücklichkeit. Was sollte sie tun?
Mangels Hunger übersprang sie das Frühstück und setzte sich auf die Couch im Wohnzimmer. Sie versuchte nachzudenken, doch sie konnte sich nicht konzentrieren, ihre Gedanken drifteten in Vorstellungen, die verschwammen.
Stumme Tränen rannen über ihre Wangen und wechselten mit Wut. Wie hatte sie es nur so weit kommen lassen können? Mit aller Wucht schleuderte sie ihre Tasche, die sie gestern auf ihrem Weg ins Bett auf der Couch liegen gelassen hatte, gegen die Wand. Ein hölzernes Klong erklang und Hermines Scham über ihren Gefühlsausbruch ließ neue Tränen hervortreten.
Sie erhob sich und nahm dann die Tasche auf. Die kleine Holzdose, die sie bei Snape hatte mitgehen lassen purzelte hervor. Sie fiel auf den Boden und wieder war das Geräusch des auftreffenden Holzes zu vernehmen. Hermine nahm die Dose in die Hand. Sie schien nichts besonderes zu sein, doch ihre Neugier ließ sie den unscheinbar wirkenden Gegenstand in ihrer Hand wenden und drehen.
Was mochte sein Geheimnis sein? Eine vorerst letzte Träne lief über Hermines Wange und tropfte von ihrem Kinn auf das spröde Holz. Ein Klicken war zu vernehmen und der Deckel der Dose sprang auf. Verwirrt betrachtete Hermine das Geschehen und setzte sich auf das Sofa. Ihre Neugier ließ sie den Inhalt begutachten.
Ein altes, mit einem scharlachroten Samtband umwickeltes Pergament weckte sofort ihr Interesse und so nahm sie es heraus. Eine schwarze Rose steckte in der Umarmung des Bandes.
Hermine löste die Schleife und legte die Rose neben sich auf das Sofa. Sie entrollte das Pergament und verzierte Buchstaben, die sich zu einem Brief zusammenwebten, traten ans Tageslicht. Ein roter Kussmund verzierte den unteren Teil des Briefes und ein schwacher Duft nach Vanille umschwebte das Pergament.
Ein Liebesbrief? An Snape? Eine plötzliche Spannung ließ Hermine ihre prekäre Lage für einen Moment vergessen. Sollte ihr griesgrämiger Ex-Lehrer tatsächlich einmal liebenswert gewesen sein?
Sie begutachtete die Schrift und begann zu lesen.
Liebster Severus,
du machst dir keine Vorstellung, wie sehr ich dich vermisse, wie sehr ich es vermisse meine Finger durch deine Haare zu streichen, die sie so seidig umstreichen, wie es sonst nicht möglich schien. Wie sehr ich es vermisse, deine zarte Haut auf der meinen zu spüren. Wie sehr ich deine Zuversicht vermisse und deine wohlige Umarmung. Nichts erscheint mir schlimmer, als nur noch eine weitere Minute von dir getrennt zu sein.
Ich weiß, wir sollten vernünftig sein, doch was zählt die Vernunft in Momenten höchster Liebe?
Werden wir uns wieder sehen? In diesem Kampf kann jede Sekunde die letzte sein. Dein Tod wäre der meine, denn hätte ein Leben ohne dich Sinn? Ohne deine Stimme, die eine Gänsehaut über mich legt, deine Augen, die mich bereits aus der Entfernung in höchste Ekstase versetzen und ohne deinen Kuss, der mich alles vergessen lässt.
Ich muss dich sehen, denn ich habe dir etwas zu erzählen. Ich werde zu dir kommen, nichts wird mich aufhalten.
In immerwährender Liebe,
Florentine

Hermine seufzte, für einen Moment vergessend, an wen dieser Brief gerichtet war. Das war ja so romantisch! Was wohl aus dieser Florentine geworden war?
Begierig untersuchte Hermine den weiteren Inhalt der Dose. Ein Seidentaschentuch fand sich. Es hatte einen leichten Rosé-Ton und roch ebenso wie der Brief leicht nach Vanille. Ein Monogram, in der Form der Buchstaben F und G, war in den Stoff gestickt. F? Florentine, aber wofür steht das G?
Weiter erforschte Hermine die Dose, ein gefaltetes Blatt fand ihre Aufmerksamkeit. Es schien ein Ausschnitt aus dem Tagespropheten zu sein. Der Artikel war nicht sonderlich lang und war mit Sicherheit keine große Schlagzeile gewesen, was Hermine verwunderte, als sie die Überschrift las.
Wieder Aurorin im Kampf gegen den, der nicht genannt werden darf, gestorben.
Das Datum zeigte an, dass dieser Artikel älter war, als Hermine selbst, es musste also vor Voldemorts erstem Fall geschehen sein.
Sie las weiter:
Die erfolgreiche Aurorin F. Gray ist gestern im Kampf gegen den, der nicht genannt werden darf, gefallen. Sie hatte ihr Leben dem Kampf gegen den Unnennbaren verschrieben und hinterlässt als Waisenkind keine Verwandten. Trotz allem wird der Tod der jungen Frau ihre vielen Freunde tief treffen...
Hermine las nicht weiter. Ihre Nackenhaare stellten sich auf und ein Ziehen zog sich durch ihren Bauch.
Das Datum des Briefes begutachtend wurde ihr klar, dass dieser nur einen Tag vor ihrem Tod geschrieben worden war und zusammen mit dem Taschentuch und einigen anderen Stücken in der kleinen Dose wohl die einzig greifbare Erinnerung an diese Florentine war.
Plötzlich empfand Hermine tiefes Mitleid mit Snape. Ihr war schon des öfteren - gerade im Kampf mit Voldemort - klar geworden, dass Snape schon einiges in seinem Leben zu erdulden gehabt hatte. Doch langsam begriff sie erst, dass dieser Mann wahrscheinlich nicht ohne Grund so griesgrämig und grausam war.
Ihr Entschluss stand fest. Snape sollte diese Holzdose zurückbekommen. Sie würde noch ein letztes Mal einbrechen, alles in Ordnung bringen und dann ein vollkommen neues Leben anfangen...

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