Die Diplomarbeit
von Perfuga
Disclaimer: Eusebia und die Muggel
gehören mir, alles andere ist Eigentum von Frau Rowling. Ich verdiene kein Geld
mit dieser Geschichte.
Ich empfehle diese Geschichte für
Leser ab 16 Jahren.
Nervös wischte sich Eusebia die schwitzenden Hände zum wiederholten Male an ihrer Robe ab, um diese anschließend wieder zu glätten. Sie warf einen raschen Blick zu der großen Uhr an der Wand empor. Tatsächlich, es war bereits eine volle Minute vergangen seit sie zuletzt die Zeit überprüft hatte. Dann starrte sie wieder unruhig die große, dunkle Flügeltür an, die sie noch heute durchschreiten würde, um ihre Abschlussprüfung abzulegen. Drei Jahre lang hatte sie Geschichte der Zauberei studiert und würde später als Professorin unterrichten. Nun ging es darum, ob ihre Diplomarbeit Gnade vor den Augen ihrer Prüfer finden würde. Als sie ihr Thema eingereicht hatte, war man skeptisch gewesen. Es gab ja nun wirklich genug Biographien über den großen, tragischer weise so früh verstorbenen Kriegshelden Severus Snape. Eusebia hatte ganz bewusst keine weitere Biographie vorlegen wollen sondern sich auf einen ganz kurzen Zeitraum im Leben des Professors konzentriert, auf die 42 Tage, die er, kurz vor seinem Tod, verschwunden gewesen war. Es gab viele haarsträubende Theorien, aber das Geheimnis, wo Snape gewesen und was ihm geschehen war, wurde niemals aufgeklärt. Daher hatte Eusebia nur ein mitleidiges Lächeln geerntet, da niemand glauben wollte, dass sie noch ein neues, nicht von Legenden überwuchertes Argument würde finden können. Doch Eusebia ließ sich nicht beirren, hatten doch ihre Eltern noch das Privileg gehabt, von Professor Snape persönlich in Zaubertränke unterrichtet worden zu sein. Sie hatte die Verehrung des großen Helden also schon mit der Muttermilch eingesogen.
Eusebia blickte wieder zur Uhr hinauf. Wieder eine Minute vergangen. Das würde noch ein sehr langer Vormittag werden! Sie begann noch einmal in ihren Unterlagen zu blättern. Alle ihre Dokumente waren hieb- und stichfest. Man musste ihrer Arbeit einfach Anerkennung zollen! Genug Mühsal hatte sie sich ja angetan - mit zahlreichen Zeugen gesprochen, unzählige staubige Archive durchforstet, offizielle und private Tagebücher studiert, ja sogar in der Muggelwelt recherchiert. Ihre Funde waren mindestens sensationell, fand Eusebia.
Sie strich sacht über das erste
Dokument und begann es zu überfliegen. Ja, an diese Informationen zu kommen,
war gar nicht so einfach gewesen. Es handelte sich um einen Eintrag in das
offizielle Stationsbuch der Krankenstation Hogwarts vom 25. 4. 2005. Eusebia
hatte beschlossen, ihre Untersuchungen eine Woche vor dem Verschwinden von
Professor Snape beginnen zu lassen. Von Mittwoch bis Sonntag hatte sich
nirgendwo etwas verdächtiges ergeben und nichts, das auch nur in indirektem
Zusammenhang mit Snape gestanden hätte. Am Montag, dem 25. 4. 2005 aber war sie
fündig geworden. Zugegeben, sie hatte den Hinweis zuerst auch überlesen, war
aber nachträglich auf ihn zurück gekommen, nachdem sie auch Madame Pomfreys
persönliches Tagebuch hatte einsehen dürfen. An diesem Montag in der Früh um 6h
37 hatte Harry Potter, ebenfalls ein Kriegsheld, die Krankenstation betreten.
Trotz seines Ruhmes nach Voldemorts endgültiger Niederlage, hatte sich Harry
Potter entschlossen, die Schule wie jeder andere Schüler auch, abzuschließen.
In diesem Punkt ähnelte seine Einstellung sehr, der von Professor Snape, der
ebenfalls entschieden hatte, sein bisheriges Leben weiter zu führen. Er hatte
unmissverständlich klar gemacht, dass er sich jegliche Gefühlsduselei und
Heldenverehrung vehement verbat. Snape wollte nach den schrecklichen Kämpfen
nur wieder zur Normalität zurückkehren. Das war alles in der einzigen
öffentlichen Rede, die Snape jemals gehalten hatte, enthalten gewesen und daher
auch bestens dokumentiert. Harry Potter hingegen hatte seinen Ruhm voll
ausgekostet und sich von einer Feier zur nächsten weiter reichen lassen. Wie es
schien, hatte er sich schwer damit getan, sich nach all diesem Rummel, wieder
in das strenge Regelwerk von Hogwarts einzufügen. Aus dem Stationsbuch ging
hervor, war Harry Potter am jenem Montag in die Krankenstation getrieben hatte.
.....Montag,
25.4.2005
Um
6h 37 erster Patient. Es handelt sich um Harry Potter aus der 6. Klasse. Eine
Untersuchung hat sich erübrigt, da die Symptome eindeutig auf eine
Feuerwhiskeyallergie hinwiesen. Obwohl nicht allzu selten, ist es doch in den
Mauern von Hogwarts der erste Fall seit 32 Jahren. Nachdem Harry Potter über
die notwendige Behandlung aufgeklärt wurde, ist dieser zum Unterricht geschickt
worden. Kontakt mit Professor Snape wurde aufgenommen, damit der benötigte
Heiltrank hergestellt wird......
Diese
unscheinbare Notiz war nach Eusebias Ansicht, der erste Konkrete Hinweis auf
Severus Snapes tragisches Schicksal. Aber erst der Einblick in Madame Pomfreys
private Aufzeichnungen, hatte ihr dies offenbart.
.....Montag,
25.4.2005
Heute
war Harry Potter in aller Frühe bei mir, total verschreckt, der ach so
heldenmütige. Es war, ich muss es eingestehen, durchaus eine Genugtuung, den
hochmütigen Bengel einmal ganz kleinlaut zu sehen. Der Ruhm ist ihm wohl zu
Kopf gestiegen gewesen und jetzt hat die Erde ihn wieder. Harry Potter war am
ganzen Körper von satter ultramarinblauer Farbe - ganz eindeutig eine
Feuerwhiskeyallergie. Jedes Kind weiß, dass ein jugendlicher Körper auf
Feuerwhiskey allergisch reagiert und er erst ab ca. 30 Jahren vertragen wird,
von manchen überhaupt nie. Daher ist es in Hogwarts auch verboten, etwas
härteres als Butterbier zu trinken. Potter hat mir sehr leise gestanden, dass
er am gestrigen Hogsmeadausflug seinen Tarnumhang benutzt hat, um heimlich aus
dem Glas am Nachbartisch zu trinken. Wie in solchen Fällen üblich, hat er über
Nacht dann die blaue Farbe angenommen und sich vor Schreck fast in die Hosen gemacht.
Ich habe ihm mit, gewisser Schadenfreude mitgeteilt, dass seine Allergie keine
weiteren Nebenwirkungen hat, als diese Farbe und daher kein Grund bestünde, dem
Unterricht fern zu bleiben. Er soll sich seiner Schande vor allen anderen ruhig
stellen. Ich bin sicher, das wird ihm helfen, wieder ein wenig auf den Boden
der Realität zurück zu finden. Natürlich habe ich gleich Severus über das
Flohnetzwerk zu mir gerufen. Einen Trank dagegen, habe ich nicht vorrätig.
Jeder vernünftige Schüler vermeidet es, in diese Lage zu kommen. Severus ist
schon nach 3 Minuten in die Krankenstation gerauscht gekommen - ich muss ihn
bei Gelegenheit einmal danach fragen, welche verborgenen Abkürzungen er da
immer benutzt. Für den Bruchteil einer Sekunde war er sprachlos, dann hat er
dieses entzückende Fastlächeln aufgesetzt und Potter mit seinem Sarkasmus
völlig fertig gemacht. Nun, das hat er auch verdient. So regelwidrig hat sich
in meiner langjährigen Praxis schließlich noch niemand aufgeführt. Severus hat
dem Bengel klar gemacht, dass er den Trank natürlich zubereiten würde, ihm aber
„leider" eine Zutat fehle, die nur für diesen speziellen Trank benötigt würde.
Da ja sonst niemand so dumm wäre, verbotenen Feuerwhiskey zu kosten, gehörte
der Zahn des Carcharocles megalodon nicht zu seinen Vorräten. Auf den
verständnislosen Blick Potters hin, hat Severus ihm erklärt, dass es sich dabei
um die versteinerten Zähne des 12-13 Meter langen Urhais aus Miozän und Pliozän
handelt. Er scheint auch damit nicht allzu viel angefangen zu haben. Dauernd
steckt er mit Hermine zusammen, diesem wirklich patenten Mädel und trotzdem
färbt so gar nichts auf ihn ab. Schade, eigentlich ist Potter ja ein netter
Kerl, wenn er nur einmal täte, was ihm gesagt wird. Severus hat Potter damit
beschieden, dass er, wie jeden Mittwoch, in die Winkelgasse apparieren wird, um
seine Zaubertrankzutaten aufzufüllen und er sich bis dahin gedulden müsse.
Daraufhin hat uns der am Boden zerstörte Harry Potter wieder verlassen. Severus
hat mir noch versprochen, den an sich einfachen Trank noch am Mittwoch Abend
fertig stellen zu können......
Nun,
dazu war es nie gekommen. Aber damit hatte Eusebia den Hinweis gehabt, wo sie
mit ihrer Suche fortfahren musste. In der Winkelgasse hatte sie die Geschäfte,
welche mit Zutaten für Zaubertränke handelten abgeklappert und war schließlich
auf jenes gestoßen, in dem Professor Snape Stammkunde gewesen war. Im „Stein
und Bein" hatte sich der Besitzer auch so lange nach dem Tod des Professors
noch gerne an ihn erinnert. Eusebia hatte ein längeres Gespräch mit ihm geführt
und es war dem Ladeninhaber gelungen, sich mit Hilfe seiner Geschäftsbücher an
diesen speziellen Mittwoch, den 27. 4. 2005 zu erinnern. Als Eusebia die Zähne
des Carcharocles megalodon erwähnte, hatte es bei dem Mann zu dämmern begonnen
und bald hatte er den staubigen Wälzer von Geschäftsbuch aus diesem Jahr
hervorgekramt gehabt. Bei der Durchsicht seiner Verkaufslisten hatte er sich
endlich erinnerst. An besagtem Mittwoch hatte er keinen dieser Zähne vorrätig
gehabt, da er kurz zuvor seinen gesamten Vorrat an eine vorrausschauende
Klassensprecherin verkauft hatte, die für den Schulabschlussball, neben dem
Feuerwhiskey auch gleich den benötigten Gegentrank servieren wollte, um die
lästigen allergischen Reaktionen zu vermeiden. Professor Snape war keineswegs
begeistert gewesen. Er hatte erwähnt, dass Direktor Dumbledore es nicht dulden
würde, wenn es eine volle Woche länger dauern würde, bis der Trank fertig wäre.
Der Besitzer des Geschäftes hatte Professor Snape, als Ausweg aus diesem
Dilemma, den Rat gegeben, sich auf eine der zahlreichen Mineralienmessen in der
Muggelwelt zu begeben. Diese führten immer auch die versteinerten Zähne der
verschiedensten Urhaiarten. Hier hatte der Ladeninhaber - Eusebia blätterte
kurz in ihren Notizen, irgendwo musste sie doch seinen Namen notiert haben, ah
ja, Gregorius Scales - grinsen müssen. Er erwähnte, wie entsetzt Professor
Snape von dem Gedanken war, die Muggelwelt aufsuchen zu müssen. Er hatte dieses
Ansinnen sofort weit von sich gewiesen und etwas von Nocturngasse gemurmelt.
Drei Stunden später war Professor Snape wütend aber besiegt wieder ins Geschäft
gestürzt und hatte Herrn Scales barsch um die Adresse der nächsten
Mineralienmesse gebeten. Dieser hatte ihn an eine Volkshochschule verwiesen, wo
derzeit für drei Tage eine dieser Ausstellungen stattfand. Ein Wirbeln von
seinem schwarzen Umhang war das letzte was Gregorius Scales jemals von Severus
Snape gesehen hatte. Natürlich hatte Eusebia sich die Adresse der besagten
Volkshochschule geben lassen.
Hier
wäre ihre Suche fast zu Ende gewesen. Eusebia schauderte immer noch bei dem
Gedanken, wie groß der Zufall gewesen war, doch noch einen Zeugen für Professor
Snapes Gegenwart gefunden zu haben. Alle zwei Monate fanden im großen Veranstaltungssaal
der Volkshochschule diese Mineralienmessen statt und Eusebia war einfach zur
nächsten gegangen, um nach Hinweisen zu suchen. Zuerst war sie von dem Gewimmel
der vielen Muggel um die ungefähr fünfzig verschiedenen Verkaufsstände völlig
verwirrt gewesen und wusste nicht, wo sie mit ihrer Recherche überhaupt
beginnen sollte. Dann hatte sie sich zusammengerissen, entschieden die
ungewohnte Jeans hochgezogen und sich ins Getümmel gestürzt. Beim ersten Stand
hatte sie ihr Interesse an den Zähnen des Urhais bekundet und gefragt, wo sie
solche finden könnte. Obwohl die Dame an diesem Stand ein wenig enttäuscht
darüber gewesen war, dass sie so gar kein Interesse an den ausgestellten
Rosenquarzkugeln und Bernsteinarmbändern hatte, hatte sie ihr freundlich, wenn
auch leicht chaotisch Auskunft gegeben, indem sie in rascher Folge in fünf
verschiedene Richtungen zeigte und erklärte, dass dort die Fossilienstände zu
finden wären. Eusebia hatte sich höflich bedankt und in die ungefähre Richtung
des ersten Wedelns auf den Weg gemacht. Tatsächlich hatte sie einen Stand
gefunden, wo neben wunderschönen Trilobiten und Ammoniten auch versteinerte
Haifischzähne angeboten wurden. Das Mädchen, welches mit verträumtem Blick den
Kopf im Takt einer unhörbaren Musik gewiegt hatte, war sicher noch keine 20
Jahre alt gewesen und damit nicht als Zeugin für Professor Snape in Frage
gekommen, schließlich war er bereits seit mehr als 30 Jahren tot. Eusebia hatte
sich nicht entmutigen lassen und beschlossen, die Reihen der Verkaufsstände
systematisch abzugehen, um keinen der Fossilienstände zu verpassen. Beim
nächsten war ein Herr mit langem Rossschwanz und grellgestreiftem Pullover
zuständig gewesen. Auch er eindeutig zu jung. Beim dritten Stand war es eine
ältere Dame, die gemütlich an einem kleinen hellblauen Pullover gestrickt und
dabei alle Minuten aufmerksam nach Kunden ausschaute hatte. Hier hatte es eine
Chance gegeben und Eusebia war näher getreten. Die Dame hatte die Strickerei
auf einen Hocker gelegt und mit
strahlendem Lächeln nach ihren Wünschen gefragt. Eusebia versuchte sie in ein
Gespräch über den Carcharocles megalodon zu ziehen, aber die Dame hatte
lächelnd abgewinkt. Sie könne nur verkaufen, was vorhanden sei, aber da sie nur
ausnahmsweise für ihren Sohn einspringe, der bei seiner Frau im Spital sei, die
gerade entbunden hätte - hier hatte sie einen vielsagenden Blick auf den
winzigen Pullover geworfen - habe sie keine Ahnung von diesen Dingen.
Enttäuscht hatte sich Eusebia bedankt und nach dem dritten Stand gesucht. Hier
war ebenfalls ein älterer Herr der Inhaber gewesen, um genau zu sein, sogar ein
recht alter Herr, und es war eindeutig, dass er etwas von seiner Ware verstand,
da er gerade in einer Fachsimpelei über die verschiedenen Formen der
Brachiopoden in der Vor-Trias-Zeit und der Jura-Zeit verstrickt gewesen war.
Eusebia hatte sich unauffällig näher heran geschoben und das Sortiment
begutachtet. Ja, da lagen einige von den gesuchten Zähnen, fein säuberlich mit
ihren Fundorten beschriftet. Sie hatte geduldig gewartet, bis das Ehepaar vor
ihr zum nächsten Stand weiter gewandert war. Dann war sie vorgetreten und hatte
vorsichtig einen der großen kohlschwarzen Zähne berührt. Der Verkäufer sprach
offensichtlich gerne mit seinen Kunden und so war es für Eusebia nicht schwer
gewesen, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Sie hatte nach dem Alter der Zähne
gefragt und sofort die gewünschte Auskunft bekommen. Entschlossen hatte sie
einen von den kleineren ausgewählt - diese Fossilien waren nicht gerade billig,
und sie hatte nur zehn Galleonen in Muggelwährung gewechselt. Dann hatte sie
dem Herren mit unschuldigem Augenaufschlag erklärt, dass sie den Zahn als
Geschenk für einen Freund besorgte, da der sich dezidiert einen solchen
gewünscht hätte. Sie hatte ihn gefragt, wofür man denn solche Zähne verwenden
könne. Der alte Herr hatte ihr ein freundliches und leicht mitleidiges Lächeln
geschenkt. Normalerweise, würden diese Zähne für gar nichts verwendet, sondern
wären nur Teil einer mehr oder weniger umfangreichen Fossiliensammlung. Auch,
hier hatte er geringschätzig abgewinkt, an Haifans hätte er schon Zähne
verkauft, die sie dann an einem Lederband um den Hals trügen. Über eine solch
profane Behandlung der kostbaren Fossilien, konnte er nur die Nase rümpfen.
Dann hatte er geschwiegen und Eusebia war schon drauf und dran gewesen, sich zu
bedanken und den nächsten Stand suchen zu gehen, als er doch noch einmal
sprach. Angeblich würden diese Zähne auch bei satanistischen Ritualen verwendet
hatte er verschwörerisch geraunt und dabei misstrauisch nach links und rechts
geblickt. Eusebia hatte aufgehorcht, das klang interessant. Sie hatte sich
erkundigt, woher er denn diese Information hätte. Im gleichen geheimnisvollen
Tonfall hatte der alte Herr von einem lange zurückliegenden Erlebnis berichtet.
Damals hatte sich ein Kunde, der schon seit mehreren Minuten durch sein
unangepasstes Verhalten aufgefallen war, bis zu seinem Stand ganz hinten im
Saal durchgekämpft. Der Mann musste irgend einer Satanistensekte angehört
haben, da er ganz in schwarz gekleidet war und einen bodenlangen Umhang trug.
Richtig unheimlich wäre er ihm gewesen. Er hatte drei von den Megalodonzähnen
verlangt, war aber nicht mehr dazu gekommen, diese auch zu erwerben, da er in
diesem Augenblick von zwei Polizisten festgenommen worden war. Hier hatte der
Herr eine bedeutungsschwangere Pause gemacht und Eusebia die Gelegenheit
gegeben atemlos nach Einzelheiten zu fragen. Es wäre zwar schade um das
Geschäft gewesen, aber eigentlich wäre er froh gewesen, nichts mit dieser unheimlichen
Person zu tun haben zu müssen. Der schwarze Mann hatte düstere Flüche
ausgestoßen und mit grauenhaften Dingen gedroht, war aber sehr schnell durch
die Hintertür ganz in der Nähe seines Standes abgeführt worden. Der dritte
Polizist, der erst jetzt näher getreten war, hatte sich danach erkundigt, was
der Mann den hätte kaufen wollen. Der alte Mann hatte die Auskunft gegeben und
im Gegenzug erfahren, dass die Polizei schon seit einer Weile nach einer
Satanistenbande suchte, die den örtlichen Friedhof schon mehrmals mit ihren
unheiligen Ritualen entweiht hätten. Ganz offensichtlich war dieser Mann einer
von ihnen, wer würde sich sonst schon so auffällig kleiden? Die schwarzen Zähne
wären bestimmt für eines dieser Rituale benötigt worden. Beifallheischend hatte
der alte Mann Eusebia angeblickt und nach dem ersten Schock über diesen
sensationellen Hinweis auf Snapes Aufenthaltsort in diesen schicksalsträchtigen
Tagen des Aprils und Mais 2005, hatte Eusebia sich wieder gefangen und
bekundet, wie froh sie wäre, dass alles so gut ausgegangen war. Aus Dankbarkeit
hatte sie dem Herren noch einen
pyritisierten Ammoniten abgekauft, ein wunderschönes Stück.
Eusebia
lächelte in sich hinein. So ein Zufall! Sie hatte ja so ein Glück gehabt. Wäre
sie nur ein wenig schneller gegangen, hätte sie die Geschichte nie gehört und
ihre Suche hätte ein frühes Ende genommen. So hatte sie recherchiert, welches
Polizeirevier für diese Gegend zuständig war. Eine ihrer Kommilitoninnen, die
Muggelkunde studierte, hatte ihr da wertvolle Hilfestellung gegeben und dafür
eine dankbare Fußnote in ihrer Diplomarbeit erhalten. Wie sich herausgestellt
hatte, war keiner der Polizisten von damals mehr im Revier tätig. So blieb nur
das Archiv. Hier war Eusebia sehr froh gewesen, eine Hexe zu sein, da ein
normalsterblicher Muggel niemals Zugang dazu erhalten hätte. Sie hatte
gewartet, bis das Revier geschlossen worden und nur noch das Nachttelefon
besetzt war. Dann war sie in den Keller appariert und hatte sich auf die Suche
nach dem Archiv gemacht. Nachdem sie die Türen zum Heizungskeller und zum
Uniformdepot geöffnet hatte, war sie bei der dritten endlich richtig. Beim
Anblick der nicht enden wollenden Reihen von Regalen war ihr ganz flau im Magen
geworden. Das konnte ja Monate dauern, bis sie hier etwas fand. Nach einem
tiefen Atemzug hatte sie sich ans erste Regal gewagt und dort die
Beschriftungen entdeckt. Mit tiefer Dankbarkeit an alle Muggelbeamten sah sie,
wie gründlich alles registriert war und sehr schnell hatte sie das richtige
Regal ausfindig gemacht gehabt und konnte ihre Suche auf die zwei Ordner vom
April 2005 beschränken. Sie hatte die verstaubten Wälzer vorsichtig herunter
geholt und sich, in Ermangelung von Tisch und Sessel einfach auf den Boden
gesetzt. Mit fliegenden Fingern hatte sie zum 27. 4. 2005 geblättert und war
auch wirklich fündig geworden.
Protokoll
vom 27.4.2005
Um
14h33 wurde die Streife durch einen Anrufer auf ein verdächtiges Subjekt
aufmerksam gemacht, welches sich beim Überqueren von Straßen mehrmals
vorschriftswidrig verhielt. Streife Waldfink machte sich sofort in die
angegeben Richtung auf und konnte das Subjekt ausfindig machen. Es handelte
sich um einen Mann von Mitte bis Ende Dreißig in auffälliger Kleidung. Er wurde
beobachtet, wie er, ohne nach rechts und links zu schauen, die Angerstraße
überquerte und die Volkshochschule vom Seiteneingang aus betrat. Wachmann Otto
Bauer und Wachmann Siegmund Huber nahmen die Verfolgung auf, Wachmann Ernst
Müller parkte den Streifenwagen vorschriftsmäßig und folgte seinen Kollegen
dann ins Gebäude. Auf der Suche nach dem Verdächtigen wurden wir bereits von
mehreren Standlern auf den Mann aufmerksam gemacht, der sich auch hier durch
unbotmäßiges Verhalten ausgezeichnet hatte. Die Kollegen Bauer und Huber hatten
den Mann bald im hinteren Bereich des Saales gestellt und brachten ihn durch
den Hinterausgang zum Streifenwagen. Ich nahm noch die Aussagen des Standlers
auf, bei dem das Subjekt alte Steine hatte einkaufen wollen. Da sich der
Verdächtige inzwischen der Beamtenbeleidigung schuldig gemacht hatte, ebenso
wie des Widerstandes gegen die Staatsgewalt, musste er mit Handschellen an das
Gitter des Fonds im Streifenwagen gefesselt werden. Bei seinem Widerstand hatte
sich der Gefangene laut Aussagen von Bauer und Huber selbst verletzt und daher
ein Blaues Auge, eine Schnittwunde an der Stirn und zwei angebrochene Rippen
davon getragen. Der Gefangene wurde vorschriftsgemäß dem Inspektor Herbert Weinmann übergeben ebenso der Beutel mit
den Gegenständen des Gefangenen:
ein
Beutel mit ausländischen Münzen unbekannter Herkunft
eine
Flasche mit unbekanntem Inhalt
ein
schwarzer Stecken von ungefähr 35 cm Länge
ein
Notizbuch mit unverständlichen Eintragungen
eine
Feder, vermutlich von einer Krähe
eine
Flasche mit dunklem Inhalt, vermutlich Tinte
Protokoll
verfasst von Ernst Müller
Das
war es gewesen! Eusebia war völlig sicher gewesen, dass dieses „verdächtige
Subjekt" nur Professor Snape sein konnte. Aufgeregt hatte sie weiter geblättert, um weitere Anhaltspunkte zu finden.
Am 30. 4. 2005 war sie fündig geworden.
Protokoll
vom 30. 4. 2005
Der
Verdächtige, welchen die Wachmänner Bauer, Müller und Huber, am 27. 4. 2005 in
Gewahrsam genommen haben, gibt an, Severus Snape zu heißen, kann das aber mit
keinerlei Dokumenten belegen. Auch sämtliche Anfragen beim Meldeamt und bei der
Registratur konnten keine Person dieses Namens finden. Wir halten den Mann
daher für ein U-Boot, da er sich auch beharrlich weigert, seinen Herkunftsort
zu nennen. Der Mann, im folgenden Herr Snape genannt, scheint geistig verwirrt
zu sein. Er behauptet keiner Satanistensekte anzugehören, ist aber genau so
gekleidet wie andere Subjekte, die in diesem Zusammenhang schon fest genommen
wurden. Auch hat sich herausgestellt, dass es sich bei der Sprache seines
Notizbuches um Latein handelt. Der Sohn von Kollegin Mayer, der Jurisprudenz
studiert, hat sich bereit erklärt, ein paar Seiten davon zu übersetzen, damit
wir uns ein genaueres Bild von Herrn Snape machen können. Es war ein wirres
Sammelsurium von „Zaubertrankrezepten". Herr Snape wollte uns dazu keine
Auskünfte erteilen. Nach zur Rate Ziehung von Frau Diplompsychologin Rettler,
wurde entschieden, Herrn Snape an die Psychiatrische Anstalt am Holzhof zu
überstellen, da ihm eine konkrete Teilnahme an der Schändung des Friedhofes
nicht nachgewiesen werden konnte.
Protokoll
verfasst von Inspektor Herbert Weinmann
Somit
hatte Eusebia den nächsten Anhaltspunkt gehabt, um nach dem verehrten Professor
zu suchen. Unbemerkt war sie aus dem Keller entkommen, nicht ohne alle Türen vorsorglich
wieder verschlossen zu haben. Dank den Unterweisungen ihrer Freundin konnte sie
mit einem Telefonbuch umgehen und hatte so schnell die Anstalt am Holzhof
gefunden. Dort angekommen hatte sie sich als Nachfahrin von Professor Snape
ausgegeben, die hier Ahnenforschung betreiben wollte. Die Schwester hatte sehr
freundlich und befließen ihren Computer befragt. Bedauernd hatte sie ihr
mitgeteilt, dass hier nie ein Herr Snape registriert worden war. Eusebia hatte
sich artig bedankt, aber nicht vor gehabt, es damit auf sich beruhen zu lassen.
Wieder
einmal hatte sie heimlich in den Keller appariert.
Eusebia unterdrückte ein nervöses Lachen -
sollte sie, wider Erwarten, bei der Prüfung durchfallen, könnte sie immer noch
als Einbrecher ihre Sickel verdienen gehen.
Auch
hier hatte sie Glück und fand ein wohlgeordnetes Archiv vor. Diesmal hatte sie
nur eine falsche Tür erwischt und war kurz in der Anstaltswäscherei gelandet.
Schnell hatte sie das richtige Regal gefunden und den Ordner mit April 2005
herausgezogen. Sie blätterte zum 30. 4. 2005. An diesem Tag war der Professor
in die Anstalt überführt worden. Zu ihrem grenzenlosen Enttäuschung war kein
Eintrag zu finden gewesen. Sie hatte fieberhaft überlegt, ob sie sich etwa mit
dem Datum geirrt hätte, aber nein, das war richtig. Entschlossen blätterte sie
den Ordner für Mai durch. Jede Menge Einträge, aber kein einziger, der irgend
einen Hinweis auf Professor Snape enthielt. Was hatte sie nur falsch gemacht?
Trotzdem hatte sie den Ordner für Juni zur Hand genommen und begonnen, ihn
bereits ohne große Hoffnung zu durchforsten. Am 8. 6. 2005 war sie auf einen
interessanten Eintrag gestossen.
Stationsbuch
am Holzhof 8. 6. 2005
Heute
hat sich ein völlig unerklärliches Mysterium ereignet. Dozent Dr. Horst Göbel, sein
Gast Dr. Adolf Mengel sowie Dr. Walter Haas sind spurlos verschwunden. Mehrere
Zeugen haben bestätigt, dass alle drei Doktoren im Arbeitszimmer von Herrn Dr.
Göbel versammelt waren und eine Besprechung abhielten. Die herbeigerufene
Polizei hat nach der Aussage der Putzfrau Branca F. recherchiert, dass nur eine
Person das Arbeitszimmer nach den drei Herren betreten hat. Es hätte sich um
eine ältere Dame mit sonderbarer Brille und altmodischer, bodenlanger Kleidung
gehandelt. Es hat aber niemand diesen Raum wieder verlassen. Als keiner der
Herren Doktoren zum Mittagessen in der Kantine erschienen war, wurde ein
Pfleger hinauf geschickt, um den Herren ein paar belegte Brote zu bringen. Da
aber auf sein Klopfen hin, niemand reagierte, alarmierte er den Stationstechniker,
der mit dem Nachschlüssel, das Büro aufschloss. Der Raum war leer, abgesehen
von drei Ratten. Geistesgegenwärtig schloss der Stationstechniker die Tür und
rief den Kammerjäger. Dieser tötete die Ratten mit Giftgas und nahm sie zur
Untersuchung mit. Im genau überprüften Gebäude, wurden sonst keine Ratten
festgestellt, was ihr Auftauchen in diesem Büro umso rätselhafter macht. Von
den Professoren war keine Spur zu finden. Die Kriminalpolizei ermittelt und
wird uns auf dem Laufenden halten. Sollten sich die vermissten Doktoren nicht
bis Monatsende melden, werden ihre Besitztümer ins Archiv verbracht, um dort
bis zu ihrer Rückkehr aufbewahrt zu werden.
Verfasst
von Stationsarzt Sylvia Kamper
Nachdenklich
hatte Eusebia die Eintragung noch einmal gelesen. Etwas, was sich die Muggel
nicht erklären konnten, konnte durchaus mit Magie zu tun haben. Außerdem war
das der Tag, an dem Professor Snape wieder aufgetaucht war. Vielleicht gab es
doch einen Zusammenhang, auch wenn er nirgendwo erwähnt wurde? Eusebia hatte
beschlossen, nach dem Besitztümern der verschwundenen Ärzte zu suchen. Nach
einigem Suchen hatte sich in der Rückwand des Archivraumes eine weitere
verschlossene Tür gefunden. Dahinter war sie auf das gesuchte gestoßen und
hatte sich auf die Suche nach Hinweisen gemacht. Nachdem sie sich durch einige
Koffer mit Kleidungsstücken und Schachteln mit Büchern gearbeitet hatte, war
ihr eine Kiste mit Aufzeichnungen in die Hände gefallen, die mit Dr. Göbel
beschriftet war. Sie überflog einen Ordner nach dem anderen, eine Mappe nach
der anderen und wurde endlich fündig. Es war eine Mappe mit persönlicher
Korrespondenz gewesen. Hier hatte sie die Kopie eines Briefes vom 30. 4. 2005
gefunden. Das war das fragliche Datum und Eusebia hatte begonnen zu lesen.
Am
Holzhof, 30. 4. 2005
Lieber
Adolf!
Bester
Freund, Du wirst mir nicht glauben, welcher Glücksfall mir heute, gänzlich
überraschend, in den Schoß gefallen ist! Kannst Du Dich noch erinnern, worüber
wir während unseres Studiums so oft gesprochen haben? Wie sehr wir es bedauern,
unsere experimentelle Forschung nur in Tierversuchen testen zu können, weil die
bigotte Welt einfach nicht wahrhaben will, dass zum Fortschritt eben auch Opfer
gehören? Heute wurde mir ein Mann gebracht, der offiziell schlichtweg nicht
existiert. Genau das, was wir uns immer erträumt haben. Die Polizei hat ihn bei
uns abgeliefert, weil er anscheinend geistig verwirrt ist. Die sind froh, ihn
los zu sein und wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ich habe ihn
persönlich in Empfang genommen und konnte somit jegliche Eintragung verhindern.
Lieber Adolf, ich habe die Versuchsperson, die wir immer gesucht haben! Ich
möchte endlich meine Elektroschocktheorien testen und Du hast ja noch die
Toxiditätstests offen. Komm so schnell Du kannst, da ich leider nicht
verhindern konnte, dass Dr. Haas etwas mitbekommen hat. Er hält den Mund, wenn
er die Gelegenheit bekommt, eine Lobotomie an unserer Versuchsperson
durchzuführen. Dir brauche ich ja nicht zu erklären, dass er nach einer
Lobotomie für weitere Versuche nicht mehr brauchbar ist. Ich habe 4 Wochen mit
Dr. Haas ausgehandelt, dann will er an die Reihe kommen. Ich freue mich schon
sehr auf Dich und lass doch bitte Ingrid und die Kinder ganz herzlich von mir
grüßen.
In
Freundschaft, Dein Horst
Eusebia
war ganz blass geworden. Das war ja ungeheuerlich. Konnte es sich dabei
tatsächlich um Professor Snape gehandelt haben? Wenn das wahr war, war es ja
entsetzlich! Schnell hatte sie in der Korrespondenzmappe weiter geblättert und
war gleich auf die kurze Antwort von Dr. Mengel gestoßen.
Buenos
Aires, 1. 5. 2005
Liebe
Horst!
Das
ist ja eine großartige Neuigkeit! Ich stecke diesen Brief auf dem Weg zum
Flughafen in den Briefkasten und werde voraussichtlich am 2. 5. 2005 bei Dir
eintreffen. Ingrid und die Kinder
lassen Dich ebenfalls schön grüßen.
Bis
bald, Dein Adolf
Die
schockierte Eusebia hatte die Kiste weiter durchwühlt und hatte dort auch ein
Tagebuch gefunden. Es war mit „Snape -Versuchsperson 1" beschriftet gewesen.
2.
5. 2005
Ankunft
von Adolf, welche Freude! Wir haben uns sofort in den Isolationsraum begeben um
die Versuchsperson zu begutachten. Der Mann, der in eigentümlich
viktorianischer Kleidung eingeliefert worden ist, hat sich als gesundes
Exemplar herausgestellt. Er ist 1, 88 m groß und wiegt 75kg. Seine Blässe ist
bemerkenswert vor allem in Hinblick auf seine schwarzen Augen und Haare. Er
dürfte bereits einiges mitgemacht haben, da er von mehreren Narben bedeckt ist.
Er wirkt kräftig und zäh und dürfte eine große Willensstärke haben - noch. Zur
besseren Beobachtbarkeit haben wir jetzt die sonderbare Kleidung entfernt.
Adolf war so begeistert, ja der jugendliche Überschwang! Da merkt man wieder,
dass er 5 Jahre jünger ist als ich. Ich habe ihm daher erlaubt, schon heute
Abend mit seinem ersten Test zu beginnen. Adolf arbeitet an der Theorie
südamerikanischer Gifte wie Pejote, Pfeilfroschgift und verschiedener
Pflanzengifte aus dem Brasilianischen Dschungel. Er möchte gerne erforschen,
wie der menschliche Körper die Gifte abbaut beziehungsweise speichert. Wir
haben die Versuchsperson mit dem Rücken nach oben auf dem Bett fixiert und
Adolf hat 21 Giftproben auf den Rücken geträufelt und mit der Lanzette
eingeritzt. Morgen werden wir die Resultate sehen. Adolf und ich haben uns
gemeinsam ein wohlverdientes Gläschen Champagner gegönnt.
Eusebia
hatte mit ihrem Brechreiz zu kämpfen gehabt und mehrmals durchatmen müssen,
bevor sie weiterlesen konnte. Das wollte sie gar nicht alles wissen!
3.
5. 2005
Unsere
Versuchsperson hat gut auf die Tests angesprochen. Bei 7 der Einschnitte hat
sich eitriger Ausschlag gebildet, bei 2 weiteren ist es zu einer Verätzung
gekommen und bei 3 Tests haben sich Blutungen gebildet. Nachdem wir das Bett
und die Versuchsperson gesäubert hatten, er hat sich offensichtlich in die
Zunge gebissen, und es war alles sehr blutig, wurde er diesmal mit dem Rücken
nach unten fixiert, da diesmal ich mit einem Elektroschocktest an der Reihe
war. Um eine weitere Verletzung im Mund zu verhindern, haben wir ihm einen
Sicherheitsknebel im Mund befestigt. Es ist auch besser so, da man sich doch
leichter unterhalten kann, wenn man nicht dauern das Gebrüll der Versuchsperson
überschreien muss. Wir testen, an welchen Stellen, eine Elektroschocktherapie
am wirksamsten ist und wie die Intensität empfunden wird. Heute haben wir ganz
einfach mit den Fingerspitzen begonnen. Sehr gut zu beobachten war, wie sich
die Impulse auf den ganzen Körper übertragen. Der ganze Körper wölbt sich zu
einem Bogen. Es hat schon fast etwas ästhetisches! Vor allem bei einem so
langen, schlanken Körper. Die Finger werden wir morgen nicht für Versuche
verwenden können, da sie leider dunkelblau und angeschwollen sind. Es würde die
Testergebnisse verfälschen. Vielleicht erholen sie sich ja auch wieder. Wir
wollen einmal sehen. Adolf hat mir gratuliert.
Eusebia,
sie hatte vor lauter Tränen nicht weiterlesen können, musste sich die Nase
putzen und hatte plötzlich wesentlich mehr Verständnis für die Verachtung, die
manche Reinblüter den Muggeln entgegenbrachten. Sie hatte beschlossen, einige
Seiten zu überblättern und nach dem Ende zu suchen, denn es war ja eine
überlieferte Tatsache, dass Severus Snape am 8. 6. 2005 wieder in Hogwarts
eingetroffen war.
28.
5. 2005
Herr
Doktor Haas wird langsam ungeduldig und hat darauf hingewiesen, dass ihm eine
tote Versuchsperson nichts mehr nutzt. Wir sind aber ohnehin bald fertig und
konnten ihn noch etwas vertrösten. Adolf ist mit seinen Resultaten sehr
zufrieden. Seit er begonnen hat, der Versuchsperson, die ausgewählten Gifte
auch über die Magensonde zuzuführen, hat diese jetzt permanent Blut in Harn und
Stuhl. Schlucken kann er ja seit den Elektroschocktests mit der Zunge nicht
mehr. Die Resultate waren aber mehr als Befriedigend. Die konvulsivischen
Zuckungen haben mehr als zweieinhalb Stunden angehalten! Wir machen noch ein
paar Abschlusstests und am 4. 6. wird dann Dr. Haas zum Zug kommen. Darf heute
nicht vergessen, für Adolfs Jüngsten ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen.
4.
6. 2005
Herr
Doktor Haas wird bald wunde Handflächen haben, so zufrieden reibt er sie schon
seit knapp einer Stunde. Er ist ganz begeistert, dass die Versuchsperson eine
solche Robustheit zeigt, und nach wie vor bei Bewusstsein ist. Er hat die
verfilzten Haare rasiert und dann die Operation durchgeführt. Adolf und ich
haben assistiert während Dr. Haas den Stirnlappen des Gehirns entfernt hat.
Sehr interessant waren die Reaktionen der Versuchsperson bei Stimulationen in
verschiedenen Regionen am offenen Gehirn. Dr. Haas hat mehrere Sonden in den
verschiedenen Zentren hinterlassen, bevor er den Schädel wieder geschlossen
hat. Wir werden morgen beginnen können, Stimulationstests von außen
durchzuführen und dabei das Angst-, Hunger-, Kälte- oder auch Lustzentrum zu
reizen. Das wird sicher unterhaltsam. Wer sagt denn, dass Wissenschaft immer
staubtrocken sein muss?
Das
war die Stelle, an der Eusebia sich doch noch übergeben hatte. Sie hatte am
ganzen Körper gezittert und wäre ihr zu diesem Zeitpunkt ein Muggel über den
Weg gelaufen, wäre es schlecht für ihn ausgegangen. Nachdem sie sich wieder
etwas beruhigt hatte, hatte sie sich gezwungen noch nach einem Eintrag am 8. 6.
zu suchen.
8.
6. 2005
Wir
mussten heute die linke Hand und die Genitalien der Versuchsperson amputieren,
die waren zu schwer geschädigt, und wir wollten keinen Wundbrand riskieren,
bevor die Versuchsperson nicht verbraucht ist. Dr. Haas ist von den Resultaten
seiner Forschung ebenso begeistert wie Adolf und ich. Es ist unglaublich
interessant zu beobachten, wie er mit einem einfachen Impuls eine Panikattacke
auslösen kann und im nächsten heftigste Kältereaktionen. Großartig. Wir gehen
gleich hinauf ins Büro und werden auf unsere Erfolge anstoßen.
Hier
hatte das Tagebuch geendet und mehr musste Eusebia auch nicht wissen. Am
Nachmittag dieses Tages war Severus Snape nach Hogwarts zurückgekehrt und sie
hatte nur noch die Aufgabe gehabt, die wenigen Zeugen seiner Ankunft zu
befragen.
Eusebia
hielt inne, alleine nur der Gedanke an alles was Professor Snape erlitten
hatte, machte sie zutiefst unglücklich. Nach ein paar Minuten, in denen sie
nicht auf die Uhr geschaut hatte, blätterte sie noch zu den letzten
Zeugenaussagen weiter.
In
Madame Pomfreys offiziellem Stationsbuch gab es einen Eintrag:
Mittwoch,
8. 6. 2005
Heute
Nachmittag haben Direktor Dumbledore und Professor McGonagall den vermissten
Professor Snape in die Krankenstation gebracht. Er war in einem so furchtbaren
Zustand, dass ich schon nach einer kurzen Untersuchung feststellen musste, dass
ich ihm nicht helfen kann. Ich habe meine stärksten schmerzstillenden Zauber
angewendet, konnte ihm aber keinen entsprechenden Trank verabreichen, da sein
Mund, ebenso wie seine Speiseröhre eine einzige offene Wunde waren. Wie er es
geschafft hat, trotzdem gestützt auf seine beiden Begleiter auf eigenen Füßen
die Krankenstation zu betreten, wird mir für immer ein Rätsel bleiben.
Im
persönlichen Tagebuch hatte Madame Pomfrey ihren Gefühlen freien Lauf gelassen.
Mittwoch,
8. 6. 2005
Ich
habe noch nie etwas so entsetzliches gesehen wie heute! Gestützt auf Albus und
Minerva ist heute Severus in die Krankenstation gekommen. Sein forscher Gang
ist einem Schlurfen gewichen. Seine Haare sind abrasiert worden und er hat eine
fürchterliche, ganz frische Narbe dort. Sein Blick ist völlig stumpf und leer,
als wäre Severus gar nicht mehr hier. Albus und Minerva haben ihm auf eines der
Betten geholfen. Beide waren zutiefst betroffen. Ich habe eine Untersuchung
gemacht und konnte es einfach nicht fassen, was ihm alles angetan worden ist.
Und ich kann fast gar nichts tun. Ich habe ihn dann in einen tiefen Heilschlaf
versetzt, damit er wenigstens keine Schmerzen hat. Albus, Minerva und ich haben
besprochen, was wir noch tun können. Wir sind überein gekommen, keine weiteren
Personen einzuweihen, weil Severus nicht gewollt hätte, dass ihn jemand in
diesem Zustand sieht. Daher haben wir uns, wenn auch schweren Herzens,
entschieden, ihn nicht nach St. Mungos zu bringen, sondern ihn hier bleiben zu
lassen. Ich habe den beiden ganz klar gesagt, dass es nur eine Frage von Tagen
ist, bis Severus von uns gehen wird, da sein ganzer Körper eine Unmenge an
unterschiedlichsten Giften gespeichert hat, gegen die ich nichts unternehmen
kann. Minerva war untröstlich und kaum zu beruhigen. Albus hat sie sich an
seiner Brust ausweinen lassen. Nachdem sie sich, ein wenig verlegen, wieder
besser im Griff hatte, hat sie uns gesagt, dass die Leute, die Severus das
angetan haben, niemals wieder die Chance zu solchen Handlungen haben werden.
Auf Albus fragenden Blick hin hat sie uns erzählt, dass sie die drei Ärzte in
ihrem Büro ausfindig gemacht und selbige in Ratten verwandelt habe. Albus
tadelndes Kopfschütteln wirkte keineswegs ernst gemeint. Wir haben und
geeinigt, Severus Rückkehr bekannt zu geben, aber gleichzeitig zu verlautbaren,
dass er im Sterben liegt. Keine Besuche werden geduldet. Es wird keine
Aufbahrung geben, sondern die Leute werden nur an seinem geschlossenen Sarg
Abschied nehmen können. Die feierliche Beerdigung wird das letzte sein, was wir
für Severus tun können. Es bricht mir das Herz.
Eusebia
konnte sich gut daran erinnern, dass die betreffende Seite in Madame Pomfreys
Tagebuch an einigen Stellen Wellen und verwischte Buchstaben aufwies. Sie
musste beim Schreiben geweint haben.
Eusebia
hatte überlegt, das Tagebuch von Dr. Göbel an sich zu nehmen, es dann aber
bleiben gelassen. Es war besser, Severus Snape, den Helden, so in Erinnerung zu
behalten, wie er es gewollt hätte. Auf dem Höhepunkt seiner Jugend, im
Vollbesitz seiner Kräfte, endlich beliebt bei den Leuten. Er war gestorben
knapp nach seinem 40. Geburtstag am 13. 6. 2005. Es hieß ja, die besten sterben
früh. Das traf hier voll und ganz zu. Eusebia hatte die Entscheidung von
Severus engsten Freunden auch in ihrer Diplomarbeit berücksichtigt und die
Stationen des Lebens von Severus Snape in diesen 42 Tagen nachgezeichnet ohne
die entsetzlichen Details zu erwähnen. Eine Kopie der Briefe von Dr. Göbel und
Dr. Mengel lagen bei, die seine Anwesenheit am Holzhof bewiesen. Das musste
genügen.
Es knarrte. Die Tür hatte
sich geöffnet und Eusebia wurde hereingewinkt. Sie klemmte sich ihre Mappe
unter den Arm und betrat das Prüfungszimmer.