Löwen und Despoten


von WatchersGoddess und annj


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Kapitel 11 - 15



Kapitel 11


Oooohhh!“


Ein Geräusch drang an ihre Ohren und es klang so erbärmlich, dass Hermine sofort Mitleid mit dem gepeinigten Wesen hatte und sich wünschte, es trösten zu können.


Ooohh, bei Merlins Lockenwicklern!“


Moment, die Stimme klang vertraut, die Schwingungen ihres Schalls ließ Hermines Stimmbänder vibrieren und sie lächelte bei dem Gedanken an Snapes sonoren Bass, der seinen Brustkorb erbeben ließ.


Ieeewwww.“


Ja, den Gedanken hatte sie auch gerade gehabt. Allerdings...


Miss Granger?“


Miss Granger? Das war sie, oder? Und die Worte waren wie eine Frage formuliert. Das würde bedeuten, dass sie darauf antworten musste, richtig?


Mnomwh.“


Das ist gut zu wissen.“


Professor Snape?“


Stille.


Uhm... Mr Snape?“


Er räusperte sich, doch seine Stimme klang trotzdem seltsam, vorsichtig, als hätte er Angst vor ihrer Reaktion.


Ja... Miss Granger?“


Sie öffnete ihre Augen und blinzelte ihrem Begleiter entgegen, der ihr gegenüber sitzend an einer Wand lehnte. Es war relativ dunkel und sie war dankbar dafür. Ein Schmerz pochte in ihren Schläfen, der ihr ziemlich eindeutig klar machte, was er von hellem Licht hielt. Die Erinnerungen an die gestrige Nacht oder Tag oder was auch immer, waren nur verschwommen und purzelten in ihrem Kopf herum, als wüssten sie nicht genau, wo sie stehen bleiben sollten. Doch eine Erinnerung schien ziemlich vehement gegen ihre Schädeldecke zu trommeln.


Haben Sie mir gestern den BH geöffnet?“


Snape gab ein Geräusch von sich, als hätte er sich an seiner eigenen Spucke verschluckt und klopfte sich hart auf die Brust.


Ich kann Ihnen versichern, dass ich das nicht getan habe. Und wo wir gerade dabei sind, auch nie tun werde. Niemals!“


Gut“, entgegnete Hermine und ließ ihren Kopf zurück auf den Boden sinken, der sich erstaunlich weich anfühlte und sich als Snapes Umhang entpuppte. Sie lag auf dem Bauch und es dauerte einige Sekunden, ehe sie verstand, warum sich diese Position nicht so bald ändern würde. Brennende Schmerzen zogen sich über die gesamte Fläche zwischen Schulter und unterem Rücken. Jeder Atemzug zog und ziepte, als hätte jemand Wäscheklammern auf ihrer Haut verteilt.


Haben Sie Wäscheklammern auf meinen Rücken verteilt?“, fragte sie, ehe sie die Worte zurückhalten konnte, und erhielt dafür einen ungläubigen Blick von Snape.


Auch hier kann ich Ihnen versichern...“


Ja ja, schon gut. Bitte. Sie müssen darauf nicht antworten.“


Sie biss sich hart auf die Unterlippe und versuchte ihr Gewicht mit den Händen in die Höhe zu stützen.


Sie sollten liegen bleiben, sonst öffnen sich die Wunden“, grummelte er und rückte näher. Seine Hand war angenehm kühl, als sie auf Hermines Stirn zum Liegen kam und sie konnte ein Seufzen nicht unterdrücken.


Sie werden heute nicht sterben“, erklärte Snape trocken und nickte zufrieden, nachdem er sichergestellt hatte, dass sich keine der Wunden entzündet hatte.


Gut zu wissen.“ Sie ließ sich wieder auf den Boden sinken und schloss die Augen. Vielleicht konnte sie noch ein paar Minuten schlafen, das wäre bestimmt keine schlechte Idee. Ihre Gedanken wurden prompt von einem monströsen Gähnen ihrerseits kommentiert und sie hörte nur noch, wie Snape zurück an seine Position, angelehnt gegen die Wand, kroch.


***


Als sie das nächste Mal die Augen öffnete, war von Snape nichts zu sehen. Der Schmerz auf ihrem Rücken war zu einem dumpfen Krabbeln geworden und sie vermutete, dass diese Verbesserung Snape zuzuschreiben war.


Diesmal gelang es ihr beim ersten Anlauf sich aufzurichten und zumindest auf allen Vieren einen relativ sicheren Stand zu halten. Etwas komplizierter wurde es anschließend, als sie versuchte sich umzudrehen, um normal zu sitzen. Sie kreuzte ihre Beine und stützte sich mit ihren Händen ab, da sie entschied, dass das Anlehnen mit dem Rücken zur Wand keine sonderlich gute Entscheidung gewesen wäre.


Noch bevor sie wieder zu Atem kam, stand Snape in der Tür und warf ihr einen wenig verständnisvollen Blick zu.


Was machen Sie da?“


Mir einen Kaffee bestellen“, erwiderte sie mit einem schiefen Grinsen und im Halbdunkel glaubte sie fast, einen amüsierten Ausdruck über sein Gesicht huschen zu sehen. Doch es hätte auch eine Täuschung gewesen sein können. Denn im nächsten Augenblick schüttelte er seinen Kopf.


Wenn Sie der Meinung sind, dass das Ihrer Gesundheit zuträglich ist.“


Vielen Dank für Ihre Sorge... “ Snape gab ein verhaltenes Schnauben von sich, welches Hermine ignorierte. „... aber ich denke, das schaffe ich schon. Ich wäre wohl kaum besonders hilfreich, wenn ich die nächsten Stunden faul hier rumliege.“


„Wie Sie meinen.“


Sie verstummten und die angrenzende Stille machte den Eindruck, als wolle sie gefüllt werden. Snape war der Erste, der der Forderung nachging.


Ich habe einen kleinen See gefunden. Er ist einige Meter entfernt. Wenn Sie sich dem gewachsen fühlen, sollten wir...“


... uns waschen?“, warf sie ein und rümpfte ihre Nase.


Das war der Sinn der Frage. Schaffen Sie das?“, fragte er noch immer etwas missbilligend, doch Hermine störte es nicht. Er hätte ihr auch eine Strafarbeit aufdrücken können (Bettpfannen putzen oder den Rest ihres Lebens mit dem Häxeln von Bambussprossen verbringen). Der Gedanke an klares Wasser und ein frisches Bad ließ sie voller Vorfreude auf und ab wippen. Die Schmerzen im Rücken waren mit einem Mal wie weggeblasen.


Ob ich das schaffe? Wenn Sie es von mir verlangen, werde ich dort hin fliegen.“ Sie zischte kurz schmerzerfüllt, als sie in die Hände erwartungsvoll an ihren Oberschenkeln abstaubte. „Nun ja, ich werde zumindest aufrecht gehend dorthin gelangen.“


Snape nickte und ließ sie voran gehen. Die Strecke bis dorthin war nicht sonderlich weit, doch das Terrain dafür um so beschwerlicher. Zuerst mussten sie einige Minuten bergauf stapfen, ehe sie auf dem Gipfel des Hügels angekommen waren. Dahinter fiel eine steile Felswand ab, die jedoch über und über mit grünen Pflanzen bedeckt war. Hermine erkannte verschiedenste Farnarten, Bromelien, Orchideen und mindestens fünf unterschiedliche Moosarten direkt zu ihren Füßen.


Wow“, hauchte sie und blieb einen Augenblick stehen, um den Anblick zu genießen.


Direkt unterhalb von ihnen in etwa zwanzig Metern Tiefe lag kleiner See, kaum mehr als ein Tümpel. Seerosen schwammen in dem undurchsichtigen Wasser und grünes Schilf stand am Ufer. Friedlich und unberührt spiegelte sich die hohe Höhlendecke auf seiner glatten Fläche und Hermine war fest davon überzeugt, nie zuvor etwas so Schönes gesehen zu haben.


Ich glaube, ich bin im Himmel“, sagte sie. „Zu meinem Glück fehlen jetzt noch ein Shampoo und eine Haarbürste.“ Sie fuhr sich durch ihre wirren Haare, die vollkommen durcheinander von ihrem Kopf abstanden.


Sie sind weit weg vom Himmel, Miss Granger. Allerdings...“ Er kramte in einer seiner Taschen und zückte eine magisch geschrumpfte Flasche hervor, die er mit einem kurzen Schlenker seines Zauberstabes auf reguläre Größe veränderte. „... mit dem Shampoo könnte ich behilflich sein.“


So unangenehm Sie auch sein können, Sie sind mein Held.“ Sie grinste bis über beide Ohren und machte sich daran, den Abstieg in Richtung Wasser anzutreten.


Doch so schnell sie sich auch bewegte, Snapes Murmeln hörte sie trotzdem: „Ich rette ihr das Leben und sie betet mich wegen des Shampoos an.“


***


Mr Snape?“


Severus hatte sich schon gewundert, wie lange es wohl dauern würde, bis die junge Frau ihre Stimme wieder fand. Ihr Atem ging noch immer etwas schwer und sie ging aufrecht, ihren Rücken fest durchgedrückt, als ob sie ihn so wenig wie möglich bewegen wollte. Was er sehr gut nachvollziehen konnte.


Auch wenn die Wunden sich nicht entzündet hatten, so waren sie doch schmerzhaft. Und hier unten waren sie weit entfernt von jeglichen medizinischen Einrichtungen, die bei einem drohenden Wundbrand ihr Leben retten könnten. Doch scheinbar machte Hermine Granger sich momentan weniger Sorgen um ihr Leben, als um einen geeigneten Uferplatz.


Umso überraschter war er, als sie erneut seinen Namen rief.


Sie haben bereits mein Shampoo, was wollen Sie noch?“


Ich...“ Er hörte Schritte. Ihre Füße auf weichem Moos. Sie schien sich zu entkleiden, denn ihr entkam ein zischender Laut. „Ich habe das Gefühl, ich war gestern sehr angetrunken.“


Ihr Wort in Merlins Gehörgang“, grummelte er und begann sich ebenfalls auszuziehen als er sicher war, dass Hermine weit genug von ihm entfernt war. Außer einigen Bewegungen durch einige Meter Schilf hindurch war auch von ihr nichts zu sehen.


Ich möchte mich entschuldigen, für...“ Sie hielte inne. „Gibt es etwas, wofür ich mich entschuldigen muss?“


Sie haben gesungen.“ Severus hoffte, dass man ihm sein Grinsen nicht anhörte.


Was? Das habe ich nicht.“


Ich möchte deine verwunschene Kröte sein. Alle neunzehn Strophen.“


Nein!“


Oh doch!“


Das...!“ Sie schnaufte. „Ich kenne noch nicht einmal alle neunzehn Strophen.“


Wahrscheinlich haben Sie einige Strophen selber dazu gedichtet. Ich kann mir ohnehin nicht vorstellen, dass der Originaltext solch eine.... blumige Sprache benutzt.“


Sie antwortete nicht mehr, doch das war auch nicht nötig. Severus wusste genau, was für ein Gesichtsausdruck ihre Miene zeigen würde. Und er hatte ganz sicher keine Ähnlichkeit mit seinem breiten Grinsen.


Wenige Momente später, Severus entledigte sich gerade seiner Hose, begann das Wasser kleine Wellen zu schlagen. Hermine war offensichtlich schon dabei, ins Wasser zu gehen. Hastig zog Severus noch den Rest seiner Kleidung aus und stapelte ihn fein säuberlich zusammengelegt auf einem breiten Baumstamm um Hermine ins Wasser zu folgen.


Es war kalt und trug eine unappetitlichere Farbe als manch Zaubertrank, doch das Gefühl der kühlen Nässe auf seiner Haut, die alle den Schmutz der letzten Tag fortschwemmte, war ein Segen. Und kein Anblick würde ihm diesen Genuss zuwider machen. Schon nach drei Metern stand ihm das Wasser bis zum Bauch und er begann mit ausschweifenden Armzügen in die Mitte des Sees zu schwimmen, wo Hermines Kopf bereits über die Wasseroberfläche schwebte.


Mr Snape?“


Severus kniff die Augen zusammen. Langsam aber sicher ging ihm auch diese Anrede auf die Nerven. Vielleicht sollte er ihren Rat, wenn auch im Rausch gesprochen, zu Herzen nehmen und ihr das Du anbieten. „Was?“


Vielleicht aber auch nicht.


Würden Sie mir bitte noch einmal genau erklären, was Sie damit meinten, als Sie gestern sagten, Sie hätten Cherimoyas gepflückt, während ich laut um Hilfe geschrieen habe?“


Er schluckte einen Schwall bitteren Wassers und spuckte ihn keuchend wieder aus. Soviel zu seiner Hoffnung, sie hätte seine Offenbarung vergessen.


Sagen Sie... Hermine, was halten Sie davon, wenn wir uns die umständlichen, formellen Anreden in Zukunft sparen?“


Nun war sie an der Reihe, gurgelnd nach Luft zu schnappen und ihre Augen wurden erst groß, dann klein und dann drehte sie sich um. Ihre Füße strampelten und verursachten Wasserfontänen, so dass sich Severus die Augen reiben musste, um sie wieder zu erkennen.


Miss Granger? Wo wollen Sie hin?“


Den wahren Mr Snape suchen.“


Miss Granger. Ich versichere Ihnen...“


Schon gut“, unterbrach sie ihn und rollte mit den Augen. „Ich weiß, dass Sie es sind. Niemand sonst ist in der Lage, mich für so unheimlich dumm zu halten.“


Er verzog seine Miene und hoffte, dass es einschüchternd genug war, um ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen, doch die junge Frau schien inzwischen immun und blinzelte ihn nur herausfordernd an. Offensichtlich hatte sie Grund unter den Füßen, denn außer ihrem Kopf ragten auch ihre Schultern aus dem Wasser.


Also, da wir das jetzt geklärt hätten, Severus…“ Sie zog seinen Namen scheinbar unendlich in die Länge und sah aus, als hätte sie dabei eine der madendurchsetzten Früchte auf der Zunge. „Kommen wir zurück zum Thema. Du hast Früchte gesammelt, während ich um Hilfe geschrien habe. Und außerdem...“ Sie verschränkte die Arme vor ihrem Oberkörper. „... gibt es einen trifftigen Grund, warum du Honig-Rosen Shampoo für empfindliche Kopfhaut mit dir herumträgst?“


Ihm gingen langsam aber sicher die Ablenkungstaktiken aus.


***


Werbegeschenk… Hermine schnaubte leise, während sie sich nach hinten beugte und das Shampoo aus den Haaren wusch. Er hatte wirklich behauptet, man hätte es ihm auf der Straße angedreht und er hatte vergessen, die kleine Flasche zu entsorgen. Wirklich glauben konnte sie ihm das nicht. Obwohl die Größe schon passen würde…


Sie schloss die Augen und entspannte, während das kühle Wasser plätschernd ihre Schläfen umspülte und die Kopfschmerzen linderte. Sie hatte gestern das erste und einzige Mal Cherimoyaschnaps gepanscht! Es wurde Zeit, dass sie zu ihren alten Grundsätzen zurückfand und sich endlich zusammenriss.


Würde es dir etwas ausmachen, mir auch etwas von meinem Shampoo zukommen zu lassen?“


Hermine quietschte erschrocken und riss die Augen auf, während sie sich wieder in eine senkrechte Position brachte. Die Umgebung geriet kurzzeitig aus ihren Fugen und löste ein beängstigendes Schwindelgefühl aus. Sie strauchelte leicht, ehe sie endlich wieder einen festen Stand fand und ihn böse angucken konnte. „Severus!“


Er feixte. „Ja, ich weiß, was du meinst.“ Er machte eine fordernde Geste mit der Hand und sie klatschte ihm die Shampooflasche hinein, die vorher neben ihr im Wasser gedümpelt hatte. Wenigstens stand sie an einer Stelle, an der ihr Oberkörper unterhalb der Wasseroberfläche lag, ohne dass sie in die Hocke gehen musste. „Danke“, sagte er süßlich.


Hermine bedachte ihn mit bitterbösen Blicken, während er wieder auf Abstand ging. Dabei schien er eine flachere Stelle des Sees gefunden zu haben, denn sein Oberkörper tauchte einige Zeit bis zur Taille aus dem Wasser. Zu ihrer Schande musste Hermine gestehen, dass ihr dieser Anblick sämtlichen Wind aus den wütend geblähten Segeln nahm. Sein Rücken war breiter, als die Roben es erahnen ließen. Und abgesehen von vielen weißen Narben – die meisten zeugten mit ihren Ausmaßen, kaum dicker als die Fäden eines Spinnennetzes, von einer erstklassigen Versorgung durch eine Medihexe – war die Haut makellos und spannte sich straff über gut erkennbare Muskelansätze. Und als hätte er ihre Blicke gemerkt und beschlossen, dass er sie noch ein bisschen triezen würde, hob er nun die Arme in die Luft und begann seine Haare einzuschäumen. Das Spiel der Muskeln und Schulterblätter als faszinierend zu bezeichnen, war angemessen bis maßlos untertrieben.


Hermine schüttelte den Kopf, als sie endlich realisierte, welche Gedanken gerade durch ihren Kopf fegten. „Seit wann wäschst du dir eigentlich die Haare?“, rief sie ihm verdrossen hinterher. Besser spät als nie.


Es erwies sich jedoch als großer Fehler, denn nun drehte er sich zu ihr um und der Wasserspiegel lag noch immer nur knapp über seinem Bauchnabel. Hermines Mund wurde trocken und sie konnte sich nicht davon abhalten, ihn anzustarren.


Seitdem du beschlossen hast, dass Honig-Rosen-Duft das Richtige für deine Haare ist. Ich habe die Hoffnung, dass ich ihn weniger penetrant wahrnehmen werde, wenn meine Haare ebenfalls danach riechen.“ Er machte eine Pause und neigte den Kopf. Dann wedelte er mit einer Hand durch die Luft und Hermines Blicke ruckten nach oben, direkt zu dem diabolischen Grinsen, das nun seine Gesichtszüge verformte. „Starrst du etwa deinen ehemaligen Lehrer an?“


Nein!“


Er lachte ungläubig auf und schüttelte den Kopf, ehe er untertauchte und Blasen und Schaumkronen die Wasseroberfläche aufwühlten.


Hermine spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Stöhnend schlug sie sich mit der flachen Hand vor die Stirn und was ihr dabei auffiel, ließ die Kopfschmerzen nebst dem Anflug eines hysterischen Anfalls zurückkehren. Dieser See schien aus irgendeinem Grund so etwas wie Gezeiten zu haben. Sehr sprunghafte Gezeiten, denn ihre Brüste lagen inzwischen frei ersichtlich über der Wasseroberfläche.


So viel zum Thema ‚zurück zu meinen Grundsätzen‘…


***


Severus hatte arge Probleme, seine gute Laune zu verbergen, während sie zurück zu den Hütten gingen. Es lag nicht daran, dass er Hermine oben ohne gesehen hatte. Es lag vielmehr daran, dass sie es nicht bemerkt hatte und seitdem mit einem hochroten Gesicht einen halben Schritt hinter ihm blieb und es nicht wagte, ihm in die Augen zu sehen. Noch vor einigen Jahren hätte er einiges darum gegeben, dieses Privileg zu genießen.


Was ihm jedoch ebenso im Kopf herumgeisterte, waren die Blicke, mit denen sie ihn gemustert hatte. Er konnte nicht verhindern, dass sein Verstand diese Bilder als äußerst inspirativen Anreiz nutzte. Und nichts, was diesem Anreiz entsprang, konnte als jugendfrei bezeichnet werden. Nicht, dass seine letzte Affäre schon so lange her gewesen wäre. Aber er war niemand, der eine attraktive Frau von der Bettkante stieß, wenn sie offensichtlich willig war. Und dass Hermine attraktiv war, konnte er nicht leugnen. Nicht hübsch, aber attraktiv. Und vor allem eine Frau! Die Illusion der ehemaligen Schülerin musste er nun wohl endgültig abschreiben.


Als sie die Hütten erreichten, hatte sich eine steile Falte zwischen seinen Brauen gebildet und die gute Laune war weitestgehend verschwunden. Diese ganze Situation war selbst ohne lächerliches ‚Ich habe meinen Lehrer nackt gesehen‘-Getue schon anstrengend genug. Und für den umgekehrten Fall traf das ebenso zu.


Ich pack' die Sachen zusammen“, nuschelte Hermine und ging an ihm vorbei auf die Hütte zu.


Severus hingegen griff nach ihrem Arm und drehte sie zu sich herum. Kaum fanden ihre Blicke seine Augen, schoss ihr die Röte erneut ins Gesicht und er stöhnte gequält. „Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du weniger so tun könntest, als hätten wir uns nackt gesehen.“


Wir haben uns nackt gesehen, Severus.“


Und offensichtlich haben wir es überlebt. Können wir es vielleicht dabei belassen?“


Hermine druckste einige Momente verlegen herum. „Aber… Du hast mich nackt gesehen!“, brachte sie schließlich ziemlich hilflos hervor.


Wenn ich dich daran erinnern darf: Du warst diejenige, die mit dem Starren angefangen hat. Sieh es als ausgleichende Gerechtigkeit und komm darüber hinweg. Du bist kein Schulmädchen mehr.“ Er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme einen ärgerlichen Ton annahm. Was allerdings größtenteils daran lag, dass er sich gerade wie ein Schuljunge vorkam, denn er kam genauso wenig darüber hinweg. Das Einzige, das ihn von Hermine unterschied, war, dass er diszipliniert genug war, es sie nicht merken zu lassen. Er wünschte sich, er könnte jetzt in sein Labor gehen und irgendeinen Trank brauen.


Okay“, murmelte sie in diesem Moment kleinlaut. „Deswegen werde ich jetzt aber trotzdem die Sachen zusammen packen. Oder wolltest du hier bleiben, bis Frederick uns findet?“


Nein“, knurrte er und kniff die Augen zusammen. Er musste nehmen, was er kriegen konnte und Frederick war in diesem Fall wirklich eine atemberaubend gute Ablenkung.


Kapitel 12


Sie sind ein Idiot!“, schimpfte Hermine aufgewühlt und zupfte sich den Kragen von ihrem verschwitzten Hals.


Wir waren bereits beim Du. Oder hast du dein Kurzzeitgedächtnis im Tümpel ertränkt?“


Nein, im Tümpel habe ich nur meine Selbstachtung gelassen. Mein Gedächtnis ist mir im Gegensatz dazu bedeutend wichtiger.“ Sie schwieg einen Moment lang und stolperte hinter Severus hinterher, der mit zielstrebigen Schritten den Tunnel entlang hastete. „Außerdem klingen gesiezte Beleidigungen besser.“


Severus antwortete mit einem Grunzen und beschleunigte erneut seine Schritte.


Würdest du bitte nicht so tun, als ob du von mir wegrennen möchtest?“


Möglicherweise irrte sie sich ja, aber er zog sein Tempo erneut an.


Vielleicht möchte ich das ja.“


Hermine schnaufte und zog eine Grimasse, als sich ein penetrantes Stechen unterhalb ihres Brustkorbes bemerkbar machte. „Vor nicht allzu langer Zeit warst du es gewesen, der mir gesagt hat, ich solle mich zusammenreißen.“


Das war, bevor ich auf die dumme Idee gekommen bin, dorthin zurück zu gehen, wo ich dich gefunden habe.“


Ja, und wir wollen nicht vergessen, dass du diese Idee hattest, nicht ich.“


Diesmal schwieg Severus, wurde allerdings auch etwas langsamer.


Sie liefen bereits seit einer ganzen Weile und Hermine war kurz davor, ihn darauf zu verweisen, dass sich die Strecke nach ihrer Rettung nicht halb so lang angefühlt hatte wie im Moment. Andererseits hatte sie zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich alle Sinne beisammen und war wohl mehr ohnmächtig als bei Bewusstsein gewesen.


Bist du sicher, dass das der richtige Weg ist?“, wagte sie es schließlich doch zu fragen und erntete dafür eine gemurmelte Beleidigung von Severus und einen dumpfen Ausruf, der vermutlich unhöflicher war als angebracht. Doch Hermine hatte nicht die Absicht, so schnell die Zügel in seine Hände zu geben. „Sagt dir der Ausspruch ‚Die Höhle des Löwen‘ etwas? Ich bin mir sicher, wir befinden uns ganz dicht an dem Ort, an dem dieser unglückselige Ausdruck erfunden wurde.“


Möchtest du mir damit irgendetwas sagen?“


Ja, das möchte ich.“ Sie hielt an und war ziemlich überrascht, als er ebenfalls stehen blieb und sich sogar zu ihr umdrehte.


Und was genau wäre das?“, fragte er und sah mit einer hochgezogenen Augenbraue über seine Schulter.


Das ist Wahnsinn. Wir können dort nicht einfach zurück marschieren. Wir brauchen einen Plan.“


Wir gehen hin, sehen uns um und verschwinden ungesehen. Ich finde, das klingt wie ein Plan.“


Hermine schnaubte. „Das ist ein mieser Plan.“


Das musst du gerade sagen“, erwiderte er sarkastisch.


Was soll das denn heißen?“


Wer ist denn ohne einen Plan hier unten eingefallen und hat mich da mit reingezogen?“


Hermine öffnete den Mund. Die Worte lagen ihr bereits auf der Zunge, doch mit einem geräuschvollen Seufzen ließ sie ihren Atem entweichen und Severus sah sie mit einer hochgezogenen Augenbraue an.


Wir sollten aufhören uns zu streiten. Das hilft uns nichts weiter.“


Severus schwieg einen Moment lang, nickte und drehte sich schließlich um, seine Schritte wieder beschleunigend. Doch unfähig, ihre Zunge im Zaum zu halten, fügte Hermine noch hinzu: „Das soll nicht heißen, dass mir der Plan gefällt.“


Das ist mir bewusst.“


Sie sind ein Idiot!“


***


Er musste zugeben, diese Idee war eine seiner dümmsten überhaupt. Sie war in etwa vergleichbar mit seinem Besuch beim Friseur kurz nach seinem zwanzigsten Geburtstag. Doch ihm gingen die Ideen aus. Ihm und offensichtlich auch Hermine, die mürrisch hinter ihm hertrottete, als würde sie ihm zu einer Stunde Nachsitzen folgen.


Innerlich fühlte er sich beinahe mies, sie so zu übergehen. Immerhin war es eine dumme Idee. Aber er musste Gewissheit haben. Er brauchte Zeit, ein Gespräch mit Frederick und eine Flasche Sherry. Reihenfolge wahlweise.


Auch wenn er versuchte, es sich äußerlich nicht anmerken zu lassen: Fredericks Anwesenheit hatte ihn aus der Bahn geworfen. Da hatte er den einzigen Freund, den er jemals besessen hatte, hier unten vergessen, als wäre er ein Handtuch, das man in einer Sauna liegen lässt. Gab es etwas, das er übersehen hatte?


Er konnte sich kaum noch erinnern. Was sagte das über ihn aus? Der Tag, an dem sein einziger Freund verschwand, und Severus hatte es vergessen.


Verschwommen sah er noch die Hütten vor sich, seine Rufe, nicht unähnlich denen, die er vor kaum 24 Stunden wiederholt hatte. Doch dieses Mal würde er seinen Fehler nicht wieder holen. Zwar konnte er Hermine nicht unbedingt als Freundin bezeichnen, doch wenn er diese Welt verließ, würde es mit ihr an seiner Seite sein.


Severus“, durchbrach Hermine seine düsteren Gedanken und Severus rollte mit den Augen.


Wenn sie so weitermacht, werde ich meine Heldentat noch einmal überdenken.


Er hielt nicht an, grummelte aber ein paar Silben zur Bestätigung, dass er sie gehört hatte.


Meinst du, Frederick hat vielleicht Sicherheitsverkehrung getroffen, damit niemand...“


Ein seltsames Gefühl durchfuhr ihn, als würde sein Magen plötzlich in Richtung Kopf wandern wollen und er fühlte, wie sich seine Füße vom Boden lösen. Und dann begann er zu fallen... in den unendlichen Gang vor ihm.


***


Es geschah so schnell, dass Hermine kaum Zeit hatte, ihre Überraschung auszudrücken. Von einem Moment auf den anderen sah es aus, als würde er stolpern, doch dann wurde er von dem Gang... angezogen? Von Hermines Position aus machte es den Eindruck, als würde am Ende des Tunnels ein riesiger Magnet auf ihn warten.


Es sah fast so aus, als wäre Severus in ein Loch gefallen, dessen Boden auf Augenhöhe lag.


Doch noch im selben Augenblick verstand Hermine.


Severus war in ein Loch gefallen, dessen Boden auf Augenhöhe lag.


Er schrie etwas, doch Hermine verstand es nicht. Es ging verloren in ihrem nutzlosen Versuch, ihre Arme auszustrecken und ihn festzuhalten. Was natürlich absolut unmöglich war. Er war drei Meter von ihr entfernt gewesen als er fiel.


Noch auf den ersten Metern schaffte er es, seinen Körper zu drehen und so starrte er sie aus großen Augen an, während er fiel und fiel... und fiel.


Sie hielt ihren Zauberstab nicht in der Hand. Er steckte in ihrer Hosentasche und es dauerte einen Augenblick, ehe sie ihn überhaupt fand. Es dauerte nochmal so lange, ehe ihr endlich der passende Zauberspruch einfiel und sie schrie ihn von sich, als ob es nicht der Zauberspruch war, der rechtzeitig bei ihm eintreffen sollte, sondern ihre Worte.


Funisio!


Ein Seil schoss aus der Spitze ihres Zauberstabes und sie konnte nur hoffen, dass Severus geistesgegenwärtig genug war, um nach ihm zu greifen. Er tat es und kurz bevor das Seil sich straff spannte, erkannte Hermine ihren Fehler. Ein wirklich dummer Fehler, für den man eigentlich nicht einmal sieben Jahre Hogwarts besuchen musste, um ihn zu erkennen. Es war einfaches Rechnen. Ihre 50 mageren Kilo gegen die 80 Kilo ihres ehemaligen Lehrers gepaart mit einer allgemeinen Fallbeschleunigung von 9,8 Metern pro Sekunde. All das deutete auf eine sehr dumme Idee hin.


Doch die rasche Schlussfolgerung ihrerseits blieb nicht ungenutzt.


Die Gesamtlänge des Seil betrug inzwischen ungefähr zwanzig Meter und es würde noch einige Augenblicke dauern, ehe es Severus' Gewicht tragen würde. Hermine nutzte die Zeit mit einem weiteren Zauber, der einen Pfosten entstehen ließ, um den sie das Ende ihres Seiles wickelt, bis der robuste Stoff unter ihn Fingen davon zu gleiten drohte. Sie fasste das Seil fester, stemmte sich mit ihrem gesamten Körpergewicht dagegen und biss die Zähne zusammen, als die Reibung ihr die Handflächen verbrannte.


Gnnnn!“, zischte sie.


Es gab einen mächtigen Ruck und das Seil baumelte straff gespannt.


Severus?“, knirschte sie schließlich und sie musste einige Zeit warten, ehe sie eine Antwort erhielt.


Ja?“, kam sie schließlich.


Ist alles in Ordnung?“


Alles bestens!“ Er machte einen Pause. „Könnte nicht besser sein.“


Das ist schön für dich.“ Ihre Stimme klang gepresst und der Schmerz in ihren Händen ließ Tränen in ihre Augen steigen. „Es wäre hilfreich, wenn du irgendwas tun könntest, damit mir dein Gewicht nicht länger die Haut aufreißt.“


Oh“, erwiderte er und Hermine war kurz davor hysterisch zu kichern, als die Anspannung in dem Seil nach einigen Momenten nachließ. Vorsichtig löste sie ihre Hände von dem Seil, sicherte es allerdings noch einmal ausreichend, ehe sie erleichtert kühlend auf die wunden Handflächen pustete.


Hermine?“, rief er ihr zu und sie versuchte ihn in der Entfernung auszumachen. Es waren mindestens dreißig, wenn nicht vierzig Meter, die sie trennten und sie sah ihn nur, weil er es endlich geschafft hatte, seinen Zauberstab zu erleuchten. „Vielleicht solltest du jetzt runter kommen.“


Sie war kurz davor, ihm einen Vogel zu zeigen, eine Geste, die sie bereits während des Kindergartenalters aufgegeben hatte. Aber im Moment war es ihr egal. Wieso tappten sie die ganze Zeit von einer Falle in die nächste? Sie würden langsam aber sicher den Spieß umdrehen müssen, wenn sie noch vorhatten, vor Weihnachten diese Unterwelt zu verlassen, die sie beide verschluckt hatte, als wären sie in ein riesiges Grab gestolpert..


Ich komme“, antwortete sie nun erfüllt von Wut und Angriffslust und fügte noch leise hinzu. „Ich habe langsam die Schnauze voll.“




***


Nachdem sie den Übelkeit erregenden Übergang in den um 90 Grad gedrehten Raum hinter sich gebracht hatte, kostete sie der vorsichtige Abstieg beinahe eine Viertelstunde. Severus hatte sich in der Zeit schon einmal umgesehen, wie sie feststellte, als sie ihn endlich erreicht hatte. „Danke, mir geht es gut“, murmelte sie, um ihrem Unmut Luft zu machen, hoffte aber gleichzeitig, dass er sie nicht gehört hatte. Seine hochgezogene Augenbraue, als er sich zu ihr umwandte, verriet ihr allerdings, dass er sie natürlich gehört hatte.


Damit hatte ich gerechnet. Korrigiere mich, wenn ich dir zu viel Geschick zutraue.“


Sie schnaubte leise. „Ich erinnere dich ja wirklich ungerne an deinen wenig eleganten Abstieg, aber wer weiß, wann ich das nächste Mal so eine Gelegenheit habe?“


Wenn du so weitermachst, wirst du in der Tat niemals wieder das Vergnügen haben“, knurrte er leise, während er mit seinem Zauberstab bereits wieder die Wände untersuchte. „Was sagt dir das?“, fragte er nach ein paar Sekunden, die Hermine noch damit beschäftigt war, das Seil loszuwerden.


Dass du eine brutale Ader hast?“


Hermine, könnten wir uns bitte wieder konzentrieren?“ Der gereizte Klang seiner Stimme veranlasste sie dazu, hart zu schlucken.


Natürlich, entschuldige.“ Sie nahm nun endlich ihren Zauberstab zur Hand, um sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien, und trat danach neben ihn. Der kleine Lichtkegel beleuchtete eine Wand, die übersät war mir mehr oder weniger tiefen Kratzspuren. Sie reichten vom Boden aus in die Höhe, endeten etwa zwei Meter über ihren Köpfen. „Sieht so aus, als hätten wir Kittys Spielplatz gefunden.“


Allerdings. Und ich fürchte, Kitty gibt es nicht nur in einfacher Ausführung.“ Severus deutete auf einige Stellen, wo sich die größten Kratzer überschnitten. Eine der Spuren hatte nur drei Krallen.


Hermine starrte auf die Wand und versuchte ihren Adrenalinpegel unter Kontrolle zu bekommen. Die Erinnerungen an ihren eigenen Kampf mit der Katze – wenn es auch eine kleinere Version gewesen war – waren noch äußerst lebhaft. Und beinahe ebenso schmerzhaft.


Hermine?“


Sie blinzelte mehrmals und riss sich so aus ihren Gedanken. „Aus welchem Haus stammte Frederick noch mal?“


Gryffindor.“ Severus‘ Stirn war tief gerunzelt und durch die eigentümliche Beleuchtung wirkte sein Gesicht sehr schattig, irgendwie undurchsichtig.


Hätte ich auch drauf kommen können“, murmelte Hermine und setzte sich in Bewegung. „Wir haben also einen Jahrzehntelang eingesperrten und dementsprechend sehr angep…“ Sie warf einen Blick zu Severus, der sie aufmerksam musterte. „…verärgerten Gryffindor, der es geschafft hat, ein paar Katzen unter seine Fittiche zu nehmen. Nenn mich kleinkariert, aber wie ist er an die Viecher gekommen?“


Severus ging nun einen halben Schritt vor ihr und leuchtete den Gang aus, der, soweit sie sehen konnte, keine Abzweigung bot. „Wir haben damals in einigen Nächten Brüllen gehört. Vermutlich lebten sie schon vorher in diesem Gangsystem.“


Woher kommt dieses Gangsystem? Wer hat es angelegt? Und welchem Zweck dient es?“, führte Hermine ihren Gedankengang weiter, ohne großartig darauf zu achten, was Severus tat. Sie folgte ihm einfach, nahm seine Antworten zur Kenntnis und brütete dabei über den Anhaltspunkten, die sie hatten.


Die Fragen haben wir uns damals auch gestellt. Außerdem habe ich Recherche betrieben, nachdem ich wieder draußen war. Ich habe kaum etwas herausgefunden, abgesehen davon, dass dieses System alt ist. Aber je länger ich jetzt wieder hier bin, desto mehr ergibt alles einen Sinn.“


Wovon sprichst du?“


Er sah sie kurz an. „Es gibt Hindernisse, Fallen, Rätsel, Gegner. Und alles ist darauf ausgerichtet zu töten. Wenn man das Alter dazu nimmt, ist die Vermutung naheliegend, dass dieses System geschaffen wurde, um Verbrecher und Verbannte aus dem Weg zu schaffen. Man hat die Löwen hierher geschafft und das regelmäßige Futter hat dafür gesorgt, dass sie ruhig blieben.“


Hermine spürte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. Je mehr Severus erklärt hatte, desto mehr hatte sich ihr eine Frage aufgedrängt: „Warum hast du mich einfach hier reingehen lassen, wenn du wusstest, was mich erwartet?“


Er blieb stehen und blickte aus dunklen Augen auf sie hinab. „Ich weiß es nicht.“


Hermine presste ihre Lippen fest aufeinander, während sie seinen Blick stoisch erwiderte. Ein Gefühl der Enttäuschung keimte in ihr, zusammen mit Misstrauen und Wut. Sie wusste sehr gut, wohin das führen würde, wenn sie dem nicht bald einen Riegel vorschob. Hier unten konnten sie sich keines dieser Gefühle leisten. „Lass uns weitergehen“, beschloss sie deswegen nach einigen Momenten und deutete auf den Gang. Ohne auf Severus zu achten, setzte sie ihren Weg fort.


***


Severus hielt sich nach dem Gespräch bedeckt. Sie liefen zwar nebeneinander, doch während Hermine nach vorne blickte, begutachtete er die Wände zu seiner Rechten. Die Kratzspuren wurden immer dichter, bis die Farbe sich von einem dunklen Braun komplett in einen hellen Sandton verfärbt hatte. Seine Nackenhaare stellten sich auf, als er den markanten Geruch der Löwen wahrnehmen konnte. Falls es noch mehr von diesen Viechern geben sollte, waren sie nicht weit weg.


Im nächsten Moment streckte Hermine ihren Arm aus und brachte ihn so dazu, stehen zu bleiben. Irritiert beobachtete er, wie sie einen Stein vom sandigen Boden aufhob und vor sich in den Gang rollte. Er verschwand urplötzlich.


Sie tauschten einige Blicke und drängten sich jeweils an die linke und rechte Seite des Ganges. Auf Zehenspitzen schlichen sie an der getarnten Falle vorbei, die sie einsehen konnten, als sie auf gleicher Höhe waren. Ein schwarzes Loch, aus dem der tierische Geruch intensiv und feuchtwarm nach oben stieg. Ein leises Grollen bestätigte die Vermutung, die sich geradezu aufgedrängt hatte.


Mir scheint, du hast deinen Beruf doch nicht ganz grundlos bekommen“, sagte Severus, während Hermine die Tarnung der Falle aufhob und das Loch magisch verschloss.


Sie blickte mit gleichmütiger Miene zu ihm auf. „Mir scheint, Frederick hat sich einiges von dir abgeguckt, als ihr noch befreundet gewesen seid. Eine Gryffindor zweimal in eine Löwengrube locken zu wollen, ist typisch Slytherin.“


Severus zuckte nonchalant mit den Schultern und wandte sich um, um dem Gang weiter zu folgen. Hin und wieder warf er Hermine kurze Blicke zu, doch sie war stets zu konzentriert, um es zu bemerken. Ihr Verhalten hatte sich geändert, seitdem sie heute losgegangen waren. Er vermutete, dass es etwas mit ihrem Aufenthalt in dem Sarg zu tun hatte.


Und unter diesem Gesichtspunkt fiel es ihm schwer, es zu bedauern, dass sie diese Erfahrung gemacht hatte. Er konnte sie so wachsam und sorgfältig besser gebrauchen. Es würde die ganze Sache für sie beide sicherer machen. Was jedoch nicht bedeutete, dass er es Frederick nicht heimzahlen würde, wenn sie ihn gefunden hatten.


Severus!“ Hermine streckte die Hand aus und deutete nach vorne. Ein sanfter Lichtstrahl fiel von rechts quer über den Gang, durch den sie liefen.


Ich habe es gesehen“, erwiderte er und umfasste den Zauberstab fester, während sie sich langsam auf die erste Abzweigung nach bestimmt einem halben Kilometer zubewegten.


Severus schob Hermine hinter sich und spähte vorsichtig um die Ecke. Warme Luft strömte um seine Nase, ein klebriger Geruch lag darin und berührte seinen vom Tränkebrauen empfindlichen Geruchssinn. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis er identifiziert hatte, um was es sich dabei handelte. Und als es soweit war, drückte er Hermine noch weiter nach hinten.


Was soll denn das?“, schimpfte sie leise und überraschend dicht an seinem Ohr.


Severus warf ihr einen kurzen, sehr verärgerten Blick zu. Diese Stelle war nicht der beste Ort, um ein Gespräch dieser Art zu führen. Er legte einen Finger auf die Lippen und bedeutete ihr so zu schweigen. Dann spähte er wieder um die Ecke und schob sich ein Stück weiter nach vorne, bis er mehr von dem sehen konnte, was dort vor sich ging.


Zweifellos hatten sie das gefunden, was Frederick vermutlich als Unterkunft diente. Die Bezeichnung Wohnung traf es nicht wirklich, aber es war auch mehr als eine simple Höhle. Zumindest war es geschützt durch eine Horde Katzen, die vermutlich gerade auf Nahrungssuche waren. Von seinem Standpunkt aus konnte er nur schwer etwas vom Wohnbereich einsehen, da der schmale Gang um eine kleine Kurve bog. Doch das, was er hörte, zusammen mit dem, was er roch, projizierte ein ziemlich eindeutiges Bild in seinem Kopf. Frederick hatte eine Geisel. Und Severus konnte sich sehr genau vorstellen, welchem Zweck sie diente. In diesem Gang roch es geradezu penetrant nach Sex.


Lass uns gehen“, raunte er Hermine zu und deutete in die Richtung, aus der sie gekommen waren.


Dahin können wir nicht zurück. Wie willst du da wieder hochkommen?“, erinnerte sie ihn mit großen Augen. Anscheinend hatte sie noch nicht ganz verstanden, was sie hier gefunden hatten.


Frederick schafft es anscheinend auch, also los!“


Bist du schon mal auf die Idee gekommen, dass er möglicherweise die andere Richtung benutzt?“ Sie nickte in den Gang, der weiter an der Abzweigung vorbei führte.


Natürlich bin ich das. Aber du wirst dich sicherlich daran erinnern, dass die Kratzspuren dort hinten“, er deutete wieder in die andere Richtung, „weniger gewesen waren, wohingegen hier kaum noch etwas von der Wand übrig geblieben ist.“


Und?“, fragte Hermine lang gezogen.


Das hier ist sein Unterschlupf, verdammt! Und sie bewachen ihn!“, zischte Severus ungehalten. „Vermutlich sind sie gerade auf der Suche nach uns, um ihren Hunger zu stillen. Und ich gehe jede Wette ein, dass sie von dort kommen, wenn sie erfolglos bleiben.“ Sein Kopf ruckte nach vorne.


Wenn sie erfolglos bleiben. Das kann noch Stunden dauern. Außerdem bin ich nicht scharf darauf, den ganzen Weg wieder zurück zu laufen. Also pack deinen verdammten Slytherin-Starrsinn ein und setz' dich in Bewegung!“ Sie gab ihm einen Stoß gegen den Rücken, so dass Severus unfreiwillig nach vorne stolperte.


Im nächsten Moment hatte er sich zu ihr umgedreht und sie an den Oberarmen gepackt. Hermine stieß ein scharfes Zischen aus, sagte aber nichts. Ihr Gesichtsausdruck war verhärtet und entschlossen. „Du bist nicht in der Position, mir Befehle zu erteilen!“


Dann sieh es als gut gemeinten Rat an. Denn wenn ich tippen soll, würde ich sagen, dass Frederick vor seinen Kätzchen zurück kommt. Wir sollten sehen, dass wir dann nicht mehr hier sind.“


Ein weiteres Klirren von Ketten erklang und Severus blinzelte, hoffte, dass Hermine es nicht bemerkt hatte.


Vergeblich: „Was war das?“


Nichts für kleine Gryffindors.“ Urplötzlich sehr von ihrem Vorschlag angetan, griff er nach ihrer Hand und zog sie hinter sich den Gang entlang. Hermine machte einen langen Hals, als sie an der Abzweigung vorbei lief, und rümpfte die Nase.


Bah, das stinkt hier“, murmelte sie.


Severus gab ihr mit einem eindeutigen Geräusch zu verstehen, dass sie still sein sollte, und zog sie in den Schatten, den der Gang warf. Seine Nackenhaare hatten sich erneut aufgestellt. Irgendetwas, das ihm schon so manches Mal das Leben gerettet hatte, sagte ihm, dass sie einen gewaltigen Fehler machten, indem sie dem Gang weiter folgten. Doch er konnte sich auch gut vorstellen, wie Hermine reagieren würde, wenn sie von Fredericks Sexsklavin erfuhr. Er wollte es lieber nicht riskieren.


Nicht, dass er die Frau ihrem Schicksal überlassen wollte, aber sie brauchten zumindest einen Plan. Und einen guten noch dazu. So sehr es ihm auch missfiel, das zuzugeben, aber Frederick hatte ihm einiges voraus, wenn es um Verwandlung und Zauberkunst ging. Während der Schulzeit hatten sie sich so gegenseitig Nachhilfe geben können, wobei Severus noch immer davon überzeugt war, dass seine Lehrstunden effektiver gewesen waren als Fredericks. Zumindest konnte er sich an kaum mehr etwas erinnern.


Kurz sah er Hermine an, die sich immer wieder wachsam umdrehte und offensichtlich ebenso auf Geräusche horchte, die nicht von ihnen kamen, wie er selbst. Wenn er sich richtig erinnerte, war sie eine recht passable Schülerin in allen Bereichen gewesen. Zusammen (und er verzog das Gesicht allein bei dem Gedanken daran) konnten sie möglicherweise etwas ausrichten.


Wir müssen aufpassen, dass Frederick uns nicht wieder trennt“, murmelte er, noch immer halb in seine Gedanken versunken.


Hermine starrte ihn mit großen Augen an. „Ich hatte nicht vor, es darauf ankommen zu lassen.“


Erst da wurde ihm bewusst, dass er den letzten Gedanken laut geäußert hatte, und seine Mimik wurde ausdruckslos. Er nickte kurz und zog sie dann weiter hinter sich her.


Severus.“ Hermine hielt ihn fest und zwang ihn, sie anzusehen. Er kam dem nur sehr widerwillig nach. „Du kannst mir vertrauen.“


Er schnaubte leise. „Ich vertraue niemandem.“


Und bevor Hermine etwas darauf erwidern konnte, wurde der Gang plötzlich einige Nuancen dunkler. Severus war sich nicht sicher, ob er dankbar dafür sein sollte oder nicht. Es bewahrte ihn zweifellos vor einer Erklärung. Aber möglicherweise würde es sie beide das Leben kosten.


Langsam drehte er sich um und starrte in den Gang, der eine sehr seichte Kurve machte. Aus der Richtung, aus der sie gekommen waren, drang Licht, in das nun eine Silhouette fiel. Eine menschliche, sehr lang gezogene Silhouette. Und sie kam immer näher.


Kapitel 13


Hermine presste sich gegen die Wand hinter ihr. Ihre Finger krallten sich in die rauhe Fläche und für einen Moment blieb ihr die Luft weg. Es war, als befände sie sich erneut in dem gläsernen Sarg, um Luft ringend. Doch dieses Mal war nicht die fehlende Luft ihr Problem. Ihr Atem klang laut und sie befürchtete, dass jeder ihn hören müsste. Wahrscheinlich würde Severus ihr jeden Moment zuflüstern, sie solle gefälligst aufhören zu atmen, doch die Aufforderung blieb aus. Stattdessen kopierte er ihre Haltung und sagte ihr mit einem stummen Blick, sie solle sich nicht rühren.


Kein Problem, dachte Hermine. Selbst wenn sie gewollt hätte, ihr Körper schien die physikalischen Eigenschaften der steinernen Wand hinter ihr angenommen zu haben. Allerdings brachte sie ein kleines Nicken zustande und wartete.


Schlurfende Geräusche drangen an ihre Ohren.


Elektriker! Immer diese Elektriker!“, murmelte eine heisere Stimme und Hermine war dabei sich zu fragen, ob sie sich vielleicht verhört hatte, als die Stimme diesmal lauter erklang.


Sind Sie der Elektriker?“


Die Stimme klang dünn und brüchig, wie zu oft beschriebenes Pergament, und Hermine fühlte ihre Angst schwinden. Niemand mit solch einer elenden Stimme konnte eine große Gefahr bedeuten. Severus musste ähnlich denken, denn er warf ihr einen verwunderten Blick zu, gleich darauf gefolgt von einem anderen Blick, der ihr sagte, sie solle sich ruhig verhalten. Als sie bemerkte, wie er sich langsam von der Wand fort bewegte, wollte sie bereits eine Hand nach ihm ausstrecken um ihn zum Bleiben zu bewegen, doch sie hielt sich im letzten Moment zurück.


Die zu der Stimme gehörende Person war noch immer hinter der Ecke, doch die schlurfenden Geräusche kamen näher. Ein weiteres Geräusch, wie das Klirren von Ketten, hallte in dem Tunnel und Hermine kniff ihre Augen zu. Im Grunde gab es nichts, wovor sie sich hätte fürchten können. Selbst der Hausgeist von Hufflepuff hatte unheimlichere Töne von sich gegeben, doch trotzdem fühlte Hermine, wie ihre Händflächen schwitzten und ihr Herzschlag noch einige Gänge nach oben schaltete.


Vorsichtig blinzelte sie und beobachtete Severus, der sich mit langsamen Bewegungen aber hoch erhobenem Zauberstab der Ecke näherte.


Noch zwei Schritte...


Ein lautes Knarren.


Noch einen Schritt...


Das wurde auch langsam Zeit. Ich kann die Wohnung nicht sauber halten wenn...“


Ein lauter Schrei ließ Hermine zusammenzucken und obwohl alles in ihr drängte, sofort den Rückweg anzutreten, trat sie stattdessen nach vorne und in Richtung Severus.


Ihr ehemaliger Lehrer stand in dem anderen Tunnel und selbst in dem mageren Zwielicht konnte sie sein verblüfftes Gesicht erkennen. Der Schrei nahm an Lautstärke zu und nur eine Millisekunde später erschien eine zerlumpte Gestalt vor Severus, die im vollen Lauf auf ihn zuschoss, als wolle sie ihn umrennen. Das laute Klirren war unter ihrem Gebrüll kaum zu erahnen und der Wahnsinn in dem Ton ließ Hermine die Haare im Nacken aufrecht stehen.


Es fühlte sich an, als wäre sie erneut in dem Gang, in den Severus gestürzt war und sie wollte die Hand zu ihm ausstrecken, doch sie erschrak, begleitet von einem Schrei aus ihrem eigenen Mund, als die Gestalt nur einen Meter vor Severus' erstarrtem Körper wie von einer unsichtbaren Wand abprallte und nach hinten geschleudert wurde.


Sie landete mit einem schmerzhaften Laut und Hermine trat rechtzeitig um die Ecke um noch mitzuerleben, wie sie mit unbeholfenen Bewegungen auf dem Boden von ihnen fort robbte.


Severus zog beide Augenbrauen weit in die Höhe, nahm seinen Zauberstab jedoch nicht hinunter.


Expelliarmus?“, fragte Hermine nach und legte ihren Kopf leicht zur Seite, um das Gesicht besser erkennen zu können, das unter einem Berg Haare und Stoff zu ihnen empor linste.


Nein“, entgegnete Severus. „Ich war das nicht. Die Kette hat sie aufgehalten.“


Er klang beinahe, als fühle er sich bei etwas ertappt, doch Hermine ignorierte es und trat näher an die Person, die eindeutig nicht Frederick war.


Ist schon gut. Wir wollen Ihnen nicht weh tun“, säuselte Hermine mit leiser Stimme und hob die Hände in einer unbedrohlichen Geste.


Sprich nur für dich“, murmelte Severus und auch diese Bemerkung ignorierte sie, was ihr allerdings schon etwas schwerer fiel.


Das ist eine Frau, Severus. Und sie kann das Wort Elektriker aussprechen. Was sagt dir das?“


Dass sie eine intakte Zungenfunktion hat?“


Nein! Sie ist vermutlich eine Muggel.“


Hermine biss sich auf die Zunge, um nicht wütend loszuschimpfen. Die Ignorier-Taktik sollte fürs Erste reichen. Ganz langsam und immer darauf bedacht, ihre Hände gut sichtbar vor sich zu halten, ging sie einige Meter von der Frau entfernt in die Hocke.


Hallo“, sagte sie und wartete auf eine Reaktion. Außer dem Gesicht, das sie erwartungsvoll anblickte, gab es keine. „Mein Name ist Hermine und der grumpige Mann dahinten ist Severus. Sie können ihn auch Grumpy nennen.“ Sie hielt einen Moment lang inne. „Der Name lässt sich leichter merken.“


Die einzige Antwort bestand aus einem herzerweichenden Wimmern und die Gestalt presste sich noch dichter an die Wand, um zu entkommen.


Sie hat offensichtlich einen Cruciatus zu viel abbekommen“, ließ Severus wie beiläufig verlauten und kam nun endlich auch näher. Mit unruhigem Blick verfolgte die Fremde seinen Weg und schielte zwischendurch immer zu Hermine, vor der sie allerdings weitaus weniger Angst zu haben schien.


Sie wurde angekettet“, bemerkte Hermine schließlich mit einem halb fragenden, halb entsetzten Tonfall. Sie wollte bereits nach ihrem Zauberstab greifen, als Severus sich laut räusperte.


Sie hat offenbar schlechte Erfahrungen mit kleinen, hölzernen Stöcken. Lass ihn stecken!“


Einen Augenblick lang war sie so überrascht über seine Weitsicht, dass ihre Hand noch Sekunden später in der Bewegung verharrte, die sie zu ihrer Tasche geführt hätte. Stattdessen beobachtete sie Severus, der mit langsamen Bewegungen seinen eigenen Zauberstab in Richtung Boden und damit zu der klirrenden Eisenkette neigte. Ein kleines Antippen später und sie lag in zwei Hälften geteilt zu seinen Füßen.


Wo ist er?“, fragte er mit einer fordernden Stimme und Hermine hätte ihn fast deswegen angefaucht, als die Frau ihn verwundert anblickte. Zwar presste sie sich noch weiter in die Wand, so dass Hermine fürchtete, sie könne jeden Moment mit ihr verschmelzen, doch tatsächlich wisperte die Frau mit heiserer Stimme: „Ich weiß es nicht.“


Severus nickte und begann sich weiter umzusehen, während Hermine sich nun auf allen Vieren vor der Frau niederließ, um sie zu betrachten. Ihre Haare hingen strähnig und stark verknotet vor ihrem hageren Gesicht und ihre Pupillen zuckten unverwandt in den eingefallenen Augenhöhlen. In Fetzen hing ihre Kleidung, die kaum als solche erkennbar war, und an ihren Füßen fand Hermine keine Schuhe.


Wie ist dein Name?“, fragte sie schließlich und war nicht verwundert, als die Frau zusammenzuckte und zurückstarrte.


Name?“, fragte sie und kniff die Augen zusammen, als würde sie versuchen, sich daran zu erinnern. „Madonna“, erwiderte sie schließlich mit einem Lächeln, das nicht so recht in ihr Gesicht passte. „Ja, Madonna.“


Madonna?“, wiederholte Hermine und der Name klang vertraut. „Gut, dann also Madonna, bis wir einen besseren Namen finden.“


Nein, nein. Madonna ist schon gut“, erklärte die Fremde mit fester Stimme, nickte und rappelte sich etwas unbeholfen auf. Kaum stand sie aufrecht, begann sie mit leiser Stimme zu summen und trottete in den dunklen Gang zurück, aus dem sie gekommen war. Allerdings nur, bis ihr Severus entgegen kam und sie einen spitzen Schrei von sich gab.


Ist schon gut... uhm... Madonna,“ versuchte Hermine sie zu beruhigen und warf Severus einen bösen Blick zu. Der wiederum zuckte nur mit den Schultern und machte Hermine mit einer Handbewegung verständlich, dass er sie sprechen wollte... alleine.


Ich hoffe, der Elektriker kommt in der nächsten halben Stunden. Ansonsten verpasse ich Denver Clan“, murmelte die Frau soeben kaum hörbar und Hermine zog eine verwirrte Grimasse, bevor sie sich von Severus ein paar Meter weit weg ziehen ließ.


Wir müssen sie mitnehmen!“ - „Wir müssen sie hier lassen!“, platzten sie beide im selben Moment hervor und ihre Gesichter spiegelten den Ärger wider, den ihre widersprüchliche Meinungsäußerung prophezeite.


Was soll das heißen, wir müssen sie hier lassen?“, zischte Hermine und blickte über ihre Schulter, wo „Madonna“ soeben ihren Kopf schief legte und auf etwas lauschte.


Oh, ich glaube, das war die Türklingel“, ließ sie verlauten, was Severus wiederum dazu veranlasste, den Kopf zu schütteln.


Vollkommen unmöglich. Sie ist doch völlig... durchgedreht. Sie würde vermutlich noch nicht einmal bemerken, dass wir sie retten.“


Nur weil sie unsere Hilfe nicht zu schätzen weiß, heißt das doch nicht, dass wir sie ihr deswegen nicht geben sollten.“


Sie hält uns auf“, entgegnete Severus, befürchtete allerdings, dass er diese Diskussion nicht gewinnen würde.


Sie ist eine Muggel. Sie ist eine unschuldige Frau, die hier unten wer weiß wie lange eingesperrt wurde. Wer weiß, was er noch alles...“ Ihr stockte der Atem und eine Welle der Übelkeit überkam sie, als sie an die Implikationen dachte. „Du glaubst doch nicht, dass er... sie...?“ Sie brach verzweifelt ab, hoffte darauf, dass er sie unterbrechen, seinen Kopf schütteln und ihre Gedanken verscheuchen würde. Doch er tat nichts dergleichen. Stattdessen beugte er sich noch etwas näher zu ihr hinunter.


Wir werden ihr Hilfe schicken. Aber dafür müssen wir zunächst uns retten, verstanden?“


Hermine biss sich auf die Lippe und nickte. Sie hatte die Bewegung nicht bewusst angeordnet und dachte daran, ihren rebellierenden Muskeln mal gehörig die Meinung zu sagen, als sie eine Stimme hinter sich hörte, die seltsam selbstbewusst und sicher klang. So anders als die Worte, die sie vorher gehört hatte.


Er kommt.“


***


Severus riss den Kopf herum und blickte in die Richtung des Ganges, den auch die etwas verrückte Frau fixierte. Leise Schritte waren zu hören. Hermine wollte etwas sagen, doch er presste ihr eine Hand auf den Mund. Ihre Augen wurden groß und ihre Hände schnellten nach oben, pulten an seinen Fingern. Er beugte sich zu ihr herunter und flüsterte ihr ins Ohr: „Denk an den Schall! Er wird uns hören.“ Der penetrante Geruch des Shampoos drang in seine Nase und Severus richtete sich wieder auf.


Hermine starrte ihn noch immer an, doch ihre Gegenwehr hat