„Miss Granger!“
Hermine zuckte zusammen. Sie hatte sich nach dem Rezept gerichtet! Es gab keinen Grund, warum Snape schon wieder mit diesem Tonfall ankommen musste.
„Miss Granger!“
Nein ehrlich, die Schrumpelfeige gehörte genau jetzt in den Trank. Sie war sich vollkommen sicher. So stand es im Rezept und auch in seinen Anweisungen. Sie konnte es beweisen.
Doch als sie ihren Kopf zum Buch drehen wollte, stellte sie fest, dass das nicht ging. Und dann stellte sie fest, dass ihr Körper sich in einer merkwürdigen Position befand. Als letztes sickerte die Erkenntnis durch ihren Verstand, dass sie auf etwas sehr Weichem lag. Etwas, das sich bewegte. Etwas, das gerade zu einem neuerlichen „Miss Granger!“ ansetzte.
„Bin ja wach“, murmelte sie, ehe Snape dazu kam, und versuchte es noch einmal mit einer Bewegung.
„Das wurde auch langsam Zeit! Denn es wäre wirklich außerordentlich hilfreich für die Durchblutung meiner Füße, wenn Sie sich von mir herunter bewegen würden.“
Sie blinzelte, sah allerdings nur schwarz. In ihrer Hand glaubte sie ihren Zauberstab zu spüren und während sie versuchte, sich gegen einen schweren Widerstand, der auf ihren Rücken drückte, aufzurichten, murmelte sie „Lumos!“ und starrte direkt in Snapes schwarze Augen. „Nox!“, platzte sie nach zwei Sekunden unter seinem stechenden Blick heraus und verzog das Gesicht. Sie lag auf Snape. Und zwar auf seinem Bauch. So, dass ihr Kopf unter seinem Kinn platziert gewesen war. Und das vermutlich eine lange Zeit, denn seine Miene war eine äußerst grimmige gewesen.
„Miss Granger, könnten Sie die Spielchen mit dem Licht sein lassen und endlich von mir herunter steigen?“
„Ich versuche es ja! Aber falls Sie es nicht bemerkt haben sollten, der Tunnel ist zusammen gestürzt und wir liegen darunter.“ Einige Gesteinsbrocken fielen polternd zu den Seiten weg, als sie sich mit aller Kraft dagegen stemmte. Dummerweise musste sie sich dafür auf Snapes Brust abstützen, denn um sie herum lagen nur Trümmer, die zu wackelig für eine solche Angelegenheit waren.
„Ich wusste, dass Löwen mir irgendwann den Weg ins Grab ebnen würden“, keuchte er gereizt, als er ihre Oberarme umfasste und ihr so half, sich endgültig zu befreien – und sich selbst vermutlich auch.
„Vielen Dank, Sir. Das nächste Mal werde ich mich nicht auf sie werfen!“
„Das wäre wirklich außerordentlich freundlich.“ Doch seinen Worten fehlte die übliche Schärfe des ernst gemeinten Sarkasmus'.
Hermine gab ein Schnauben von sich und stand auf, wobei mehr Gesteinsbrocken polternd zur Seite fielen. Von der Decke rieselte etwas Erde auf ihren Kopf und ein Regenwurm landete irgendwo auf ihrem Scheitel. „Großartig, wirklich absolut großartig“, nörgelte sie, während sie das Tier von ihrem Kopf pulte und mit nun wieder entzündetem Zauberstab betrachtete. Der Wurm wand sich in ihren Fingern und vermutlich hätte sie ernstlich zu überlegen begonnen, was sie mit dem armen Vieh nun anstellen sollte, hätte Snape nicht ein lautes Stöhnen von sich gegeben.
„Miss Granger, könnten Sie bitte die Tiere in Ruhe lassen?“, fragte er mit schwächlicher Stimme, die ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn lenkte.
„Sind Sie verletzt?“ Sie warf den Wurm beiseite, freute sich, dass er ein stummes Wesen war und kniete sich neben Snape, soweit es ihr inmitten des Schutts möglich war.
„Offensichtlich“, brachte er noch hervor, ehe seine Augen sich verdrehten und er das Bewusstsein verlor.
„Mist!“, knurrte Hermine und versuchte sich an die Erste-Hilfe-Einheiten zu erinnern, die sie vor Antritt ihres Postens im Ministerium hatte ablegen müssen.
Erster Schritt: Ursache finden.
„Diagnosis!“, murmelte sie und kniff die Augen zusammen, als eine ganze Menge Wörter glitzernd in die Luft stiegen. An erster Stelle stand eine Beinverletzung und so konzentrierte Hermine sich darauf, seine Hosenbeine zu öffnen.
Was sie sah, als sie dies geschafft hatte, ließ sie schlucken. Das Vieh, was auch immer es gewesen war, musste ihn dort erwischt und eines der großen Gefäße verwundet haben. Indem sie auf ihm gelegen hatte, hatte sie das Bein abgestaut und so Schlimmeres verhindert. Nun jedoch…
Hermine starrte kopflos die ausgefranste Wunde an, aus der im Rhythmus seines langsamer werdenden Herzschlages das Blut quoll und schloss die Augen, bevor sie ihren Mageninhalt hochwürgte. 'Die Erste-Hilfe-Einheit. Immer an die Erste-Hilfe-Einheit denken', befahl sie sich selbst, war allerdings überrascht, als das wirklich funktionierte.
Zweiter Schritt: Ursache verstehen.
Nun, das hatte sie hinter sich.
Dritter Schritt: Ursache beheben.
„Okay, okay…“, murmelte sie. „Nachdenken! Nachdenken…“ Sie erinnerte sich an Heilzauber, die möglicherweise provisorisch helfen würden. Um einen Anflug von Panik zu unterdrücken, sprach sie alle über Snape – oder vielmehr sein Bein –, die ihr in den Sinn kamen. Irgendeiner schien zu helfen, denn die Blutung stoppte und die Wunde schloss sich oberflächlich. Hermine starrte lange Sekunden auf das blasse, spärlich behaarte Bein ihres ehemaligen Lehrers und hatte das abstruse Gefühl, niemals zuvor etwas Wundervolleres gesehen zu haben.
„Prof…“ Sie unterbrach sich selbst. „Mr Snape?“ Hermine fasste ihn an der Schulter und rüttelte leicht daran. Von ihm kam ein Schnaufen. „Mr Snape, Sie müssen aufwachen!“ Mit beinahe hypnotisierenden Blicken fixierte sie sein Gesicht und neigte ihr eigenes soweit darüber, dass sie beinahe seine Nasenspitze mit ihrer berührte. Doch irgendwie half das Starren nicht so richtig.
Aus ihren übermütigen Bemühungen wurde sie erst gerissen, als sich etwas hinter ihr im Schutt bewegte. Mit bösen Vorahnungen drehte sie ihren Kopf über die Schulter, soweit es ihr möglich war, und starrte direkt in zwei große Augen. Sie hatte nicht einmal mehr Zeit zum Schreien, bevor eine Hand ihren Zauberstab nach oben riss und ein schwächliches „Protego!“ aussprach.
Der Löwe, der den Tunnel selbst jetzt noch komplett ausfüllte, traf bei seinem Vorstoß auf einen festen Widerstand in der Luft und zog sich jaulend zurück. Nur zwei Sekunden später griff er sie erneut an und dieses Mal hatte Hermine sehr wohl Zeit zum Schreien. Der schrille Ton wurde von den Wänden zurückgeworfen und verstärkt, so dass es sich selbst in ihren Ohren grauenhaft schrill anhörte. Was nicht hieß, dass sie damit aufhören konnte.
„Halten Sie den Mund!“, forderte Snape sie dankenswerterweise schwächlich auf, hielt ihren Zauberstab und zwei ihrer Finger jedoch fest umklammert, während er weiterhin auf den Schutzschild zielte. Hermine konnte die Magie spüren, die aus ihrem Körper in den Zauberstab und vor dort aus in den Schild floss. Snape gab nur die Befehle, er hatte keine Kraft, um selbst für ihren Schutz zu sorgen.
Heftig nach Luft schnappend, verstummte Hermine und spürte ihre eben kontrollierte Übelkeit mit aller Macht zurückkehren, als der Löwe das Maul aufriss und eine Reihe gelblicher, sehr scharfer und vor allem übel riechender Zähne entblößte. Das Brüllen hallte laut durch die Gänge und erneut fiel Erde auf sie hinab. Hermines Hand begann zu zittern und Snape umfasste sie noch energischer.
„Denken Sie nicht einmal daran, jetzt die Nerven zu verlieren!“, drohte er und stemmte sich dabei sogar auf seinen freien Unterarm.
Hermine wimmerte und sparte sich den Hinweis, dass sie noch sehr viel mehr verlieren würde, wenn nicht bald ein Wunder geschah. Denn sie zitterte nicht nur aus Angst, sondern vor allem wegen der Kraft, die zunehmend aus ihrem Körper schwand.
Dann wurde es urplötzlich still. Der Löwe verharrte und sank auf seine Hinterpfoten zurück. Er streckte die Nase in die Luft und spitzte die Ohren – ein Verhalten, das sie so sehr an Krummbein erinnerte, dass sich ein Teil ihrer Angst einfach auflöste. Schließlich wirbelte das Tier herum und lief in die Dunkelheit des Tunnels, über Schutt und Hindernisse hinweg, als würde es sie gar nicht geben.
Snape ließ Hermines Hand mit dem Zauberstab sinken und blickte dem Löwen ebenso hinterher wie sie selbst. Nur langsam drehte sie den Kopf zu ihrem Begleiter, der nach wie vor um sein Bewusstsein zu kämpfen schien. „Ich denke, Sie wissen, was das bedeutet“, murmelte er.
Hermine schüttelte nur den Kopf, die Augen weit aufgerissen.
Snape hob eine Augenbraue (und sie hasste ihn dafür, dass er diese Geste auch jetzt noch drauf hatte). „Kitty hat ein Herrchen.“, erklärte er und seine Stimme troff vor Sarkasmus. Allerdings neigte er skeptisch den Kopf, als er sie länger im fahlen Licht des Zauberstabes betrachtete. „Denken Sie nicht mal daran!“, befahl er schließlich, doch es war zu spät.
Hermine drehte ihren Kopf zur Seite und erbrach das, was sie vor sehr langer Zeit irgendwann mal gegessen hatte, zusammen mit einem Schwall Magensäure.
„Womit habe ich das verdient?“, hörte sie Snape ergeben seufzen, während sie sich mit einer zitternden Hand über den Mund wischte und hoffte, dass das Karussell, in dem sie sich befand, in absehbarer Zeit eine Pause machen würde.
***
„Sagen Sie, hat man Ihnen als Einstellungsvoraussetzung im Ministerium das Gehirn entfernt?“
Die junge Frau ignorierte seinen Kommentar und klemmte ihren leuchtenden Zauberstab zwischen ihre Zähne, um beide Hände frei zu haben. Vorsichtig belastete Severus sein Bein und musste zugeben, dass die ehemalige Gryffindor nicht dafür verantwortlich sein würde, dass man es ihm amputierte. Außer einer gereizten Haut und einem dumpfen Ziehen in seinem Oberschenkel spürte er nichts mehr. Wären die zerrissenen Ränder seiner Hose nicht blutgetränkt, er hätte steif und fest behauptet, nicht verletzt gewesen zu sein.
Sie war inzwischen fertig mit Packen und hob ihren Rucksack auf die Schultern, bevor sie sich zu ihm umdrehte und ihn erwartungsvoll anblickte.
„Was? Sie haben Steve Ruber gefunden. Was wollen Sie denn noch?“ Er richtete sich noch größer auf und ließ einen autoritären Ton in seiner Stimme mitschwingen. „Wir müssen einen Ausgang finden, Miss Granger!“
„Nein!“
„Nein? Was bei Merlins Zehennägel...“ Severus biss sich auf die Zunge und der Schmerz half ziemlich gut, seinen anrollenden Wutausbruch zu dämpfen. „Ich habe mich doch nicht mit Ihnen auf die Suche nach ein paar Knochen gemacht, um hier den Alleinunterhalter für das Haustier eines Verrückten zu spielen.“
„Ich denke, in dem Vieh steckt weniger Haus, sondern mehr Hungrig…“ Sie brach ab, als sie sah, wie Snape eine Grimasse zog, als hätte ihn gerade ein Kobold in die Wade gebissen.
„Hervorragend, das hat mich überzeugt. Kommen Sie, lassen wir uns verspeisen!“, spottete Severus und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich kann jetzt nicht gehen“, fuhr Hermine fort und ignorierte erneut seinen Ausbruch. „Ich habe nicht vor „Ich habe den Muggel Steve Ruber an sieben verschiedenen Stellen gefunden und bin dann vor einer großen Katze geflüchtet“ in meinen Bericht zu schreiben. Ich möchte wissen, was hier vorgeht.“ Man konnte ihr ansehen, dass sie am liebsten mit dem Fuß aufgestampft hätte.
„Verdammter Gryffindorstolz. Oder sollte ich lieber sagen Selbstüberschätzung?“
Sie kniff wütend die Augen zusammen. „Schön, gehen Sie! Suchen Sie sich einen Ausgang! Sie können ja ein Fähnchen hinterlassen, damit ich Ihnen folgen kann.“
„Miss Granger...“, begann er, doch sie hatte sich bereits umgedreht und versuchte relativ erfolglos, den Felsenberg zu erklimmen, über den der Löwe beinahe problemlos hinweggestiegen war. Es klackerte laut, als die Brocken unter ihren Füßen nachgaben und mit einem leisen „oohmph“ landete sie vornüber auf den rollenden Geschossen. Ohne zu zögern wiederholte sie dieses Spiel noch zwei weitere Male, bis sie endlich oben angekommen war und mit dem Bauch voran durch den Durchgang robbte. Sie drehte sich um und da sie das Licht ihres Zauberstabes hinter sich hielt, lag ihr Gesicht weitestgehend im Schatten.
„Sehen Sie, das war ...“ Ein Rumpeln und ihr Kopf verschwand aus dem Loch.
„Au!“, fluchte sie, begleitet von dem Klackern der Steine. „Mist! Ah!“ Stille setzte ein und Severus merkte kaum, wie er die Luft anhielt. „... gar nicht so schwer!“, beendete Hermine den Satz, doch sie klang deutlich gezähmter als noch Sekunde zuvor.
Severus entließ entnervt seinen Atem und sein Blick fiel auf sein bereits geheiltes Bein. Sie hatte tatsächlich gute Arbeit geleistet und er fühlte sich versucht, sie mit Poppy zu vergleichen, die meist dafür gesorgt hatte, dass er sich noch elender fühlte, nachdem er aufgrund einer Verletzung bei ihr gewesen war.
„Warten Sie!“, rief Snape ihr resigniert hinterher.
„Was? Wollen Sie noch ein letztes Mal meine Misere genießen, bevor Sie sich in Sicherheit bringen?“
„Passen Sie gefälligst auf, was Ihr ausschweifendes Mundwerk von sich gibt. Ich könnte es mir anders überlegen.“
***
Sie hatten sich zurück in die Höhle gewagt, obwohl alles in Severus danach drängte, schnellstmöglich von hier zu verschwinden. Er spürte ihren Blick in seinem Rücken und wusste genau, dass sie mehr wissen wollte. Es lag ihr auf der Zunge und wenn er jetzt zu ihr zurück sehen würde, würde er erwarten, dass sie ihre Hand fest auf ihre Lippen gepresst hielt, um zu verhindern, dass die fordernden Worte ungebremst aus ihr herauspurzelten.
Doch er sah nicht zurück.
Stur setzte er einen Fuß vor den anderen und hatte nur den einen Gedanken: So schnell wie möglich zu den Ruinen zu gelangen, die bereits vor so langer Zeit ein Schicksal besiegelt hatten. Leider konnten sie nicht verhindern, nun doch die Höhle zu durchqueren und so lauschte er angestrengt auf jedes einzelne Geräusch, das an sein Ohr getragen wurde. Jedes Rascheln, jedes Rauschen, jedes noch so leise Raunen ließ ihn argwöhnisch die Umgebung absuchen. Und so zuckte er erschrocken zusammen, als die Stimme von Hermine Granger von hinten ertönte. Obwohl sie sich offenbar bemühte, leise zu sprechen, schien jedes von ihnen verursachte Geräusch eines zu viel und so warf er einen bösen Blick über seine Schulter.
„Was?“, knurrte er und sah wieder nach vorne. Sie hatten sich dafür entschieden, dieses Mal einen Weg quer durch den Wald zu nehmen, um eine erneute Aktion wie die in der Schlucht zu vermeiden. Nur leider bedeutete das auch, dass sie nicht genau sahen, wohin sie liefen. Er murmelte zum wiederholten Mal den „Weise mir den Weg“-Zauber und der Stab in seiner Hand wirbelte auf elf Uhr und pendelte sich dort ein. Noch einen Schritt anziehend, korrigierte er ihre Zielrichtung und hätte fast vergessen, dass Granger noch etwas gesagt hatte.
„Was?“
„Ich habe gefragt, ob Sie mir jetzt sagen werden, was genau damals passiert ist.“ Auch wenn sie sich alle Mühe gab, ihre Stimme fest und unnachgiebig klingen zu lassen, eine vorsichtige und beinahe mitfühlende Neugierde war aus ihren Worten herauszuhören.
„Sagt Ihnen der Spruch „Neugier ist der Katze Tod“ etwas?“
Sie schnaubte. „Wäre es ein Zauberspruch, könnte man ihn bestimmt auf die Monsterkatze von vorhin anwenden.“
Severus schüttelte seinen Kopf. „Das habe ich damit nicht sagen wollen.“
„Das weiß ich“, entgegnete sie so ernsthaft, dass er beinahe stehen geblieben wäre. „Ich möchte wissen, wer verantwortlich ist ... für all das.“
Er ließ ihre Worte einige Sekunden lang in der Luft hängen in der Hoffnung, eine Windböe würde sie wegtragen, doch sie weigerten sich. Stattdessen begleiteten sie seine Schritte, fielen direkt vor seine Füße, bis er schließlich stehen blieb und wartete, bis Hermine zu ihm aufgeholt hatte und sie nebeneinander weiterliefen.
Severus hatte die Erlebnisse nur einmal jemandem erzählt. Dem Dunklen Lord. Und bei dem Gedanken daran schmeckte er erneut das Blut auf seiner Zunge, nachdem er sich wegen des nicht enden wollenden Crucios auf die Zunge gebissen hatte.
„Frederick und ich, wir lernten uns in meinem siebenten Jahr in Hogwarts kennen, als er sich mit James Potter anlegte.“ Er lächelte schief bei dem Gedanken daran. „Er war ein Jahr unter mir, doch er produzierte einen Klammerfluch, der selbst Flitwick neidisch machte.“
Wieder machte er eine kleine Pause. „Er war der erste Gryffindor, der jemals das Wort gegen diesen augeblasenen Potter erhoben hatte. Wir wurden ... Freunde.“
Er verschwieg wohlweislich, dass er von Frederick regelmäßig über die Beziehung von Lily und James unterrichtet wurde.
„Ich war bereits im Begriff, ein Todesser zu werden, als er die Schule beendete. Allerdings hatte er als Gryffindor immer die irrsinnige Vorstellung, mich vor meinem Schicksal als 'mordendes Ungeheuer', wie er es ausdrückte, zu retten. Dieser Idiot!“ Ungewollte hatte das letzte Wort traurig geklungen und für einen Moment lang glaubte Severus, Hermine hätte es nicht so verstanden, wie er es gemeint hatte.
Doch schon wieder überraschte sie ihn, als sie leise erwiderte: „Ich verstehe ... und es tut mir leid.“
„Sparen Sie sich Ihr Mitleid, Miss Granger!“, fauchte er und sie ging wieder dazu über, ihm aufmerksam zuzuhören.
„Es war reiner Zufall, dass wir uns hier unten wieder fanden. Wir waren unvorbereitet, dumm und arrogant. Wir glaubten nicht, dass uns hier jemand finden würde. Es war wie ein großer Abenteuerplatz... bis Fred verschwand.“
„Verschwand?“
„Ja“, sagte er und blieb stehen. Die Bäume waren auf den letzten Metern immer lichter geworden und der Boden unter ihren Füßen wieder steiniger. Durch die verbleibenden grünen Farne hindurch erkannte er torffarbene Wände, die trotz der fehlenden Witterung in dieser Welt arg gelitten hatten. Einige der Häuser standen nicht mehr, waren zerbröckelt wie Sandburgen unter den Fingern eines ungeschickten Kleinkindes. Und Severus spürte Kälte in sich aufsteigen, als ob der Ort ihn bestrafen wollte.
Hermine Granger lief vorsichtig einige Meter voran und sah sich unschlüssig um. „Was ist hier passiert?“
Verdutzt wandte Severus seinen Blick von dem gehassten aber all zu bekannten Terrain ab und starrte sie an, als hätte sie gerade um seine Hand angehalten. Diese Granger...
„Das,Miss Granger, wüsste ich auch gerne.“
***
Hermine beobachtete Snape mit scheelen Blicken, während sie die Ruinen der Häuser durchsuchten. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er ihr so offen berichten würde, was damals geschehen war. Nun gut, an der interessantesten Stelle hatte er aufgehört, aber das war zu erwarten gewesen.
Was sie nicht erwartet hatte, war, dass Frederick Ferret ein so enger Freund von Snape gewesen war. Sie hatte ihren ehemaligen Lehrer irgendwie nie mit Freundschaften in Verbindung gebracht. Doch genau genommen hatte sie ihm auch niemals Gefühle wie Liebe zugestanden und da hatte er sie bereits eines Besseren belehrt. Unwillkürlich kam ihr der Gedanke, dass sie möglicherweise noch eine Menge von ihm lernen könnte, wenn sie sich nur darauf einlassen würde.
Diesen Gedanken schob sie allerdings mit einem Kopfschütteln beiseite. Es war ganz bestimmt nicht ihre Entscheidung, ob sie sich auf Lektionen von ihm einlassen würde, sondern vielmehr seine, ob er sie ihr überhaupt erteilen würde. Momentan tendierten sie eher in die Richtung, sich in absehbarer Zeit gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Vor allem wenn er aus seinem redseligen Zustand, den magische Heilungen mitunter auslösten, erwachen und sich erinnern würde, was genau er ihr erzählt hatte.
Hermine erstarrte, als sie diesen Gedanken fortführte. Möglicherweise wäre es schlau, sich schon jetzt für diesen Fall abzusichern. Sie selbst hatte auch einige seiner Fragen konsequent ignoriert und wenn sie ein paar davon beantworten würde, könnte er ihr seine Antworten nicht vorhalten.
Dieses Denken fühlte sich selbst für sie sehr slytherin an, doch sie schob es auf die Gegenwart des früheren Slytherin-Oberhauptes und entschied, dass es deswegen in Ordnung war. Genauso wie die Kalorien von Ginnys sündigem Pudding nicht zählten, wenn sie ihre Portion mit James teilte – selbst wenn sie danach noch eine zweite alleine aß.
Gerade als sie sich mit ihrem Plan im Kopf zu Snape umdrehen wollte, sah sie etwas in den Trümmern am Boden blitzten. Ihre Stirn runzelte sich beinahe automatisch, als sie darauf zuging und die Steine beiseite schob, die den Gegenstand verbargen. Er war größtenteils mit Staub bedeckt, nur wenige Stellen waren so sauber, dass sie das Licht wirklich reflektieren konnten.
Hermine streckte die Hand aus und zog ein Armband aus dem Staub. Es war ein schlichtes Silberarmband mit groben Gliedern, eindeutig für einen Mann angefertigt. Keine Frau würde sich mit so einem Fahrradschloss auf die Straße wagen. „Mr Snape“, murmelte sie und wandte sich zu ihm um.
„Anscheinend hat es ja doch einen Sinn, Sie immer wieder auf meinen Titel hinzuweisen“, stellte er fest, schien aber nicht im Traum daran zu denken, ihr auch nur einen Blick zukommen zu lassen.
„Ich habe meine Fähigkeit zu lernen noch nicht gänzlich aufgegeben, falls Sie das meinen. Aber gerade jetzt geht es mir eigentlich nicht darum, sondern um das Armband, das ich gefunden habe.“
Daraufhin ruckte sein Kopf nach oben und er drehte sich langsam auf der Stelle um. Hermine wusste nicht, was sie von dem Gesichtsausdruck halten sollte, der sich bei einem Blick auf ihr Fundstück zeigte, doch sie war sicher, dass sie ihn niemals zuvor bei ihm gesehen hatte.
Kapitel 7
Hermine hatte die Daumen unter die Träger ihres Rucksacks gehakt, während sie Snape durch die stupiden Gänge folgte. Auf ihrer Stirn standen nach wie vor verärgerte Runzeln, die vor allem daher rührten, dass er ihr das Armband aus der Hand gerissen und eingesteckt hatte, ohne ihr zu erklären, was es damit auf sich hatte. Anscheinend hatte er die redselige Stimmung bereits hinter sich gelassen und dachte darüber nach, wie er ihr am besten deutlich machte, dass sie es ja nicht wagen sollte, die Antworten gegen ihn zu verwenden. Was sie sowieso niemals in Betracht gezogen hatte, immerhin war ihr ihr Leben lieb.
Also hatte sie beschlossen, den Kopf einzuziehen und solange den Mund zu halten, wie er seine Nase gerümpft hatte, als hätte er einen widerlichen Geruch in eben dieser. Dieses Verhalten wäre nicht nur ihrer Gesundheit, sondern auch seiner Laune zuträglich.
Es änderte jedoch nichts daran, dass sie ihr Zeitgefühl verloren hatte und sich nach einem Rastplatz und vielen Stunden Schlaf sehnte. Ihr Vater hatte früher immer behauptet, dass das Beste bei einem Muskelkater weitere Arbeit wäre. Sie konnte diese Theorie inzwischen widerlegen. Es wurde schlimmer und nicht besser, vor allem mit einer Begleitung wie dieser.
So in ihre Gedanken vertieft, bemerkte sie nicht, dass Snape stehen geblieben war – und lief prompt in ihn hinein. „Miss Granger...“, sagte er sehr leise und sehr scharf.
„Tut mir leid, Sir“, nuschelte sie und trat sicherheitshalber einen Schritt mehr als nötig nach hinten.
Snape gab ein Brummen von sich und deutete dann auf eine Nische wie die, in der sie schon ihre erste Nacht verbracht hatten. „Wir werden die Schutzzauber heute gemeinsam sprechen. Dann sind sie stärker und halten uns Kitty hoffentlich wirkungsvoller vom Hals als letztes Mal. Ich hatte nicht vor, schon wieder geweckt zu werden.“
Hermine nickte nur und stellte ihren Rucksack in die Nische, ehe sie ihren Zauberstab zog und sich mit dem Rücken zu Snape in den Gang stellte, so dass jeder von ihnen sich jeweils eine Seite des Ganges vornahm. Erst als sie die Stäbe bereits erhoben, fiel ihr ein, dass sie nicht einmal wusste, welche Schutzzauber er zu verwenden gedachte. Zu ihrer Überraschung stimmten sie beide denselben an. Hermine ließ sich leiten von der Magie, die aus ihrem Körper gesogen und in die Barrieren geleitet wurde. Sie schien besser zu wissen, was zu tun war.
Nach ein paar Minuten blickten sie beide zufrieden auf eine schimmernde Wand, die schon von ihrer äußeren Erscheinung her machtvoller war als die, die Snape in der Nacht zuvor errichtet hatte. Sie würde niemals freiwillig laut sagen, dass seine Künste eingerostet waren, doch auch wenn man die Differenz einrechnete, die sich automatisch ergab, da sie nun zu zweit waren, waren die Unterschiede sehr deutlich. Snape mochte ein ausgezeichneter Tränkemeister sein, doch das ‚Zauberstabgefuchtel‘ hatte er nur marginal erlernt.
Von dieser Erkenntnis ließ sie sich natürlich nichts anmerken, als sie schweigend die Schlafsäcke ausbreitete und sich fröstelnd in ihren legte. Sie starrte nachdenklich an die dunkle Decke hinauf und hoffte, dass ihr bald wärmer werden würde. Vor allem ihre Füße waren so kalt, dass sie Abstand davon nahm, sie am jeweils anderen Bein aufzuwärmen. Sie konnte das Zittern nur bedingt unterdrücken und die Schlafsäcke hatten die Eigenschaft zu rascheln, wenn man sich bewegte.
So wunderte es sie nicht, als Snape nach einer Weile sagte: „Ich hoffe sehr, dass Sie frieren und nicht vor Angst zittern, Miss Granger.“
„Natürlich friere ich“, gab sie verärgert zurück. „Was denken Sie eigentlich von mir? Nein, halt! Will ich es wissen?“
Sie hob erstaunt eine Augenbraue, als sie ein kehliges Lachen zu hören glaubte. „Ich denke nicht“, antwortete er dann allerdings mit seiner gewohnt ätzenden Stimme und sie tat es als Sinnestäuschung ab.
Hermine schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Man hat mir nicht das Hirn entfernt, als ich im Ministerium anfing. Man hat mir nur nach zwei Jahren meine Partnerin genommen und mich unter Beobachtung gestellt.“
„Wundert mich nicht.“
Daraufhin verschwand die Kälte in ihrem Körper allein schon aufgrund der aufsteigenden Wut, die eine Menge bisher verborgener Hitze mit sich brachte. Sie setzte sich auf und funkelte Snape durch die nur Schemen offenbarende Dunkelheit an. „Ich bin eine gute Ermittlerin! Ich habe mit meiner Partnerin viele Fälle gelöst. Es ist nicht fair, dass man mich jetzt behandelt, als hätte ich Äpfel gestohlen!“
„Nun, irgendeinen Grund muss es ja haben, dass man Sie beobachtet“, erwiderte er trocken und drehte ihr nicht mal den Kopf zu.
„Die Abteilung für Vermisstenfälle bekam einen neuen Leiter.“
Nun hörte sie doch eine Bewegung von der anderen Seite der Nische, konnte aber nicht genau sagen, was er getan hatte. Jedenfalls bestand seine Antwort aus einem lang gezogenen „Und?“.
„Und seine erste Amtshandlung bestand darin, die Kündigungen für die Hälfte der Ermittler zu unterschreiben – inklusive der meiner Partnerin. Deswegen ist die Abteilung schon seit zwei Jahren unterbesetzt und deswegen wäre ich alleine hier runtergegangen, wenn Sie nicht so überaus gütig gewesen wären, sich als meine Begleitung anzubieten.“ Hier gab er einen erstickten Laut von sich, auf den Hermine jedoch nicht einzugehen gedachte: „Ich hätte diese Gänge niemals ohne ein Team betreten, wenn ich nur die geringste Chance gehabt hätte, rechtzeitig eines zu bekommen.“
„Selbst rechtzeitig wäre zu spät gewesen, Miss Granger. Steve Ruber war schon tot, bevor wir überhaupt hergekommen sind.“
„Das konnten wir nicht wissen.“
„Natürlich nicht. Aber es ändert nichts an den Tatsachen. Möglicherweise wusste ihr Chef, dass die Aussichten, ihn lebend hier rauszuholen, gering sind und hat sie deswegen alleine auf den Fall angesetzt. Haben Sie darüber mal nachgedacht, Miss Granger?“
„Nein, das habe ich in der Tat nicht.“
„Dann sollten Sie es vielleicht einmal tun.“
Sie schwieg zwei Sekunden, dann: „Er wusste überhaupt nicht, worum es bei diesem Fall ging.“
„Sie sind noch genauso vorschnell in ihren Schlussfolgerungen wie damals“, seufzte Snape.
„Und ich bin immer gut damit gefahren!“, schoss sie prompt zurück.
„Natürlich“, spöttelte er und schien dies als Anlass zu nehmen, sich aufzusetzen. Anscheinend hatte er erkannt, dass es sinnlos war, weiterhin ruhig am Boden zu liegen, während sie sich in ihre Überlegungen steigerte und sie auch noch laut verkündete. Aufgrund der vielen Bewegungen bekam Hermine nun eine ungefähre Vorstellung davon, wohin sie gucken musste.
„Meinen Chef interessiert das Schicksal von Steve Ruber genauso sehr wie das Wetter auf dem Mount Everest vor fünfzig Jahren. Er hasst Muggel und Muggelstämmige. Meine Kollegin war muggelstämmig und hatte das Pech, eine Abmahnung wegen einer voreiligen Handlung in ihrer Akte zu haben. An mir beißt er sich seit zwei Jahren die Zähne aus und ich gedenke nicht, etwas daran zu ändern.“
Snape holte einmal tief Luft und fragte dann: „Was für eine voreilige Handlung war es?“
„Sie hat einen kleinen Jungen davor gerettet, von einem Avada Kedavra getötet zu werden, dabei aber dummerweise mich ohne Deckung zurückgelassen.“ Die Bitterkeit stand deutlich in ihrer Stimme, als sie hinzufügte: „Wissen Sie, ich hätte sogar noch meinen Zauberstab beiseite gelegt, nur um das Kind zu retten. Es war eher eine Formalität als eine wirkliche Abmahnung.“
„Das ist Pech.“ Seine Stimme klang merklich desinteressiert.
„Es ist ungerecht.“
„Dann gehen Sie zum Zaubereiminister.“
„Der hat die Rationalisierungen ja in Auftrag gegeben und ist ganz begeistert von seinem neuen Abteilungsleiter.“
„Dann kündigen Sie.“
„Ich denke ja nicht mal daran!“
„Dann hören Sie auf, mich mit den Konsequenzen Ihres vermaledeiten Gryffindor-Stolzes zu nerven!“
Hermine stöhnte resignierend und fuhr sich durch ihre Haare. „Okay“, gab sie sich dann geschlagen und legte sich wieder in ihren Schlafsack. Hatte sie wirklich erwartet, dass er seine Meinung über sie ändern würde, nur weil er die Hintergründe kannte? Das wäre nach all den Jahren wirklich zu viel verlangt gewesen.
Ein Gutes hatte dieses Gespräch jedoch gehabt, wie sie feststellte, als sie eine bequeme Position eingenommen hatte: Ihre Füße waren endlich warm.
***
Als Severus wieder erwachte, gab er ein leises Stöhnen von sich. Er hatte geträumt. Einen ihm sehr bekannten Traum. Es war Jahrzehnte her, dass er ihn das letzte Mal geweckt hatte und eigentlich hatte er gehofft, dass das niemals wieder passieren würde.
Seufzend strich er sich den Schlaf aus den Augen und fand sich damit ab, dass er in dieser Nacht keine Ruhe mehr finden würde. Stattdessen setzte er sich leise auf und ließ den Kopf auf den Schultern kreisen. Es knackte mehrmals und Granger drehte sich auf die andere Seite. Ihr Gesicht zeigte nun zur Wand und erfüllte ihn mit einer dumpfen Genugtuung. So musste er ihr wenigstens nicht die ganze Zeit beim Schlafen zusehen.
Eine steile Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen, als er die Hand in seine Hosentasche steckte und das Armband herauszog. Er ließ die groben Glieder durch seine Finger gleiten und erinnerte sich an die vielen Gelegenheiten, in denen er es an Fredericks Arm gesehen hatte. Er selbst hatte es immer für vollkommen daneben gehalten. Es erfüllte keinen Zweck und war eher hinderlich als hübsch anzusehen. Doch Frederick hatte es niemals abgelegt. Er hatte ihm jedoch auch niemals gesagt, warum er so sehr an dem Ding hing.
Severus verzog den Mund, als er den Erinnerungen an seine Schulzeit gestattete, für einige Sekunden durch seinen Verstand zu kreisen. Eigentlich hatte er geglaubt, diese Schuldgefühle hinter sich gelassen zu haben. Und dennoch... hier unten, wo alles passiert war...
Er schüttelte den Kopf und steckte das Armband wieder in seine Tasche. Zumindest hatte er es geplant, doch es glitt ihm aus den Händen und so tastete er nach seinem Zauberstab und entzündete ein Licht an der Spitze. Die Kette war in eine Stofffalte des Schlafsacks gerutscht und glitzerte unschuldig, als das Licht darauf fiel. Severus griff danach und steckte es weg, wobei seine Blicke durch die Nische glitten.
Und an einem Pergament hängen blieben. Sofort verschwanden alle nostalgischen Gedanken und die Vorsicht kehrte zurück. Er war sich vollkommen sicher, dass weder er noch Granger vorhin ein Pergament ausgepackt hatten. So leise wie möglich bewegte er sich darauf zu und sprach mehrere Analysezauber darüber. Es schien vollkommen harmlos, wenn man mal von der Tatsache absah, dass es irgendwie hinter ihre – nach wie vor intakten – Barrieren geraten war.
Mit verständnisloser Miene streckte er die Hand aus und entfaltete es.
1:1
Mehr stand nicht darauf. Und dennoch reichte es, um ihm einen kalten Schauer den Rücken hinunter zu jagen.
***
Ein Ruck ging durch ihren Körper und sie saß aufrecht, noch bevor sie richtig wach war. Sie blinzelte einige Male den übrig gebliebenen Schlaf aus ihren Augen und wischte sich mit der Hand über das Gesicht. Was für eine Art aufzuwachen.
Und dabei konnte sie sich nicht einmal mehr daran erinnern, was genau für ihre plötzliche Rückkehr in das Land der Wachen verantwortlich war.
„Miss Granger, schön, dass auch Sie sich dafür entschieden haben, etwas zu unserer Rettung beizusteuern. Auch wenn es nur darum geht, anwesend, ansprechbar und kohärent zu sein.“
„Huh?“
„Nun gut, das kohärent sollten wir noch einmal üben.“
Sie konnte die Umrisse seiner Gestalt sehen, die sich andeutungsweise von dem schimmernden Licht abhoben. Er schien mehr oder weniger gelangweilt an der Mauer zu stehen und sah abwechselnd mal nach links, dann wieder nach rechts.
„Was tun Sie da? Haben Sie etwas gesehen?“
„Nein“, entgegnete Snape mit angespannter Stimme. Hermine wartete auf eine weitere Äußerung. Ein „Ich warte auf den Bus“ oder vielleicht auch ein „Mir gefällt es, an der Wand zu stehen“. Doch es kam nichts. Und wenn es etwas gab, das Hermine nervös machen konnte, dann genau diese Reaktion, die gar keine war. Trotzdem wagte sie nicht nachzuhaken.
„Wir sollten uns beeilen“, drängte Snape schließlich und innerhalb weniger Minuten hatten sie ihre nicht vorhandenen Zelte abgebaut. Dieses Mal nahm sich Hermine Zeit, ihren Rucksack ordentlich zu packen und einige Sachen zu schrumpfen, damit er nicht allzu sehr ihre Schultern belastete. Während der gesamten Zeit schwieg Snape. Ein angespanntes Schweigen, das Hermines Einbildung Überstunden schieben ließ. Vielleicht hatte er das Monster ja doch gesehen und wollte sie nicht erschrecken?
Klar, als ob! Eher hätte er sie aus dem Schlaf gerissen und dem Tier zum Fraß vorgeworfen. So etwas Banales wie die Achtung vor der Anderen Gefühle war nicht Bestandteil von Snapes emotionalem Repertoire. Also biss sie sich frustriert auf die Unterlippe und kopierte seine lautlose Stimmung.
„Beeilen Sie sich!“, fauchte er, als sie den Ausgang des Tunnels beinahe erreicht hatten. Das ewige Zwielicht lockte Hermine mit seinen billigen Versprechungen auf Sonnenlicht und sie schluckte bei dem Gedanken daran, dass der Spruch „Licht am Ende des Tunnels“ von jetzt an immer einen bitteren Nachgeschmack haben würde.
Snape hatte einige Meter Vorsprung und wartete bereits am Ausgang auf sie. Sein Blick schweifte ohne Unterlass über das zu ihren Füßen liegen Terrain.
„Mr Snape?“, fragte Hermine nachdem sie aufgeholt hatte. „Gibt es etwas, dass Sie mir nicht sagen wollen?“
„Wollen Sie es in alphabetischer Reihenfolge oder eher nach Relevanz sortiert?“
Ah, zumindest war er mehr oder weniger wieder der Alte. Hier im Halblicht sah Snape seltsam aus, blass. Noch blasser als sonst. Hermine sah an dem nervösen Zucken seiner Pupillen, dass er scheinbar etwas suchte. Wahrscheinlich das Monster. Was sonst könnte man hier unten finden? Nichtsdestotrotz konnte Hermine das Gefühl nicht abschütteln, dass es tatsächlich etwas gab, das ihr Begleiter ihr verschwieg. Und wenn es nach dem Pulsieren der Hauptschlagader am seinen Hals ging, hatte das Geheimnis etwa die Größe eines Bergtrolls.
„Schön, Sie müssen es mir nicht sagen, aber...“
„Na dann hätten wir das geklärt“, unterbrach er sie und lief los.
***
Zu sagen, Severus hätte ein ungutes Gefühl, wäre eine maßlose Untertreibung.
Der furchtlose, beherrschte Mann hatte sich noch nie zuvor so unsicher gefühlt. Selbst als er als Spion inmitten von eiskalten Todessern gestanden hatte, hatte er sich nie so verwundbar gefühlt. Das Gefühl, beobachtet zu werden, verfolgte ihn mindestens so hartnäckig wie diese Granger, die hinter ihm in einen gleichmäßigen Trott gefallen war.
„Was haben Sie eigentlich vor?“, fragte sie schließlich. Ihre Stimme klang so, als ob sie sich lange hatte überwinden müssen, diese Worte herauszupressen. Er grinste diabolisch. Wenn das nicht ein eindeutiger Beweis ihrer fehlenden Führungsqualitäten war...
„Das geht Sie nichts an!“, erwiderte er und das Geräusch ihrer Schritte verstummte abrupt. Einen Moment lang überlegte er, ob er ihre Laune einfach ignorieren oder sich diesem Problem stellen sollte. Er wäre nicht Severus Snape gewesen, wenn er sich für letzteres entschieden hätte.
„Hey, warten Sie!“, forderte sie schließlich und einen minimalen Moment lang hielt er in seinen Schritten inne. Auch wenn er sie nicht leiden konnte, war ihre Gesellschaft wünschenswerter, als mit seinen sich überschlagenden Gedanken allein gelassen zu werden.
„Mr Snape!“, sagte sie, als sie ihn endlich eingeholt hatte. Sie atmete durch die kurze Anstrengung etwas schneller und ihre Gesichtshaut glänzte rot unter einer dünnen Schicht Schweiß. „Ich möchte wissen, was heute Nacht passiert ist!“
Hm, sie war intelligenter, als sie aussah.
„Miss Granger“, begann er langsam und betont. „Ich möchte Ihnen und Ihrer blühenden Fantasie nicht zu nahe treten, aber...“
„Nein!“, unterbrach die junge Frau und sie hatte es nur seiner Überraschungen zu verdanken, dass er ihre Frechheit nicht umgehend mit einem Punkteabzug bestrafte, der noch ihre Enkelkinder in ein schlechtes Licht rücken würde.
Dann fiel ihm ein, dass er nie wieder Punkte abziehen würde. Das wiederum rückte seine Entscheidung, Hogwarts nie wieder zu betreten, beinahe in ein schlechtes Licht. Aber auch nur beinahe.
„Ich möchte es wissen!“, verlangte sie. „Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, wir sitzen hier beide im Schlamassel. Ich möchte wissen, was mit Steve Ruber passiert ist und wenn ich wüsste, was Sie vorhaben – denn soviel ist offensichtlich: Sie haben etwas vor! - , könnten wir anfangen, zusammen zu arbeiten. Und wenn nicht, dann suche ich mir meinen eigenen Weg.“
„Ach!“ Severus riss mit gespielter Überraschung die Augen auf. „Sie wären innerhalb weniger Minuten entweder abgestürzt, von Cherimoyas vergiftet oder von einem überdurchschnittlich großen Löwen gefressen.“
Granger fehlten die Worte, als sie ihren Mund öffnete. Er schloss sich wieder und sie holte tief Luft, bevor sie an ihm vorbei lief.
Es dauerte nicht lange und sie fanden sich in den Ruinen der Stadt wieder, die sie gestern nach dem Fund des Armbandes so überstürzt verlassen hatten. Dieses Mal würden sie sich etwas mehr Zeit dafür nehmen müssen, wenn sie planten, Hinweise auf den Verbleib der Menschen zu finden.
Auch wenn die gewünschte Wortlosigkeit seiner Weggefährtin eine willkommene Abwechslung zu ihrer ständigen Plapperei war, konnte Severus nicht verhindern, dass er ihre Stimme hören wollte. Einfach nur um von seinem heftig schlagenden Herzen abzulenken.
Wie gestern lagen die halbverfallenen Häuserruinen am Hang des rotsandigen Hügels. Insgesamt zählte Severus sieben Hütten, von denen drei bereits so zerfallen waren, dass die Eingänge nicht mehr zu erkennen waren. Sie waren nur halbherzig gezimmert, bestanden aus ein paar Holzbalken, aufgestapelten Steinen und einer undefinierbaren, gelblichen Masse, die die ganze Konstruktion mehr schlecht als recht zusammenhielt. Granger stand einige Meter von ihm entfernt und es fiel ihm nicht schwer, ihre verstohlenen Blicke aus den Augenwinkeln zu beobachten.
„Wonach suchen wir genau?“, fragte sie, nachdem sie einige Minuten lang auf der Stelle gestanden hatten.
„Ich weiß es nicht“, erwiderte Severus kurz angebunden und duckte sich, um sich in der erstbesten Hütten umzusehen.
Ein „Lumos“ erhellte die Dunkelheit und er war nicht sonderlich überrascht, nichts vorzufinden außer mehr Sand, Geröll und einer kleinen, grüngeschuppten Eidechse, die mit flinken Bewegungen vor dem störenden Licht floh. Er drehte einige Runden in dem kleinen Raum und fuhr mit den Händen die bröckelige Wand entlang. Einige Malereien und sogar Worte schienen in die Wand geritzt zu sein, doch leider war kaum etwas davon zu lesen. Eine Jahreszahl, ein paar unverständliche Silben eines größeren Ganzen und die bräunlichen Umrisse eines Handabdrucks. Woher die Farbe dafür stammte wollte Severus auf keinen Fall wissen.
„Mr Snape?“, hörte er die leise Stimme von Granger. Sie war kaum zu verstehen und klang nicht so, als wäre sie in unmittelbarer Gefahr gefressen zu werden. Also kein Grund so zu tun, als hätte er sie gehört. Doch nur wenige Sekunden später rief sie erneut.
„Mr Snape?“ Ihre Stimme klang noch dumpfer. Vermutlich war sie in eine der anderen Hütten, um ebenfalls nach Anhaltspunkten zu suchen. Anhaltspunkte für etwas, das selbst Severus nicht wusste. „Ich denke, ich habe etwas entdeckt.“ Jetzt würde er erst recht nicht antworten. Selbst wenn Miss Granger den heiligen Gral gefunden hätte, er hatte nicht die Absicht, ihren Fund auf irgendeine Art und Weise zu würdigen. Also entschied er sich dafür, noch eine weitere Runde innerhalb der Hütte zu drehen. Noch immer die selben Kritzeleien und der Handabdruck war auch noch da. Unter seinen Schuhen knirschte der Schmutz und die Kiesel und es wurde mit jeder Sekunde stickiger. Doch wenn Granger etwas von ihm wollte, sollte sie gefälligst herkommen und ihm davon berichten, bevor sie ihn noch für einen verfluchten Hühnergott in Aufruhr versetzte.
Minuten vergingen und er hatte sich inzwischen auf den Boden gesetzt, genoss die Stille und das absolute Fehlen einer quasselnden Stimme.
Sie war auffallend schweigsam. Womöglich saß sie genau wie er schmollend in einer der Hütten. Nur dass Snape nicht schmollte, sondern ruhte. Genau!
Doch als die Ruhe anhielt huschten beunruhigende Gedanken durch seinen Kopf und er öffnete die Augen. Angestrengt lauschte er, ob er ihre Schritte hören konnte, ihr aufgeregtes Murmeln oder sogar ihren Atem. Doch außer dem entfernten Schreien der Vögel war es drückend leise. Kein Wind, der durch die zahlreichen Mauerritzen fuhr und kein Geklapper, Stein auf Stein.
Schließlich erhob er sich und trat aus der Hütte. Die Höhle lag friedlich zu Füßen der Anhöhe und Severus kniff die Augen zusammen, ob er sie womöglich durch die Baumstämme sah. Nichts.
„Granger?“
Er steuerte auf die nächste Hütte zu und steckte seinen Kopf durch die Öffnung. Jede einzelne Hütte durchkämmte er auf diese Weise. Sogar die halbverfallenen, doch es gab keine Anzeichen dafür, dass Granger hier gewesen war.
„Miss Granger?!“, rief er diesmal etwas lauter und er hörte das Echo seiner Stimme. Hermine Granger war eine naive, junge Frau, aber ihm einen solchen Streich zu spielen, das traute er ihr nicht zu. Sollte sie es doch gewagt haben... Seine Finger schlossen sich in erwartender Vorfreude um seinen Zauberstab
Er brachte loses Geröll in Bewegung, als er mit schnellen Schritten zurück zu der ersten Hütte lief und dort , wo er wenige Minuten zuvor gesessen hatte, einen weiteren Zettel fand, der mit einer Ecke in einer Mauerritze klemmte.
2:1 für mich, alter Freund.
Kapitel 8
Hermine keuchte leise auf, als sie aus dem Etwas stolperte, das sie grob mit sich gerissen hatte. Es hatte sich beinahe ein bisschen angefühlt wie Apparieren auf die langsame Art und das machte es ihr nicht eben sympathischer. Genauso wie Snapes Reaktion auf ihre Rufe. Sie fluchte und zog ihren Zauberstab heraus, um für etwas Licht zu sorgen.
„Ich sollte mir meine Neugierde wirklich abgewöhnen“, stellte sie trocken fest, nachdem sie sich einmal um sich selbst gedreht hatte. Sie befand sich in einem Käfig und zu ihrer Beunruhigung besaß dieser zwei Eingänge. Beide führten in einen dunklen Gang, wobei der vor ihr jedoch kleiner war als der hinter ihr. Gerade groß genug, dass ein Tier ihn benutzen könnte. Oder ein Hauself, aber irgendetwas sagte ihr, dass sie an diesem Ort nicht damit rechnen konnte.
Hermine schluckte. Was hatte sie eigentlich falsch gemacht, dass Snape niemals auf sie hörte? Das einzige, das ihr in dieser Lage trotzdem einen zufriedenen Laut entlockte, war der Rucksack auf ihrem Rücken. Wenigstens war er es, der nun ohne Schlafsack unterwegs war. „Geschieht ihm recht“, murmelte sie und wandte sich zu dem Eingang um, der groß genug war, dass sie ihn würde benutzen können.
Der weitere Gang war von diesem vielleicht fünf Quadratmeter großen Areal durch Gitterstäbe abgetrennt, die aussahen, als würden sie aus Holz bestehen. Als Hermine allerdings daran rüttelte, bewegte sich keine einzelne Strebe auch nur einen Millimeter. „Also die magische Tour“, stellte sie verdrossen fest und furchte ihre Stirn. Einige Auflösungszauber später musste sie einsehen, dass es eine wirklich gute magische Tour war.
„Ich schwör’s Ihnen, Mr Snape, wenn ich hier rauskomme, können Sie was erleben!“
Doch die Vorstellungen über die Details dieses Plans wurden von einem leisen Grollen durchbrochen. Hermines Herzschlag schnellte in die Höhe, als hinter ihr etwas scharrte. Mit ungutem Gefühl drehte sie sich um und stellte fest, dass der andere Durchgang sich geöffnet hatte. Aus dem Gang dahinter quoll ein zartes Glimmen, das es einem unförmigen Schatten erlaubte, Hermine darauf vorzubereiten, in absehbarer Zeit Besuch zu bekommen.
„Nicht gut.“
Das Grollen schwoll immer weiter an und schließlich schob sich ein Geschöpf in den Käfig, das einer Katze wohl am nahesten kam. Seine Bewegungen waren elegant und geschmeidig, die Augen jedoch dunkel. Die Pupille war nicht von der Iris zu unterscheiden. Das Tier bleckte die Zähne und fauchte, ließ sich auf die Hinterbeine hinab und setzte offensichtlich zum Sprung an.
Hermine schob derweil ihr Kinn nach vorne und sagte sich immer wieder, dass sie keine Angst hatte. Sie hatte den Zauberstab und dieses Tier war vielleicht hungrig, wirkte bisher allerdings nicht magisch. Es waren nur Details, die es von gewöhnlichen Katzen unterschied. Genauso wie Krummbein, schoss es ihr durch den Kopf. Und der hatte mindestens fünfzig Leben verbraucht, ehe er sich dem Alter gebeugt hatte.
Im nächsten Moment sprang das Vieh los und Hermine zog einen Protego vor sich in die Höhe. Dadurch erlosch das Licht und sie fand sich in der schleierhaften Dunkelheit wieder, die nur spärlich von dem Licht aus dem anderen Gang durchbrochen wurde. Was sie allerdings mitbekam, war, dass die Katze einfach durch ihren Schutzzauber sprang.
Hermine schrie auf, als scharfe Krallen über ihre Wangen fuhren. Sie zog die Arme vor ihr Gesicht und stieß die Katze weg. Warme Rinnsale ließen vermuten, dass sie nun auch noch einen starken Blutgeruch verströmte.
Dieser Meinung schien auch ihr Gegner zu sein, denn das Vieh lief fauchend von einer Seite zur anderen, trieb Hermine vor sich her und spielte mit ihr wie Tom mit Jerry. Hermine hoffte sehr, dass sie sich noch als so geschickt erweisen würde wie die Maus.
Ihr erster Schritt in diese Richtung waren einige Lichter, die sie heraufbeschwörte. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, tanzten sie durch die Luft und lenkten die Katze zumindest für einige Momente ab. Momente, in denen Hermine sich erneut den Gitterstäben zuwandte und ihnen mit gezielteren Zaubern zu Leibe rückte. „Incendio!“, flüsterte sie und einige Funken fielen auf den staubigen Boden. Wo sie allerdings verlöschten, ohne auch nur annähernd so etwas wie eine Flamme verursacht zu haben.
„Verdammt!“, fluchte sie, als die Katze die Lichter langweilig zu finden begann und lieber wieder dem Blutgeruch folgte. Hermine wurde am Rucksack nach hinten gerissen und fand sich plötzlich unter dem Vieh wieder. Fauchen und Maunzen vermischten sich mit ihren erfolglosen Versuchen, den Mund zu halten. Irgendwann schaffte sie es, dem Vieh ihren Zauberstab in die Seite zu stoßen, woraufhin es jaulend zur Seite sprang und Hermine Zeit gab, sich wieder aufzurichten.
Ihr Oberkörper fühlte sich an, als ob mehrere Stepptänzer darauf eine Übungseinheit abgehalten hätten. Sogar das Atmen fiel ihr schwer und war merklich schmerzhaft; sie hasste ihr medizinisches Grundwissen, das ihr gleich mehrere unangenehme Ursachen dafür zuflüsterte.
Dieser Kampf wurde definitiv mit unfairen Mitteln ausgetragen, denn sie hatte kaum Zeit, auch nur eine ihrer Theorien auszuschließen, als sich ein paar spitze Zähne in ihr Bein bohrten. Die Katze zog Hermine in eine liegende Position zurück und hieb mit den Krallen auf sie ein. Irgendwann resignierte Hermine und beschloss, dass es möglicherweise schlauer wäre, sich nicht zu wehren.
Mehrere Minuten musste sie als Spielball dieser Kreatur herhalten und schätzte sich glücklich, dass Jeans ein so robuster Stoff war. Vor allem, wenn man ihn mit einem Zauber verstärkte, was sie tat, als sie ein eigentümliches Reißen vernahm.
Als die Katze von ihr abließ, hatte Hermine den Kopf unter ihren Armen verborgen und versuchte angestrengt, ihre Muskeln nicht gegen die Angriffe anzuspannen. Das Fauchen wurde leiser und erstarb schließlich ganz. Allerdings nur für ein paar Sekunden.
Danach erfüllten Laute den Gang, die Hermine eine Gänsehaut bereiteten. Sie schauderte leicht und hoffte, dass es nicht bemerkt worden war. Erst danach verstand sie, was hier gerade passierte. Anscheinend hatte die Katze einen Herrn (und die Vermutung, dass dieser Herr auch den Löwen unter seiner Kontrolle hatte, war naheliegend) und erstattete soeben Bericht. Auch wenn das Gespräch nur aus tierischen Lauten bestand, konnte Hermine eine gewisse Zufriedenheit darin hören. Möglicherweise war es nicht schlecht, dass sie so lange Zeit selbst einen Kater besessen hatte.
Etwas, das sie nun niemals wieder tun würde, denn als es still wurde, beschleunigte sich ihr Herzschlag rapide. Sie wartete in angespannter Stille, überlegte sich einen Plan, der so gewagt wie gefährlich war und stellte fest, dass es ihre einzige Möglichkeit war.
Als eine raue Zunge über ihren Handrücken strich, umfasste sie den Zauberstab in einem festen, wenn auch schweißigen Griff und zog ihn in die Höhe. Die roten Funken des Stupor erhellten den Gang für eine Sekunde und die Katze fiel mit einem Jaulen nach hinten.
Hermine starrte einige Momente tief atmend auf den bewegungslosen Schatten, ehe sie es sich erlaubte, etwas in sich zusammen zu sacken. „Bei Merlins Eiern...“, nuschelte sie und fuhr mit ihrem Ärmel über ihr Gesicht. Das trocknende Blut hatte steife Spuren hinterlassen, die unangenehm ziepten.
Im nächsten Moment scharrte es hinter ihr und sie erschrak heftig. Doch es war nur die Tür zum größeren Gang, die sich geöffnet hatte. Mit gerunzelter Stirn kroch sie hinüber und begutachtete die Öffnung genau, ehe sie sie durchschritt. Mit einem letzten Blick zurück auf die geschockte Katze, machte sie sich auf den Weg und schätzte sich glücklich, dass die Bösen immer ihren Schutz aufgaben, wenn sie sich auf der Seite des Sieges wähnten.
***
„Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte“, schnaubte Severus, doch selbst in seinen Ohren fehlte die Schärfe in seinen Worten.
Seit einer halben Stunden drehte er ziellose Runden im Gebiet um die Ruinen herum. Doch auch ohne dass er nichts fand wusste er, dass es vertane Zeit war. Hier würde er Granger wohl nicht so bald finden. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass er ein weiteres Mal laut ihren Namen rief.
„Miss Granger!“
Seine Stimme war inzwischen heiser von den lauten Schreien und er rollte mit den Augen. Er sollte aufhören, so auffallend unproduktiv durch die Gegend zu wandern, während er Hermine Granger finden musste, um sie gehörig in der Luft zu zerreißen, weil sie sich einfach so hatte kidnappen lassen.
Er stolperte. Wild mit den Armen rudernd, konnte er sich gerade noch an einem hervorstehenden Felsbrocken festhalten, während die Steine unter seinen Füßen der Gravitation folgten und eine lärmende Lawine entstehen ließen. Als sich der Staub und der daraus resultierende Hustenanfall gelegt hatten, begann er seinen wackeligen Abstieg zurück in die bewaldeten Gefilde.
Und nur ein einziger Gedanke füllte seinen Kopf aus: Ein Glück für ihn, dass Granger sich hatte kidnappen lassen. Wenn sie diese Aktion mitbekommen hätte...
Er schüttelte wütend seinen Kopf und erst jetzt bemerkte er, dass er noch immer das Pergament zwischen seinen verkrampften Fingern hielt. Er hielt es sich vor Augen, schluckte die aufkeimende Übelkeit hinunter und steuerte den erstbesten Tunnel an, den er fand.
Hermine Granger und vor allem Frederick hätten einiges zu erklären, wenn er sie fand.
***
Die Kratzer waren inzwischen zu brennenden, klaffenden Wunden mutiert. Zumindest fühlte es sich so an, als ob das Kätzchen ihr die Haut in Fetzen vom Leib gerissen hätte. Mit den Zähnen knirschend und einige definitiv nicht jugendfreie Flüche auf den Lippen, kämpfte sich Hermine Meter um Meter durch den Gang, der sich schon allein aufgrund seines Ausmaßes von allen vorherigen Gängen unterschied. Die Decke lag hoch, mindestens drei oder vier Meter über ihr und alle zehn Meter hing eine Fackel an der Seite. Nicht alle brannten, doch trotzdem war das zuckende Lichterschauspiel hell genug, dass sie ihren Zauberstab nicht erleuchtet hatte.
Der Boden unter ihren Füßen war glatt, als wären Abermillionen von Füßen im Laufe von Äonen darüber getrampelt. Auch der Geruch dieses Tunnels unterschied sich von den vorherigen. Es roch nach Salz und mineralisierter Erde, nach modrigem Wasser und verrottenden Pflanzen. Also nicht anders als im Gewächshaus von Professor Sprout.
Ein Geräusch ließ sie zusammenzucken und näher an die Wand herantreten. Es war ein Klingeln, als ob eine Münze auf einen metallenen Tisch fiel. Doch nicht einmal annähernd hätte sie bestimmen können, von wo das Geräusch kam. Da jedes Geräusch kilometerlang durch die Tunnel getragen wurde, hätte es überall sein können. Vielleicht war es ja sogar Snape. Sie zählte innerlich bis zehn, ehe sie sich wieder einen Schritt von der Wand entfernte und den Atem anhielt. Doch es war wieder so still geworden, dass sie das Puckern ihres Herzens beinahe hören konnte.
„Professor Snape?“, hauchte sie und der Klang ihrer Stimme hallte von den Wänden wider, füllte den Tunnel aus und Hermine war der festen Überzeugung, dass selbst ihr Vorgesetzter ihren Ruf hatte hören müssen. Und Snape schon alleine aus dem Grund, da sie ihn erneut mit Professor betitelt hatte. Er würde vermutlich jeden Augenblick stampfend und aus den Ohren rauchend aus dem Nichts erscheinen und ihr die Ohren lang ziehen.
Doch auch nachdem sie dreißig weitere Sekunden gewartet hatte, erhielt sie keine Antwort. Nun ja, vielleicht hatte sie sich das Geräusch auch nur eingebildet. Sie lief weiter.
Doch nur wenige Schritte später und sie war sich sicher: Ein weiteres Paar Füße huschte in einiger Entfernung über den Boden. Und wenn man nach der fehlenden Reaktion ihrer Rufe ging, dann war dieser Jemand nicht Snape.
***
Zurück im Tunnel und Severus hatte nicht den geringsten Plan, wo er mit der Suche anfangen sollte. Das Tunnelsystem war groß genug, um halb England während eines Bombenangriffs hier hin zu evakuieren und erwartete er wirklich, Granger zu finden, indem er darin herum irrte wie ein Erstklässler in Hogwarts' Gängen? Nein, er brauchte einen Plan. Und das ziemlich schnell.
Allerdings benötigte er zuerst etwas zu essen. Sein Magen unterstützte diesen Gedanken mit einem lauten Rumpeln und so ließ er sich mit dem Rücken zur Wand nieder und holte seinen übrig gebliebenen Vorrat aus seiner Jackentasche. Ziemlich mickrig, das musste er schon zugeben. Und damit meinte er nicht den geschrumpften Zustand.
Er besaß noch zwei Cherimoyas, eine Orangen-ähnliche Frucht, von der er Miss Granger nicht einmal erzählt hatte, sowie ein Flasche mit Wasser, die er sich von ihrem Original kopiert hatte.
Die Früchte zu replizieren wäre nicht das Problem, allerdings musste er ganz ehrlich zugeben, dass seine Fähigkeiten, was Verwandlungen betraf, stark nachgelassen hatte. Sein Wasser hatte einen üblen Nachgeschmack, der ihn entfernt an Longbottoms Experimentiertfreude erinnerte. Und wenn er jetzt versuchte, die Früchte zu vermehren, hätte er vermutlich bald nur noch Brei zum Essen. Doch was war wichtiger? Die Suche nach Granger oder sein grummelnder Magen? Die Frage war rasch geklärt und er machte sich nochmal auf in die Höhle in der Hoffnung, schnell an etwas zu Essen zu kommen, bevor er die Suche begann. Mit einem leeren Magen wäre er ohnehin zu nichts zu gebrauchen.
***
Hermines Füße schienen zu groß für ihre Schuhe. Sie hastete immer nur geradeaus, das Geräusch fremder Füße im Rücken und Schweiß rann in reißenden Bächen über ihre Schläfen. Auch nach weiteren zwanzig Minuten schien sich ihr Weg keinem Ziel zu nähern. Außer dem unruhigen Flackern und Knistern der Flammen und ihren eigenen, sowie fremden Schritten, war dieser Tunnel vollkommen leer.
„Wo wollen wir denn hin, kleine Lady?“
Die kalte Stimme kam so unerwartet, dass Hermine herumwirbelte und fast damit rechnete, jemanden hinter sich stehen zu sehen. Doch noch im selben Moment begann das Echo der Worte wie Sonnenstrahlen in einem Spiegellabyrinth zu tanzen. Es kam von oben, von unten, von hinten und von vorne. Sogar aus den Wänden schien es zu kommen.
Es war sinnlos sich zu fragen, ob es vielleicht doch Snape war, der nach ihr rief. Sie hätte sich so gewünscht, dass es Snapes Stimme gewesen wäre, denn selbst wenn ihr ehemaliger Professor ein überdurchschnittlich engagierter Hornochse war, konnte sie doch sicher sein, dass er ihr niemals absichtlich Schaden zufügen würde.
Natürlich mal abgesehen von der Tatsache, dass es allein seine Schuld war, dass sie sich in dieser überaus misslichen Lage befand.
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