Löwen und Despoten


von WatchersGoddess und annj


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Kapitel 1 - 5



Disclaimer: Wir besitzen keinerlei Rechte an den Romanfiguren der Buchreihe "Harry Potter". Die Charaktere und Orte wurden von J.K.Rowling erfunden und gehören ihr, Bloomsbury Books, Scholastic Books, Raincoast Books, und Warner Bros., Inc.


A/N: Wir, das sind WatchersGoddess und annj, haben die soziale Idee gehabt, ein gemeinsames Projekt (aka Fanfiktion) auf die Beine zu... schreiben. Viel Spaß mit der Story!

***

Prolog

Eine Leichtigkeit lag in der Luft wie heliumgefüllte Ballons auf ihrem Weg in den Himmel. Unendliche Stille herrschte um ihn herum und er atmete sie tief ein. Er liebte diese Zeit des Tages, wenn die Welt noch in den Federn lag und keinen Gedanken an den kommenden Tag verschwendete. Ein heller Streifen hob sich bereits am Horizont ab und man konnte fast mit bloßem Auge erkennen, wie die Helligkeit gemächlich näher kroch.

Fröstelnd klappte er den Kragen seiner Jacke hoch und schnaubte bei dem Gedanken an den halben Monatslohn, den er für seine Garderobe ausgegeben hatte.

'Winterfest... ha, dass ich nicht lache. Und dabei haben wir schon Anfang Mai', schimpfte er und verschränkte die Arme vor der Brust, um mehr Körperwärme bei sich zu halten. Noch mehr im Halbschlaf als wach beobachtete er, wie der braune, seltsam schmutzig wirkende Kaffee in die noch unappetitlichere Kanne tröpfelte und wünschte sich den hochmodernen Automaten in seinem Büro, der teurer gewesen sein musste als die gesamte Ausgrabungsausrüstung zusammen.

Sein Blick machte einen Schlenker über die Umgebung. Da stand der kleine Wohnwagen mit den Geräten und seinen Unterlagen. Daneben zwei kleine Zelte. Eines war belegt von seinen zwei Mitarbeitern, die in dem Alter waren, in dem langes Ausschlafen zum guten Ton gehörte.

Er würde ihnen noch eine Viertel Stunde geben und sie dann wecken. Ein guter Archäologe nutzte jeden Sonnenstrahl des Tages um sehen zu können, was ihn erwartete. Na ja, Archäologe war in diesem Fall wohl etwas übertrieben. Schon vor Jahren waren direkte Ausgrabungen in einem Umkreis von 100 Metern um den äußeren Steinkreis herum verboten worden. So musste er sich bei seinen Untersuchungen auf die Erforschung der Umgebung konzentrieren. Mit ein wenig Glück würde er hier den Durchbruch schaffen, den er sich seit dem Beginn seiner Karriere vor 25 Jahren erhofft hatte.

'Ja klar, und Autos konnten fliegen.'

Er sackte auf seinem Campinghocker zusammen und rieb sich die Hände in der Hoffnung, sie etwas zu wärmen. So sehr er die friedliche Uhrzeit auch liebte, sie war der Tod für seine alten Knochen.

Er hörte leises Murmeln in dem belegten Zelt und kurz darauf kündigte das knirschende Geräusch des Reißverschlusses die muntere Anwesenheit eines seiner Mitarbeiter an.

Es folgte ein heiseres Grunzen, das mit etwas Phantasie als „Morgen, Steve“ übersetzt werden konnte.

Morgen Greg“, erwiderte er mit einem breiten Lächeln. Kein Grund, die Laune seines Mitarbeiter noch durch seine eigene Melancholie zu dämpfen. „Wird ja langsam Zeit. Kaffee ist fertig.“

Ein erneutes Grunzen und Greg trottete in die Richtung des kleinen Dixiklos. Es würde nicht mehr lange bis zur ersten verbalen Beschwerde über die Zustände dieser wenig lukrativen Ausgrabung dauern. Und um ehrlich zu sein: Steve konnte nicht einmal sagen, dass Greg damit Unrecht hatte.

Oxford, ihr Auftraggeber, hatte ihnen ein lächerliches Budget zur Verfügung gestellt. Ach was, lächerlich war noch untertrieben. Entwürdigend passte schon eher. Besonders wenn man daran dachte, dass sie noch nicht einmal Geld hatten, um sich im zwei Kilometer entfernten Amesbury für die Zeit der Ausgrabungen ein Zimmer zu nehmen. Vom Benzingeld, welches sie für die Fahrt bis hierher brauchten, mal ganz abgesehen.

Nein, dieses Projekt war kaum mehr als eine Beschäftigungstherapie für ihn. Steve wusste es, doch er hatte sich fest vorgenommen, das Beste aus seiner Situation zu machen.

Morgen Steve“, ertönte eine weitere Stimme und Orlando setzte sich ihm gegenüber an den niedrigen Tisch. Er hatte seine Augen geschlossen und den Mund für ein enormes Gähnen weiter aufgerissen. „Und? Irgendwelche 'das X markiert den Schatz'-Eingebungen gehabt?“

Steve verkniff sich einen Kommentar. Jeden Morgen, wirklich, jeden Morgen bekam er diese Frage gestellt und er war sich nicht ganz sicher, ob es daran lag, dass Orlando mehr im Tiefschlaf als munter war oder tatsächlich immer vergaß, diese Frage schon einmal gestellt zu haben. Steve ignorierte sie einfach wie jeden Morgen und stand auf. Er musste nur einige Meter laufen und spürte die Wärme zurück in seine Gliedmaßen kehren.

Ich fange schon mal an“, verkündete er und bekam als Antwort ein weiteres Gähnen. Wenn Greg und Orlando nicht so hervorragend im Umgang mit den Messinstrumenten gewesen wären, Steve hätte sie vermutlich schon längst ersetzt.

Er lief die paar Meter bis zu der Ausgrabungstelle und blieb einen letzten Moment davor stehen. Ein Loch, etwa drei Meter tief, lag vor ihm und war mit weißen Fäden in die altbekannten Parzellen aufgeteilt. Noch war es in tiefe Schatten getaucht, doch im Laufe des Tages würde die Sonne darüber hinweg wandern und jede einzelne Begebenheit ans Licht bringen. Bis dahin würden die Scheinwerfer genug Helligkeit bieten. Er knipste sie an und benutze die Leiter, um auf den Boden des Loches zu gelangen.

Die Parzelle, an der er gestern noch gearbeitet hatte, lag unberührt in der hintersten Ecke der Fläche und er ging in die Hocke. Mit geübten Bewegung legte er sein Werkzeuge zurecht, eins neben dem anderen, schön parallel. Nur weil man hier im Dreck buddelte hieß das nicht, dass man keine Ordnung halten sollte.

Er wollte soeben den ersten Bürstenstrich ansetzen, als eine Bewegung aus den Augenwinkeln seine Aufmerksamkeit erhaschte. Er sah auf. „Greg? Orlando?“

Natürlich erhielt er keine Antwort. Vermutlich würde es noch eine Weile dauern, ehe seine Helfer ihre morgendlichen Rituale beendet hatten.

Soeben wollte er sich wieder an die Arbeit machen, als er die Bewegung erneut wahrnahm. Hastig drehte er den Kopf, doch er konnte nichts Verdächtiges erkennen. Seine Knie schmerzten, als er sich in die Höhe stemmte und mit etwas Strecken versuchte, über den Rand der Grube hinweg zu sehen. Doch da war nichts als dämmriges Zwielicht.

Mit einem verwirrten Laut machte er sich zum dritten Mal daran, seine Arbeit aufzunehmen, als ein deutliches Glitzern seine Aufmerksamkeit erhaschte. Es kam aus der anderen Ecke und das Licht des Scheinwerfers reichte nicht ganz bis an die Schatten. Umso verwunderlicher war das wiederholte Blinken.

Vorsichtig, damit er die Fäden nicht beeinträchtigte, lief er hinüber und beugte sich hinunter. Sein eigener Körper verursachte noch mehr Schatten, als es hier ohnehin schon gab und so musste er eine Weile tasten, ehe er etwas Glattes, Kaltes und Metallenes zwischen den Fingern hielt. Mit heftig schlagendem Herzen hielt er es in den Lichtstrahl und schluckte seine aufwallenden Emotionen hinunter. Womöglich eine Münze, die Greg oder Orlando hier verloren hatten. Oder eine Münze, wie sie in unendlicher Anzahl in jedem Kleinstadtmuseum vorkamen. Trotz allem hallte Orlandos Stimme durch seinen Verstand. 'Das X markiert den Schatz.'

Bei Teutates“, brummte Steve und umfasste die Münze fest in seiner Faust. Vielleicht gab es ja noch mehr?

Übermütig ging er wieder in die Knie und dieses Mal bemerkte er den Schmerz in seinen Gelenken gar nicht erst. Leider entging ihm auf diese Weise noch etwas anderes. Ein entferntes Rumpeln, ein Raunen, ein Geräusch, als ob ein Laster über einen unbefestigten Kieselweg fuhr. Erst, als die Erde um ihn herum Wellen schlug und er bis zu den Knien im Boden versunken war, bemerkte er, was geschah. Als würden die Wände näher kommen. Sandböen schlugen ihm entgegen, krochen in seine Nasenlöcher, seine Ohren. Überall blubberte es wie Lava. Sandige Kugeln traten an die Oberfläche und zerplatzen.

Er wollte um Hilfe rufen. Er hatte doch gerade erst seinen Schatz gefunden. Er konnte doch jetzt nicht...

Ein Schwall Erde drang in seinen Mund, kaum hatte er ihn geöffnet, und er griff nach oben in die Luft, um sich irgendwo festzuhalten. Doch etwas zog ihn in die Tiefe. Nur noch sein Kopf ragte aus dem Boden hervor. Schließlich nur noch seine Arme, seine Hände. Sie zuckten und er krallte sie in die Erde. Doch mit einem einzigen, kaum hörbaren Seufzen verschluckte das Erdreich ihn. Das gesamte Loch füllte sich innerhalb von Sekunden auf und hinterließ keine Spuren. Nicht eine einzige. Außer dem ungenutzten Werkzeug, das noch immer ordentlich und parallel nebeneinander aufgereiht war.

Kapitel 1

Hermine Granger lief mit zur Decke gerichteten Blicken durch ihr Büro, während sie mit den Händen Gesten vollführte, die irgendwo zwischen Dirigieren und Beschreiben lagen. Ihre Schritte waren planlos und klein, was vor allem daran lag, das sie in diesem Raum nicht viel mehr Bewegungsfreiheit hatte. Die Luft war warm durch die einfallende Maisonne und Staubkörner tanzten träge im Licht.


Sie versuchte sich so exakt wie möglich an die Gegebenheiten ihres letzten Falles zu erinnern und diese dann in einer angemessenen Formulierung wiederzugeben: „Das Schloss wurde in aufgesprengtem Zustand vorgefunden, offensichtliche Einwirkungen von Magie waren am Holz und am Messing zu erkennen. Die Wohnung wirkte mäßig ordentlich. Alles deutet darauf hin, dass etwaige Verwüstungen nachträglich beseitigt wurden. Im Badezimmer fanden sich Spuren von durchbrochenen Schutzzaubern, sowie die Reste eines zerbrochenen Zahnputzbechers unter der Badewanne.“ Sie ging zu ihrem Schreibtisch und kontrollierte, was die Flotteschreibefeder notiert hatte. Seufzend verdrehte sie die Augen, als sie etwas von 'herzzerreißenden Schreien' und einem 'Verbrechen aus Leidenschaft' las.

Dieser Kontrollzauber wirkt noch immer nicht richtig“, murmelte sie mit gefurchter Stirn und packte die Feder beiseite, ehe sie ihre andere, vollkommen magielose nahm und alles Überflüssige zu streichen begann. Wenn ihre Hand nicht durch einige nicht vollkommen abgeheilte Verletzungen schnell zu schmerzen beginnen würde, hätte sie die Berichte alleine geschrieben. So jedoch ging es selbst mit dem nachträglichen Wegstreichen schneller.

Gerade als sie sich dem letzten Absatz zuwandte, klopfte es an ihrer Tür. Sie wischte sich eine Strähne ihres Haares hinter die Ohren und bat den Besucher herein. Als sie sah, um wen es sich dabei handelte, straffte sich ihre Haltung abrupt und ihre Augen wurden ein Stück größer. „Guten Tag, Sir. Was kann ich für Sie tun?“

Ihr Vorgesetzter, Wiggam Dunabee, durchquerte mit großen Schritten ihr Büro, ließ es dabei noch kleiner wirken, als es ohnehin schon war, und setzte sich ungefragt auf den Stuhl, der leicht schief vor ihrem Schreibtisch stand. „Ich habe einen neuen Fall für Sie“, kam er ohne Umschweife zum Thema, so wie er es immer tat.

Hermine hatte es aufgegeben, sich über die unnahbare und mitunter unfreundliche Art des massigen Mannes zu ärgern. Sie wunderte sich zwar noch immer, wie er es geschafft hatte, die Leitung der Vermisstenabteilung des Zaubereiministeriums zu bekommen (und das nicht nur wegen seiner Art, sondern auch wegen seinen Führungsqualitäten), doch es hatte sich als wesentlich produktiver herausgestellt, sich auf ihre Arbeit und auf das Verhältnis zu ihren Kollegen zu konzentrieren. Der Kollegen, die ihr noch geblieben waren, nachdem Dunabee mit der ersten Welle von Entlassung fertig gewesen war.

Aber ich habe meinen letzten doch noch gar nicht abgeschlossen“, wagte sie es einzuwenden. Für gewöhnlich bekam sie nie einen neuen Fall, bevor nicht der Bericht des letzten eingereicht worden war. Und davon war sie noch mindestens drei Stunden entfernt – nun ja, bei der Art und Weise, wie ihre Flotteschreibfeder sie unterstützte, eher sechs.

Das ist mir bewusst, Miss Granger.“ Er sah sie gereizt an und das helle Grau seiner Augen machte die Blicke nicht erträglicher.

Hermine holte tief Luft und malträtierte dabei die Feder, die sie noch immer in Händen hielt.

Durch das anstehende Finale der Quidditch-Weltmeisterschaft ist das Ministerium momentan stark belastet und die Hälfte Ihrer Kollegen wurde für andere Abteilungen abgezogen, wie Sie sicherlich bemerkt haben.“

Natürlich hatte sie es bemerkt. Immerhin war es ihr nur knapp gelungen, sich vor einem ähnlichen Posten bei der Weltmeisterschaft zu drücken. Ron und Ginny würden ihr die Freundschaft kündigen, wenn sie nicht zu dem Endspiel käme, in das es ihre Mannschaft das erste Mal nach zwanzig Jahren geschafft hatte. Harry und sie hatten sich die Karten für die Logenplätze schon vor drei Monaten gekauft und Molly darum gebeten, an dem Tag auf James, Harrys und Ginnys ersten Sohn, aufzupassen. Es war alles geplant und sie hatte nicht vor, sich das Spiel durch einen neuen Fall verderben zu lassen. „Ja, das habe ich bemerkt“, antwortete sie deswegen steif. Wenn er es damals mit den Entlassungen nicht so maßlos übertrieben hätte, wäre diese Belastung kein Problem. Aber diesen Einwand sparte sie sich.

Also werden Sie einen neuen Fall übernehmen und die Abendstunden oder von mir aus auch die Nacht dafür nutzen, um den Bericht für Ihren letzten zu schreiben.“ Eine steile Falte hatte sich zwischen den Augenbrauen des Zauberers gebildet und auf seiner nur noch von wenigen Haaren bewachsenen Halbglatze standen kleine Schweißperlen.

Ja, Sir“, fügte sie sich und bemühte sich, den Missmut aus ihrer Stimme zu verbannen. Vielleicht könnte sie sich wenigstens für das Spiel selbst loseisen, wenngleich die Feiern danach vermutlich flach fielen. „Worum geht es in dem Fall?“

Ihr Vorgesetzter holte tief Luft und schlug die Akte auf, die er die ganze Zeit in seinen Händen geknetet hatte, so dass sie nun einige tiefe Knicke aufwies. „Um einen Muggel, der am Stonehenge verschwunden ist. Steve Ruber, 45 Jahre alt, Archäologe. Er und seine beiden Mitarbeiter haben dort Ausgrabungen vorgenommen, bis Mr Ruber vor zwei Tagen verschwand. Seine Assistenten sind keine große Hilfe. Es geschah in den frühen Morgenstunden, der eine hat noch geschlafen, der andere… Nun ja, er hat auf jeden Fall nichts mitbekommen. Die Ausgrabungsstelle selbst ist ebenfalls verschwunden, obwohl die beiden darauf beharren, dass sie bereits drei Meter tief gewesen war.“ Hier endete er, klappte die Akte zu und warf sie auf Hermines Schreibtisch.

Sie zuckte unmerklich zusammen und drehte die Schriftstücke zu sich herum. Nur flüchtig überflog sie die Notizen des Verhörs der Muggelpolizei, die den Fall danach an das Zaubereiministerium weitergegeben hatte. Seit dem Fall Voldemorts hatte sich die Zusammenarbeit des Ministeriums mit den Muggelbehörden ausgedehnt. Es war nicht mehr länger nur der Premierminister, der von der Existenz von Magie wusste, auch wenn die gesamte Wahrheit nur den leitenden Positionen bekannt war. Es hatte vieles einfacher gemacht.

Stonehenge“, murmelte sie gedankenverloren. Die Grabstätte war seit jeher ein Geheimnis, nicht nur für die Muggel. Natürlich war die magische Welt der der Muggel einen Schritt voraus. Es war bekannt, dass die Grabstätte mithilfe von Magie und so in sehr viel kürzerer Zeit errichtet worden war, als bei den Muggeln angenommen. Dennoch konnte auch in der magischen Welt die Bedeutung dieser Stätte nicht gänzlich geklärt werden.

Das Einzige, was das Ministerium über Stonehenge mit Sicherheit sagen konnte, war, dass ein enormes Maß an Magie von diesem Ort ausging, dessen Quelle bis heute nicht geklärt werden konnte. Deswegen stand Stonehenge unter der Überwachung des Ministeriums und alle Vermisstenfälle oder Verbrechen, die im direkten Zusammenhang damit standen, wurden automatisch weitergeleitet.

Ist dort schon einmal etwas Ähnliches passiert?“, fragte sie, während sie die Akte schloss und sich die Informationen noch einmal durch den Kopf gehen ließ.

Das herauszufinden, Miss Granger, ist nicht meine Aufgabe.“ Dunabee bedachte sie mit einem weiteren gereizten Blick, während er aufstand und sich die Hose zurechtrückte. Hermine rümpfte die Nase. „Ich erwarte tägliche Zwischenberichte von Ihnen.“ Mit diesen Worten wandte er sich um und verließ ihr Büro.

Hermine schüttelte den Kopf, als die Tür sich hinter dem Mann geschlossen hatte. Natürlich erwartete er tägliche Zwischenberichte. So wie bei jedem Fall, den sie bearbeitete. Sie fragte sich ernsthaft, wann sie den Status des Neuling endlich ablegen würde. Zwei Jahre (die zwei, bevor er die Leitung übernommen hatte, gar nicht mitgezählt) schienen nicht genug.

Nun allerdings ordnete sie zuerst die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch und räumte dann eine Glasfläche frei, die in die Tischplatte eingelassen war. Mit ihrem Zauberstab tippte sie gegen die rechte obere Ecke und die Illusion einer Reihe von Aktenschränken erhob sich darüber in die Luft. Hermine nannte ihr Passwort („Verständnis reicht oft weiter als Verstand“), das ihr eingeschränkten Zugang zu früheren Fällen gewährte, und durchsuchte die Akten nach Anhaltspunkten über Stonehenge.

Dieses System der Suche war noch neu im Ministerium und zweifellos von den Muggeln und ihren Computern abgeguckt. Nur mit dem Unterschied, dass die Aktenschränke, die sie als Illusion vor der Nase hatte, tatsächlich in dieser Form existierten. Sie standen im Keller und staubten langsam ein, da niemand sich mehr die Mühe machen musste, dort unten zu suchen.

Nach etwa einer Minute bekam sie eine Auflistung von Treffern, die sich auf drei beschränkten. Die stark vorherrschende Magie hielt Hexen und Zauberer fern von diesem Ort, während Muggel davon zwar nichts merkten, aber meistens in Reisegruppen dort waren. Hermine hätte zwar gedacht, dass gerade die Gesellschaft einer Reisegruppe zu Affekttaten verleiten würde, aber sie würde sich nicht über die geringe Anzahl der Treffer beschweren. Sie wählte alle Akten aus, woraufhin sich die entsprechenden Schubladen öffneten und das Gewünschte freigaben. Die Ordner drehten sich mehrmals in der Luft, ehe sie sich materialisierten und vor ihr auf den Tisch fielen. Eine dicke Staubwolke erhob sich daraufhin in die Luft, die sie mit heftigem Wedeln zu verscheuchen versuchte. Dieses System war noch verbesserungsbedürftig.

Dennoch nickte Hermine zufrieden und schloss die Datenbank, bevor sie zum Fenster hinüberging und es öffnete. Die Luft draußen war nach wie vor angenehm kühl und sorgte dafür, dass ein Großteil ihrer Konzentration zurückkehrte.

Nachdem sie einige Minuten lang das Treiben auf der Straße unter sich beobachtet hatte, nahm sie sich die Akten vor. Zwei davon waren so alt, dass heute vermutlich niemand der Betroffenen mehr leben würde, nicht einmal in der magischen Welt. Dennoch konnten sie interessant sein für Informationen. Hermine schlug die erste auf. Es handelte sich um einen Mord am Stonehenge, der offensichtlich nicht von einem Zauberer oder einer Hexe begangen worden war. Es gab viel Blut und ein Messer als Tatwaffe... und zu Hermines Entsetzen viele Fotos. Sie verzog das Gesicht und packte die Papiere beiseite.

Die zweite Akte enthielt lediglich zwei Pergamente. Sie galt als Vermisstenfall, weswegen Hermine interessiert zu lesen begann. Bald darauf stellte sie fest, dass es weniger ein Vermisstenfall, als eher der Fall eines eingeschlafenen Kindes war. Die Eltern hatten panisch eine Anzeige rausgegeben, während der Junge es sich hinter einem der riesigen Steine im Gras bequem gemacht hatte. Hermine schüttelte schmunzelnd den Kopf.

Die letzte Akte hingegen war noch gar nicht so alt und weckte allein schon deswegen ihre Aufmerksamkeit. Angelegt worden war sie im Sommer 1979 und Hermine schlug den Deckel auf. Hier handelte es sich um einen wirklichen Vermisstenfall, der sich über zwei Wochen gezogen hatte, und als sie die Namen der beiden vermissten Personen – und besonders einer der Personen – las, weiteten sich ihre Augen vor Überraschung.

***

Bei Merlins Bart!“, platzte Severus heraus und machte sich nicht die Mühe, seine Stimme zu dämpfen. Diese Angelegenheit war mehr als unpässlich. Sie war unerhört! Sie hätte ihn ja gleich fragen können, ob er nicht vielleicht Tischtennis mit dem Kraken spielen wollte.

Nein!“, dröhnte er. Die Gläser an der Wand zitterten verdächtig und vor dem Haus stob eine Horde Vögel davon. „Und das ist mein letztes Wort.“

Severus, bitte!“, ertönte die gedehnte Stimme von Minerva McGonagall aus der Richtung des Kamins. „Überleg' es dir noch einmal! Er hat die gesamte Klasse vergiftet – mit einer einzigen Ginseng-Wurzel. Ein Großteil der Schüler liegt noch immer in der Krankenstation. Wenn wir sie nicht sedieren würden, würden sie ihre Bettlaken als Fallschirme benutzen.“

Severus hatte dem Kamin den Rücken zugewandt und erlaubte sich so ein gehässiges Grinsen. „Mein aufrichtiges Beileid. Das ist wirklich... eine Schande“, erwiderte er und drehte sich seiner Gesprächspartnerin wieder zu. „Minerva“, begann er und sein Tonfall verriet, dass er die kommenden Worte nicht wiederholen würde. „Vor vier Jahren, als ich meinen Posten als Lehrer in Hogwarts gekündigt habe, habe ich mir geschworen, nie wieder einen Fuß in diese Schule zu setzen. Ich gedenke nicht, mein eigenes Versprechen zu brechen.“

Aber die Kinder benötigen...“ Minerva brach abrupt ab. Sie wusste genau, dass sie Severus auf diese Art und Weise niemals dazu bringen würde, seinen Posten in Hogwarts wieder aufzunehmen. „Fein, du hast es nicht anders gewollt.“

Selbst durch die lodernden Flammen konnte Severus ihre fest aufeinander gepressten Lippen sehen und ihre Augen verengten sich gefährlich. „Ich habe bereits einen Brief an das Ministerium verfasst und werde ihn umgehend abschicken. Es gibt andere Methoden, dich wieder in deinen Postens zu heben.“

Minerva...“, polterte Severus los, doch es war bereits zu spät. Glühende Asche war das einzige, was sich im Kamin tummelte.

Hervorragend“, murmelte er zwischen zusammengebissenen Zähnen und widerstand der Versuchung, seinen Briefbeschwerer in die verbleibende Glut zu schmeißen. Leider wäre das seiner Situation nicht besonders zuträglich. Stattdessen rauschte er mit langen Schritten aus dem Zimmer und blieb in seinem Wohnzimmer vor dem Schrank mit dem Sherry stehen. Den konnte er im Moment sehr gut gebrauchen. Mit vor Wut zitternden Händen entstöpselte er die edle Glasflasche mit der honigfarbenen Flüssigkeit.

Wenn Minerva ihre Drohung wahr machen sollte, wäre das erholsame Dasein, das er momentan hier in Spinners End führte, schneller beendet, als es angefangen hatte. Er hatte es nicht bereut, diese Entscheidung getroffen zu haben, nicht ein einziges Mal. Ganz im Gegenteil. Das Labor in seinem Keller quoll beinahe über von neuen Rezepten und verbesserten Tränken. Noch nie zuvor in seinem Leben hatten so viele Ideen in seinem Kopf herumgespukt. Sie waren wie Geister, die durch einsame Gänge schwebten und nur darauf warteten, eingefangen zu werden. Er zog eine Grimasse, als er daran dachte, wie eingeschränkt er sich gefühlt hatte in Hogwarts.

Nein, er würde es verhindern, irgendwie. Alles, nur nicht zurück nach Hogwarts.

Ein lauter Gong ließ ihn zusammenzucken und der Korken in seiner Hand fiel ihm vor die Füße. Er kullerte in einer halbrunden Bahn unter die Anrichte und mit einem lautlosen Fluch stellte er die offene Flasche zurück an ihren angestammten Platz.

Einen Moment lang hegte er den Gedanken, das Klingeln zu ignorieren, doch seine Füße trugen ihn sehr eigensinnig von ganz alleine an die Tür. Er öffnete sie ungestüm, wollte der Person bereits eine eiskalte Abfuhr erteilen, als er aufgrund ihrer geschäftigen Kleidung und der schwarzen Aktentasche mutmaßte, dass die Dame offenbar Ministeriumsangestellte war.

Das ging aber überraschend schnell“, bemerkte Severus trocken.

Aufgeschreckt von seiner Stimme drehte die Frau ruckartig ihren Kopf in seine Richtung und ihr Blick blieb verdutzt auf Severus' Gestalt hängen. Allerdings nicht verdutzter als Severus'.

Miss Granger?“

Er sollte sich unbedingt vorher überlegen, was genau er sich wünschte.



Kapitel 2

Guten Tag, Professor Snape“, nutzte Hermine seine kurzweilige Sprachlosigkeit, um zumindest eine Begrüßung loszuwerden.

Das Gesicht ihres ehemaligen Lehrers verzog sich unmerklich. „Was wollen Sie hier?“ Er stellte sich so in die Tür, dass sie keine Chance hatte, an ihm vorbei zu kommen.

Was sie ohnehin nicht ohne sein Einverständnis versucht hätte, aber diesen Einwand behielt sie für sich. „Können wir das eventuell drinnen besprechen? Ich möchte ungern auf offener Straße über Dinge dieser Art diskutieren.“

Snape streckte den Kopf aus der Tür und sah die Straße erst in die eine, dann in die andere Richtung hinab. „Nun, ich denke, wir sind ungestört“, ließ er sie dann sehr selbstgefällig wissen.

Hermine schloss kurz die Augen und schätzte sich glücklich, dass ihr Chef sie regelmäßig trainiert hatte, was ein Verhalten dieser Art betraf. „Man ist niemals ungestört, wenn man sich nicht in einem geschlossenen und mit Isolationszaubern geschütztem Raum befindet, Sir. Sie, als ehemaliger Spion, sollten das am besten wissen.“

Nun, wenn das so ist, suchen Sie sich am besten einen geschlossenen und mit Isolationszaubern geschützten Raum. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei.“ Er wollte seine Tür schließen, was ihm allerdings nicht gelang. Hermine hatte wohlweislich ihren Fuß dazwischen gestellt. Woraufhin Snape langsam seinen Blick senkte, nur um ihn danach beängstigend langsam wieder zu heben. „Miss Granger, wären Sie so freundlich, Ihren Fuß aus meiner Tür zu entfernen?“

Nein“, antwortete sie schlicht.

Miss Granger…“, begann er erneut.

Doch Hermine unterbrach ihn: „Professor Snape! Ich garantiere Ihnen, dass ich Sie nicht aufgesucht hätte, wenn ich alleine zurechtgekommen wäre oder jemand anderes zur Verfügung stünde. Sie können also davon ausgehen, dass ich Ihre Hilfe brauche. Außerdem steht es mir als Angestellte des Ministeriums zu, Ihre Hilfe einzufordern.“ Sie schaffte es nicht, ihre Zufriedenheit gänzlich aus ihrem Gesicht fernzuhalten und sah mit Genugtuung, wie sich seines noch weiter verzog. „Also, wären Sie nun bitte so freundlich, mich herein zu lassen?“

Snape knurrte leise und wandte sich so abrupt von der Tür ab, dass diese aufschwang und innen lautstark gegen die Wand prallte. Ein wenig Putz bröckelte von der Stelle und fiel knisternd zu Boden, wie Hermine sah, als sie ihm folgte und die Tür schloss. Danach wanderten ihre Blicke durch den schmalen und sehr… nun ja, verfallen aussehenden Flur. Die Wände waren grau und ungeschmückt, außer einem Haken neben der Tür gab es hier nichts.

Sie folgte Snape durch den Flur in ein Wohnzimmer, zumindest vermutete sie, dass er es als solches benutzte. Man hätte es auch leicht für eine Bibliothek halten können. Die Wände waren gesäumt mit riesigen Bücherregalen, in denen sich Buchrücken in verschiedensten Farben aneinander reihten. Hier und da steckten Pergamente dazwischen oder quollen über den Büchern aus den Regalen; jede Holzlaus hätte hier mindestens ein Jahrtausend überleben können. Und Hermine, das musste sie zugeben, hätte sich hier gerne einmal genauer umgesehen.

Denn im Gegensatz zum Flur konnte man diesen Raum schon beinahe gemütlich nennen. Ein Kamin war auf der rechten Seite in die Wand eingelassen und im hinteren Teil führte eine Treppe nach oben, eine andere nach unten. Der Boden war mit alten Webteppichen belegt, die sich stellenweise überschnitten, an der Decke hing ein altersschwach anmutender Kronleuchter mit vergilbten Kerzen. Hermine wunderte es nicht, dass er über einer Stelle des Raumes hing, an der sich nichts außer der Teppiche befand.

Nun, Miss Granger, der Raum ist geschlossen und ich versichere Ihnen, dass Isolationszauber nicht nötig sind. Werden Sie los, was Sie loswerden wollen.“ Snape war zu einem Schrank gegangen und schenkte sich ein Glas mit einer Flüssigkeit ein, die auf die Entfernung verdächtig wie Sherry aussah. Vermutlich war es auch Sherry. Natürlich bot er Hermine weder einen Sitzplatz noch ein Getränk an, aber wirklich erwartet hatte sie dies auch nicht.

Sie ging zum Tisch hinüber, der soweit wie möglich an der linken Seite des Raumes vor das Bücherregal gerückt war – zweifellos um dem Kronleuchter aus dem Weg zu gehen. „Ich arbeite beim Ministerium in der Abteilung für Vermisstenfälle“, begann sie, während sie ihre Unterlagen sortierte. „Mein momentaner Fall beschäftigt sich mit einem 45-jährigen Archäologen, der am Stonehenge verschwunden ist. Ich habe mir den Ort heute Vormittag angesehen und konnte keinen Anhaltspunkt dafür finden, wohin er verschwunden sein sollte. Durch alte Unterlagen habe ich erfahren, dass Sie selbst einmal für zwei Wochen vermisst gemeldet wurden, ebenfalls am Stonehenge. Möglicherweise können Sie mir helfen, diesen Fall aufzuklären.“

Snape hatte ihr den Rücken zugewandt, doch sogar aus dieser Position konnte sie sehen, dass seine Haltung bei der Erwähnung von Stonehenge merklich steifer geworden war. Nun legte er den Kopf in den Nacken und Hermine wurde bewusst, dass er seinen Sherry in einem Zug herunterstürzte. Danach erst drehte er sich zu ihr um. „Nun, ich kann Ihnen nicht helfen. War es das, Miss Granger?“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust, woraufhin er erneut das Gesicht verzog und sich einen weiteren Sherry eingoss. Zweifellos hatte er verstanden, dass er aus dieser Sache nicht ohne eine Diskussion herauskommen würde. „Professor Snape“, begann sie, doch dieses Mal war es an ihm, sie zu unterbrechen.

Hören Sie auf, mich Professor zu nennen, Miss Granger! Ich bin kein Lehrer mehr in Hogwarts und werde es auch nie wieder sein.“ Ein weiteres Mal leerte er sein Glas, allerdings nicht, ohne ihr vorher feixend zuzuprosten.

Mr Snape“, begann Hermine deswegen von Neuem und kämpfte um ihre Geduld. „Ich habe mir die Akte zu Ihrem Fall bereits durchgelesen. Es stehen mehrere Verhöre mit Ihnen darin und ich weiß, dass Sie mir helfen können.“

Wenn schon alles in der Akte steht, dann weiß ich nicht, warum ich Ihnen helfen muss. Oder haben Sie es bis heute noch nicht geschafft, die Informationen, die sie in schriftlicher Form bekommen können, sinnvoll miteinander zu verknüpfen?“

Ich kann Informationen miteinander verknüpfen“, presste Hermine mühsam hervor. „Aber in dieser Akte steht nicht drin, wo genau Sie und höchstwahrscheinlich auch Steve Ruber verschwunden sind. Ich weiß nicht, wo ich mit meiner Suche anfangen soll. Und da es anscheinend nicht ganz ungefährlich ist, dort, wo auch immer Sie und Mr Ruber hingekommen sind, würde ich es sehr schätzen, wenn Sie sich ein wenig kooperativer zeigen würden!“ Tatsächlich war der andere Mann, mit dem Snape verschwunden war – Frederick Ferret – nicht zurückgekehrt. Snape hatte später ausgesagt, er sei verstorben.

In diesem Moment allerdings fasste der ehemalige Lehrer für Zaubertränke sich mit übertrieben leidender Miene an die Stirn. „Miss Granger, bitte verschonen Sie mich mit diesen Schachtelsätzen! Sie waren ein Grund, warum ich meinen Beruf aufgegeben habe.“

Hermine stöhnte frustriert und ließ die Unterlagen auf den Tisch fallen. „Hören Sie, es geht nur darum, mir zu zeigen, wie ich wo-auch-immer hinkomme, um da nach Steve Ruber zu suchen. Danach können Sie machen, was auch immer Sie wollen.“

Er sah sie eine Zeitlang nachdenklich an, ehe er nickte. „Also gut.“

Hermine blinzelte mehrmals. Also gut? War das alles? Keine weiteren Bedingungen? Genau das fragte sie Snape auch.

Sollte ich Bedingungen stellen, Miss Granger?“ Er hob seine Augenbrauen.

Nein“, beeilte sie sich zu sagen. „Nein, alles bestens.“ Trotzdem konnte sie die Überraschung nicht gänzlich abschütteln. „Also dann… Worauf muss ich mich vorbereiten?“

Snape stellte sein Glas weg und kam weiter in den Raum. Hinter einem der beiden Ohrensessel, die neben dem Tisch standen, blieb er stehen und stützte sich auf der Lehne ab. „Auf das Schlimmste, Miss Granger.“

Sie schluckte, als ihr unwillkürlich eine Gänsehaut den Rücken hinab lief. Dieser Mann schaffte es noch immer, sie mit einem verschlagenen Blick und einer drohenden Äußerung aus dem Konzept zu bringen. „Und das heißt?“

Das heißt, dass ich für Sie hoffe, dass Sie eine vernünftige Kampfausbildung und ein ausreichendes Wissen über Verteidigungszauber aller Art besitzen. Rüsten Sie sich mit Wasser und Lebensmitteln, sowie den Basistränken zur Wundversorgung aus! Und ziehen Sie sich etwas Bequemeres als das an!“ Er deutete flüchtig auf die formelle schwarze Kleidung, die sie trug.

Danke für diesen Hinweis“, erwiderte sie knirschend. „Gut, dann würde ich sagen, wir treffen uns in zwei Stunden am Stonehenge.“

Zwei Stunden, Miss Granger? Sagten Sie nicht, es würde eilen?“

Die Basistränke zur Wundversorgung brauen sich nicht in zehn Minuten, Sir. Das sollten Sie am besten wissen.“ Während sie dies sagte, räumte sie die Unterlagen wieder zusammen, die sie nun gar nicht benötigt hatte.

Für zehn Galleonen bringe ich alles mit, was Sie brauchen.“

Hermine sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Mit Verlaub, aber das ist Wucher!“

Aber es spart Ihnen mindestens eine Stunde. Außerdem haben Sie ein Spesenkonto.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und gab sich nicht die geringste Mühe, seine Zufriedenheit zu verbergen.

Hermine atmete neuerlich tief durch und konnte es sich nur schwer verkneifen, einige wenig magische Flüche zu murmeln. „Also gut. Dann in einer Stunde am Stonehenge. Sie bringen die Tränke mit und ich das Geld. Bis dann, Mr Snape.“ Sie wandte sich um und suchte sich den Weg nach draußen alleine. Darauf zu warten, dass Snape sie hinausbegleitete, wäre vergeudete Zeit.

***

Zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen (oder wie es Zauberer ausdrückten, zwei Todesser mit einem Fluch zu treffen) war nur ein Grund für Severus, sich auf das anstehende Gespräch mit der Direktorin von Hogwarts zu freuen. Mit einer inneren Genugtuung, die im krassen Gegensatz zu seinem Unmut gegenüber einer gewissen Miss Granger stand, schnappte er sich eine Handvoll Flohpulver und lehnte sich weit über das neu entfachte Feuer zu seinen Füßen.

Direktorin McGonagalls Büro“, sagte er mit fester Stimme und unterdrückte ein Husten, als der Rauch seinen Rachen kitzelte. Die Direktorin saß an ihrem Schreibtisch und stand auf, als Severus mit einem Räuspern auf sich aufmerksam machte.

Severus“, begrüßte die alte Dame und anhand ihrer Miene konnte Severus erkennen, dass sie ganz sicher mit seiner Zusage rechnete. Ein Grund mehr für ihn, sich auf seine Absage zu freuen. Es kostete ihn einiges an Überwindung, sie nicht anzugrinsen. Doch er hatte schließlich einen Ruf zu verlieren. Also setzte er seine miesepetrigstes Gesicht auf und kniff seine Augen feindselig zusammen, während die Direktorin näher kam und sich ein wenig nach unten beugte. „Ich hätte nicht gedacht, so bald von Ihnen zu hören“, zirpte sie.

Ja, auch ich hätte nicht geglaubt, sobald eine Entscheidung treffen zu können.“

Sie haben es sich also anders überlegt?“, fragte McGonagall und nickte erwartungsvoll. Sie verschränkte die Arme hinter ihrem Rücken, als würde sie einen Erstklässler mit einer langen Rüge bestrafen wollen. Dieses Mal musste sich Severus in seinem eigenen Wohnzimmer in den Unterarm kneifen, um nicht boshaft zu lachen. Erstens wäre das seinem Hustenreiz nicht sonderlich zuträglich, andererseits wollte er seine Gesprächspartnerin noch etwas zappeln lassen.

Minerva“, begann er schließlich mit wohlüberlegten Worten. „Meine Zeit in Hogwarts war sehr ... lehrreich. Und es war mir eine große ... Freude, mein Wissen an kleine, besserwisserische Bälger weiterzugeben.“

McGonagall schnaubte ungläubig.

Es war immer ein zweites Zuhause. Und all die guten Erinnerungen...“, sagte er weiter und McGonagall sah ihn misstrauisch an. Langsam aber sicher hatte wohl auch sie mitbekommen, dass sich eine Zusage von ihm ganz sicher anders entwickelt hätte.

Kommen Sie auf den Punkt! Nehmen Sie den Posten an oder nicht?“

Nein!“, antwortete Severus mit aller Überzeugung, den er aufbringen konnte – und das war eine ganze Menge. „Ich habe nicht vor, jemals wieder einen Fuß in die Kerker, die Gemeinschaftsräume, die Klassenräume oder irgendeine andere Örtlichkeit zu setzen, die im Entferntesten mit Hogwarts, Schülern und Unterricht zu tun haben.“

McGonagall riss ihre Augen auf und ihr Mund öffnete und schloss sich wieder und wieder, als würde sie nicht die passenden Worte für ihren Wutanfall finden können.

S... Severus!“

Und glauben Sie mir, es hat keinen Zweck, mich in naher Zukunft erreichen zu wollen. Im Auftrag des Ministeriums begebe ich mich auf eine Mission mit unbegrenzter Dauer.“ Dass diese Mission für ihn persönlich kaum mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen würde, war dabei natürlich vollkommen irrelevant. Und dass er dies im Auftrag einer gewissen Hermine Granger tat, war noch viel weniger wichtig. „Ich wünsche noch einen angenehmen Tag. Ach...“, fiel ihm im letzten Moment ein und diesmal umspielte tatsächlich ein fieses Lächeln seine Mundwinkel. „.. warnen sie den neuen Lehrer für Zaubertränke vor zukünftigen Schülern mit dem Namen Longbottom, Weasley oder auch Potter. Er wird es Ihnen danken.“

Mit diesen Worten zog er seinen Kopf zurück und erhob sich von seiner Position auf den Knien. Die innere Genugtuung kribbelte noch immer angenehm in seinem Bauch und er klopfte sich einige Asche von seinem Umhang. Er hatte noch einiges zu erledigen, bevor er am verabredeten Treffpunkt sein musste.

***

Ein Knacken kündigte Hermines Ankunft an, doch niemand war da, der es hören konnte.

Sie apparierte etwa 50 Meter vom äußeren Steinring entfernt und drehte sich einige Male im Kreis, bevor sie ihren Rucksack von den Schultern nahm und ihn neben sich auf dem Rasen abstellte.

Stonehenge war weiträumig abgesperrt und in der Ferne konnte sie flatternde Bänder sehen, die das gesamte Gebiet für neugierige und unerwünschte Möchtegerndetektive unzugänglich machten.

Vor vielen Jahren, noch bevor sie überhaupt gewusst hatte, dass sie eine Hexe war, hatte sie Stonehenge zusammen mit ihren Eltern besucht. Ein Bus, vollgequetscht mit Dutzenden Mitreisenden – dickbäuchige und verschwitzte Männer und Frauen – hatte sie hierher gebracht. Hermine hatte die meiste Zeit damit verbracht, laut Hintergrundinformationen aus einem Reiseführer vorzulesen, die keinen interessierten. Nur ihr Vater hatte immer an den richtigen Stellen genickt und Fragen gestellt, während ihre Mutter sie aufforderte, endlich ihre Nase hinter dem Buch hervorzuholen, bevor sie die Realität über die gedruckten Worte hinweg verpasste.

Hermine lächelte bei dem Gedanken daran. Sie nahm sich fest vor, ihre Eltern wieder zu besuchen, wenn sie mit diesem Auftrag fertig war. Vielleicht könnte sie ja noch zwei Karten für die Quidditch-Weltmeisterschaft auftreiben. Vielleicht...

Mit dem Wind im und dem Rucksack auf dem Rücken stieg sie einen kleinen Hügel hinauf und sah dahinter den Tatort, den sie bereits vor einigen Stunden kurz besichtigt hatte. Eine Fläche von etwa 8x10 Meter war noch einmal separat von rot-weiß-gestreiftem Plastikband abgetrennt und auch jetzt noch konnte sie nichts, aber auch rein gar nichts sehen, was Ursache für einen Vermisstenfall sein könnte. Das Gras war etwas mager und kurz. Dunkle Erde blitzte darunter hervor wie die Kopfhaut ihres Vorgesetzten. Einige Meter entfernt war der Boden noch aufgewühlter. Ein Wohnwagen und zwei Zelte hatten laut Aussagen der Muggelpolizei dort gestanden.

Ein weiteres Knacken ertönte, halb übertönt vom pfeifenden Wind, der ohne Hindernis über die Ebene der Salisbury Plainst fegte.

Mr Snape“, begrüßte sie den Neuankömmling mit lauter Stimme und betonte die ungewohnte Anrede im Besonderen.

Miss Granger“, entgegnete der schwarzhaarige Mann. Er trug legere Kleidung und zu Hermines großer Überraschung keinen Umhang. Unter einem grauen Jackett trug er einen dunkelroten, wollenen Rollkragenpullover und als Hermine einen Blick auf die Bügelfalte seine Hose warf, musste sie ganz bewusst ihren Unterkiefer wieder nach oben klappen. Seine Haare wurden ihm wiederholt ins Gesicht geweht und jedes Mal wischte er sie unwirsch beiseite. Sein Gang war steif und genauso, wie Hermine es aus ihren Zaubertränkelehrstunden her in Erinnerung hatte.

Haben Sie noch etwas vor?“, fragte Hermine so unschuldig wie möglich und rückte den Riemen über ihrer Schulter zurecht. „Etwas Besonderes?“

Severus rechtes Auge zuckte verdächtig und er deutete nonchalant über Hermines Kopf hinweg in die Richtung des Tatorts. „Nach Ihnen.“

Mit gesenktem Haupt trottete Hermine los und blieb erst stehen, als das flatternde Band ihr gegen die Hüfte klatschte.

Was ist mit den Tränken?“, fragte Hermine, stellte wieder ihren Rucksack ab und gab sich dabei Mühe, Snape nicht anzublicken.

Haben Sie denn zehn Galleonen?“, gab er als Antwort und warf einen unsicheren Blick auf den unscheinbaren Flecken Erde neben ihn.

Sie sind ein arroganter Ganove“, grummelte Hermine. Snapes Blick war ihr nicht entgangen, was ihrem Selbstbewusstsein nicht gerade einen positiven Schub gab. Sie hatte keine Vorstellung, worauf sie sich hier einließ und hatte die irrwitzige Fantasie, im Laufe dieses Auftrag auf einem blutigen Opferstein einer nomadischen Gottheit geopfert zu werden. Sie erschauderte bei dem Gedanken und holte die Münzen aus einer kleinen Tasche, die sie um den Hals zu hängen hatte. Mit knirschenden Zähnen zählte sie zehn Galleonen ab und hielt sie Snape mit einer ungehaltenen Geste vor die Nase.

Bitte schön, Sie... Sie...“ Sie suchte nach den passenden Worten. Einem Schimpfwort, das sich eigentlich in ihrem Schimpfwortvokabular befand, aber harmlos genug war, damit sie sich danach nicht mies fühlen würde.

Ja, nicht das formale 'Sie' vergessen, Miss Granger. Wir möchten doch nicht unhöflich werden.“ Er lächelte süffisant, eine Mimik, die sie bei ihm schon so oft gesehen hatte. So brauchte sie einige Sekunden, ehe sie bemerkte, dass er ihr einen kleinen Beutel vor dir Nase hielt. Hastig griff sie danach und drückte ihm die Bezahlung in die aufgehaltene Hand.

Es war mir eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Miss Granger.“

Ja, was auch immer“, erwiderte Hermine ungehalten und gestikulierte in den eingezäunten Bereich. „Wie komme ich jetzt... wo auch immer hin?“

Snapes Augenbraue zuckte in die Höhe und er ließ kurz seinen Blick über Hermines Figur wandern.

Sie wissen, dass Sie womöglich nicht zurückkommen werden, oder?“, sagte er schließlich mit gedämpfter Stimme.

Ich gedenke sehr wohl zurück zu kommen, Mr Snape. Und je früher ich weiß, wo ich hin muss, desto eher komme ich zurück.“

Wenn Sie das sagen.“ Snape zuckte mit den Schultern, zeigte mit der linken Hand auf die Fläche und zog mit der rechten seinen Zauberstab aus einer Innentasche seines Jacketts. „Stellen Sie sich dorthin!“, befahl er und Hermine sah ihn misstrauisch an. „Ich werde Sie schon nicht in einen Wurm verwandeln, damit sie sich in die Unterwelt buddeln können.“

Unter... Unterwelt?“

Hey, Sie wollen doch den Muggel retten, oder nicht?“

Natürlich, aber...“

Na schön.“ Snape machte einige kreisende Bewegungen mit der Spitze seines Zauberstabes und zielte auf den Boden unter Hermines Füßen. Unsicher sah sie sich um und erstarrte, als kleine Sandwellen plötzlich auf sie zugerast kamen und sie innerhalb eines Atemzuges bis zu den Knien eingesunken war.

Was machen Sie da?“, kreischte Hermine hysterisch und zuckte verdutzt zusammen, als ihr Rucksack auf sie zugeflogen kam, begleitet von den Worten ihres Professors: „Den wollen Sie doch bestimmt mitnehmen.“

Ihr blieb noch Zeit, einmal kräftig Luft zu holen und den Rucksack fest an ihren Oberkörper zu pressen, bevor eine letzte Welle über ihr zusammenbrach. Dann war es dunkel.

***

Severus Snape starrte einige Sekunden lang auf den Punkt, an dem der brünette Haarschopf von Hermine Granger verschwunden war, in Gedanken bereits weit weg von diesem Ort. Wirklich schade um die junge Frau, sie war die einzige während seiner gesamten Laufbahn als Zaubertränkelehrer, der nie auch nur ein einziger Kessel explodiert war.

Er wollte sich bereits umdrehen und disapparieren, als ein Gegenstand seine Aufmerksamkeit erhaschte. Ein Zauberstab, hellbraun. Etwa 5 Zoll weit ragte er aus dem Boden und Severus hätte schwören können, dass der Stab ihm böse Blicke zuwarf.

Das darf doch nicht wahr sein“, schimpfte er mit unterdrücktem Zorn und zögerte einen Moment, bevor er mit einem ruckartigen Schlenker seines Zauberstabes die raschelnde Plastikfolie zur Seite zwang, sich bückte und mit einem alles-vernichtenden Augenrollen zusah, wie die Erde ihn verschluckte.



Kapitel 3

Hermine schrie spitz auf, als irgendetwas direkt neben ihr landete. Sie sprang erschrocken einen Schritt zurück – zumindest hatte sie dies geplant. Allerdings landete ihre Schulter dabei relativ unsanft an einer harten Wand, woraufhin sie wieder einen Schritt nach vorne tat und in was-auch-immer hinein lief. Sie schrie erneut auf und wünschte sich nur eine kleine Lichtquelle an diesem verdammten Ort.

Und als sie diese bekam, wünschte sie sich, es wäre wieder dunkel: „Würden Sie eventuell die Freundlichkeit besitzen, sich aus meiner Intimzone zu entfernen, Miss Granger?“

Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden und wankte eilig nach hinten, aber in ein anderes Hinten als zuvor. Snape hatte seinen Zauberstab entzündet und beleuchtete so einen schmalen Gang von etwa zwei Metern Höhe und einem Meter Breite. Wohin er führte, war nicht zu sehen. In beiden Richtungen endete ihre Sicht nach wenigen Metern. „Entschuldigen Sie, Sir“, murmelte sie betreten und klammerte sich an ihrem Rucksack fest.

Das haben Sie vergessen“, überging er ihre Entschuldigung und hielt ihr ihren Zauberstab vor die Nase. Das erklärte natürlich, warum sie ihn zuvor nicht gefunden hatte.

Danke.“ Sie erschuf ebenfalls ein Licht und so erhellte eine weitere Quelle den Gang, in dem sie gelandet waren. „Wo sind wir hier?“

Oh nein, Miss Granger! Nicht wir. Sie! Ich werde mich jetzt wieder empfehlen.“ Er legte den Kopf in den Nacken und pulte mit der Zauberstabspitze irgendwo in der Decke des Ganges herum.

Prof… Mr Snape, bitte! Sie können mich hier nicht einfach alleine lassen!“ Ihre Stimme war eine Nuance höher als sonst und so wie es sich anfühlte, hatten auch ihre Augen irgendwie an Größe zugenommen.

Und ob ich das kann. Ich habe andere Pläne, Miss Granger. Das hier ist nicht mein Auftrag. Außerdem werden Sie ja bald Gesellschaft haben, wenn Sie diesen Steve Ruber gefunden haben.“ Er schenkte ihr einen desinteressierten Blick und widmete sich wieder der Decke, von der nun einige Brocken dunkler Erde zu Boden fielen.

Und was ist, wenn ich ihn nicht finde?“

Dann kehren Sie hierher zurück und verlassen das Gangsystem wieder. Nichts leichter als das.“ Danach sah es für Hermine allerdings nicht aus, während Snapes Zauberstabspitze immer wieder im Erdreich verschwand, aber nichts außer weiteren Klumpen zutage förderte.

Sind Sie sicher, dass Sie wissen, wie wir hier wieder rauskommen, Sir?“, wagte sie vorsichtig einzuwenden.

Natürlich weiß ich das, Miss Granger! Ich bin hier schon einmal rausgekommen.“ Er hatte seine Augenbrauen verärgert zusammengezogen und im spärlichen Licht ihres Zauberstabes wirkte er dabei noch eine Spur bedrohlicher als sonst.

Schon gut, es war nur eine Frage.“ Sie hob abwehrend die Hände in die Luft und trat wohlweislich noch einen Schritt weiter nach hinten.

Snape machte sich derweil weiter an dem Erdreich zu schaffen und höhlte ein Loch aus, in das bequem ein Klatscher gepasst hätte. Hermines Skepsis wuchs mit jeder Sekunde und ihre Angst noch gleich dazu. Natürlich hatte man sie ausgebildet im Kämpfen und Verteidigen und auch im Umgang mit Entführern und Geiselnehmern. Aber man hatte ihr weder gesagt, wie sie sich in einem unterirdischen Gangsystem zurechtfand, noch wie sie mit ihrer gereizten Begleitung verfahren sollte, wenn sie diese ganze Sache überleben wollte.

Worauf warten Sie eigentlich noch, Miss Granger?“, schnappte er nach ein paar Minuten und funkelte sie wütend an.

Darauf, dass Sie mir zeigen, wie ich hier wieder rauskomme. Ich würde ungern auf einen glücklichen Zufall warten und irgendetwas sagt mir, dass der Fahrende Ritter hier nicht verkehrt.“

Ihre Auffassungsgabe ist wirklich atemberaubend“, knurrte er und stieß danach seinen Zauberstab so gereizt in das Erdreich über sich, dass er dort stecken blieb. Mit einem frustrierten Stöhnen sank er auf seine Füße zurück und stemmte die Hände in die Hüften.

Was?“, fragte Hermine spitz. „Sie kapitulieren? Wir stecken hier fest? Das kann nicht Ihr Ernst sein!“ Sie ließ den Rucksack zu Boden plumpsen und versuchte an den Zauberstab ihres ehemaligen Lehrers heran zu kommen, um ihrerseits irgendetwas damit anzustellen. Sie wusste zwar nicht genau was, aber irgendwas würde ihr schon einfallen. Nur war sie zu klein und ihre Fingerspitzen strichen immer direkt unter dem Ende entlang.

Schließlich griff Snape gelassen an ihr vorbei nach oben und zog seinen Zauberstab heraus. Hermine starrte ihn mit großen Augen an, doch ihre aufkeimende Panik schien ihn nicht zu interessieren. „Miss Granger, Sie täten mir wirklich einen außerordentlich großen Gefallen, wenn Sie sich in weniger hohen Tönen artikulieren würden.“

Ich artikuliere mich, wie ich will!“, platzte sie heraus, woraufhin Snape das Gesicht verzog.

Dann dämpfen Sie wenigstens die Lautstärke!“

Ich rede so hoch und so laut wie ich will, Mr Snape! Sie haben mich in eine hinterhältige Falle gelockt! Sie haben keine Ahnung, wie wir hier wieder rauskommen und es scheint Sie auch nicht im Mindesten zu interessieren. Ich, im Gegensatz zu Ihnen, habe ein Leben! Also sehen Sie zu, dass Sie diesen Durchgang wieder öffnen, sonst…“

Bei Salazar, halten Sie den Mund!“, fuhr er grob dazwischen und zu Hermines Erstaunen klappte ihr Mund von alleine zu. Snape hob erstaunt die Augenbrauen. „Ich hätte nicht erwartet, dass das noch sieben Jahre später funktioniert.“ Hermine funkelte ihn böse an und wollte gerade zu einer neuen Tirade ansetzen, als Snape eine Hand hob. „Ich weiß, wie wir hier rauskommen. Nur befindet sich der Ausgang anscheinend nicht hier, sondern woanders.“

Und wo?“

Ich weiß es nicht.“

Soll mich das jetzt beruhigen?“ Das Licht an der Spitze ihres Zauberstabes tanzte wild durch die Luft, als sie mit den Händen zu gestikulieren begann.

Es würde vieles einfacher machen, wenn es das täte.“

Nun, ich mache es Ihnen aber nicht einfach, Mr Snape! Schließlich ist es Ihre Schuld, dass wir hier festsitzen.“

Meine Schuld? Ich habe meinen Zauberstab nicht losgelassen, als eine Erdwelle mich erfasste, Miss Granger! Ich könnte jetzt…“ Er unterbrach sich und hustete gekünstelt.

Sie könnten was, Sir?“, bohrte sie weiter.

Das geht Sie nichts an. Tatsache ist, dass Sie der Grund dafür sind, dass ich hier bin. Also geben Sie mir nicht die Schuld dafür, dass wir hier festsitzen.“

Sie haben doch behauptet, sich hier auszukennen!“ Sie war wirklich kurz davor, ihm eigenhändig den Hals umzudrehen. Und die Aussicht, dass man sie dafür nicht mehr der Schule verweisen konnte, machte das Ganze nur noch verlockender.

Ich habe nur behauptet, dass ich Sie reinbringen kann. Vom Rückweg war niemals die Rede.“ Er zupfte an seinem Pullover und wischte sich etwas Staub vom Jackett.

Hermine hingegen starrte ihn mit offenem Mund an. Es dauerte einige Momente, ehe sie ihre Sprache wiedergefunden hatte: „Soll das heißen, Sie hätten mich hier reingeschickt und sich dann einen feuchten Kehricht darum gekümmert, ob und wie ich wieder rauskomme?“

Er tat so, als ob er angestrengt nachdenken würde. „Ja!“

Mistkerl!“, stieß sie aus, ohne großartig darüber nachzudenken.

Hüten Sie Ihre Zunge, Miss Granger! Sie sind die Ministeriumsangestellte. Woher sollte ich wissen, dass Sie sich auf eine Suche begeben, ohne sich vorher über das Ziel zu informieren, geschweige denn einen Partner mitzubringen? Womöglich haben Sie nicht einmal jemandem gesagt, was Sie vorhaben.“

Natürlich habe ich es jemandem gesagt! Mein Vorgesetzter weiß Bescheid.“

Er weiß, dass Sie sich in unterirdische Tunnel begeben haben, aus denen es keinen sicheren Ausgang gibt, um einen Muggel zu suchen? Er muss ja wirklich eine hohe Meinung von Ihren Fähigkeiten haben.“

Hermine lief rot an. „Na ja, so genau weiß er es nicht“, gab sie kleinlaut zu.

Das bedeutet also, Ihr Vorgesetzter weiß, dass Sie nach dem Muggel suchen, hat aber keine Ahnung, wohin Sie sich bei dieser Suche begeben.“

Hermine wand sich unter seinen Blicken. „Er hat viel mit der Quidditch-Weltmeisterschaft zu tun.“ Und das war nicht einmal gelogen. Sie hatte Dunabee informieren wollen, aber er war ‚zeitweise nicht erreichbar‘ gewesen. Und da Snape das Zeitfenster so eng gesetzt hatte, hatte es zu nicht mehr als einer Notiz gereicht, die sie bei seiner Sekretärin hinterlassen hatte. Es war ziemlich sicher, dass Dunabee diese Notiz niemals erhalten würde. Oder wollte. „Außerdem konnte ja niemand damit rechnen, dass Sie mich auf eine Selbstmordmission schicken!“

Snape atmete einmal tief durch. „Miss Granger, wie lange machen Sie diesen Job schon?“

Ich wüsste nicht, was Sie das angeht“, erwiderte sie pikiert.

Fein“, schnappte Snape und verzog das Gesicht. „Lassen wir das Diskutieren und machen uns auf die Suche nach diesem Steve Ruber. Ich hoffe für Sie, dass das Ganze sich auch lohnt.“ Er drängte sich an ihr vorbei, während er an der Spitze seines Zauberstabes neuerlich ein Licht entstehen ließ, und beachtete Hermine nicht weiter.

Diese hob eilig ihren Rucksack vom Boden auf und lief ihrem ehemaligen Professor hinterher. „Und was ist mit dem Ausgang?“, rief sie ihm in Erinnerung.

Um den kümmern wir uns, wenn wir Steve Ruber gefunden haben!“

Und was sagt Ihnen, dass er in diese Richtung gelaufen ist?“ Sie hatte Mühe, seinem Tempo stand halten zu können, weigerte sich aber, sich diese Schwäche einzugestehen.

Wenn es Ihnen lieber ist, können Sie gerne in die andere Richtung gehen“, antwortete er, ohne sich zu ihr umzudrehen.

Hermine sparte sich jeglichen Kommentar. Stattdessen verzog sie das Gesicht und machte den Fehler, einmal hinter sich zu schauen. Der Gang endete im Schwarz und je weiter sie Snape folgte, desto weiter rückte ihr Ankunftspunkt nach hinten. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was sie hier erwarten würde und aus irgendeinem ihr unerfindlichen Grund hatte sich auch ihr Gryffindormut zeitweilig verabschiedet. Sie konnte nur hoffen, dass er sich gelegentlich mal wieder blicken lassen würde, denn gerade jetzt konnte sie ihn wirklich gut gebrauchen.

***

Hermine Granger hatte das Gefühl, in ein tiefes Loch gefallen zu sein. Und das Schlimme war, die Realität war von ihren Emotionen nicht weit entfernt.

Sie mussten schon seit Stunden unterwegs sein, mindestens. So kam es ihr vor. Doch in Wirklichkeit waren sie wohl kaum mehr als zwanzig Minuten gelaufen. Der Gang schien unendlich. Oder vielleicht war er auch nur so groß, wie ihre Lichter reichten und sie liefen die ganze Zeit auf einem Laufband. Alles war möglich und jede einzelne Erklärung dieses Szenarios unerfreulicher als die vorherige.

Rechts und links von ihr sah sie nichts außer Erde. Vereinzelte Wurzeln ragten aus ihr heraus, griffen weit in die nicht enden wollende Dunkelheit und einmal zuckte Hermine erschrocken zusammen, als sie an einer besonders kräftigen vorbei liefen, bei der Hermine hätte schwören können, dass sie sich einige Zentimeter weit in die Wand gezogen hatte, als das Licht sie erreichte.

Doch seitdem hatte sie nichts Verdächtiges entdecken können. Nur Erde, Erde und noch mehr Erde. Also wenn diese Unterwelt nur aus diesem Gang bestand, sollte es nicht so schwer werden, diesen Ruber zu finden. Irgendwann würden sie ja über ihn stolpern müssen.

Sie schüttelte sich. Diese Formulierung war nicht unbedingt die beste in ihrer momentanen Lage. Vor allem bezweifelte sie, dass der Vermisste eine Taschenlampe bei sich hatte. Wenn sie sich ausmalte, hier unten ohne Licht herum zu irren. Die Vorstellung ließ sie abermals erzittern und sie ertappte sich bei dem Gedanken, an Snape vorbei zu linsen und zu schauen, ob ein Ende dieser Eintönigkeit in Sichtweite war. Oder vielleicht sollte sie in ihrer weinerlichsten Stimme fragen: „Sind wir bald daaaa?“ Doch sie verkniff es sich. Stattdessen begann sie ihre Schritte zu zählen.

Und eins – und zwei – und drei – und vier – und fünf – und sechs – und sieben, acht... ein Hut, ein Stock ein alter Mann und vor, zurück, zur Seite ran, hoch, runter, nebenan. Und eins – und zwei – und drei – und vier ...

Ganz haarscharf schlitterte sie an der Entscheidung vorbei, noch die passenden Bewegungen zu dem alten Kinderreim zu machen, den sie in ihrem Kopf laut mitsang. Doch sie wollte eigentlich nicht erfahren, wie ihr ehemaliger Lehrer sie ansehen würde, wenn sie mitten in diesem trostlosen Gang plötzlich mit Tanzen anfing.

Also lief sie weiter. Ein Fuß vor den anderen. „Ich sehe was, was du nicht siehst“ mit sich alleine zu spielen war, wie sie feststellte, auch keine funktionierende Ablenkungstaktik. Vielleicht sollte sie...

Was machen Sie da?“

Sie sah nach vorne und spürte Snapes stechenden Blick auf sich.

Was?“

Sie murmeln“, sagte er und tiefe Schatten füllten seine Augenhöhlen.

Ich... Murmeln? Ich murmle ganz sicher nicht“, erwiderte sie und schnaubte. „Murmeln, pft.“

Wie auch immer Sie es nennen wollen, es ist irritierend.“

Ich habe überlegt.“

Dafür benötigen Sie ihre Lippen nicht. Überlegen Sie leise!“

Er drehte sich um und stiefelte weiter, seine Schritte lang und schnell, so dass Hermine rennen musste, um zu ihm aufzuholen.

Es vergingen weitere zwanzig Minuten, ehe sie eine Änderung bemerkte. Ein kurzer Luftzug, der ihre schweißnasse Stirn abkühlte. Sie hatte gar nicht bemerkte, wie stickig die Luft gewesen war. Doch nun wurde es eindeutig. Eine Böe, man könnte sie fast kräftig nennen, wehte ihr die Haare aus dem Gesicht und sie schnappte erschrocken nach Luft. Es fühlte sich fast so an, als würde sie auf einem U-Bahnhof der Muggel warten, während eine laut ratternde Bahn einfuhr.

Sie musste sich ein Kichern verkneifen, als sie sich vorstellte, dass sie tatsächlich auf einem Muggelbahnhof raus kämen. Das zu erklären wäre eine ziemliche Herausforderung.

Bei Merlin, die Luft hier unten machte sie albern. War die Luft vielleicht zu dünn? Vielleicht gab es hier ja giftige Dämpfe? Und als wäre es das erste Mal, sah sie sich um. Die Wände, die tiefe Decke, alles schien plötzlich auf sie zuzukommen und ihre alberne Stimmung wandelte sich ruckzuck in eine handfeste Panik. Ihr entfuhr ein ungewolltes Keuchen und sie blieb wie festgewachsen stehen.

Miss Granger!“, ertönte Snapes wütende Stimme. Oh, und sogar er kam ziemlich schnell auf sie zu. „Jetzt ist nicht die Zeit für eine Panikattacke!“

Musste er dabei so schreien?

Tut mir unendlich leid, Professor“, kicherte sie hilflos. Konnte es sein, dass es gerade sehr heiß hier drin wurde? „Ich werde das nächste Mal einen passenderen Zeitpunkt wählen.“

Setzen sie sich!“, sagte Snape barsch und drückte sie an ihren Schultern in eine sitzende Position.

Hey, wir sind hier nicht im Unterricht“, erwiderte Hermine und schloss ihre Augen. Einatmen, ausatmen! „Sie können mir nicht vorschreiben, was ich zu tun habe.“ Sie machte Anstalten, sich aufzurappeln, ließ sich jedoch prompt wieder fallen, als der Raum sich zu drehen begann. „Setzen ist vielleicht doch keine so schlechte Idee.“

Sie ließ ihren Kopf müde gegen die Wand hinter sich fallen und schloss die Augen. Einatmen, ausatmen. Ja, das war schon besser. Sie sah sich erst wieder um, als sie hörte, wie sich Snape fortbewegte. Noch immer war es dunkel, doch glaubte Hermine in der Ferne einen silbernen Schatten zu sehen, der jedoch genausogut eine Illusion sein könnte.

Wo wollen Sie hin?“, fragte sie und hoffte, dass ihre Stimme nur in ihren Ohren so müde klang.

Mir einen Kaffee bestellen.“

Sie wollen was?“

Sie glaubte fast zu hören, wie er in einigen Metern Entfernung mit den Augen rollte. „Sarkasmus, Miss Granger!“

Ah.“ Sie nickte. „Ich verstehe schon.“

Stille.

Also, wo wollen Sie hin?“

Ein leises Murmeln war zu hören, als Snape vermutlich wenig freundlich auf ihre Frage antwortet. Doch einige Sekunden später antwortete er. „Ich wollte sehen, wie weit es noch ist. Aber ich denke, wir machen fünf Minuten Pause und gehen dann gemeinsam weiter.“

Okay“, erwiderte Hermine, obwohl sie sich nicht mehr erinnern konnte, was genau er gesagt hatte. Etwas musste einfach mit der Luft nicht stimmen. Das Rauschen in ihren Ohren wurde leiser und die weißen Punkte vor ihren Augen verblassten langsam. Kaum zwei Minuten später öffnete sie die Augen und betrachtete den Gang. Das weiße Licht ihres Lumos tauchte die Wände in einen gräulichen Schimmer, der die Erde noch unappetitlicher aussehen ließ, als sie tatsächlich war.

Wissen Sie, woran mich das erinnert?“

Will ich es denn wissen?“ Snape saß ihr schräg gegenüber und trotz seiner lässigen Haltung sah er angespannt aus.

Vermutlich nicht.“ Sie verstummte einen Moment lang, bevor sie mit doppeltem Enthusiasmus weitersprach. „Alice im Wunderland, kennen Sie das?“ Sie wartete keine Antwort ab. „Vermutlich auch nicht. Das Buch ist ein Klassiker der Muggel. Es geht um ein Mädchen, das in ein Loch in der Erde fällt und einem weißen Kaninchen folgt.“

Ich versichere Ihnen, dass unsere Lage weitaus unerfreulicher ist. Und...“ Er fixierte sie mit einem Blick, den Hermine auf sich spürte, als wäre er eine kalte Dusche. „... ich bin ganz sicher kein weißes Kaninchen.“

Das weiß ich.“

Beruhigend.“

Aber darum geht es...“ Sie hielt inne. Ein Geräusch aus der Ferne ließ sie sich aufrichten. Es klang wie Wasser, das einen schmalen Tunnel entlang geschossen kam und anhand der Geschwindigkeit, mit der es lauter wurde, kam es erschreckend schnell näher.

Was ist das?“, fragte sie, doch inzwischen war es so laut, dass Snape sie nicht mehr hören konnte, obwohl er nur wenige Meter entfernt stand.

Wieder spürte sie einen starken Luftzug und sie trat unwillkürlich nah an die Wand, presste sich dagegen und versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Das Geräusch wurde immer noch lauter und lauter, bis sie glaubte, jeden Moment würden ihre Trommelfelle platzen. Ihr Brustkorb schmerzte und sie stellte entsetzt fest, dass sie die Luft angehalten hatte.

'Wow, wie stressresistent ich doch bin', war ihr letzter Gedanke, bevor sie endlich auf die Idee kam ihren Zauberstab vor sich zu halten.

Protego!“, schrie sie zeitgleich mit Snape und ein Schutzschild baute sich vor ihnen auf. Und das keine Sekunde zu früh. Etwas rauschte an ihnen vorbei. Etwas Schwarzes mit Flügeln und es folgten mehr. Mehr und mehr Kreaturen rasten an ihrem Schutzschild vorbei mit der Geschwindigkeit eines Schnellzuges und verschwanden hinter ihnen in der Dunkelheit. Endlich wurden es weniger, bis nur noch vereinzelt ein Flattern und Fiepen zu hören war und das Geräusch, ähnlich eines Wasserfalls, entfernte sich.

Fledermäuse“, bemerkte Snape, als sie sich nach endlosen Minuten endlich aufrappelten. „Wissen Sie, was das heißt?“

Dass die hier unten ein Meeting abhalten?“, erwiderte Hermine noch immer etwas zittrig.

Wie humorvoll Sie doch sind“ , lästerte Snape mit einem bitteren Unterton. „Lassen Sie das, es steht Ihnen nicht.“

Hermine kniff wütend die Augen zusammen, sagte aber nichts darauf.

Es bedeutet, dass sie einen Weg kennen, der hier rausführt. Draußen wird es bald dunkel.“

Oh“, fiel Hermine dazu ein und ließ ihren Zauberstab mit einem gemurmelten Lumos wieder aufleuchten. „Das ist gut. Wirklich... gut.“

Sie konnte sehen, wie Snape nur den Kopf schüttelte und wollte sich bereits laut verteidigen („Das ist der Sauerstoffmangel in meinem Gehirn.“), doch sie wollte ihm keine Gelegenheit bieten, eine abfällige Bemerkung über eben dieses Körperteil zu machen. Da war sie sehr empfindlich.

Kommen Sie, es ist nicht mehr weit“, forderte Snape.

Also behielt sie ihren Kommentar für sich und trottete ihm eilig hinterher, da er bereits einige Meter Vorsprung hatte.



Kapitel 4

Es hatte sich alles verändert.

Dieser Gedanke war es, der Severus die ganze Zeit beschäftigte. Seitdem er das letzte Mal hier unten gewesen war, hatte sich alles verändert. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen so langen Tunnel beschritten zu haben, geschweige denn einer Schar Fledermäuse begegnet zu sein. Entweder gab es hier unten genug Magie, dass diese sich selbstständig gemacht und das Gangsystem verändert hatte, oder…

Aber das war nicht möglich. Er schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder darauf, der Spur der Fledermäuse zu folgen. Es musste ja nicht unbedingt das Schlechteste sein, dass sich hier einiges verändert hatte. So würde er Granger schnell wieder los werden und könnte möglicherweise noch seine ursprünglichen Pläne in die Tat umsetzen.

Zugegeben, diese Hoffnungen waren ziemlich optimistisch. Wenn es so leicht wäre, hier wieder rauszukommen, hätte Steve Ruber es ebenfalls geschafft und Granger hätte niemals den Auftrag bekommen. Zumal er es sicherlich mitbekommen hätte, wenn sich das Gangsystem plötzlich geöffnet hätte. Jeder hätte es erfahren.

Sein Gesicht hatte sich angespannt verzogen, während er dem Gang folgte. Er hatte seine Sinne geschärft. Eine Überraschung wie die Fledermäuse wollte er nicht noch einmal erleben. Doch das einzige, das er bisher gehört hatte, waren Grangers schleppende Schritte hinter ihm. Wenn sie auch nur einmal auf die Idee kommen sollte, ihn in dieser leidenden Tonlage zu fragen, wann sie endlich da wären, würde das böse Konsequenzen haben.

In diesem Moment bog der Gang nach links und fiel etwas ab. Während sie mit nun schnelleren Schritten in eine Art Tal liefen, lösten sich größere Steine auf dem Boden und kullerten vor ihnen den Abhang hinunter, rissen Sand und Staub mit sich, bis sie sich in einer grauen Wolke eingehüllt fanden. Hermine hustete laut, während Severus genau das zu verhindern versuchte und stattdessen nur ein Knurren von sich gab.

Wird es gehen, Miss Granger?“, fragte er ölig und als sich der Staub allmählich wieder legte, starrten ihn zwei äußerst gereizte Augen an.

Natürlich. Vielen Dank für die Nachfrage“, gab sie süßlich zurück und ging an ihm vorbei.

Erst als Severus ihren Weg verfolgte, fiel ihm auf, dass der Gang in eine riesigen Höhle gemündet war. Sie erhob sich hoch über ihnen und erstreckte sich so weit, dass andere Zugänge bisweilen nur als kleine schwarze Punkte zu sehen waren. Doch das Interessante an dieser Höhle waren nicht ihre Ausmaße, sondern dass das Licht eines einzigen Zauberstabes reichte, um sie komplett zu erhellen. Und das, was das Licht offenbarte.

Die Wände der Höhle waren aus einem Stein, der das Licht reflektierte und quer durch die Höhle warf. Auf diese Weise wurde jeder Winkel beleuchtet, während die Wände geheimnisvoll glitzerten. Die Luft war feucht und warm, beinahe wie in den Tropen. Und genauso sah es auch auf dem Boden aus. Bäume, Büsche, Gräser und Blumen wucherten wild durcheinander, ein Bach zog sich quer hindurch und sogar einige Vögel stiegen hier und da aus dem Wald auf.

Wie romantisch…“, murmelte er und rümpfte die Nase.

Hermine hingegen bestaunte das Paradies zu ihren Füßen mit großen Augen. „Mir scheint, ‚draußen‘ ist nur eine Sache des Blickwinkels.“ Auf seine verwirrten Blicke hin deutete sie zur Decke hinauf, wo sich die Fledermäuse in Reih' und Glied aufgehängt hatten. Nun allerdings wurde zunehmendes Kreischen laut, das in den Ohren klingelte und diese Art Kopfschmerzen verursachte, die ein weiterer Grund für ihn gewesen war, seine Stelle als Lehrer in Hogwarts aufzugeben. „Machen Sie das Licht aus!“, rief Granger ihm über den Lärm zu und er tat, was sie gesagt hatte.

Beinahe augenblicklich wurde es wieder still und Severus atmete auf. Doch zu seiner Überraschung wurde es nicht dunkel in der Höhle. Irgendwo musste es eine minimale Lichtquelle geben, die ausreichte, um die Pflanzen mit genug Licht für Wachstum und Fortpflanzung zu versorgen. „Beeindruckend“, murmelte er, während er den Kopf tief in den Nacken legte und nach der Lichtquelle suchte.

Sie kennen die Höhle nicht?“ Grangers Stimme klang ungläubig.

Nein, Miss Granger, ich kenne die Höhle nicht.“ Er war wirklich nicht erpicht darauf, ihr Details seines damaligen Aufenthalts unter die Nase zu reiben und deswegen fügte er hinzu: „Es hat sich einiges geändert, seitdem ich das letzte Mal hier gewesen bin.“ Er unterstrich diese Worte mit einigen eindringlichen Blicken, die sie nicht davon abhielt, tief Luft zu holen.

Severus, der den Schwall an Fragen bereits kommen sah, wandte sich ab und stolperte den restlichen Abhang hinab, bis seine Füße vom Sandboden abrupt auf weiches Gras traten. Irgendetwas war anders hinter dieser Grenze und als er sich mit einer Hälfte seines Körpers auf den Sandboden und mit der anderen in den Urwald stellte, spürte er deutlich, was genau das war. Die gesamte Vegetation in dieser Höhle war umgeben von einem magischen Bann. Welche Wirkung dieser hatte, konnte er nicht beurteilen, aber es war naheliegend, dass er die Pflanzen und Tiere vor irgendetwas schützen sollte. Die Dürre und Trostlosigkeit des restlichen Gangsystems war sicherlich etwas davon. Der Rest… nun ja.

Ich denke, hier lässt es sich wohl einigermaßen aushalten.“ Granger war neben ihn getreten, stand allerdings komplett auf dem Rasen. Ihre Reaktion auf den Bann bestand aus einem flüchtigen nachdenklichen Blick. Anscheinend maß sie dem merkwürdigen Gefühl keine wirkliche Bedeutung bei.

Wenn Sie planen, längerfristig hier zu bleiben, trifft das sicherlich zu. Ansonsten sollten wir uns diese Höhle als Anlaufstelle für Nahrung und Wasser merken und lieber nach dem Ausgang suchen.“ Zu seiner Zufriedenheit schaffte er es immer noch, sie erröten zu lassen.

Mit nun deutlich besserer Laune machte er sich auf den Weg, das Grün etwas genauer zu erforschen. Was Granger machte, war ihm relativ egal. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sie hier eine weitere Panikattacke bekommen würde, war wohl gering.

***


Nun, zumindest sein letzter Gedanke erwies sich als Irrtum, denn keine zwanzig Minuten später hallte ein gellender Schrei durch die Höhle, der ähnlich wie das Licht reflektiert und verstärkt wurde, bis er laut genug war, um Vögel und sämtliches anderes Getier aufzuscheuchen. Severus duckte sich unter einer Schar besonders schriller und bunter Vögel hinweg, während er leise vor sich hin fluchte.


Miss Granger!“, rief er danach mit tiefer Stimme. Es war die mahnende Art, ihren Namen auszusprechen, so wie wenn sie damals in Weasleys Kessel herumgerührt hatte und auch dies wurde verstärkt, allerdings auf eine angenehmere Weise.

Professor Snape!“ Oh ja, sie war eindeutig panisch.

Severus knurrte und schlug einen Haken nach rechts. Während er sich durch das Unterholz schlug, murmelte er: „Nicht Professor. Niemals wieder Professor!“ Etwas, das wie ein Affe aussah, landete vor ihm auf dem Boden, sah ihn mit großen Augen an und huschte fiepsend davon, nachdem er Severus‘ Blicken einige Sekunden lang ausgesetzt gewesen war.


Der dunkelhaarige Mann setzte seinen Weg gereizt fort und als er etwas Großes dicht neben sich an einem Busch vorbei huschen sah, griff er danach und entlockte Granger so einen weiteren Schrei. „Miss Granger!“, wiederholte er die Warnung. „Wie in Circes Namen sind Sie an diesen Job gekommen, wenn Sie nicht einmal in einem so primitiven Lebensraum wie diesem eine halbe Stunde lang auf sich selbst aufpassen können?“

Sie starrte ihn mit ebenso großen Augen an wie der Affe zuvor und dieser Vergleich ließ Severus dreckig grinsen. Und das Grinsen wurde noch breiter, als er die Blätter und kleinen Äste sah, die sich in ihren lockigen Haaren verfangen hatten. „Wie ich sehe, sind Sie bereits auf Vorratssuche gegangen“, schnarrte er daraufhin, ließ ihren Arm los und zupfte mit spitzen Fingern ein Blatt aus ihrem Haar. „Ich würde allerdings die Früchte vorziehen.“

Granger wischte seine Hand beiseite und starrte ihn missmutig an. „Hören Sie auf damit!“

Womit denn?“

Damit, mich ständig lächerlich zu machen! Nur weil ich mich zweimal erschrocken habe, heißt das nicht, dass ich meinen Job nicht beherrsche.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

Nein. Dass Sie Ihren Job nicht beherrschen, habe ich an der Art gesehen, wie Sie in diese Sache hier reingeraten sind. Ist das Ihr erster Fall, Miss Granger?“ Während er redete, hatte er sich zu einem der mit Früchten behangenen Bäume umgedreht und pflückte etwas, das entfernt an einen schuppigen Ball erinnerte. Er hob sie an die Nase, um daran zu riechen und erkannte sie als Cherimoya, eine aus den Anden stammende süße Frucht.

Nein, ist es nicht.“ Granger trat ebenfalls an den Baum, nachdem sie sich stolpernd aus dem Busch befreit hatte, und nahm die Früchte in Augenschein.

Was ist dann anders an diesem?“, fragte er mit beiläufig klingender Stimme nach und bohrte einen Finger in die Frucht. Die Schale war dünn und das Fruchtfleisch ekelerregend weich. Als er den Finger wieder rauszog, konnte er am Boden des Loches etwas Schwarzes sehen. Das war an sich nichts ungewöhnliches, denn die Frucht enthielt viele schwarze Kerne – ein Grund, warum er sie so ungern aß. Doch er hatte nichts Hartes an seiner Fingerkuppe gefühlt. Er drehte sich mehr dem Licht zu und brach das Ding auf. Seine Nase rümpfte sich, als er dabei ein Nest von dicken schwarzen Maden freilegte.

Das geht Sie nichts an“, knurrte Granger hinter ihm, doch ihre Stimme klang anders als sonst.

Severus‘ Augenbrauen hoben sich und er drehte sich langsam zu ihr um. Sie hatte herzhaft von der Frucht abgebissen, nachdem sie die Schale abgepult hatte, und schmatzte munter, die Blicke auf eine gefährlich gemeinte Art auf ihm ruhend. „Was ist?“, fragte sie nach einigen Momenten.

Severus hob seine Frucht und das Grinsen kehrte auf sein Gesicht zurück, als Granger erbleichte. Als ob sie sich an der Cherimoya verbannt hätte, ließ sie die Frucht fallen und spuckte das, was sie im Mund gehabt hatte, auf den Boden. Dabei sah sie so aus, als ob sie sich am liebsten noch den Finger in den Hals gesteckt hätte.

Severus warf seine Frucht ebenfalls beiseite und klopfte ihr auf den Rücken, als er an ihr vorbei ging. „Nehmen Sie es nicht so schwer, Miss Granger.“

Sie murmelte etwas, das verdächtig nach „Mistkerl!“ klang, doch er beschloss, dass er seine galanten fünf Minuten hatte und überhörte es. Stattdessen machte er sich auf die Suche nach einem Baum, der nicht von einer Madenplage heimgesucht worden war.

***

Noch weitere drei Bäume waren von den kleinen Würmern beschlagnahmt, bevor Hermine einen fand, der scheinbar nicht das Wohnheim einer ganzen Generation Kleinstlebewesen war. Zugegeben, sie hatte jede Menge Schürfwunden und blaue Flecke riskiert, aber letzten Endes, hatte es sich gelohnt.

Stolz und aufrecht stand sie auf einem etwa fünf Meter hohen Felsen, der inmitten des fremdartigen Tropenwald prangte. Und dessen Spitze zierte ein in voller Frucht stehender Baum. Mit einem Wingardium Leviosa hatte sie eine der appetitlich aussehenden Früchte vom Baum geholt und beäugte diese nun kritisch. Doch auch nachdem sie sie in der Hälfte geteilt hatte, schien sie vollkommen sauber zu sein.

Eigentlich wäre es jetzt die feine Art gewesen, ihrem Reisegefährten eine anzubieten, doch bei der Erinnerung an sein schadenfrohes Lächeln, als sie in die erste Frucht gebissen hatte, schüttelte sie energisch den Kopf. Sie würde sein Verhalten nicht auch noch belohnen. Dazu hatte sie sich zu intensiv mit der Kondit