DER SCHWARZE MANN

       von Leliha


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Kapitel 1 - 7



Eines Tages im April war er aufgetaucht und von da an sah ihn C

Die Tanzlehrerin Conny freundet sich im Park mit einem geheimnisvollen schwarzgekleideten Mann an, der behauptet, ein Zauberer zu sein ...


Dank an J.K.Rowling für das Ausleihen von Personen und Plot.




Eines Tages im April war er aufgetaucht und von da an sah ihn Conny immer, wenn sie im Park ihre Runden lief. Meistens saß er auf einer Bank zwischen dem Spielplatz und dem Teich, las in einem Buch oder blickte einfach nur vor sich hin. Wenn das Wetter zum Sitzen zu schlecht war, ging er spazieren, langsam, mühsam hinkend und auf einen Stock gestützt. Er fiel auf, jeder, der an ihm vorbeiging, musterte ihn unwillkürlich. Auch in einer Stadt, in der es an schrägen Typen nicht mangelte, erregte seine Erscheinung Aufsehen: Er war ganz in schwarz gekleidet und seine Sachen sahen aus, als stammten sie aus dem Kostümfundus. Gehrock nannte man das wohl, was er da anhatte. Zusammen mit der bleichen Hautfarbe, dem finsteren Gesichtsausdruck und den ungepflegten, langen schwarzen Haaren ergab es keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Bald hatte er seinen Spitznamen weg: Der schwarze Mann. Man zeigte auf ihn, tuschelte über ihn und die Mütter, die den Spielplatz besuchten, nahmen ihre Kinder an die Hand, wenn sie an ihm vorübergingen. Dabei tat er nichts als Dasitzen oder Spazieren gehen, er pöbelte niemanden an, bettelte nicht und war nicht betrunken, so wie andere Männer im Park. Er war immer allein, auch die Cliquen von Jugendlichen, die im Park herumlungerten und mit Vorliebe Schwächere drangsalierten, ließen ihn in Ruhe.

Dann, im Hochsommer, kam der Abend, an dem Conny mit einem kleinen Jungen zusammenstieß, der gerade das Radfahren lernte. Das Kind hatte die Kontrolle über sein Rad verloren und schlingerte den Weg entlang, krampfhaft bemüht nicht umzufallen. Conny bog um die Kurve und bemerkte es zu spät. Zugegebenermaßen hatte sie auch nicht besonders gut aufgepasst. Sie war heute länger gelaufen als sonst, angetrieben von ihrer Wut und Enttäuschung. Michael war weg, nach zwei Jahren hatte er sie sitzen lassen, war einfach übers Wochenende mit Sack und Pack ausgezogen, konnte ihr ewiges Gemecker und ihre spitzen Bemerkungen nicht mehr ertragen, sagte er. Hatte wohl eine Frau gefunden, die ihn anhimmelte. Ach, verdammt, warum ließ sie sich immer wieder mit irgendwelchen Männern ein, die sie dann doch enttäuschten. „Nichts passiert“, versicherte sie dem weinenden Knaben und stabilisierte das Rad. Der Vater kam gerannt und entschuldigte sich wortreich. Conny versicherte auch ihm, dass ihr nichts fehle und rieb sich heimlich die schmerzende Stelle über dem Knie, wo ihr Bein mit dem Lenker kollidiert war. Dabei traf sich ihr Blick mit dem des schwarzen Mannes, der auf seiner Bank die Karambolage beobachtet hatte. Er zog eine Augenbraue hoch – belustigt, wie es schien – und Conny lächelte zurück. Von da an lächelte sie immer grüßend, wenn sie sich trafen und er entgegnete den Gruß mit einem leichten Nicken. Nichts weiter, nur das, ein halbes Jahr lang.

Es war ein Sonntag im Januar und frostig kalt. Draußen lagen die gefrorenen Schneereste des Silvesterwintereinbruchs. Ein klarer, kalter Nachmittag, die Sonne versank rot hinter den gegenüberliegenden Häusern. Conny kämpfte gegen ihren inneren Schweinehund. Viel zu kalt zum Laufen. Ach was, wunderschöne klare Luft und denk an das Kilo Weihnachtsspeck.

Seufzend zog sie ihre Laufsachen an und ging hinunter.

Sie war auf ihrer letzten Runde, es wurde langsam dunkel, der Park war so gut wie menschenleer. Nicht einmal der schwarze Mann war heute da gewesen. Klar, nicht jeder war so verrückt wie sie selber. Aber es hatte gut getan, wie sie sich jetzt auf eine heiße Dusche freute! Da rutschte plötzlich ihr rechter Fuß auf einem Schneeklumpen aus, sie knickte um und landete schmerzhaft auf dem Boden. „Scheiße!“ entfuhr es ihr. Vorsichtig versuchte sie wieder aufzustehen, aber der Fuß tat weh, sie konnte ihn nicht belasten, sie kam nicht hoch.

„Sind Sie verletzt? Brauchen Sie Hilfe?“

Die Stimme hinter ihr war angenehm und hatte eindeutig einen englischen Akzent. Sie drehte sich um. Der schwarze Mann! Heute trug er einen dicken grauen Strickschal und graue fingerlose Wollhandschuhe zu einem schweren dunkelgrauen Umhang und sah nun endgültig aus wie einem früheren Jahrhundert entsprungen.

„Ich bin ausgerutscht.“

„Ja, das ist offensichtlich.“

Spott. Genau das, was sie jetzt brauchte!

„Können Sie aufstehen?“

Er reichte ihr seinen Arm und mit seiner Hilfe kam Conny auf die Beine.

„Mein Fuß, ich glaube, ich habe mir den Knöchel verstaucht.“

Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte sie einen Schritt und zog schmerzhaft die Luft ein. Das tat vielleicht weh! Wie sollte sie so nach Hause kommen?

„Soll ich es mir ansehen? Ich kann Ihnen vielleicht helfen?“

Sie zögerte und sah sich um. Keine Menschenseele sonst und es wurde jetzt wirklich dunkel. Sie blickte ihn an. Zum ersten Mal sah sie ihn von so nah. Er war offenbar noch nicht so alt, wie sie seinem mühsamen Gang nach immer gedacht hatte. Aber attraktiv konnte man sein Gesicht nicht nennen. Mager, bleich und zerfurcht, die Nase war zu groß; faszinierend waren nur seine Augen, schwarz und irgendwie gut. Sie beschloss diesen Augen zu vertrauen und nickte. Er half ihr die paar Schritte zur nächsten Bank. Mittlerweile war ihr kalt und sie zitterte unwillkürlich. Offenbar spürte er es, denn er nahm seinen Umhang ab und legte ihn ihr um die Schultern, ihren Protest mit einer Handbewegung abwehrend.

„Sie werden sonst krank. Es ist überhaupt großer – wie sagt man? – Unsinn, bei diesem Wetter draußen herum zu rennen.“

Stirnrunzelnd betrachtete er sie und Conny zuckte mit einem verlegenen Lächeln die Achseln. „Ich bin Tanz- und Gymnastiklehrerin, ich muss fit bleiben.“

„O ja, sicher.“

Sein Mundwinkel verzog sich spöttisch, er hob ihren Fuß auf sein Knie und befreite ihn vorsichtig von Schuh und Socken. Conny fröstelte und kuschelte sich dankbar in den warmen Stoff. Dann hielt er plötzlich einen kurzen schwarzen Holzstab in der Hand und bewegte ihn langsam über ihrem Fuß hin und her. Conny beobachte ihn kritisch. Was sollte das nun? War sie einem Verrückten in die Hände gefallen? Starr vor Erstaunen war sie unfähig ihren Fuß zurückzuziehen und ließ den schwarzen Mann gewähren.

„Er ist nicht gebrochen. Ich kann es heilen, wenn Sie wollen.“

Er war völlig ernst. Conny schüttelte heftig den Kopf.

„Nein, halb so schlimm. Ich kann morgen zum Arzt gehen.“

Sie machte Anstalten ihr Bein zurückzunehmen.

„Wollen Sie so nach Hause – eh - humpeln?“

Er lachte leise.

„Keine Angst, ich tue Ihnen nicht weh. Der Fuß bleibt dran und Sie können ihn danach auch wieder benutzen.“
Resigniert zuckte Conny die Achseln. Schaden konnte es ja wahrscheinlich nicht.

„Na gut, dann machen Sie mal.“

Er hob wieder den Holzstab und bewegte ihn über ihrem nackten Fuß. Gleichzeitig murmelte er irgendeinen Singsang vor sich hin. Conny verspürte plötzlich ein Gefühl der Wärme im Knöchel und dann war der Schmerz verschwunden. Sie bewegte versuchsweise den Fuß, ja, der Schmerz war fort. Sie holte tief Luft.

„Wie haben Sie das denn gemacht? Das ist ja wie Zauberei.“

Wieder das leise Lachen.

„Es ist Zauberei. Ich bin ein Zauberer. Wirklich“, bekräftige er in Reaktion auf ihren ungläubigen Gesichtsausdruck.

„Sie sollten den Fuß aber trotzdem ein paar Tage schonen.“

Sie nickte und zog Socken und Schuh wieder an, schälte sich aus seinem Umhang und stand auf. Sie konnte problemlos auftreten. Sie schaute ihn herausfordernd an.

„Jetzt mal ehrlich, wie haben Sie das gemacht?“

„Ich sagte doch schon, ich bin ein Zauberer. Wir können solche kleinen injuries, eh, Verletzungen leicht heilen.“

„Wir? Heißt das, es gibt mehr von Ihrer Sorte?“

„Ja,“ er war ebenfalls aufgestanden und hatte seinen Umhang wieder angelegt, „in England gibt es eine ganze, eh, community...“ „Gemeinschaft,“ half sie ihm aus, immer noch nicht so recht glaubend, was sie da hörte.

„Sie sprechen gut Deutsch. Liegt das auch daran, dass Sie ein Zauberer sind?“

Er lachte.

„Nein, Sprachen müssen Zauberer genauso lernen wie andere Leute - the hard way.“

Er nahm seinen Stock in eine Hand und bot ihr die andere.

„Gibt es auch Verletzungen, die Zauberer nicht heilen können?“ fragte sie und zeigte auf den Stock. Er drehte sich zu ihr um und sah sie an. Seine Augen zogen Conny in ihren Bann, ganz kurz hatte sie den Eindruck eines Abgrunds aus Trauer, Verzweiflung und Einsamkeit.

„Ja“, sagte er einfach, „die gibt es.“

Langsam machten sie sich auf den Heimweg, er brachte sie bis zur Tür.

„Danke“, sagte sie und streckte ihm die Hand hin, „ich weiß gar nicht, wie ich mich...“

Er schüttelte den Kopf. „Es ist gut.“

„Ich heiße übrigens Cornelia - Conny Stein.“

„Severus Snape.“

Er verbeugte sich leicht und ging davon.


In den folgenden Wochen wechselten sie ein paar Worte, wenn sie sich im Park begegneten.

Belangloses meist: Das Wetter, das Grünerwerden der Bäume, die anderen Parkbesucher. Conny waren sein trockener Humor und seine immer leicht ironische oder gar sarkastische Betrachtungsweise sympathisch. Er konnte das noch besser als sie selbst. Sie wunderte sich über den Gegensatz zwischen seiner gebildeten Sprechweise und seinem fast altmodisch anmutendem höflichen Benehmen einerseits und seinem schäbigen Aussehen andererseits, denn seine Kleidung erwies sich im hellen Licht des Frühlings als zunehmend abgetragen, die Schuhe abgetreten und das Leder rissig. Conny überlegte, wovon er wohl lebte, wagte aber nie, ihm eine solch persönliche Frage zu stellen.

Im Mai irgendwann erschien er einige Tage lang nicht. Sie begann schon sich Sorgen zu machen, aber am nächsten Tag sah sie ihn wieder auf seiner gewohnten Bank sitzen und beschloss, ihre Lauferei für heute zu beenden. Sie hatte schon mit Kopfschmerzen begonnen, und diese waren entgegen ihren Hoffnungen nicht besser geworden.

Hallo, Mr Snape.“ Sie ließ sich neben ihn auf die Bank fallen.

“Hallo, Frau Stein.“

Er musterte sie mit erhobener Augenbraue.

„Sind sie schon fit genug für heute?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich bin heute gar nicht fit, ich habe Kopfschmerzen.“

Er nickte und fasste in die Tasche seines Gehrocks.

„Hier, trinken Sie einen Schluck davon.“

Er hielt ihr eine kleine Flasche hin, die mit einer rötlichen Flüssigkeit gefüllt war.

„Was ist das?“ Conny beäugte die Flasche misstrauisch.

„Ein Trank gegen Kopfschmerzen. Ich hatte auch welche. Es ist kein Gift, vertrauen Sie mir“, fügte er hinzu, als Conny immer noch zögerte. Er entkorkte das Fläschchen und hielt es ihr hin.

„Ein Schluck sollte reichen.“

Sie nahm einen und verzog das Gesicht.

„Brrr, schmeckt scheußlich!“

„Das ist leider nicht zu ändern. Aber es hilft.“

Stimmt, dachte Conny und bewegte versuchsweise den Kopf. So ein schnell wirkendes Mittel hatte sie noch nicht erlebt.

„Kann man das kaufen?" fragte sie ihn.

"Ja, an der Ecke neben dem großen Supermarkt gibt es einen kleinen Laden..."

"Naturkosmetik, Esoterik, Edelsteine und so?"

"Ja, ich mache die Tränke und Salben für sie."

"Sie? Für diesen Kramladen?“

Sie war einmal drin gewesen, aber das Getue der Verkäuferin hatte sie schnell wieder vertrieben. Übersinnliches war nicht ihr Ding.

„Sind das dann Zaubertränke und Wundertinkturen?" fragte sie leicht spöttisch.

"Ja“, antwortete er, völlig ernst.

Also damit verdiente er sein Geld, besonders gut schienen sie ihn nicht zu bezahlen.

Zauberer, Zaubertränke – das war wohl eine fixe Idee von ihm. Ein bisschen verrückt was er schon, aber sie mochte ihn und offenbar war er harmlos.

"Ihre Vorräte waren zu Ende, deshalb ich musste viel arbeiten in den letzten Tagen und hatte keine Zeit für den Park, das wollten Sie doch wissen, nicht wahr?“ Er grinste spöttisch. Verdammt, kann er Gedanken lesen? dachte Conny und wurde verlegen. Er war immer noch ein Fremder, sollte sie jetzt zugeben, dass sie sich Sorgen gemacht hatte um einen Mann, von dem sie nicht mehr wusste als den Namen?

Sentimentale Kuh! schalt sie sich und stand abrupt auf.

„Ich geh dann mal.“

Seine Hand war auf ihrem Arm. „Nein, warten Sie, es tut mir leid, ich wollte Sie nicht verletzen.“

Da war wieder die Verzweiflung in seinen Augen. Dann wandte er den Blick ab und betrachtete eingehend seine Schuhe.

„Ich bin es nicht gewöhnt, dass sich jemand um mich Sorgen macht“, sagte er leise.

Conny setzte sich wieder hin. Er war schon ein komischer Zeitgenosse und offenbar vom Schicksal nicht gerade verwöhnt.

„Schon gut, aber ich muss wirklich gehen, ich muss heute Abend noch unterrichten. Bis morgen dann.“

„Bis morgen.“

Von diesem Tag an beendete Conny ihre Runden immer an seiner Bank und saß noch eine Weile bei ihm oder ging ein Stück mit ihm spazieren. Sie kümmerte sich nicht um die neugierigen Blicke, die das ungleiche Paar provozierte: Die zierliche, sportliche blonde Frau in bunten Laufklamotten und der große, dünne Mann ganz in Schwarz. Es war einfach nett, sich mit ihm zu unterhalten. Er war belesen und gebildet, ein guter Beobachter und ein guter Zuhörer. Conny mochte es, wenn er lächelte, dann erschien sein Gesicht um Jahre jünger und seine Augen funkelten. Von sich selbst gab er nicht viel preis: Conny erfuhr, dass er einen Nachholbedarf - er war stolz auf dieses Wort - an frischer Luft und Sonne hatte, dass seine Wohnung aber so wenig davon bekam, dass es ihn täglich in den Park trieb. Eine vage Handbewegung über seine Schulter zeigte die Gegend an, in der er wohnte. Mehr verriet er nicht. Sie sprachen auch nicht mehr über seine Behauptung, ein Zauberer zu sein, dieses Thema war Conny nicht geheuer.



2


Es war September, als man den Jungen im Schilfgürtel des Teiches fand. Er war 6 Jahre alt, klein für sein Alter und hatte blonde Locken. Er hatte oft auf dem Spielplatz gespielt, war immer alleine gekommen, ohne seine Eltern. Und jetzt war er tot. Missbraucht und erwürgt.

Die Zeitungen und Nachrichten waren voll davon. Die Bevölkerung wurde zur Mithilfe aufgerufen und sie half. Als erstes fiel den Leuten der sonderbare schwarze Mann ein, der immer im Park saß und die spielenden Kinder beobachtete. Diese Hinweise waren so zahlreich, dass die Polizei sie ernst nahm. Und als Conny an diesem Vormittag in den Park kam, geriet sie mitten in die Festnahme Snapes. Sie hatten ihm Handschellen angelegt und führten ihn zum Polizeiauto. Entsetzt blieb sie stehen.

„Was soll das? Was machen Sie mit ihm?“

„Kennen Sie den Mann?“ der Polizist war ganz professionelles Interesse. Conny nickte.

„Wir unterhalten uns immer hier im Park. Warum verhaften Sie ihn. Er tut doch niemandem was.“

„Er ist verdächtig im Mordfall Sergej Wolff.“

Conny sah Snape entsetzt an. Doch dieser zeigte keine Regung, seine Augen waren tot, sein Gesicht bleicher denn je. Wütend schüttelte Conny den Kopf.

„Nein, Sie machen einen Fehler, er tötet doch keine Kinder.“

„Können Sie das beweisen? Können Sie eine Aussage zu seiner Entlastung machen?“

Der Polizist war freundlich.

„Ja!“ wollte Conny rufen, aber dann ging ihr auf, dass sei keinerlei Beweise für Snapes Unschuld hatte. Nur dieses sichere Gefühl, dass er kein Mörder war. Sie biss sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es einfach“, sagte sie und schaute den Polizisten herausfordernd an.

Der seufzte.

„Wir müssen ihn mitnehmen. Wenn er unschuldig ist, wird sich das herausstellen, sobald wir die DNA-Tests gemacht haben. Bitte gehen Sie zur Seite.“

Das letzte war an alle neugierigen Zuschauer gerichtet, die sich mittlerweile eingefunden hatten und den Eindruck machten, als wollten sie den Festgenommenen am liebsten auf der Stelle lynchen. Dann fuhren die Polizeiautos davon. Conny sank auf die Bank. Ihr war jetzt nicht mehr nach Laufen zumute. Sie sah immer noch Snapes Augen vor sich, tot und ohne jede Hoffnung.


3


Vier Tage später musste sie Polizei zugeben, dass sie den Falschen verhaftet hatten. Die Analyse hatte eindeutig ergeben, dass Severus S., 42, englischer Staatsbürger, Chemiker und in seinem Heimatland bereits einmal in einen mysteriösen Mordfall verwickelt, mit dem Jungen absolut keinen Kontakt gehabt hatte. Die Zeitungen berichteten, dass er aus der Haft entlassen worden war.

Conny erwartetet ihn im Park, aber er kam nicht. Nicht in der ersten Woche, nicht in der zweiten, in der ein Onkel des Jungen als Täter entlarvt wurde. Conny machte sich Sorgen.

Sie suchte im Telefonbuch. Kein Severus Snape. Sie überredete einen Bekannten, der Zugang zum Computer des Einwohnermeldeamts hatte. Fehlanzeige. Severus Snape war nicht polizeilich gemeldet. Schließlich machte sie sich ohne viel Hoffnung am Samstag auf den Weg in den Laden, für den er gearbeitet hatte. Mit der heftigen Reaktion, die ihre Frage hervorrief, hatte sie nicht gerechnet.

„Severus?“ Der Besitzer sprang auf wie von der Tarantel gestochen „Von dem haben wir nichts mehr gehört, seit sie ihn verhaftet haben. Schlimme Sache! Natürlich wissen wir, wo der Kerl wohnt, wir haben die Sachen ja immer dort abgeholt, weil er kein Auto hat. Wir waren auch schon zweimal da, weil wir dringend Nachschub brauchen, aber er ist nicht da oder macht nicht auf.“

Er nannte ihr eine Adresse.

„Wenn Sie ihn finden, sagen Sie ihm, er ist gekündigt!“ rief er wütend und haute mit der flachen Hand auf den Tisch, so dass ein kunstvolles Arrangement von Flaschen und Tiegelchen ins Wanken kam und auf den Boden kullerte. Das schien ihn zur Besinnung zu bringen.. „Oder nein, lassen Sie’s. Sagen Sie ihm, er soll schnellstens seine Hexenküche anschmeißen, so einen guten Lieferanten finden wir so bald nicht wieder. Was er da so zusammenmischt, das ist wie Zauberei.“

Der Mann verdrehte verzückt seine Augen.

Conny versprach, die Botschaft zu überbringen und ging. Sie konsultierte ihren Stadtplan, es war nicht weit. Kurze Zeit später stand sie vor einem der wenigen alten Mietshäuser an einer vielbefahrenen Kreuzung, die noch nicht saniert worden waren. Der graue Putz blätterte ab, die Fensterrahmen sahen aus, als würden sie bald auseinanderfallen, die Wände waren mit Graffiti verschmiert, die Schaufenster der aufgegebenen Läden im Erdgeschoss mit Brettern verrammelt.

Conny studierte die Klingelschilder. Wahrhaftig. Snape, Hinterhaus. Probeweise drückte sie auf die Klinke der schäbigen Haustür. Sie ging auf. Vorsichtig ging Conny durch den Eingang - der Fußboden war mit kostenlosen Zeitungen und Reklamesendungen übersät, Fahrräder und Kinderwagen standen im Weg - zum Hinterhaus und stand nun vor der schmutzig-braunen Wohnungstür, von der die Farbe abblätterte. Sie klingelte. Nichts rührte sich. Sie klingelte wieder. Eine laute Klingel. Nichts. Sie hielt den Finger auf dem Klingelknopf. Nichts. Frustriert stieß sie die Luft aus. Was nun? Da stand sie dumm rum und wusste nicht weiter.

Ein leises Geräusch ließ sie aufhorchen. Es war aus der Wohnung gekommen. War er da drin und machte nicht auf? Energisch platzierte sie wieder ihren Finger auf der Klingel. Und wieder und wieder. Irgendwann würden die empörten Nachbarn kommen und nach der Ursache des Lärms forschen. Egal. Sie klingelte weiter und klopfte zusätzlich noch an die Tür. Wieder und wieder. Bis ihr die Hand wehtat. Dann beschränkte sie sich wieder aufs Klingeln, lange und anhaltend. Sie war so vertieft in diese Tätigkeit, dass es eine Weile dauerte, bis sie merkte, dass die Tür offen war. Da stand er und starrte sie an. Conny starrte zurück. Er trug keinen Gehrock, das weiße Hemd war schmuddelig, stand offen und hing halb aus der Hose, die Ärmel waren bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Erstaunt bemerkte Conny eine hässliche Tätowierung auf seinem linken Unterarm. Die fettigen Haare standen in alle Richtungen, als hätte er darin gewühlt, er hatte dunkle Ringe unter den Augen und war noch bleicher und verhärmter als sonst.

„Go away! Gehen Sie!“

Seine Stimme war heiser. Conny schüttelte den Kopf. Er atmete schwer.

„Was wollen Sie? Lassen Sie mich allein!“

„Ich habe...“

„mir Sorgen gemacht“, beendete er höhnisch. „Your fucking concern is a bloody pain in the arse. Go!”

Er hatte fast geflüstert, aber mit so viel Hass und Verachtung in der Stimme, dass es wirkungsvoller war als lautes Gebrüll.

„Nein“, sagte Conny, bemüht, Geduld zu bewahren und ihrer Stimme Ruhe und Festigkeit zu verleihen.

„Ich habe Zeit und Mühe darauf verwendet, Sie zu finden, Mr Snape und so schnell lasse ich mich nicht abwimmeln.“

Er schloss die Augen und ballte die Hände zu Fäusten.

„Gehen Sie endlich, you stupid, stupid woman.“

Jetzt hatte er doch geschrieen. Conny stampfte mit dem Fuß auf und wurde ebenfalls laut. „Warum sind Sie so stur? Es geht Ihnen nicht gut, das sieht man, warum lassen Sie mich nicht hinein?“

„Warum sollte ich?“

„Weil...“ sie zögerte, „ weil wir so etwas wie Freunde sind.“

„Ich habe keine Freunde!“

„Ruhe da unten!“ Ein Nachbar. Conny und Snape starrten sich wieder an, wütend und ausdauernd, jeder bemüht, den Blick nicht als erster abzuwenden. Schritte und Geschimpfe waren oben auf der Treppe zu hören.

Da trat er schließlich zur Seite und ließ sie mit einer höhnischen Verbeugung in die Wohnung.

„Zufrieden?“ zischte er, als die Tür hinter ihnen zugefallen war. Sie standen in einem dunklen, schmalen Flur, der bis auf einen Kleiderhaken leer war. Snape lehnte an der Wohnungstür und machte keinerlei Anstalten, sich von da wegzubewegen. Conny schnupperte. Es roch seltsam. Muffig, aber auch irgendwie süßlich und stechend. Sie ging ein paar Schritte und blickte in ein Zimmer. Düster, Möbel vom Sperrmüll. Gegenüber war die Küche. Von hier ging der Geruch aus. Connys Blick wurde von einem großen Wasserglas angezogen, das auf dem Küchentisch stand. Es war mit einer durchsichtigen, seltsam grün-blau schillernden Flüssigkeit gefüllt, der Ursache des Geruchs. Das Glas zog sie magisch an, es schien zu leuchten und die ganze winzige Küche auszufüllen, langsam ging sie darauf zu und streckte die Hand aus.

„No!“ Sie wurde an der Schulter gepackt und heftig zurückgerissen.

Don’t touch it!“

Es stand hinter ihr, sein Gesicht verzerrt vor Zorn und – Angst? Sie musterte ihn, langsam wurde ihr beklommen zu Mute. Was, wenn er doch nicht so harmlos war? Ihre Blicke trafen sich und plötzlich verstand sie.

„O Gott, nein, das dürfen Sie nicht tun.“

„Warum nicht?“

Seine Stimme war kalt.

„Sie dürfen ihr Leben nicht einfach so – wegwerfen.“

Abgedroschene Phrase, dachte sie.

„Who cares?“
“Ich.“

Er schnaubte verächtlich.

„Ich mag Sie, Mr Snape - Severus, ich möchte Sie nicht verlieren.“

Mein Gott, hörte sich das pathetisch an.

Er stand jetzt am Fenster und sah hinaus auf die gegenüberliegende Wand. Sie betrachtete seinen Rücken. Keine Reaktion. Von draußen drangen gedämpft die Geräusche der Kreuzung herein. Der Wasserhahn tropfte.

„Ach, Scheiße“, brach es aus ihr heraus, „ich bin kein Psychologe, wahrscheinlich sage ich genau das Falsche und verhalte mich völlig verkehrt, aber ich mag Sie wirklich, Severus, und ich will nicht, dass Sie sich umbringen.“

Er stand regungslos, die Stirn an die Fensterscheibe gelehnt. Hilflos starrte sie seinen Rücken an. Was sollte sie jetzt bloß tun? Weiterreden? Ihr fiel nichts ein. Ihn berühren? Sie war nicht der Typ, der ständig Körperkontakt suchte, mochte nicht die Umarmungen und Küsschen, die für viele ihrer Freunde zur normalen Begrüßung gehörten. Aber das hier war etwas anderes. Wenn sie mit Worten nichts erreichte... Langsam ging sie um den Tisch herum zu ihm und legte ihm vorsichtig die Hände auf die Schulterblätter. Er zuckte zusammen als hätte sie ihn geschlagen. Sie nahm die Hände nicht weg, spürte plötzlich, wie sein Körper anfing zu beben. Er weinte. Lautlos und unaufhaltsam. Impulsiv schlang sie die Arme um seine Brust und drückte ihn an sich. Ihre Nase registrierte seinen länger nicht gewaschenen Männerkörper unter dem dünnen Hemd. Sie ignorierte es und konzentrierte sich darauf, irgendwie zu ihm durchzudringen, ihm Trost zu spenden.

Wie lange sie so am Fenster gestanden hatten, minuten- oder stundenlang, wusste sie nicht.

Irgendwann hörte das Beben auf, er löste sanft ihre Hände von seiner Brust und drehte sich um. Seine geröteten Augen trafen ihre und sie hatte das Gefühl, als tauchten sie ein. Dann schob er sie zur Seite und ging auf den Tisch zu.

„Nein!“ wollte sie schreien, aber sie konnte es nicht. Wie gelähmt stand sie da. Er betrachtete lange das Glas, zog dann den Holzstab aus der Hosentasche und richtete ihn darauf. Die Flüssigkeit verschwand. Er drehte sich zu ihr um.

„Sie haben gewonnen.“ sagte er heiser.

Conny löste sich aus ihrer Erstarrung – hatte sie das eben geträumt? - und nickte. Sie tastete nach dem nächsten Stuhl und ließ sich darauf fallen – und fand sich auf dem Fußboden wieder.

„Verdammt!“

„Sorry, er ist zerbrochen, man muss ganz vorsichtig damit sein.“

Sie sahen sich an und mussten beide plötzlich lachen. Sinnlos und hysterisch, aber es löste die ungeheuere Anspannung. Er reichte ihr seine Hand, half ihr auf und schob ihr den anderen Stuhl hin. Sie setzte sich. Gott, war sie müde. Ihre Hände zitterten. Er steckte geübt das Bein des kaputten Stuhls wieder fest und ließ sich vorsichtig darauf nieder. Zögernd streckte er seine Hände aus und ergriff ihre. Dann saßen sie eine ganze Weile schweigend da. Schließlich stand er auf.

„Möchten Sie eine Tasse Tee?“

Sie musste unwillkürlich grinsen. Engländer!

„Ja, gerne.“

Er begann mit Wasserkessel und Teebeuteln zu hantieren.

„Geht das nicht mit Zauberei?“ fragte Conny, halb spöttisch, halb ernsthaft interessiert in Anbetracht der Tatsache, dass er gerade die Flüssigkeit hatte verschwinden lassen. Er lachte leise.

„Doch, aber ich bin nicht gut mit Haushaltszauber und möchte jetzt keine Scherben riskieren.“

Er brachte zwei volle Tassen zum Tisch und holte dann Zucker, Milch und eine zerknitterte Packung Kekse dazu.

„Wissen Sie“, begann er nach ein paar Schlucken, „wenn man in der Welt der Zauberer jemandem das Leben rettet, entstehen gewisse - obligations...“

„Verpflichtungen?“

„Verpflichtungen,“ stimmte er ihr zu. „Ich – stehe in Ihrer Schuld und Sie haben Verantwortung für mein Leben übernommen.“

Sie wehrte ab. „Sie stehen nicht...“

Es unterbrach sie mit einer ungeduldigen Handbewegung.

„Frau Stein, ich bin ein Zauberer, für mich gelten die uralten magischen Gesetze und dies ist eines davon und wenn Sie sich mit mir einlassen, gelten sie auch für Sie.“

„Na gut, dann nennen Sie mich erst mal Conny und sagen Du.“

Er sah sie verblüfft an, zögerte, dann nickte er.

„Sie sollen – eh, du sollst wissen, in was du dich eingemischt hast, mit wem du es zu tun hast“, sagte er grimmig, und nach einer Pause fügte er leise hinzu: „Vielleicht bereust du es bald.“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Well...“ er holte Luft und richtete seinen Blick auf die Wand hinter Conny und begann mit ausdrucksloser Stimme:

„In England gibt es eine organisierte Zauberergemeinschaft mit eigenem Ministerium, Polizei, Schulen und Krankenhaus. Es ist eine richtige Parallelgesellschaft, die Muggles, das sind Nicht-Zauberer, nicht wahrnehmen können. Das Ministerium wacht darüber, dass keine schwarze Magie – das ist Magie, die anderen Schaden zufügen könnte - praktiziert wird. Vor etwa fünfzig Jahren gelang es einem Zauberer, der sich Voldemort nannte und sich sehr viel mit schwarzer Magie beschäftigt hatte, Macht zu erringen. Er sammelte Anhänger um sich, versprach ihnen Macht und Einfluss. Sie nannten sich Death Eaters und ihn the Dark Lord. Seine Versprechungen faszinierten mich, er schien mir mehr bieten zu können als die herkömmliche Magie, und so wurde ich einer von ihnen.“

Er drehte seinen linken Arm um und deutete auf die Tätowierung.

„Ich war siebzehn. Es war der größte Fehler meines Lebens und ich habe ihn bald bereut. In meiner Verzweiflung wandte ich mich an Albus Dumbledore, den Leiter meiner alten Schule. Er hatte Verständnis, er bot mir eine zweite Chance, wenn ich als sein Spion in die Reihen der Death Eaters zurückkehrte. Ironischerweise schickte mich Voldemort seinerseits als Spion an die Schule, als eine Lehrerstelle frei wurde. Ich habe diese Doppelrolle zwanzig Jahre lang gespielt.

Zwanzig Jahre, in denen ich mir keinen Fehler erlauben durfte, zwanzig Jahre, in denen mir keine Seite so richtig traute und in denen ich keinem Menschen trauen durfte.“

Severus machte eine Pause und schloss die Augen. Conny schluckte, es klang erschreckend laut in der Stille der kleinen Küche.

„Als Voldemort dann nach einigen Jahren der Schwäche wieder stark wurde, versuchte er mit allen Mitteln, die absolute Macht über die Zauberergesellschaft zu erringen. Ein Schritt auf diesem Weg war die Ermordung Dumbledores, des alten Schulleiters. Ein Schüler sollte den Mord begehen, aber das erfuhr ich zu spät, da hatte ich der Mutter des Jungen bereits geschworen, den Auftrag für ihn auszuführen, sollte er scheitern. Man nennt das Unbreakable Vow, es gibt davon kein Entrinnen, erfüllt man ihn nicht, stirbt man. Dumbledore befahl mir, den Schwur auf jeden Fall zu befolgen. Er hatte sich im Kampf mit dem Dark Lord verletzt und starb einen langsamen Tod, mein Eingreifen würde ihn nur beschleunigen und mir ermöglichen, meine Rolle als Spion für die gute Seite weiterzuführen.“

Wieder eine Pause. Conny versuchte mit dieser fantastischen Geschichte Schritt zu halten. Sollte sie ihm das wirklich glauben? Erneut schien er ihre Gedanken gelesen zu haben.

„Ich weiß, es klingt wie einer von eueren Muggle-Romanen, Fantasy-Geschichten heißen sie, nicht wahr?“

Sie nickte schwach.

„Aber es ist die Wahrheit“, seine Stimme wurde eindringlich, „du musst mir glauben, bitte.“ Sie nickte wieder und schenkte ihm ein schwaches Lächeln.

Er fuhr fort: „So kam es schließlich, dass die Death Eaters in die Schule eindrangen und ich Dumbledore vor Zeugen töten und anschließend fliehen musste. Jetzt waren beide Seiten hinter mir her, das Ministerium verfolgte mich als Mörder, Voldemort war zornig, weil der Schüler versagt und ich eigenmächtig seinen Auftrag vollendet hatte und damit meine Tarnung als sein Spion aufgeflogen war. Und sein Zorn war meisten tödlich für den, gegen den er sich richtete.“

Nachdenklich massierte er sein rechtes Handgelenk.

„Ich war ein Jahr auf der Flucht, dann geriet ich in einen Angriff der Death Eaters auf eine Muggle-Familie. Ich versuchte den Muggles zu helfen, dabei rutsche ich aus, stürzte und schlug mit dem Kopf auf. Ich wurde bewusstlos und so fanden sie mich. Voldemort war entzückt und wollte ein – wie sagt man? set an example?“

„Ein Exempel statuieren“, half Conny.

„Ja, zeigen, was er mit ungehorsamen Gefolgsleuten machte. Als ich zu mir kam, war ich in einem Keller an die Wand gekettet.“

„An die Wand gekettet?“ wiederholte sie ungläubig.

„Ja, mit Eisenringen um Handgelenke, Fußgelenke und Hals.“ Er sagte es nüchtern, eine sachliche Erklärung. Sie sah auf seine Arme und erkannte dünne weiße Narben an den Handgelenken. Ein Schauer überlief sie.

Er fuhr fort: “Sie kamen täglich und hatten ihren Spaß mit mir, zuerst die Zauberermethoden – es gibt einen speziellen Folterfluch – dann die Muggle-Methoden.

Als ich nicht mehr schreien konnte, beschloss Voldemort, mich stückweise zu töten. Er begann mit den Zehen. Mir fehlen vier.“

Sie schluckte heftig.

Er sah sie scharf an: „Das Bad ist hinten im Flur.“

Sie schüttelte den Kopf und holte tief Luft. „Geht schon. Deshalb kannst du nicht richtig laufen?“

Er nickte. „Ich hatte Glück, dass er so spät auf diese Idee gekommen war, denn bevor er weitermachen konnte, wurde er besiegt und getötet, seine Anhänger wurden verhaftet und irgendwann durchsuchten die Aurors, unsere Polizei, den Landsitz seines Vaters und fanden das, was von mir übrig war. Sie brachten mich ins Krankenhaus, bis sicher war, dass ich überleben würde und dann ins Gefängnis.“

Was?“

Er lachte bitter. „Ich war ja immer noch ein gesuchter Mörder. Oh, das Gefängnis war viel besser als Voldemorts Kerker, aber sie wussten nicht so recht, was sie mit mir anfangen sollten. Inzwischen waren Hinweise auf meine Tätigkeit als Spion für die gute Seite aufgetaucht, aber da war immer noch der Junge, der den Tod Dumbledores mitangesehen hatte und nach meinem Kopf verlangte. Es hätte einen Prozess geben sollen, aber er wurde immer wieder hinausgezögert. Es gab keine eindeutigen Beweise, sie wollten keinen Unschuldigen verurteilen und sie hatten zu viel Angst, einen Mann, der in den Augen der ganzen Gesellschaft ein Mörder war, aufgrund vager Hinweise freizusprechen. Man hätte mich am liebsten vergessen. Die Zeitung setzte schließlich die Sache in Bewegung, indem sie die Frage aufwarf, wann denn nun endlich der Mörder Dumbledores seiner gerechten Strafe erhalten solle. Da hatte der Minister eine Idee, wie er mich loswerden konnte: Sie ließen mich frei, aber mit der Auflage, das Land für immer zu verlassen.“

„Und jetzt bist du hier. Warum Berlin?“

„Weil die Zauberer hier nicht in einer organisierten Gemeinschaft leben, sondern sich unerkannt unter die Muggles mischen. Ich hoffte, einfach besser untertauchen zu können. Außerdem ist es hier billiger als in anderen großen Städten – ich habe nicht viel Geld“, setzte er leise hinzu. „Aber kaum war ich hier, hielt man mich schon wieder für einen Mörder...“ „Du bist unschuldig, alle wissen es.“

Er schüttelte den Kopf.

„Die Leute haben mich verdächtigt, sie hielten mich für fähig, ein Kind umbringen zu können.“

„Kommst du deshalb nicht mehr in den Park?“

Er nickte und vergrub sein Gesicht in den Händen.

„Dann hast du dich also zwei Wochen lang hier alleine verkrochen?“ Wieder nickte er.

„Gott im Himmel.“

Conny schwirrte der Kopf. Die Ungeheuerlichkeiten, die sie gerade gehört hatte, waren nicht zu fassen. Was sollte sie nun machen? Sie starrte auf den schwarzen Kopf auf der anderen Seite des Küchentischs. Die Müdigkeit fing an, ihren Körper und ihren Verstand zu übermannen, sie war zu keiner Reaktion und zu keinem konstruktiven Gedanken fähig, wollte nur noch ins Bett. Aber in dieser Verfassung konnte sie ihn nicht alleine lassen...

„Severus?“ sagte sie leise.

Er hob den Kopf.

„Kann ich bei dir übernachten?“

Sein Blick wurde misstrauisch. „Wieso, was willst du von mir? Stehe ich jetzt unter Aufsicht?“ Seine Stimme war bitter.

Jetzt bloß nichts Falsches sagen, die Chance nicht vermasseln.

„Ich bin nur so furchtbar müde.“

Er musterte sie kurz mit zusammengekniffenen Augen, dann nickte er.

„Komm.“

Er führte sie ins Wohnzimmer und zeigte auf ein altes, durchgesessenes Sofa.

„Das ist alles, was ich habe.“

Es sah nicht bequem aus, es war zu schmal und bestimmt auch zu kurz. Conny seufzte innerlich.

„Eine Decke liegt auf der Armlehne, das Bad ist ganz hinten im Flur.“

„Danke, gute Nacht.“

Er schnaubte nur zur Antwort und ließ sie allein.



4


Jemand hatte geschrieen! Conny schlug die Augen auf und brauchte eine Weile, bis sie wusste, wo sie sich befand. Vorsichtig drehte sie sich um. Ihr Rücken protestierte. Da, wieder ein Schrei, heiser, gequält. Er kam eindeutig aus der Wohnung. Vorsichtig überredete sie Ihre Wirbelsäule zu einer sitzenden Position. Neue Geräusche, diesmal war es mehr ein Stöhnen. Connys Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, sie stand auf und tappte zur Tür ohne Licht zu machen. Sie öffnete sie und horchte in den Flur. Wieder dieses Stöhnen, es kam aus dem Nachbarzimmer. Das musste Severus’ Schlafzimmer sein. War er krank? Hatte er doch noch irgendein Gift genommen? Leise ging sie zur Tür. Sie war nur angelehnt und Conny schob sie vorsichtig auf. Das kleine Zimmer war fast leer, im Halbdunkel sah sie die Umrisse einer Truhe und eine Matratze, und von dieser Matratze kam jetzt ein leises Wimmern. Sie ging hinüber und blickte auf die Ursache des Wimmerns. Severus lag zusammengekrümmt auf einer Ecke der Matratze. Seine Hände machten abwechselnd fahrige Bewegungen in der Luft und umklammerten seine Beine. Die Decke war auf den Boden gefallen, das Nachthemd, das er trug, hoch gerutscht. Schnell befahl sie ihren Blick zurück zu seinem Gesicht und rief leise seinen Namen. Keine Reaktion. Offenbar schlief er. Ein Alptraum? Was machte man da? Aufwecken?

Während sie da stand und ratlos auf das zusammengekauerte, stöhnende Bündel Mensch sah, wurde ihr das Ausmaß dessen, worauf sie sich eingelassen hatte, bewusst: Da lag ein Mann, bei dem sie immer noch nicht so richtig wusste, was sie von ihm halten sollte, der ihr eine haarsträubende Geschichte von einem völlig verpfuschten Leben erzählt hatte, von Folter und Gewalt; und niemand hatte es je für nötig befunden ihm zu helfen, diese Erlebnisse zu überwinden, im Gegenteil, man hatte ihn eingesperrt und schließlich einfach abgeschoben. In der Dunkelheit des Schlafzimmers und im Angesicht des gequälten Träumers erschien ihr seine Geschichte nicht mehr so unwahrscheinlich.

Und jetzt war er hier in der fremden Stadt und sie war wohl der einzige Mensch, mit dem er näheren Kontakt hatte. Was hatte sie sich da nur eingebrockt? War das nicht ein paar Nummern zu groß für sie? Sie wusste, wie man Menschen dazu brachte sich zu sportlich zu betätigen, aber davon, wie man mit Traumata irgendwelcher Art umging, hatte sie nun wirklich keine Ahnung!

Ein lautes, verzweifeltes „No!“ ließ sie zusammenzucken. Er hielt jetzt die Arme schützend um seinen Kopf geschlungen und lag zu einem Ball zusammengerollt. Langsam kniete sie sich auf die Matratze. Er zitterte und stöhnte.

Conny stöhnte auch. Irgendetwas musste sie tun. Vielleicht würde das, was ihm schon einmal geholfen hatte, wieder wirken. Sie legte ihm sachte die Hände auf die Schultern, der Stoff des Nachthemds war nass von Schweiß. Er reagierte nicht, wimmerte nur leise. Sie zog ihm das Nachthemd – solche Nachthemden hatte sie zuletzt gesehen, als sie den Schrank ihres Urgroßvaters ausgeräumt hatten - über die Beine und angelte nach der Decke. Dann legte sie sich hinter ihn, ihren Körper eng an seinen geschmiegt und zog die Decke darüber. Ihr Herz klopfte, sie wartete auf eine Reaktion von ihm. Aber er wachte nicht auf. Mit der Zeit wurde er ruhiger, sein Körper entspannte sich und irgendwann schlief Conny ein.


Als sie die Augen wieder öffnete, war es hell und sie blickte direkt in die von Severus. Er hatte sich auf einen Ellenbogen gestützt und sein Gesicht war ein einziges entrüstetes Fragezeichen.

„Was machst du hier?“

Conny kämpfte den Schlaf aus ihrem Bewusstsein. Ja, gute Frage, was machte sie hier? Dann erinnerte sie sich.

„Du hast im Schlaf geschrieen, du hattest einen Alptraum, ich habe versucht, dir zu helfen und bin dann wohl eingeschlafen.“

Du hast das getan, du hast ihn unterbrochen.“ Er sagte es langsam, staunend, fast ehrfürchtig.

Conny verstand nicht.

„Was habe ich unterbrochen?“

Er zögerte, wich ihrem fragenden Blick aus. „Es ist ...Ich habe ...“ Er holte tief Luft. „Oft träume ich von Voldemorts Kerker und dass er weiter an mir herumschneidet, Zehen, Finger, Augen, Zunge...“

„Nein“, flüsterte Conny entsetzt.

„Diesmal hat der Traum aufgehört, ich weiß nicht wie, aber ich war frei.“

„Hast du diese Träume jede Nacht?“

Er zuckte mit den Schultern und nickte. „Diese und andere, vor allem seit ich wieder im Gefängnis war.“

„Severus...“ Conny suchte nach Worten, „so – so kannst du doch nicht leben!“

Er hob spöttisch eine Augenbraue: “Nein? Gestern warst du noch anderer Meinung.”

Mist, das hatte sie nicht gemeint.

„Du sollst dich nicht umbringen, verdammt noch mal, du brauchst Hilfe.“

„Wer sollte mir helfen?“

„Es gibt Psychologen, die...“

„Und denen erzähle ich dann meine Geschichte und sie glauben mir?“ Ein bitteres Lächeln erschien auf seinem Gesicht: “Nicht einmal du glaubst mir wirklich, oder?“

Er schnaubte und drehte sich heftig um. Conny fragte sich wieder einmal, ob er Gedanken lesen konnte. Tief im Innern war sie immer noch nicht so ganz von der ganzen Zauberergeschichte überzeugt. Jetzt, bei Tageslicht, erschien wieder alles so unwirklich...

Dann dachte sie an das Gift auf dem Tisch und an sein Stöhnen in der Nacht, an seine wunderliche Kleidung und an die Heilung ihres Fußes. Mit, wie sie hoffte, überzeugter Stimme sagte sie:

„Ich glaube dir, und weil ich jetzt eine Verantwortung für dein Leben habe, werde ich dir helfen.“

Er hatte sich wieder umgedreht und sah sie an. Zweifelnd schüttelte er den Kopf. Sie fasste sich ein Herz und strich ihm sanft die Haare aus dem Gesicht.

„Wir schaffen das.“

Sie berührte leicht seine Wange.

„Und wir fangen an mit Frühstück. Du siehst aus, als hättest du seit Tagen nichts mehr gegessen. Hast du was im Haus? Nein? Dachte ich mir.“




5


Eine Stunde später saßen sie sich wieder in der Küche gegenüber. Conny war in der nächsten Bäckerei gewesen und hatte eingekauft. Severus hatte geduscht und ein frisches Hemd angezogen und sah schon etwas besser aus als am Tag zuvor. Sie musterte ihn verstohlen und dachte an das Gefühl seines Körpers an ihrem. Hör auf damit, schalt sie sich im Stillen, das war eine rein therapeutische Berührung. Er hatte nie eindeutige Reaktionen gezeigt, war wahrscheinlich nicht an Sex mit – wie hieß das? Muggles? – interessiert. Vielleicht umso besser für das, was sie vor hatte. Sie kaute an ihrem Brötchen und überlegte, wie sie ihm ihre Idee am besten unterbreiten sollte.

Irgendwann war die Brötchentüte leer und Conny nahm Anlauf.

„Severus, für wie wichtig hältst du eine saubere Küche und ein sauberes Bad?“

Seinem Gesichtsausdruck nach hielt er sie für übergeschnappt.

„Weißt du, ich habe eine riesige Wohnung von meiner Tante geerbt, sie ist viel zu groß für mich alleine und mein letzter Mitbewohner hat mich... ist vor kurzem ausgezogen. Möchtest du nicht bei mir wohnen? Es wäre besser als dieses dunkle Loch hier.“

So, jetzt war es heraus, wie würde er reagieren?

Er schüttelte den Kopf: „Dieses dunkle Loch hier ist alles, was ich mir leisten kann. Ich will keine – welfare, eh - Wohltätigkeit.“

„Ich bin nicht wohltätig, der Vorschlag ist ganz egoistisch. Ich habe keine Lust, zu inserieren und eine Menge fremder Leute zu interviewen und durch die Wohnung latschen zu lassen.. Ich habe auch keine Lust, die Wohnung mit jemandem zu teilen, der Dreckränder in der Badewanne hinterlässt und einen Berg ungespültes Geschirr in der Küche.“

„Und du denkst, dass ich das nicht tue?“

„Ich habe deine Küche, dein Bad und den Rest deiner Wohnung gesehen, Severus. Schäbig, aber sauber.“

Er sah sie verblüfft an und lachte.

„Du bist unglaublich! Hast du das tatsächlich überprüft?“

Sie wurde rot: „Als Frau sieht man so was automatisch.“

Ernst fuhr er fort: „Ich habe wirklich nicht viel Geld.“

„Du zahlst so viel wie hier. Ich bin froh, wenn ich nicht mehr alleine bin und jemanden habe, mit dem ich mich verstehe.“

„Und wenn du ein Auge auf mich haben kannst“, ergänzte er trocken.

„Du hast das mit der Verantwortung aufgebracht!“

Er seufzte. „Es gibt eine – wie sagt man? Kündigungs...“

„Kündigungsfrist. Na und? Du kannst trotzdem vorher ausziehen“

„Ich kann nicht doppelt Miete zahlen.“

„Dann zahlst du mir eben die Miete später irgendwann.“

„Ich will keine Wohltätigkeit!“

„Oh, verdammt, du sturer Kerl, wir drehen uns im Kreis. Willst du wirklich noch wochenlang allein mit deinen Erinnerungen und Alpträumen in dieser dunklen Höhle hausen? Und ich sitze ebenso allein in 150 Quadratmetern und fürchte mich nachts vor Geräuschen.“

„Das tust du nicht.“

„Doch, manchmal schon.“

Sie starrten sich wütend über den Küchentisch hinweg an. Conny massierte sich den Nacken. Warum regte sie sich überhaupt so auf? Er war ein erwachsener Mann, sollte er doch machen, was er wollte! Und wenn er lieber hier bleiben wollte, konnte es ihr eigentlich egal sein. Verantwortung hin oder her. Na gut, ein letzter Versuch.

„Die Wohnung hat eine Dachterrasse, Severus, du müsstest nicht in den Park gehen, wenn du frische Luft und Sonne haben wolltest.“

Er sah sie an und wieder hatte sie das Gefühl, dass seine Augen in ihre eintauchten. Sie hielt ihm stand, bis er den Blick abwandte und statt dessen die Tischplatte anstarrte. Schließlich, nach einer kleinen Ewigkeit, sagte er leise: “Einverstanden.“



6


Sie bewältigten den Umzug noch am gleichen Tag. Offenbar konnte man auf magischem Weg alles so verkleinern, dass es in eine Jackentasche passte und so war es kein Problem, Severus’ wenige Habseligkeiten ein paar Straßen weiter zu transportieren.

Die folgenden Wochen zeigten ihn als einen sehr stillen und in sich gekehrten, manchmal abweisenden Mitmieter. In der Küche simmerten immer irgendwelche Mixturen vor sich hin, deren Wirkung und Verwendungszweck er Conny erklärte, nachdem sie ihm versprochen hatte, unter allen Umständen die Finger von den Kesseln zu lassen. Da gab es den wirkungsvollen Kopfschmerztrank und weitere gegen Magen- und Verdauungsprobleme aller Art, verschiedene Salben gegen Verletzungen, Pickel und andere Hautprobleme sowie Tinkturen für die Haarpflege. Conny blickte vielsagend auf Severus’ fettige Strähnen und erntete einen wütenden Blick. „Ja, ja, ich weiß, spare dir deinen Kommentar. Ich bin allergisch gegen eine der entscheidenden Zutaten“, brummte er ungehalten. Conny lachte und entschuldigte sich.

Gleich nach dem ersten Abendessen – Tiefkühlpizza - hatte er entschlossen verkündet sich um das Kochen und den Haushalt kümmern zu wollen. Beides gehörte nicht gerade zu Connys Lieblingsbeschäftigungen, aber andererseits war es ihr peinlich, die ungeliebten Aufgaben an ihn weiterzureichen.

„Ich denke, du bist nicht gut in Haushaltszaubern.“

Er lachte. „Nein, mit Zauberei wäre ich hoffnungslos, aber Kochen auf Muggleart ist wie Zaubertrankzubereiten und das ist mein – eh, area of expertise?“

„Spezialgebiet“, half Conny automatisch. „Aber putzen, wie machst du das?“

Er schenkte ihr ein ironisches Lächeln. „Frau Stein, es gibt da etwas, das nennt sich Staubsauger, damit komme ich sehr gut zurecht.“

Dann wurde er wieder ernst. „Ich will meine Schulden abarbeiten, ich will keine Wohltätigkeit.“ Conny seufzte. Die alte Leier, da kam man mit den besten Argumenten bei ihm nicht weiter. Sie nickte ergeben und ließ ihn gewähren.

Ansonsten las er viel oder vervollkommnete sein Deutsch anhand des Fernsehprogramms.


Conny hatte viele neue Kurse und war oft den ganzen Tag bis weit in den Abend hinein unterwegs. Sie sahen sich zum Frühstück und zum Abendessen, Conny fühlte sich wohl in seiner Gegenwart, auch wenn er oft die Gesellschaft seiner Bücher einer Unterhaltung mit ihr vorzog. Häufig aber hatte sie das Gefühl, als würden sie beide wie auf rohen Eiern gehen im Umgang miteinander. Sie hatte Angst davor, seine verwundete Seele und seinen Stolz zu verletzen, hatte auch Angst davor, zuzugeben, dass sie dabei war, sich in ihn zu verlieben. Schließlich hatte er nie zu verstehen gegeben, dass sie ihm in dieser Beziehung irgendetwas bedeutete. Kein Mann hatte es bisher lange mit ihr ausgehalten. Sie wollte ihre Freundschaft nicht aufs Spiel setzen. Er schien ebenfalls irgendwie gehemmt, sie konnte nicht ergründen, warum. Manchmal fühlte sie seinen Blick auf sich gerichtet, so, als wolle er in sie eindringen.

Wenn sie dann herausfordernd zurückblickte, wandte er sichtlich verlegen seine Augen ab.

Sie sprachen nie über diese Vorfälle.

Die Albträume kamen fast jede Nacht, deshalb hatte Conny ihm rundweg befohlen, in ihrem breiten Bett zu schlafen, weil sie keine Lust hatte, jedes Mal aufzustehen und durch die halbe Wohnung zu laufen. Sie beruhigte ihn mit ihrer Gegenwart, gewöhnte sich daran, an graue Flanellnachthemden geschmiegt einzuschlafen. Das Kribbeln im Bauch, das die Nähe seines Körpers hervorrief und die Enttäuschung darüber, dass die Berührungen eine gänzlich einseitige Sache waren, ignorierte sie bewusst. Mit der Zeit schlief er ruhiger, aber nun war das gemeinsame Bett zur Gewohnheit geworden und er blieb. Sie überredete ihn auch zu Spaziergängen im Park, starrte zurück, wenn sie neugierige Blicke auf sich gerichtet fühlte, bis die Neugierigen beschämt die Augen abwandten und Severus’ nervöse Anspannung endlich der Freude am Spaziergang weichen konnte. Alleine ging er nicht mehr hin.


Dann kam der Tag, an dem seine Hemden der Waschmaschine nicht mehr standgehalten hatten. Der brüchige Stoff hatte mehrere Löcher, Severus hatte sie zwar schon mehrmals mittels Zauberei repariert, aber irgendwann versagte auch der stärkste Zauberspruch vor dem Zahn der Zeit. Neue mussten her. Da er keine Ahnung von Konfektionsgrößen hatte – offenbar ließ man in Zaubererkreisen noch Maßschneidern – und sich energisch weigerte mit ihr einkaufen zu gehen, brachte sie ihm nach Gutdünken zwei mit und zusätzlich noch zwei T-Shirts.

Er saß lesend im Wohnzimmer als sie nach Hause kam. Conny legte ihm die Sachen hin mit der Aufforderung, sie anzuprobieren und ging in die Küche, um die restlichen Einkäufe zu verstauen. Sie öffnete den Kühlschrank und sah sich einem Kessel mit einer zartrosa Substanz gegenüber, der ein komplettes Fach ausfüllte. Seine Arbeit in allen Ehren, aber so ging das nicht! Sie steckte den Kopf durch die Tür:

„Severus, was ist ...“

Entsetzt hielt sie inne. Er hatte sein Hemd ausgezogen und stand mit nacktem Oberkörper neben dem Sofa. Conny starrte auf seinen Rücken. Er war mit einem Netz weißer, wulstiger Narben überzogen.

„Großer Gott“, flüsterte sie.

Er drehte sich um. „Was ist?“

„Dein Rücken!“

Sie ging zu ihm und fuhr vorsichtig mit den Fingerspitzen über die Narben.

„Peitschenhiebe,“ sagte er kurzangebunden.

„Oh, Severus,“ sie kämpfte mit den Tränen des Mitleids.

„Lass das“, fuhr er sie an und drehte sich um. „Ich halte es nicht mehr aus. Hör auf, mich so zu behandeln!“

„Aber ich...“ Conny sah ihn verständnislos an.

„Du siehst in mir den – warte, wie war das Wort? – ja, den selbstmordgefährdeten Krüppel, der auf deine Hilfe angewiesen ist und dein Mitleid braucht!“

„Severus, ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst. Du bist kein Krüppel.“

Er lachte bitter.

„Nein? Kein Krüppel? Ich kann nicht laufen und nicht einmal alleine schlafen! Wie willst du das sonst nennen?“

„Severus, ich verstehe dich nicht.“

„Du verstehst mich nicht?“

Er starrte sie an und atmete schwer. Plötzlich riss er sie in seine Arme und presste seinen Mund auf ihren, küsste sie hart und fordernd, nahm ihr den Atem und ließ ihren Körper erbeben. Ohne Vorwarnung stieß er sie wieder von sich, so dass sie die Balance verlor und auf dem Sofa landete.

„Verstehst du es jetzt? Sieh hin, ich bin trotz allem ein Mann, mit allen Bedürfnissen und Gefühlen.“

In seiner Stimme schwangen Trotz, Bitterkeit und Verzweiflung. Seine Hände öffneten und schlossen sich krampfhaft. Conny sah immer noch fassungslos zu ihm hoch. Er interpretierte ihren entsetzten Gesichtsausdruck auf seine Weise und fuhr mit ätzender Stimme fort:

„Sag es, sag es ruhig, dass du dich ekelst vor dem abstoßenden, hässlichen Bastard! Schick mich zurück in das Loch, aus dem ich gekrochen bin!“

Er hatte die Arme verschränkt und starrte sie herausfordernd an. Conny hatte verstanden, aber was sollte sie jetzt sagen? Die Situation war absurd. Da waren sie also beide seit Wochen auf Zehenspitzen umeinander herum geschlichen und hatten sich davor gefürchtet, dem jeweils anderen die Liebe zu gestehen. Was waren sie für Idioten! Zwei erwachsene Menschen, die sich aufführten wie unerfahrenen Teenager. Sie stand auf, legte die Arme um ihn und küsste ihn auf den Mund. Er ließ es geschehen, offenbar war er völlig verblüfft. Sanft ließ sie ihre Lippen auf den seinen, bis er den Kuss und die Umarmung leidenschaftlich erwiderte. Severus stöhnte and sagte das, was Conny nicht zu sagen gewagt hatte:

I can’t help it. I love you. I love you like I’ve never loved before.“

Auf Englisch klang es gar nicht so banal.

„I love you, too, Severus“, erwiderte sie und schlang die Arme fester um seinen mageren Körper.

„Ich liebe dich schon lange. Ich dachte, du... Warum hast du es mich nie merken lassen, warum hast du nicht schon früher was gesagt, Severus?“

Sanft löste er sich von ihr und hielt sie auf Armeslänge von sich entfernt; er zuckte die Achseln und schnaubte.

„Ich habe keinerlei Illusionen was mein Aussehen betrifft. Sieh mich doch an, sollte ich wirklich hoffen, dass eine Frau so etwas lieben kann? Ich hatte Angst, du wirfst mich raus.“

Die Bitterkeit in seiner Stimme krampfte ihr das Herz zusammen.

„Ich liebe dein Lächeln, Severus, du hast wunderschöne Augen und einen ausgesprochen knackigen Po.“

Ungläubig sah er sie an. Seine Augen glänzten verdächtig. „Conny, du – du hast ja keine Ahnung...“ Er brach ab und schüttelte den Kopf. Dann hob er zögernd die Hand und streichelte ihre Wange. Vorsichtig, zärtlich, unendlich zärtlich. „Severus...“, flüsterte Conny, ergriff seine Hand, hielt sie fest und lehnte ihr Gesicht dagegen. Er umschloss sie wieder mit seinen Armen, drückte sie sanft an seine Brust. Sie hörte das wilde Pochen seines Herzens, spürte seinen Atem auf ihrem Haar. Sie standen ganz still, Conny war, als könne sie die Liebe spüren, die sein Körper ausstrahlte. Seine Hände wanderten über ihren Rücken, schoben sich unter ihren Pullover und an diesem Abend brach der Damm seiner Zurückhaltung. Hemden probierte er nicht mehr an.


7


Zögernd betrat Severus die Eingangshalle der Volkshochschule. Der Hausmeister in seinem Glaskasten blickte von seiner Zeitung auf. Gleich wirft er mich raus, dachte Severus und spürte, wie er anfing zu zittern. Warum nur war er hergekommen? Der Hausmeister war aufgestanden und stand jetzt in der offenen Tür seiner Kabine. Er beobachtete den hinkenden Mann mit dem Stock, der sich offensichtlich hier nicht auskannte.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Severus zuckte zusammen. Ruhig, das war kein Rauswurf, das war eine freundliche Frage. „Ich – ich möchte zu Frau Stein.“

Der Hausmeister nickte und grinste. Ein neuer Freund. Sah irgendwie komisch aus und dann auch noch behindert. Der alte hatte ihm besser gefallen. Versteh einer die Frauen!

„Um neun ist sie fertig, Sie können dort drüben warten.“

Er zeigte auf eine Ansammlung roter Plastikstühle und kehrte zu seiner Zeitung zurück. Severus blieb eine Weile unentschlossen stehen. Sollte er wirklich hier bleiben und auf Conny warten? Andererseits würde es einen seltsamen Eindruck auf den Hausmeister machen, wenn er jetzt wieder ginge. Langsam und bemüht, seine unregelmäßigen Schritte nicht so laut klingen zu lassen, ging er zu der Sitzecke und nahm sich eine der herumliegenden Zeitungen. Er blätterte sie durch, ohne etwas von dem Inhalt der Artikel zu verstehen. Viele Kurse schienen jetzt zu enden, es kamen ständig Menschen die Treppe herunter und strebten zum Ausgang. Lachende, plappernde Menschen. Severus fühlte sich fehl am Platz, hatte den Eindruck, alle starrten ihn an und hätte am liebsten die Flucht ergriffen. Dann sah er Conny. Sie kam inmitten einer Gruppe Frauen unterschiedlichen Alters, alle in bunte Trainingsanzüge gekleidet. Auch sie lachten und schwatzten. Unsicher stand er auf.

Severus!“

Sie hatte ihn gesehen, winkte und kam auf ihn zu. Er atmete auf. Bald würde er wieder mit ihr allein sein, weit ab von den Blicken fremder Menschen. Aber er hatte sich getäuscht.

„Was machst du hier? Willst du mich abholen?“

Er nickte verlegen.

„Hm, wir wollten noch kurz in die Cafeteria, heute ist der letzte Abend.“

Wieder nickte er.

„Dann gehe ich wieder,“ sagte er leise.

Conny spürte seine Enttäuschung.

„Nein, Severus. Warum kommst du nicht einfach mit?“

Entsetzt blickte er zu der bunten Frauengruppe hinüber.

„Nein, ich kann nicht“, entgegnete er heftig.

Connys Herz krampfte sich vor Mitleid zusammen. Er sah sich immer noch als Monster, dem andere möglichst aus dem Weg gingen. Hilflos sah sie zu, wie er sich zum Gehen wandte. Eine resolute, vollschlanke Blondine aus ihrem Kurs steuerte auf Severus zu, seinen finsteren Gesichtsausdruck ignorierend. „Sind Sie ein Bekannter von Conny?“ Er nickte stumm. „Dann kommen Sie doch mit!“ Er schüttelte den Kopf und schnaubte. „Ich kann nicht.“ „Ach was, nur ein halbes Stündchen. Wir bleiben auch nicht lange, schließlich sind wir alle fix und fertig.“ Sie warf einen vielsagenden Blick auf Conny. „Kommen Sie.“ Er zögerte.

Conny nutzte ihre Chance: „Meine Damen, das ist Severus Snape. Severus, mein Fat-burning – Kurs.“ Sein Gesichtsausdruck war mörderisch, aber niemand schien es zu bemerken.

Er wurde mit lautem Hallo begrüßt und ehe er es sich versah, hatte ihn die vollschlanke Blondine mit Beschlag belegt und ausführlich über Connys unerbittliche schweißtreibende Übungen berichtet, noch bevor sie die Cafeteria erreicht hatten.

„Kennen Sie Conny auch beruflich?“ fragte ihn eine Frau mit rotgefärbten Haaren.

„Ja. Sie quält mich mit Gymnastik, damit ich wieder besser gehen kann.“

Er warf einen grimmigen Blick in Connys Richtung.

„Hatten Sie einen Unfall?“ fragte die Dame weiter.

„Ja, sozusagen.“

„Wie schrecklich.“

Dann wandte sich das Gespräch seinem Akzent zu. Etliche der Damen lernten auch Englisch bei der Volkshochschule und probierten ihre Sprachkenntnisse an ihm aus.

Conny beobachtete ihn verstohlen von der anderen Seite des Tisches. Er sah gut aus mit seinen kurzen Haaren und dem dunkelgrauen Jackett über einem schwarzen Hemd. Nach und nach hatten sie seine schäbigen Sachen durch neue ersetzt und Conny hatte ihre Haarschneidekünste an ihm ausprobiert. Dadurch erregte er nicht mehr so viel Neugier und traute sich auch wieder alleine auf die Straße.

Aufmerksam hörte er dem englischen Gestammel seiner Nachbarinnen zu, verbesserte sie unauffällig, ermunterte sie. Seine schlechte Laune war verschwunden, er konnte richtig charmant sein.

Sie blieben, bis die Cafeteria zumachte. Die Damen versprachen alle, im nächsten Semester wiederzukommen und bis dahin fleißig zu Hause zu trainieren. Und Conny ging mit Severus zu ihrem Auto. Nach der langen Unterhaltung genossen beide die Stille der nächtlichen Straße. Schweigend stiegen sie ein. Erst als Conny an der nächsten roten Ampel anhalten musste, sagte Severus, mehr zu sich selbst:

„Es war schön. Sie waren alle freundlich zu mir.“

Conny drehte kurz den Kopf und betrachtete sein Profil.

„Du warst ja auch freundlich zu ihnen, sie werden mir im nächsten Semester noch von dir vorschwärmen.“

Er schnaubte ungläubig.

„Warum wolltest du mich eigentlich abholen?“ fragte sie.

„Ich habe eine bessere Bezahlung ausgehandelt, das wollte ich dir sofort sagen. Dann kann ich dir richtig die Miete zahlen.“

Die Ampel wurde grün, Conny schaltete und fuhr an.

„Das ist wundervoll. Nicht wegen der Miete, sondern für dich. Du hast es verdient.“

Sie hatte in letzter Zeit auch öfter bei ihren Kursen Werbung für seine Produkte gemacht und welche verkauft. Die Damen waren begeistert. Wieder fuhren sie eine Zeit lang schweigend. „Manchmal habe ich Angst“, sagte er plötzlich.

Conny erschrak. Was war jetzt wieder los?

„Warum?“ fragte sie.

„Es geht mir so gut wie noch nie zuvor in meinem Leben, ich habe Angst, dass es irgendwo – wie sagt man? – eine Hacke? Nein, einen Haken gibt, dass mir so viel Glück nicht zusteht.“ Conny seufzte und versuchte es mit Ironie.

„Ich nehme an, der Haken bin ich, du musst mit mir auskommen.“

Sie setzte den Blinker und wechselte die Spur. Dann fügte sie ernst hinzu:

„Ansonsten wüsste ich nicht, warum dir nicht endlich ein bisschen Glück zustehen sollte.“ „Weil ich noch nie welches hatte, ich bin nicht dafür gemacht“, brach es aus ihm heraus.

„Hör auf damit. Verdammt, du beginnst beruflich Fuß zu fassen, es geht dir körperlich wieder besser, du merkst selbst, dass dich die Leute akzeptieren...“

„Ich werde noch ein nützliches Mitglied der Gesellschaft“, unterbrach er sie sarkastisch.

„Ja, das wirst du. Was hältst du davon, wenn wir mal ein paar Leute zum Abendessen einladen?“

„Conny, irgendwann gehe ich dir auf die Nerven...“

Sie bremste abrupt. Fast hätte sie den Mann auf dem Zebrastreifen übersehen.

„Zum Beispiel gerade jetzt. Severus, sieh es doch mal so: Wenn man dir nicht so übel mitgespielt hätte, wären wir uns nie begegnet. Vielleicht hatte alles seinen Zweck und jetzt sollst du dein Glück genießen und endlich mit dem Pessimismus aufhören.“

Er lachte leise. „Wenn du es sagst.“ Es klang nicht sehr überzeugt.

Er beugte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Trotzdem – ich habe Angst.“

Sie gab wieder Gas. Angst, ja Conny hatte auch Angst, Angst ihn zu verlieren. Er war so unerwartet in ihrem Leben aufgetaucht, hatte ihm eine neue Wendung gegeben und sie liebte ihn so sehr.

Was würde er aber tun, wenn er nicht mehr auf sie angewiesen war? Er war ein Zauberer, kam aus einer ganz anderen Welt und würde bestimmt nicht ewig bei ihr bleiben wollen...