Advocatus Diaboli


von WatchersGoddess


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Kapitel 1 - 10



Spoiler: Keine. Die Story spielt in einem AU, das nach und nach in der Story erklärt werden wird.

Inhalt: „Wenn zwei Menschen auf nicht absehbare Zeit in einem Haus gefangen sind, ohne Kontakt zur Außenwelt und ohne eine Aussicht, allzu bald mit jemand anderem reden zu können, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich einander zuwenden.“

Hauptcharakter(e)/Paar(e): Hermine/Snape, Hermine/Ron, Snape/OC

Disclaimer: Nichts gehört mir, alles ist Eigentum von J.K.Rowling.

Kommentar: An dieser Story habe ich fast ein Jahr lang geschrieben und vermutlich sitze ich deswegen jetzt nägelkauend vor meinem PC. Sie ist in mehr als einer Hinsicht das Gegenteil von ISEM. Sie ist düster, hoffnungslos und behandelt schwierige Themen – also alles in allem keine leichte Kost. Ich kann euch mitnehmen auf diese Reise, aber ich kann euch kein Ziel versprechen. ;)
Betadank geht auch dieses Mal an Anja! *hugs*

Warnings: Gewalt, Folter, Missbrauch, Sex, Character Death, Hurt/Comfort, Angst, Sucht





- Part I -

Vom Schälen einer Zwiebel

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Kapitel 1.01 – Die äußere Schicht


- 08.07.2001 -


Es war nicht übertrieben zu behaupten, die Lage wäre… nun ja, wirklich scheiße.


Severus Snape war nie ein Mann gewesen, der ordinäre Begriffe verwendete oder zu Übertreibungen neigte – mal abgesehen vom Abziehen von Hauspunkten. Doch wenn man gefesselt in einer magisch geschützten Hütte in den Seilen hing, aus unzähligen Wunden blutete und eigentlich nur darauf wartete, dass mehr Blut auf dem Boden als im eigenen Körper war, durfte man die Lage mit gutem Recht als scheiße bezeichnen.


Severus lachte bitter auf und bereute es, als das Lachen zu einem Husten wurde, der reißende Schmerzen durch seinen gesamten Körper, vor allem jedoch durch seine Lunge sandte. Er würgte einen blutigen Schleim herauf und spuckte ihn unberührt vor sich auf den schäbigen Holzboden; es war ja nicht so, als ob es irgendwen stören würde. Im Gegenteil. Er war überzeugt, dass Lucius Malfoy seine wahre Freude an diesem Anblick hätte.


Was war passiert, dass seine Tarnung in sich zusammengefallen war? Sein Kartenhaus war verdammt perfekt gewesen! Nicht mal ein Orkan hätte es einstürzen lassen sollen. Fragte sich bloß, was genau man sich unter einem Orkan vorstellen sollte.


Nach dem Fall Voldemorts hatte Lucius Malfoy sich selbstherrlich zum neuen Anführer aufgeschwungen und entschieden, dass die Ziele des Lords nach wie vor zu erfüllen wären. Das entsprach höchstens einem starken Wind. Die Gemeinschaft war geschwächt, bei Merlin, das war sie! Der finale Kampf – der er nun nicht mehr war – hatte nicht nur Auroren das Leben gekostet. Doch die verbliebenen Todesser standen hartnäckig hinter den Plänen. Sie waren ja auch zu stur gewesen, um im Kampf zu sterben. Warum sollten sie sich vom Tod ihres Anführers ablenken lassen?


Das hatte den starken Wind vermutlich bis zum Sturm genährt. Also war es weitergegangen, das Morden und Jagen und Zerstören und Feiern. Und Severus hatte seine Rolle weitergespielt, um auch den letzten Rest dieses Krebsgeschwüres zu entfernen. Von innen heraus, das wirkte am besten. Er hatte an seiner Taktik nichts Wesentliches geändert. Sie hatte unter Voldemort funktioniert und sollte es auch weiterhin tun. So hatte er zumindest gedacht und Albus hatte ihm zugestimmt.


Und trotzdem hatte irgendein falscher Luftzug aus dem Sturm noch einen Orkan gemacht. Einen verflucht hartnäckigen Orkan, der auf seinem Weg noch die eine oder andere Glasscherbe aufgesammelt hatte, nur um sie ihm um die Ohren zu hauen.


Er keuchte heiser und wischte mit seiner Wange am Oberarm entlang. Eine der Wunden in seinem Gesicht hatte wieder zu bluten begonnen und die Tropfen kitzelten auf sehr nervtötende Weise auf seiner Haut. Als das Kitzeln jedoch verklungen war, vermisste er es schon beinahe wieder – es hatte ihn von den Schmerzen abgelenkt.


Er war nicht der Typ, der jammerte. Mehr als einmal hatte er Madam Pomfrey ihre vermaledeiten Tinkturen aus der Hand geschlagen, weil es verdächtig gewesen wäre, wenn die Wunden allzu schnell geheilt wären. Der Dunkle Lord hatte immer auf diese perfiden Kleinigkeiten geachtet. Das Vertrauen des Ordens sollte zwar da sein, aber nicht so groß, dass man ihn bedenkenlos heilen würde.


Nun, inzwischen wünschte er sich diese Tinkturen wirklich.


Hätte man ihn gefragt, er hätte nicht gewusst, wie lange er bereits in den Händen der Todesser war. Sie hatten vor nicht allzu langer Zeit den Befehl Malfoys bekommen, sich ihn zu schnappen und dafür zu sorgen, dass er einen langsamen und ganz und gar unmagischen Tod fand. In ein paar Jahren vielleicht.


Malfoy wollte ihn in all der unwürdigen Vollkommenheit der menschlichen Rasse sterben lassen – was so viel bedeutete wie Blut, Schweiß, Rotz, Urin und all die anderen widerwärtigen Ausdünstungen, zu denen Menschen fähig waren. Bei Salazar, was würde er jetzt für einen Avada Kedavra tun…


Doch seine ehemaligen Verbündeten hatten schon die ganze Zeit ihren Spaß daran gehabt, die Befehle Malfoys auszuführen – vor allem die, die seine Folter betrafen. Angefangen hatten sie bei seinem Dunklen Mal. Er hatte keine Haut mehr an der Stelle seines Körpers. Nichtsdestotrotz konnte man die Linien der Zeichnung noch immer in seinem rohen Fleisch erkennen.


Weitergemacht hatten sie mit seinem Gesicht. Severus hatte nicht die geringste Ahnung, wie er jetzt aussah. Dem Gefühl nach zu urteilen dürfte er jedoch ausgesprochen viel Ähnlichkeit mit einem aufgebackenen Hefekuchen haben – einem rot, blau und grün geschlagenen Hefekuchen. Vielleicht auch bloß einem leicht angeschimmelten Hefekuchen. Auf jeden Fall irgendwas Aufgeplustertes, das mehr Volumen hatte, als eigentlich möglich sein sollte. Verdammt, er hatte in den letzten Tagen mindestens anderthalb Liter Blut verloren! Wo kam das ganze Zeug bloß her?


Sei's drum. Nachdem sein Gesicht ausreichend als Spielwiese gedient hatte, hatten sie seinen Oberkörper den Frischlingen zur Verfügung gestellt. Sie durften Flüche üben und Muster schnitzen und Severus hatte das erste Mal festgestellt, dass es doch sehr viel angenehmer war, der Lehrer und nicht das Versuchskaninchen zu sein. Da hätte er noch lieber zwanzig Klassenarbeiten korrigiert und sich mit fünfzig Erstklässlern eingelassen.


Nicht, dass das wirklich eine Option gewesen wäre. Er saß fest in seiner Folter und alles, was ihm übrig geblieben war, war einen letzten Rest Würde zu bewahren. Er hatte während der ganzen Spielereien nicht einen Ton von sich gegeben.


Zu dem Zeitpunkt hatte ihn das wirklich aufrecht gehalten. Inzwischen fand er es eigentlich eher unwichtig, denn das Ergebnis war dasselbe. Ob er nun geschrien oder gekeucht oder gestöhnt oder gejammert hätte, sterben würde er so und anders auch. Fragte sich bloß wann und diese Frage machte ihm mehr zu schaffen, als er sich einzugestehen traute. Magie bot zu viele Möglichkeiten, Dinge dieser Art hinauszuzögern. Und er hatte jede davon mindestens einmal am eigenen Leib erfahren – ohne darauf eine Reaktion zu zeigen.


Ja, es war manchmal wirklich ein Kreuz mit der Würde und dem Stolz; man hütete sie wie einen kostbaren Schatz, doch sie halfen einem selten weiter. Eigentlich machten sie alles nur noch schwerer. Aber sie hielten ihn davon ab, verrückt zu werden.


An dieser Stelle seiner Gedanken schüttelte er resolut den Kopf, was sein Nacken mit lautem Knacken beantwortete. Zur Hölle mit diesen Anfängern! Die hatten irgendetwas mit seinem Rücken angestellt, das alles andere als gut war. War es denn wirklich zu viel verlangt, ein paar Anatomiekenntnisse bei einem Folterknecht zu verlangen? Selbst wenn man erst einer werden wollte, konnte man zumindest so viel Anstand haben zu wissen, dass Schläge auf die Wirbelsäule einem sämtlichen Spaß nahmen. Folter bei Lähmungen hatte keinen Sinn und gestaltete das ganze Spiel sehr langweilig. Zumindest hatte Lucius ihm das mal gesagt und er hatte es hingenommen.


Aber er spürte seine Zehen noch. So falsch konnte es nicht gewesen sein, was die Frischlinge angestellt hatten. Vielleicht kein O, aber mindestens ein A wäre sicherlich drin. Zugegeben, Malfoy hätte es bestimmt zu einem E geplustert, doch das Knacken war wirklich unangenehm.


Einmal mehr sank er in seinen Ketten weiter nach unten und die eisernen Ringe um seine Handgelenke gruben sich noch tiefer in das wunde Fleisch. Er wusste, würde er aus irgendeinem Grund doch noch lebend befreit werden, würde er die Arme oben lassen. Er wollte gar nicht erst ausprobieren, ob er noch die Möglichkeit hatte, sie nach unten zu nehmen. Irgendwann hörte jeder Spaß auf und er musste seit Wochen so hängen.


Denn nachdem sich alle noch ausreichend an seinem Hintern ausgetobt hatten, hatte Malfoy beschlossen, dass es an der Zeit wäre, ihm seine letzte Ruhestätte zuzuweisen. So richtig nobel mit Blick aufs Meer, Zimmerservice und Klimaanlage.


Nun gut, das war eine sehr... optimistische Art, von seiner Unterkunft zu reden. Er befand sich in einer Hütte auf einer Miniaturinsel im Atlantik, die mit Alarmzaubern gesichert war und mehr Löcher als Wände besaß. Aber es konnte ja nie falsch sein, noch ein kleines bisschen Optimismus zu bewahren, oder? Nicht, dass das früher gewirkt hätte, aber es sorgte für Unterhaltung.


Severus lachte erneut auf, war dieses Mal aber clever genug, aufzuhören, bevor der Schleim wiederkommen würde. Man konnte ihm vieles unterstellen, aber sicherlich nicht das Verhalten eines Verrückten, der ein und dieselbe Sache immer und immer wieder tat, allerdings ein anderes Ergebnis erwartete. Nein, er hatte seine Lektion gelernt (Glaube niemals, deine Tarnung sei perfekt!).


Seine Knie berührten inzwischen beinahe den steinigen Boden. Bereits seit längerem hatte er sich gefragt, ob seine Arme länger geworden, oder ob die Handfesseln bloß weiter nach oben gerutscht waren. Alternativ könnte es natürlich auch so sein, dass die Ketten länger geworden waren, aber diese Möglichkeit hatte er eigentlich recht bald ausgeschlossen.


Auf jeden Fall würde es nicht mehr allzu lange dauern, bis er vielleicht mehr Halt finden würde, als nur seine aufgeschlagenen Fußspitzen. Zu Anfang hatte er gestanden, wobei die Ketten weit durchgehangen hatten. Mit zunehmender Müdigkeit seiner Beine hatten sie sich gestrafft. Bis vor etwa zwei Tagen hatte er gehockt, die Arme weit nach oben gestreckt, wo sie auch jetzt noch hingen. Aber es gab wirklich nichts Grausameres als eingeschlafene Beine. Und so war ihm nichts anderes übrig geblieben, als sich hängen zu lassen.


Ehrlich, er hatte genau dies jahrelang tun wollen! Allerdings hatte er dabei eher an Strand, Palmen und eine Handvoll junger Frauen gedacht… Nun gut, die Frauen ohne Strand und Palmen hätten es auch getan.


Eine Bewegung zu seiner Rechten brachte Severus' Gedanken rasch in die Realität zurück. Erstaunt spürte er, wie einige seiner Lebensgeister ihm einen Besuch abstatteten. Normalerweise hießen Bewegungen vor der Hütte, dass einige der Todesser kamen, um ihn soweit mit Wasser und Nahrung zu versorgen, dass er noch ein paar weitere Tage durchhielt. Doch etwas sagte ihm, dass diese Bewegungen keine Todesser waren. Für gewöhnlich hielten sie es nicht für nötig, um die Hütte herumzulaufen.


Severus kämpfte ein wenig gegen die Ketten an und versuchte dem sich bewegenden Schatten mit den Augen zu folgen. Er war schnell, blieb mehrmals stehen und lief dann weiter. Immer wieder umrundete er die Hütte und ihm kam der Gedanke, dass, wer auch immer das da draußen war, im Gegensatz zu ihm eindeutig das Verhalten eines Verrückten an den Tag legte. Das war irgendwie beruhigend.


Irgendwann blieb der Schatten endgültig stehen und zwar an genau der Stelle, an der auch die Todesser immer verharrten. Severus wusste, dass die Zauber auf der Hütte nur von Todessern aufgelöst werden konnten, ohne dass Lucius Malfoy davon erfuhr. Und da er mit sich selbst bereits übereingekommen war, dass das da draußen kein Todesser war, schien es, als würde hier doch noch irgendwas passieren. Ein beinahe vorfreudiges Lächeln kräuselte seine Lippen. Was gab es besseres als ein bisschen Action bevor man abdankte?


Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis der Jemand den letzten Bann aufhob. Die Tür krachte laut auf und schlug gegen die hintere Wand, woraufhin Putz und einige sehr große Deckenstücke zu Boden segelten. Eine Gestalt durchquerte die Hütte mit großen Schritten und als sie vor ihm in die Knie ging, musste er mehrmals blinzeln, um ein Gesicht erkennen zu können.


Sehen Sie mich an!“, forderte eine Stimme, die er zwar kannte, die er bisher allerdings nie so herrisch gehört hatte.


Miss Granger?“ Er runzelte die Stirn und ignorierte den Schmerz, den dies verursachte.


Sie nickte, anscheinend zufrieden. „Schön zu wissen, dass das Ganze sich lohnt. Stehen Sie auf! Wir haben keine Zeit zu verlieren.“


Severus schnaubte. Ihre Vorstellungen waren wirklich sehr amüsant. Glaubte sie wirklich, er hätte hier die ganze Zeit auf dem Boden gekauert, wenn er hätte stehen können? So bequem war diese Position nun auch wieder nicht. Nein, er war körperlich am Ende und irgendwie auch geistig etwas erschöpft. Es wirkte selbst auf ihn beängstigend, welche Gedankengänge er bisweilen hatte. Das einzige, was noch seinen Befehlen folgte, war sein magisches Potential und das war auch gut so.


Stehen Sie auf, verdammt!“, forderte sie in diesem Moment erneut und draußen hörte er die ersten Todesser apparieren.


Als ich Sie das letzte Mal sah, wussten Sie noch, dass… Respekt… der Schlüssel zum Erfolg ist“, keuchte er mühsam, zwang seine Beine allerdings trotzdem dazu, sein Gewicht zu tragen. Er hustete erneut und mehr von dem ungesunden Gemisch aus Blut und Schleim landete auf dem Boden. Irritiert bemerkte er, dass es ihn nun, da er nicht mehr alleine war, sehr störte.


Im nächsten Moment verschwanden seine Fesseln urplötzlich, was seine Gedanken recht schnell beendete, denn er krachte unsanft zu Boden – wobei sich das Vorhaben mit seinen Armen erübrigte. Er stöhnte laut und glaubte, der Schmerz würde ihn zerreißen. Für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen.


Professor Snape! Wir haben jetzt keine Zeit dafür!“


Er spürte, wie er recht grob umgedreht wurde und sah blinzelnd, wie seine ehemalige Schülerin mit dem Zauberstab einige veraltete Möbelstücke vor die offene Tür schleuderte. Er wusste aus eigener Erfahrung, dass das die Todesser nicht lange aufhalten würde.


Stehen Sie endlich auf, verdammt!“ Sie fasste ihn hart am Oberarm und schaffte damit das, was die Frischlinge in bestimmt drei Tagen Folter ohne Unterbrechung nicht geschafft hatten: Er schrie laut auf.


Doch Granger achtete gar nicht darauf – vorausgesetzt, man konnte Loslassen unter diesen Begriff fassen. Severus fiel hart auf den Dielenboden und seine Finger wischten nach Halt suchend durch das, was sein seine Lungen zu Tage befördert hatten. „Großartig“, murmelte er missmutig und verzog das Gesicht.


Hinter ihm krachten einige Flüche gegen das morsche Holz und vier Todesser stürmten die Hütte. Er sah nur ein Gewirr aus Beinen und konzentrierte sich schließlich darauf, irgendwie auf seine eigenen zu kommen.


Stupor!“, hörte er Granger schreien und das gedämpfte Stöhnen sagte ihm, dass sie nur noch drei Gegner hatten. „Petrificus Totalus!“, schleuderte sie noch einen weiteren Fluch hinterher, doch ob der getroffen hatte, wusste Severus nicht zu sagen. „Protego!“, setzte sie einen letzten oben drauf und er sah, wie nur den Bruchteil einer Sekunde später mehrere Flüche an der Schutzwand abprallten und ins Nichts verschwanden. Sie hatte definitiv einiges gelernt in den letzten Jahren, das musste er neidlos anerkennen.


Miss Granger“, sagte er kraftlos und schaffte es tatsächlich, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die buschigen Haare wirbelten um ihren Kopf, als sie sich zu ihm herumdrehte.


Was?“, zischte sie ungehalten.


Nutzen Sie… den Murus…“ Sie sollte sich glücklich schätzen, dass er wirklich zu müde war, um sich mit ihr anzulegen.


Murus!“, entschloss sie sich zu seiner Erleichterung allerdings, den Zauber anzuwenden, ohne weiter nachzufragen. Severus beobachtete zufrieden, wie der Protego durch eine feste Mauer ersetzt wurde, die sich vom Boden bis zur Decke zog und die Hütte in zwei Teile trennte. Granger nickte anerkennend in der plötzlich eintretenden Stille. „Nicht schlecht…“


Er hatte sich derweil in den Vierfüßlerstand erhoben und sein rasselnder Atem schien kaum genug Sauerstoff in seinen Körper zu befördern, um ihn wirklich lange in dieser Position zu lassen. Erschöpft sackte er zur Seite, woraufhin sie sich von der Mauer abwandte.


Wie lange hält das?“, fragte sie beiläufig, während sie ihm die zerschlissene Kleidung vom Körper schälte und hier und da die eine oder andere offene Wunde heilte. Severus spürte, wie der Schmerz etwas weniger wurde, doch er musste zweifellos innere Verletzungen haben; die Messer waren tiefer gegangen, als sie so beiläufig würde heilen können.


Ein paar Minuten“, nuschelte er und kämpfte gegen die Ohnmacht an.


Was Granger anscheinend bemerkt hatte, denn sie schlug ihm recht unwirsch ins Gesicht. „Sie werden jetzt nicht ohnmächtig, verstanden?“, knirschte sie, hielt sein Kinn mit einer Hand fest und sorgte so dafür, dass seine Blicke sich auf sie konzentrierten.


Er wischte ihre Hand zur Seite und nutzte seine verbliebene Kraft, um sich etwas zu ihr hochzustemmen. „Passen Sie auf, wie Sie mit mir reden, Miss Granger!“


Ein süffisantes und durchaus zufriedenes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Nicht, wenn ich Sie mit meiner Methode bei Bewusstsein halten kann, Sir!“ Das Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war, und hinterließ eine sehr verzerrte Maske aus Entschlossenheit.


Severus kniff die Augen zusammen und knurrte unverständlich vor sich hin. Sie hatte sich sehr verändert, seitdem er sie das letzte Mal gesehen hatte. Was allerdings höchstens zwei Jahre her sein konnte, egal wie lange er nun schon hier sein mochte. Etwas über ein Jahr vor dem Fall Voldemorts hatte Albus Hermine Granger als letzte des Trios in den Orden aufgenommen und ihn dazu genötigt, mit ihr zusammenzuarbeiten und Tränke herzustellen, die ihnen unter anderem die Pforten zum Sieg (wenn man den Tod Voldemorts als solchen bezeichnen konnte) geöffnet hatten. Er wusste nicht, ob sie sich nicht im Nachhinein noch dafür gehasst hatte, denn diese Tränke hatten zwar Voldemort getötet, Harry Potter allerdings auch. Er hatte danach keine Gelegenheit mehr gehabt, ein Wort mit ihr zu wechseln. Zumindest hatten sie es damals geschafft, sich einen beinahe vertrauten Umgangston zuzulegen und sich nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit an die Gurgel zu springen. Doch wenn er sich den hasserfüllten Blick in ihren Augen so ansah, schien sich das inzwischen wieder geändert zu haben – woran Harry Potters Tod vielleicht eine gewisse Mitschuld trug.


Severus beobachtete, wie sie an der Mauer auf und ab lief und sich darauf vorbereitete, den Gegnern einen gebührenden Empfang zu bereiten. Zumindest tat sie dies, bis sie seinem Blick begegnete und ihren nicht wieder abwandte. Auf ihrer Stirn, dicht am Haaransatz prangte eine lange Narbe, die noch immer rötlich schimmerte und dementsprechend noch nicht alt sein konnte. Ihre Augen hatten einen harten Ausdruck angenommen, ihre Gestik und vor allem die Mimik waren entschlossen, zielgerichtet und distanziert. Er hatte keinen Zweifel daran, dass sie mit ihren Gedanken komplett bei der Sache war und sich durch nichts ablenken lassen würde. Vor zwei Jahren hatte noch ein einfacher, nicht vollkommen gelassener Blick seinerseits ausgereicht, um sie mit zitternden Händen an den Kessel treten zu lassen.


Damals hatte er es verflucht, dass sie sich nicht zumindest hin und wieder einmal zusammenreißen konnte. Sie waren in einem Krieg! Da ging es nicht darum, ob der Gegner einen lieb anlächelte, bevor er den Todesfluch aussprach. Dass sie diese Lektion nun anscheinend gelernt hatte, verwirrte ihn auf eine Art und Weise, die zu viel Nachdenken erforderte, als dass er sich ausgerechnet jetzt genauer damit auseinander setzen wollte. Möglicherweise würde er in absehbarer Zeit den Löffel abgeben. Es wäre sinnlos, die letzten Minuten mit Überlegungen dieser Art zu verbringen.


In diesem Moment begann die Mauer sich wieder aufzulösen und Severus brach den Blickkontakt zu seiner ehemaligen Schülerin. Ihm war gar nicht bewusst gewesen, dass er ihn überhaupt gehalten hatte. „Passen Sie auf!“, keuchte er, als er einen ihrer Angreifer den Zauberstab heben sah. Doch seine Warnung kam zu spät.


Granger schrie, von einem hellen Lichtblitz direkt gegen das Brustbein getroffen, laut auf und wurde neben ihm gegen die hintere Wand der Hütte geschleudert. Sie prallte unsanft daran ab, fiel hart mit dem Bauch auf einige am Boden aufgestapelte Steine und keuchte entsetzt, wobei ihr der Zauberstab aus der Hand rollte. Severus griff rasch danach, ehe er aus seiner Reichweite rollen konnte.


Angestrengt hob er den Blick und sah sich zwei Todessern gegenüber, die fast vollkommen vermummt bis eben noch damit beschäftigt gewesen waren, sich einen bewusstlosen Körper aus dem Weg zu räumen. Severus grinste, soweit sein zerschnittenes Gesicht dies zuließ, und deutete mit dem fremden Zauberstab auf die beiden. „Avada Kedavra!“, brachte er sehr mühsam hervor. Doch so schwach seine Stimme auch klingen mochte, die Absicht hinter diesem Fluch entstand in seinem Kopf. In dem einzigen, dem magischen Teil, den er noch immer unter Kontrolle hatte, und dementsprechend entfaltete er in einem grünen Blitz seine gesamte Kraft, als er auf die Brust eines der Todesser traf. Mit einem dumpfen Poltern fiel der schwere Körper zu Boden.


Im nächsten Moment riss ihm jemand den Zauberstab aus der Hand und zwei kleine Hände fassten ihn an den Schultern, zogen ihn hoch und sorgten so dafür, dass er auf seine Beine zurücksank. „Lassen Sie die Finger von meinem Zauberstab!“, zischte Granger mit verhaltener Wut und unterdrücktem Schmerz in der Stimme und stolperte an ihm vorbei, während sie sich die freie Hand in den Unterbauch stemmte. „Stupor!“, fügte sie dann noch hinzu und auch der letzte Todesser war endlich außer Gefecht gesetzt.


Ich hätte es nicht tun müssen… wenn Ihre Verstärkung nicht so…“ Severus stöhnte leise. „…nicht so entsetzlich feige wäre“, brachte er mühsam hervor und versuchte vollkommen aufzustehen.


Granger schnaubte erneut. „Es gibt keine Verstärkung, Professor!“ Sie fasste unterstützend seinen Arm, um ihn auf die Beine zu ziehen. „Deswegen sollten wir jetzt auch sehen, dass wir hier wegkommen, ehe noch weitere Ihrer ehemaligen Freunde hier aufkreuzen.“ Sie schleppte ihn zur Tür hinüber und er versuchte gar nicht erst, ihr klarzumachen, dass sie wirklich sehr brutal mit ihm umging. Er hätte es nicht anders getan, wären die Rollen vertauscht gewesen.


Stolpernd und schwankend verließen sie das geschützte Innere der Hütte und Granger legte sich seinen Arm um ihre Schultern (er spürte, wie sie kurz strauchelte und sah, dass ihre Zähne verbissen an ihrer Unterlippe nagten), während weitere Todesser um sie herum apparierten. „Pech gehabt, Jungs!“, zischte sie mit einem süffisanten Grinsen und Severus spürte, wie sie mit ihm zusammen disapparierte.


- - -


Beide kamen ins Stolpern, während sie an einem anderen Ort auftauchten. Severus kniff die Augen zusammen, als helles Tageslicht ihn blendete; auf seiner kleinen Insel hatte es bereits gedämmert. Dadurch, dass er nun nicht mehr sah, was passierte, schwankte er noch mehr und stolperte schwächlich durch die Gegend. Diese ganze Lage war wirklich entsetzlich demütigend.


Schließlich fasste jemand ihn hart an der Schulter. „Reißen Sie sich zusammen, Professor!“, warnte Granger und er öffnete seine Augen, nur um ihr einen vernichtenden Blick zuzuwerfen.


Halten Sie Ihre Zunge im Zaum, Miss Granger!“, erwiderte er und bemühte sich um einen kühlen Tonfall.


Sie kräuselte die Nase. „Nicht solange es Ihnen gut genug geht, um mich zurechtzuweisen.“


Severus schnaubte abfällig, was sein Körper mit einem stechenden Schmerz in seinem Bauch quittierte. „Könnte nicht besser sein“, murmelte er kaum hörbar und kämpfte den Drang zu husten hinunter.


Solange Sie noch meckern können, kann es nicht…“ Granger beendete ihren Satz nicht und als er sich deswegen zu ihr umwandte, sah er, dass sie sich nach vorne gebeugt hatte und sich mit den Händen auf den Knien abstützte.


Was ist los?“ Die angemessene Portion an Kälte fehlte natürlich nicht.


Nichts“, keuchte sie und richtete sich wieder auf. Er beäugte sie missmutig und vermutete, dass es mit ihrem Sturz auf diese Steine zu tun hatte. Doch plötzlicher Schwindel und schwarze Balken, die sich hartnäckig in sein Sichtfeld drängten, hielten ihn davon ab, sich genauer darüber Gedanken zu machen.


Fein. Dann sollten Sie tun, was immer Sie hier tun wollen, bevor ich das Bewusstsein verliere“, informierte er sie beiläufig, woraufhin sie ihn wieder stützte und aufrichtete.


Als ich Sie das letzte Mal sah, waren Sie definitiv selbständiger“, knurrte Granger und setzte sich mit ihm in Bewegung.


Severus öffnete seine Augen einen Spalt und sah sich das erste Mal genauer um. Wo auch immer sie ihn hingebracht hatte, es war sonnig und sehr grün hier. Und sehr verlassen, was vermutlich angesichts seiner Lage nicht falsch war. Auf einer kleinen Anhöhe vor ihnen konnte er ein altes Haus erkennen, das – in dunklem Braun gehalten – wie ein großer Schmutzfleck mitten in der Landschaft klebte. Es war von einem niedrigen Zaun umgeben und mochte vielleicht fünf Zimmer auf zwei Stockwerke verteilt haben. Der kleine Garten davor war ungepflegt und von Unkraut überwuchert, die Pforte im Zaun hing schief in den Angeln und quietschte leise, als eine etwas kräftigere Windböe sie erfasste.


Miss Granger, was wollen wir hier?“


Sie ging vorerst nicht auf seine Frage ein, sondern blickte über ihre Schulter zurück zu dem Ort, an dem sie angekommen waren. „Ich hätte besser zielen müssen“, wisperte sie hektisch und wurde noch einen Schritt schneller.


Severus wusste, was sie meinte. Die Todesser würden zweifellos seine Spur verfolgen können. Das Mal band ihn stärker an diese Gruppe, als er es damals für möglich gehalten hatte – auch wenn es auf seinem Arm nur noch schwer zu erkennen war. Er war gezeichnet und würde es immer sein.


Ein gedämpftes Stöhnen ihrerseits riss ihn aus seinen Überlegungen. „Was ist los mit Ihnen?“, fragte er erneut, bemühte sich dieses Mal allerdings um ein bisschen mehr Besorgnis in seiner Stimme. So wie es aussah, war er vorerst auf sie angewiesen. Er sollte sich möglicherweise gut mit ihr stellen.


Das geht Sie nichts an“, fauchte seine ehemalige Schülerin und machte sich dafür nicht einmal die Mühe, ihn anzusehen. „Und jetzt beeilen Sie sich endlich ein bisschen! Ich wäre gerne in diesem Haus, bevor die Todesser uns finden!“ Einige gehetzte Blicke trafen ihn und hätte er ihr nicht so uneingeschränkt Recht geben müssen, wäre er schon aus Protest stehen geblieben.


So jedoch verkniff er sich sämtliche Fragen und stützte sich flüchtig am Holzzaun ab, um sie zumindest kurz von seinem Gewicht zu entlasten. Er würde gerne alleine laufen, es war wirklich eine Zumutung, dass er sich so helfen lassen musste. Doch er wusste durchaus, dass er auf die gleiche Art wie seine Tarnung zusammenklappen würde, wenn sie ihn losließ.


Im nächsten Moment zischte an seinem Ohr ein Fluch vorbei und traf auf die vordere Hauswand. Granger erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde. „Verdammt!“


Danach machte sie sich nicht länger die Mühe, ihn behutsam zu behandeln – falls sie dies denn zuvor getan haben sollte – sondern zog ihn einfach hinter sich her, so dass er mehr stolpernd als gehend die Tür erreichte. Granger schob ihn hindurch und wehrte dabei einige Flüche über ihren Rücken hinweg ab, doch gerade, als sie ihm folgen wollte, traf einer sie am Bein. Ihr Schrei hallte laut durch die Eingangshalle und Severus zuckte zusammen.


Er beobachtete, wie sie zu Boden ging, und zog ihren Körper über die Schwelle, um die Tür hinter ihr schließen zu können. „Lassen Sie das!“, war ihr Dank und er rümpfte die Nase und ließ ein verrutschtes Schnauben hören.


Sie kämpfte sich wieder auf die Beine, drehte einen Schlüssel im Schloss um und lehnte sich hart und mit, wie er nun sah, stark blutender Nase dagegen. Mit ihrem Zauberstab tippte sie gegen den Knauf und machte ein paar geschlenkerte Bewegungen durch die Luft, die entfernt an diverse Runen erinnerten. Plötzlich jammerte sie gedämpft auf, ging leicht in die Knie und krallte die Hand um ihren Zauberstab, während die andere den Stoff ihres Oberteils über ihrem Bauch raffte.


Nein, nein, nein…“, wimmerte sie, „nicht jetzt…“ Severus hörte sie schniefen und gequält seufzen. Sie wischte sich mit dem Handrücken an der Nase entlang und hinterließ eine dicke Blutspur darauf. Ihre Hände zitterten wie Espenlaub.


Miss Granger, was…“


Halten Sie den Mund!“, schrie sie so laut, dass er über die verbliebene Kraft in ihrem Körper staunte und ein Stück zurückwich. Mehrere Flüche trafen auf die Hauswand, einer erwischte ein Fenster und ließ die Glasscheibe bersten und laut in der Eingangshalle zu Boden fallen.


Nach einem letzten mahnenden Blick wandte sie sich wieder dem Türschloss zu und sagte laut und vernehmlich: „Initium!“ Daraufhin bildete sich am Knauf ein roter Schimmer, der sich kugelförmig ausbreitete und durch die Holzwände nach draußen drang. Severus hörte die Todesser aufschreien, als sie von der Tür weggestoßen wurden und unsanft auf den Kiesweg vor dem Haus fielen.


Kurz nachdem dieser kugelförmige Schimmer nach draußen hin verschwunden war, wurde es vollkommen still im Haus. Nur der keuchende Atem von ihm und Granger war zu hören. Er fixierte ihr Gesicht, das müde und gequält aussah, ehe er anerkennend nickte. Seine Beine begannen zu schwanken, die Sicht verschwamm zusehends. „Grandioser Auftritt, Miss Granger“, lallte er unverständlich, dann ließ er die schwarzen Balken ihre Aufgabe tun und spürte nicht einmal mehr, wie er auf dem Boden auftraf.


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Murus – Mauer

Initium – Anfang/Beginn (in diesem Fall das Inkraftsetzen der Zauber, die Dumbledore schon vorher über das Haus gelegt hat)


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Kapitel 1.02 – Rekonvaleszenz


- 09.07.2001 -


Es konnte nicht viel Zeit vergangen sein, als Granger ihn sehr unsanft wieder aufweckte. Severus bedauerte es, dass es keine skrupellosere Variante des Worts ‚wecken‘ gab. Von einem singenden Hauselfen aufzuwachen, war sanfter als das, was sie mit ihrem vermaledeiten Zauberstab veranstaltete.


Man sollte Ihnen das Ding wegnehmen“, nuschelte Severus heiser, hustete röchelnd und verzog das Gesicht. Dann bemühte er sich, seine Augen zu öffnen und zu sehen, wo er überhaupt war.


Er spürte, dass er auf etwas Weichem lag. Insofern hatte sie es anscheinend zumindest geschafft, ihn aus der Eingangshalle wegzubekommen. Das Zimmer war dunkel und wurde nur durch ein paar Kerzen auf einem kleinen Nachtschrank erhellt, also mussten wohl doch schon einige Stunden vergangen sein. Oder sie hatte einfach Mitleid mit seinen empfindlichen Augen gehabt, aber angesichts der Tatsache, dass sie ihn bisher behandelt hatte, als ob sie ihn gefunden hätte – was wirklich nur bedingt zutraf – ging er eher nicht davon aus.


Schön, dass Sie wieder unter den Zurechnungsfähigen weilen“, erwiderte Granger in diesem Moment und wandte sich vom Bett ab.


Severus versuchte zu erkennen, wohin sie ging und vor allem, wie es ihr ging. Die Erinnerung daran, dass es sie auch ziemlich schwer erwischt hatte auf ihrer Flucht, war wirklich nicht sehr willkommen in seinem Verstand. Dennoch konnte er sich nicht dagegen wehren.


Die dünne Decke, die sie über seinem Körper ausgebreitet hatte, rutschte ein Stück hinunter, als er sich leicht aufrichtete – was allerdings weder ihm noch ihr auffiel aufgrund des Schreis, den er dabei nicht unterdrücken konnte.


Granger drehte sich zu ihm um, eine Augenbraue missbilligend angehoben. „Sie sollten liegen bleiben, Sir“, wies sie ihn ruhig und unberührt auf das Offensichtliche hin, was Severus mit einem Knurren beantwortete. Doch sein Gesicht fühlte sich besser an als das letzte Mal, das er es mit ein wenig mimischer Untermalung versucht hatte.


Wie geht es Ihnen, Miss Granger?“ Er bemühte sich wirklich, eine gesunde Portion Nachdruck in seine Frage zu legen, während er mit seinen Blicken die Einrichtung des Zimmers abtastete. Ein hoher Kleiderschrank stand auf der ihm gegenüberliegenden Seite, daneben stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Die Fenster waren mit schäbigen Gardinen verhängt und ein schmales Regal neben der Tür bot ein Minimum an Stauraum. Er sah noch eine weitere Tür und vermutete, dass diese in ein angrenzendes Badezimmer führte.


Bestens“, murmelte Granger monoton, beinahe so, als hätte sie seine Frage gar nicht wirklich gehört.


Nun, dann sind wir schon zwei.“ Er zischte gedämpft, als er ein Bein über die Matratze zog. Gab es eigentlich irgendeinen Zentimeter seines Körpers (mal abgesehen von seinem Gesicht), der noch heil war? Vermutlich nicht.


Nein, Sir. Ihnen geht es beschissen, das ist in etwa das Gegenteil.“ Sie kehrte mit einer Schüssel zum Bett zurück und als ihm der Duft einer sehr starken Kräutermischung in die Nase stieg, wusste er, dass sie sich nun an seinem restlichen Körper zu schaffen machen würde. Es war wirklich sehr zuvorkommend, dass sie ihn dafür geweckt hatte.


Was ist da drin?“, fragte er, um ein Gespräch am Laufen und seinen aufkommenden Ärger unter Kontrolle zu halten. Er hatte seit Wochen mit niemandem außer sich selbst geredet und so sehr es ihm auch missfiel, die Wandlung, die seine ehemalige Schülerin durchgemacht hatte, interessierte ihn. Sie strahlte eine Aura der Verbitterung aus, die seiner eigenen in nichts nachstand. Er hatte sie noch niemals zuvor so erlebt und da sie beinahe über ein Jahr eng miteinander gearbeitet hatten, hatte das schon etwas zu bedeuten.


Raten Sie mal. Oder sind Ihre Fähigkeiten in den dreieinhalb Monaten so eingerostet?“ Sie sah ihm nicht ins Gesicht, während sie die Decke zur Seite warf und die Fetzen seiner Kleidung entfernte, soweit diese in offene Wunden hingen. Später würde sie ihn zweifellos noch komplett entkleiden müssen, doch daran wollte er im Moment noch nicht denken. Jeder behauptete, Folter wäre das Schlimmste, was einem zustoßen konnte – Severus fand das Verarzten danach sehr viel schlimmer.


Er konzentrierte sich auf den Duft der Tinktur und inhalierte tief in seine geschundene Lunge. „Kamille, Ringelblume, Bärentraube“, begann er aufzuzählen, während sie mit gerunzelter Stirn einige tiefe Schnitte auf seiner Brust betupfte. Die Tinktur brannte höllisch und Severus krallte seine freie Hand um den Stoff der Decke, ohne dass sie es sah. „Goldrute“, fügte er dann noch hinzu und Granger nickte.


Und ein paar nette Pülverchen und Pasten“, ergänzte sie beiläufig.


Das setze ich voraus.“


Sie verzog das Gesicht. „Ich wäre auch schwer enttäuscht gewesen wenn nicht.“ Sie widmete ihm einen flüchtigen Blick und zog über seine ausdruckslose Miene eine Schnute. „Oh, kommen Sie, Sir! Was erwarten Sie von mir? Dass ich einen Trauertag einlege, weil Sie verletzt sind? Das hilft niemandem von uns.“ Sie zog ihren Zauberstab hervor und einen Schwenk später war sein Oberkörper unbekleidet.


Severus murrte einen leisen Fluch vor sich hin, den sie hoffentlich nicht verstanden hatte. „Was ist bloß in den zwei Jahren, seitdem ich Sie das letzte Mal sah, mit Ihnen passiert?“ Grangers kalte Fassade schien ein wenig zu schwanken. „Selbst ich habe fünf Jahre gebraucht, um diesen Grad der Verbitterung zu erreichen.“


Zur Antwort presste sie das Tuch mit der Tinktur besonders fest auf eine Schürfwunde oberhalb des Bauchnabels und Severus unterdrückte mühsam einen überraschten Schrei. „Biest!“, schnarrte er stattdessen und sah sie zufrieden lächeln, als er die Augen wieder öffnete.


Sadist“, gab sie das Kompliment zurück.


Seien Sie froh, dass wir nicht in Hogwarts sind! Das wären mindestens 50 Punkte gewesen, Miss Granger.“


Sie sollten sich vom Punktesystem lösen, Sir. Hogwarts liegt vier Jahre zurück.“ Er wusste nicht, ob etwas Wehmut in ihren Augen stand, als sie seinem Blick kurz begegnete, doch sie wandte sich danach mit der gleichen kühlen Analytik wieder seinen Verletzungen zu wie zuvor auch. „Diese hier werde ich nähen müssen“, stellte sie schließlich fest und deutete auf eine weit auseinander klaffende Schnittwunde an seiner rechten Leiste.


Sie können Wunden nähen?“


Granger verdrehte die Augen. „Ich habe eine abgeschlossene Ausbildung zur Medimagierin unter Madam Pomfrey absolviert. Also ja, ich kann Wunden nähen. Haben Sie an den Beinen noch Verletzungen, die vor dem Verschließen nur desinfiziert werden müssen?“


Severus breitete seine Arme in darreichender Geste aus, soweit ihm dies möglich war. „Nehmen Sie sich, was Sie wollen, Miss Granger. Ich habe ausreichend davon, es gehört alles Ihnen.“ Er beobachtete, was sie tat. Jedenfalls wurde sie nicht rot. „Es sind gerade einmal zwei Jahre vergangen, seitdem ich den Orden verließ. Die Ausbildung zur Medihexe dauert vier Jahre Minimum“, stellte er dann fest.


Aufgrund der Umstände durfte ich meine Prüfung vorziehen. Praxiserfahrung hatte ich ja genug.“


Und?“


Sie wandte den Blick von seinen Beinen ab und sagte mit stolz vorgerecktem Kinn: „Klassenbeste.“


Severus lachte kopfschüttelnd auf. Sie achtete nicht auf seine Reaktion, doch bei Severus löste dieses Lachen einen starken Hustenanfall aus. Er würgte neuen Schleim hoch und presste sich die Hand vor den Mund.


Noch während er überlegte wohin damit, erschien eine Hand in seinem Sichtfeld, die eine kleine Schüssel hielt, ähnlich der, in der die Tinktur war. Er griff unwirsch danach und drehte sich von Granger weg, soweit sein Zustand es zuließ. Sie mochte nun eine Medimagierin sein, doch das änderte nichts daran, dass sie auch seine ehemalige Schülerin war und er ein gewisses Maß an Würde behalten wollte (es war wirklich ein Kreuz mit der Würde).


Was sie allerdings nicht großartig zu interessieren schien, denn als er röchelnd wieder in die Kissen sank, nahm sie ihm die Schüssel aus der Hand und stellte sie beiläufig auf den Nachtschrank. „Es liegt an den gebrochenen Rippen. Sie haben Ihre Lunge verletzt. Ich werde mich später darum kümmern“, erklärte sie sachlich, sein Verhalten gänzlich ignorierend.


Machen Sie das“, fügte er sich resignierend und es kehrte Stille ein, während sie die Verletzungen an seinen Beinen versorgte und heilte.


Nachdem sie sich auch seinem Rücken und vor allem seinem Allerwertesten gewidmet hatte (das war der Moment, in dem er sie das erste Mal recht unwirsch angefahren hatte und am liebsten vor die Tür gesetzt hätte – nur dass er ihrer erstaunlich angewachsenen Kraft in seinem Zustand nicht das Mindesten entgegenzusetzen hatte), wies sie ihn an, sich etwas auf die Seite zu drehen, damit sie sich den größeren Wunden widmen konnte. Die Prozedur war unangenehm, aber nicht neu für Severus, deswegen nutzte er die Zeit, um ein wenig zu dösen.


Er erwachte wieder, als sie flüchtig die Decke über ihm ausbreitete und ihre Sachen zusammenräumte. „Ziehen Sie sich den Schlafanzug an, während ich Ihnen etwas zu essen mache“, sagte sie schlicht und deutete im Vorbeigehen auf einen schwarzen Stoffhaufen am Fußende des Bettes.


Ich habe keinen Hunger“, grummelte Severus verstimmt.


Sie werden etwas essen! Ich plane, Ihre inneren Verletzungen nachher zu heilen und Sie haben die Wahl zwischen langsam und schmerzhaft oder schnell und Übelkeit erregend. Da ich Sie kenne und außerdem keinen Nerv auf eine Nacht voller Gestöhne habe, werden wir die zweite Variante nehmen und Sie werden mir auf Knien danken, wenn Sie etwas zum Auskotzen im Magen haben!“ Sie atmete einige Male tief durch, nachdem sie ihm diese Worte an den Kopf geworfen hatte. Dann strich sie sich betont beherrscht mit dem kleinen Finger eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ziehen Sie sich an, ich bin gleich wieder da.“


Mit diesen Worten verschwand sie und Severus erwachte aus seiner Starre. Sofort ärgerte er sich maßlos darüber, dass er ihr nichts entgegnet hatte, doch nachdem sie ihm den Hintern geheilt hatte, war es im Grunde auch egal, ob er sich von ihr belehren ließ. Wenigstens wusste sie, was sie tat. Das war ein Anfang.


- - -


Obwohl er zuvor stur behauptet hatte, keinen Hunger zu haben, war es doch eine Wohltat, wieder etwas Vernünftiges zwischen die Zähne zu bekommen. Granger beschäftigte sich am Tisch sitzend mit einigen Pergamenten, von denen er nicht wusste, was darauf stand, und kümmerte sich nicht weiter um ihn.


Nachdem er seine erste Gier gestillt hatte, aß er langsamer und beobachtete sie prüfend. Ihre Haltung war leicht nach vorne gekrümmt und er vermutete, dass das noch immer die Nachwirkungen ihres Sturzes waren. Was auch immer sie sich dabei getan hatte, allzu schnell würde es sicherlich nicht abheilen.


Hören Sie auf, mich zu beobachten“, sagte sie in diesem Moment deutlich und hatte ihn für die Feststellung, dass er es tat, nicht einmal angesehen.


Dann erklären Sie mir, was wir hier tun, wie lange wir bleiben und wie der Plan generell aussieht“, forderte er schlicht und schöpfte einen weiteren Löffel Suppe in seinen Mund. Zwar war dieses Essen ohnehin nur dafür vorgesehen, nachher den umgekehrten Weg zu nehmen, doch sie hatte trotzdem darauf geachtet, ihm etwas zu geben, was sein seit Wochen kaum benutzter Magen vertragen würde.


Der Plan besteht darin, dass wir hier sind. Ich weiß nicht wie lange und außer ein paar Gesellschaftsspielen habe ich auch nicht viel zu tun gefunden. Aber es gibt ein Labor im Keller, was Sie sicherlich interessieren wird, sobald Sie wieder auf den Beinen sind.“ Weiterhin widmete sie ihm nicht mal einen kurzen Blick.


Severus legte missmutig den Löffel neben dem Teller ab und die Hände auf das kleine Tischchen. „Nur weil ich momentan leicht angeschlagen bin, heißt das noch lange nicht, dass Sie mit mir reden können, als wäre ich ein Insekt unter ihrem Schuh, Miss Granger. Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir die Differenzen aus dem Weg räumen können, bevor der Aufenthalt unbestimmter Zeit in diesem Haus beginnt.“


Nun endlich legte sie ihren Stift weg und drehte sich zu ihm um. Ihre Blicke tasteten ihn forsch ab und sie nickte anerkennend. „Es ist immer wieder schön zu sehen, dass eine Behandlung anschlägt. Wenn Sie schon wieder so geschwollen reden können, muss es Ihnen ausgesprochen gut gehen.“


Severus holte tief Luft, kommentierte sein erneutes Husten mit unverständlichen und vor allem nicht salonfähigen Flüchen und beobachtete zufrieden, dass eine leichte Spur Besorgnis ihre Gesichtszüge weicher machte. „Miss Granger, ich biete Ihnen diese Gelegenheit nur dieses eine Mal an.“ Ein weiteres Husten, aber schwächer als zuvor. „Was habe ich Ihnen getan?“


Sie rümpfte die Nase. „Ich bin hier, reicht das nicht?“


Diese Antwort traf ihn sehr unvermittelt und Severus kniff verstimmt die Augen zusammen. „Nun, wenn das so ist… Ich halte es für das Beste, Albus Bescheid zu sagen, dass Sie nicht gewillt sind, weiter hier zu bleiben. Dann könnte ich auch in ein vernünftiges Krankenhaus und wir sind beide glücklich.“


Granger schüttelte angedeutet den Kopf. „Das wird nicht möglich sein. Der Zauber, den ich gestern aktivierte, schottet dieses Haus und den Garten darum komplett von der Realität ab. Es gibt keinen Weg rein und keinen Weg raus, solange der Zauber nicht aufgehoben wird. Nur Albus kann dies tun und er wird es erst tun, wenn die Todesser allesamt verhaftet und in Askaban sind.“


Das kann Jahre dauern!“, brach er schockiert hervor. Die Vorstellung, eine derart lange Zeit mit dieser Version von Hermine Granger zu verbringen, behagt ihm nicht im Mindesten. Nicht dass ihm gleiches mit der alten Hermine Granger mehr zugesagt hätte.


Sie sollten anfangen zu beten, dass es schneller geht“, erwiderte sie trocken und wandte sich wieder ihren Pergamenten zu.


Was bezweckt Albus damit?“


Sie stöhnte frustriert und legte den Kopf in den Nacken. Dabei rutschten ihre Haare aus dem Gesicht und entblößten die Narbe, die er bereits vorhin gesehen hatte. Sie zog sich direkt am Haaransatz entlang und war unter normalen Umständen nur schwer sichtbar. Nun allerdings fiel sie ihm stark ins Auge. Schließlich antwortete sie: „Er hielt es für das Schlauste. Sie sind ein permanentes Ziel für die Todesser und hier sind Sie sicher, ohne dass er sich um Sie kümmern muss. Er wollte Sie aus dem Weg räumen, damit der Orden gezielter agieren kann.“


Und warum sind Sie hier?“


Weil ich dumm genug war, diesen Auftrag anzunehmen.“ Es fehlte definitiv nicht mehr viel, bis sie die gleiche Stufe des Sarkasmus erreicht hätte, auf der er stand. Diese Erkenntnis war hochgradig verstörend.


Wenigstens muss ich mich dann nicht schlecht fühlen, weil Sie mit in diesem Haus festsitzen.“


Wie, Sie haben so etwas wie ein Gewissen?“ Granger sah ihn gespielt erstaunt an.


Hüten Sie Ihre Zunge, Miss Granger!“, knurrte Severus.


Das habe ich aufgegeben. Es lebt sich viel leichter, wenn man nicht nachdenken muss. Ehrlich, ich kann Sie wirklich verstehen mit Ihrer direkten Art.“ Sie stand auf, wobei sie sich so hart auf dem Tisch abstützte, dass dieser zu zittern begann. „Sie sollten sich daran gewöhnen. Die hörige Schülerin existiert nicht mehr“, fügte sie mit gepresster Stimme hinzu.


Jammerschade“, murmelte Severus und erntete dafür einen bitterbösen Blick.


Sie werden mit dem Verlust zurechtkommen.“ Granger nahm eine kleine Phiole vom Schrank und schwenkte den Inhalt einige Male, bis er gründlich durchmischt war. Dann entkorkte sie das Gefäß und hielt es ihm hin. „Trinken Sie! Je eher wir anfangen, desto schneller haben wir es hinter uns. Die nächste Zeit wird nicht angenehm.“


Ohne seine Antwort abzuwarten, wandte sie sich um und ging auf die zweite Tür im Raum zu. Durch den schmalen Spalt konnte Severus erkennen, dass es sich dabei wirklich um ein Badezimmer handelte. Er konnte sich nicht gegen den Anflug von Genugtuung wehren, der ihn dabei überkam. Wenigstens war seine Auffassungsgabe noch nicht restlos verkümmert, auch wenn er aus Granger im Moment nicht im Mindesten schlau wurde.


Besagte Person kehrte schließlich mit einem Eimer zurück, nachdem Severus gerade den letzten Schluck aus der Phiole genommen hatte. Er verzog das Gesicht und knallte das Gefäß auf den Tisch. „Vielen Dank, Sie können dann gehen“, murmelte er und bereitete sich auf die Übelkeit vor, mit der er bereits öfters das Vergnügen gehabt hatte.


Granger allerdings schnaubte laut. „Soweit kommt es noch. Sie sind mein Patient und in einem Zustand, in dem ich Sie nicht mal eine Aspirin ohne Aufsicht nehmen lassen würde, geschweige denn dieses Zeug!“


Er sah sie unverständlich an. „As-pi-rin?“


Sie wedelte mit der Hand durch die Luft. „Vergessen Sie's. Tatsache ist, dass ich hier bleiben werde.“


Das werden Sie nicht!“ Er würde nie im Leben vor ihr erbrechen! Die Vorstellung vorhin war schon mehr als genug gewesen.


Und ob ich das werde. Stellen Sie sich nicht so an, Harry und Ron haben es auch überlebt.“ Ihr Blick flackerte bei der Erwähnung ihrer Freunde, was Severus allerdings nur beiläufig bemerkte. Sein Magen begann bereits jetzt, sich schmerzhaft zusammenzuziehen, ein Zeichen dafür, dass der Trank vollständig in seine Blutbahn aufgenommen worden war und seine Arbeit begann.


Gehen Sie, Miss Granger!“, bat er nun schon inständig und beugte sich leicht nach vorne, um den Krämpfen entgegenzuwirken. Zu behaupten, dass diese Variante schmerzfrei war, war eine himmelschreiende Lüge – doch er wusste ziemlich genau, dass sie nur eine schwache Version der vom Prinzip her sehr ähnlichen Skelewachs-Therapie war.


Ich denke nicht mal dran“, murmelte sie beiläufig und hielt ihm den Eimer vor das Gesicht, während sie sich neben ihn stellte.


Am Rand seines Bettes sitzend, klammerte Severus sich am Plastik des Eimers fest und beugte seinen Kopf so tief in die Öffnung, dass sie hoffentlich keine Chance haben würde, sein Elend zu sehen. Dennoch konnte er nichts gegen die widerlichen Geräusche und den Gestank unternehmen, die dabei entstanden. Er war seit Jahren nicht mehr rot angelaufen, doch diese Situation war ihm so entsetzlich unangenehm, dass sein Gesicht brannte. Wenigstens, so dachte er sich in einem Anflug von Galgenhumor, konnte er diese Röte der Anstrengung zuschreiben.


Sein Brustkorb und der gesamte Bauchbereich, sowie einige Stellen seines Rückens taten bestialisch weh, während er sich so verkrampft nach vorne beugte. Irgendwann trat Granger leicht vor ihn und zwang ihn in eine mehr aufrechte Position. Mit verschwitztem Gesicht, keuchend und hustend sah er zu ihr auf und hätte sie am liebsten mit den Blicken erdolcht.


Vergessen Sie das Atmen nicht, Sir! Sonst hat das alles hier wenig Sinn.“


Er kam nicht mehr dazu, auf ihre dreiste Erinnerung zu antworten, denn sein Magen hob sich ein weiteres Mal und er drängte Granger unsanft zur Seite und riss den Eimer wieder an sich. Im Stillen musste er ihr Recht geben, er war ihr wirklich dankbar, dass sie ihn zum Essen gezwungen hatte. In den letzten Monaten hatte er häufiger erlebt, wie unangenehm es war, einem Brechreiz mit leerem Magen nachgeben zu müssen.


Nach weiteren zwanzig Minuten und einigen reinigenden Zaubern von Grangers Seite schaffte er es kaum mehr, sich aufrecht sitzend zu halten. Sie legte eine Hand auf seine Schulter und stützte seinen Oberkörper, die andere fand den Weg auf seine nasse Stirn, um seinem Kopf ein wenig Halt zu geben.


Lassen Sie mich los“, nuschelte er leise in einer der wenigen Pausen, die dieser Trank ihm ließ. Er wusste, dass diese nicht lange anhalten würde. Die heilenden Substanzen brachten seine inneren Organe gehörig durcheinander und vertrugen sich außerdem so wenig mit dem Magen, dass dieser auf die einzige unzufriedene Art reagierte, die er kannte.


Halten Sie den Mund“, zischte Granger gepresst und als er einen raschen Blick zu ihr riskierte, sah er, dass sie sehr blass um die Nase war.


Ein sadistisches Lächeln umspielte seine Lippen und er schob ihr den Eimer etwas zu. „Nur zu, ich teile gerne!“


Danke, der gehört Ihnen alleine“, erwiderte sie trocken, schluckte allerdings hart, als er erneut zu würgen begann.


Inzwischen war Severus so weit mit seinem Sarkasmus, dass er diese ganze Situation als äußerst amüsant empfand. Was zum größten Teil daran lag, dass Granger nicht so kühl darauf reagierte, wie sie gerne würde. So hatte er zumindest noch ein kleines bisschen Spaß bei seiner Therapie.


Noch einmal zwanzig Minuten später sorgte Granger mit einem unsanften Stoß dafür, dass er zurück ins Bett sackte und flach atmend und vollkommen erschöpft und ausgelaugt liegen blieb. „Das sollte es gewesen sein“, sagte sie matt und schwankte leicht. „Ich hab den Trank etwas höher dosiert als üblich.“


Er drehte ihr seinen Kopf zu und lachte kurz auf. „Biest!“, wiederholte er dann seine Äußerung von vor einigen Stunden und sie grinste zynisch. Ein dünne Schweißschicht stand auf ihrer Stirn und sie sah beängstigend fahl aus.


In diesem Fall gerne. Ich muss jede Gelegenheit nutzen, um Sie schikanieren zu können. Und in diesem wehrlosen Zustand kommen Sie wenigstens nicht auf die Idee, sich zu rächen.“ Ihrer Stimme fehlte der Nachdruck.


Miss Granger?“


Sie wandte ihm widerwillig ihre Aufmerksamkeit zu und schluckte dabei angestrengt.


Das Bad ist dort vorne“, sagte er mit einem gemeinen Lächeln.


Bastard!“, knurrte sie und hätte sicherlich gerne noch den einen oder anderen Fluch hinzugefügt. Doch was auch immer noch auf ihrer Zunge gelegen hatte, sie kam nicht mehr dazu, es auszusprechen. Ein paar sehr wütende Blicke trafen ihn noch, dann schnappte sie sich seinen Eimer und folgte dem Fingerzeig ins Badezimmer.


Severus pulte unberührt die Bettdecke unter seinem verschwitzten Körper hervor und hüllte sich darin ein, während er das Gesicht über die Geräusche verzog, die aus dem Nebenzimmer erklangen. Sie hatte es nicht anders gewollt. Wobei man es ihr dennoch hoch anrechnen musste, dass sie sich wenigstens so lange zurückgehalten hatte, bis ihr Patient versorgt war. Für ihn war das immer bezeichnend für eine gute Medihexe gewesen.


An diesem Punkt verloren sich seine Gedanken irgendwann. Die Erschöpfung war so groß, sein Bedarf an diesem Tag ausreichend gedeckt, so dass er nicht einmal mehr mitbekam, dass Granger die Spülung betätigte.


- 10.07.2001 -


Am nächsten Morgen betrat Severus ziemlich steifbeinig die Küche, die er erst im dritten Anlauf gefunden hatte. Seine Muskeln beschwerten sich bei jeder Bewegung und dennoch hatte er nicht geplant, darauf Rücksicht zu nehmen. Nervtötender Firlefanz.


Granger saß schräg an dem kleinen Tisch, die Füße auf die Sitzfläche des Stuhls gezogen, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt und ihren linken Oberarm auf der Stuhllehne, während ein Buch auf ihren Knien ruhte. Sie schenkte ihm keinerlei Beachtung, als er sich eine Tasse Kaffee eingoss und auf der anderen Seite des Tisches Platz nahm.


Wie geht es Ihnen?“, fragte er mit heiserer Stimme und räusperte sich. Die Eskapaden des letzten Abends hatten seinen Stimmbändern und vor allem seinem Rachen überhaupt nicht gut getan. Auch sein restlicher Körper war nach wie vor wund und geschunden, es würde noch Tage dauern, ehe alles verheilt wäre – selbst mit magischer Unterstützung. Außerdem hatte er in der ersten Zeit seiner Gefangenschaft so viele Wunden gehabt, die inzwischen von alleine geheilt waren, dass es zahllose Narben geben musste, die niemals wieder verschwinden würde.


Sie schob ihm wortlos eine Phiole über den Tisch. Severus nahm das Gefäß nach einem skeptischen Blick an sich, roch an dem Inhalt und entschied, dass es zumindest seinem Hals helfen würde. Er verzog das Gesicht, als er es mit zwei Schlucken hinuntergewürgt hatte.


Lauter als normal stellte er die Phiole auf den Tisch zurück und wiederholte seine Frage: „Wie geht es Ihnen, Miss Granger?“ Seine Stimme klang wieder sehr viel mehr nach dem, was er aus Hogwartszeiten gewohnt war.


Nur die Wirkung war nicht mehr dieselbe. Granger seufzte verhalten, kaute weiter an dem Apfel herum, den sie in der rechten Hand hielt und ließ sich sehr viel Zeit, ehe sie ihm antwortete. „Bestens“, war wiederum ihre monotone Erwiderung und Severus knirschte missmutig mit den Zähnen.


Ich meine mich zu erinnern, dass Sie früher ein größeres Repertoire an Antworten benutzten.“


Nicht für ein und dieselbe Frage.“


Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Eigentlich hatte er geplant, sie noch ein bisschen mehr auszufragen und zu fordern, so wie er es früher bereits gerne getan hatte. Doch dann fiel sein Blick auf den goldenen Ring, den sie an der rechten Hand trug. Er blitzte im Licht der Morgensonne, die vom Fenster hinter ihm aus in die Küche fiel. Granger war seit dem Ende der Schule mit Ronald Weasley liiert gewesen, eine Wahl, die Severus nie wirklich verstanden hatte. Potter wäre vielleicht noch nachvollziehbar gewesen; er war berühmt und das alles. Aber Weasley war… nun ja, einfach Weasley. Er konnte ihr nicht das Wasser reichen. „Wann haben Sie geheiratet?“, fragte er deswegen vollkommen von seinem ursprünglichen Plan abweichend.


Granger blickte ihn scheel an und legte den Apfel weg, bevor sie antwortete: „Vor nicht ganz zwei Jahren.“


Und Sie haben mich nicht eingeladen? Ich bin enttäuscht“, erwiderte er trocken und hob eine Augenbraue.


Ich hätte Sie ja liebend gerne dabei gehabt, aber leider haben Sie vor Ihrer Flucht keine Adresse hinterlassen.“ Ihre Stimme klang wieder übertrieben süßlich.


Ich bin nicht geflohen. Und ich konnte keine Adresse hinterlassen.“ Nach dem Fall Voldemorts hatte er keine andere Wahl gehabt, als alle Verbindungen zum Orden – zumindest die offensichtlichen – abzubrechen. Die Neuformierung der Todesser setzte keine zwei Tage nach dem Ende des Krieges ein und für ihn galt es, seine Tarnung aufrecht zu erhalten.


Er hatte ernsthaft geglaubt, dass dieser ganze Zirkus nach Voldemorts Tod ein Ende haben würde. Dass er seinen Hut nehmen und gehen könnte, ohne dass jemand Argumente in der Hinterhand hatte, die es ihm verbieten würden. Nun gut, gegangen war er – aber er hatte festgestellt, dass er eigentlich viel lieber geblieben wäre.


Doch Lucius Malfoy hielt nicht viel von der Spionage beim Orden. Severus wusste, dass Lucius ihn schon immer als den Maulwurf verdächtigt hatte, der den Lord untergrub. Er hatte es geschafft, diese Verdächtigungen zu zerschlagen (wenn auch auf recht unkonventionellem Weg), doch Lucius hatte seine Beweise gefunden und schließlich die Konsequenzen daraus gezogen. Beinahe zwei Jahre hatte Severus es geschafft, unauffällig unter den Todessern zu leben und nur verdeckten Kontakt zu Albus zu halten. Irgendwann war seine Glückssträhne zu Ende gewesen.


Dann beschweren Sie sich nicht, dass Sie keine Einladung in ihrer Post hatten“, riss Granger ihn recht trotzig klingend wieder aus seinen Gedanken und er konnte sich ein frustriertes Stöhnen nur schwer verkneifen. Bei Merlin, womit hatte er bloß diese Gesellschaft verdient?


Dann muss ich Sie ja jetzt ‚Mrs Weasley‘ nennen, Miss Granger“, stellte er spöttisch fest.


Für einen Moment glaubte er, etwas in ihren Augen blitzen zu sehen. Doch sie fasste sich schnell wieder. „Unterstehen Sie sich! Bleiben Sie bei Miss Granger, den Namen haben Sie schon häufig genug missbraucht.“


Severus verbarg seine Überraschung über ihre harsche Antwort hinter einer ausdruckslosen Miene. „Sie sehen gar nicht aus wie eine glücklich verheiratete Frau.“


Es ist Krieg. Und ich sitze hier fest. Wenn ich mich richtig erinnere, sahen Sie früher auch nie so aus, als würden Sie Ihren Job sonderlich genießen.“


Das habe ich auch nicht.“


Und trotzdem haben Sie ihn weitergemacht.“


Ich hatte keine andere Wahl.“


Und aus genau diesem Grund bin ich hier. Ohne meinen Mann.“ Als er auf diese Feststellung hin nichts erwiderte, stand Granger schließlich auf und räumte ihr benutztes Geschirr in die Spüle, in der eine sehr eifrige Bürste anfing, das Porzellan zu schrubben. Leises Klirren und Plätschern erfüllte die Küche. „Sie sollten etwas essen. Ihr Körper braucht Energie, vor allem nach der letzten Nacht“, wies sie ihn an. „Im Schrank in Ihrem Zimmer finden Sie Kleidung und eine Kiste mit persönlichen Dingen, die Albus zusammengestellt hat.“ Er warf ihr einen pikierten Blick zu. „Nein, ich habe nicht hineingesehen!“, zeterte sie sofort und er hob beschwichtigend die Hände. Sie schien leicht betreten wegen ihres Ausbruches. „Essen Sie! Sie werden es brauchen.“


Darauf wäre ich nicht gekommen“, erwiderte er sarkastisch, doch sie reagierte nicht darauf. Nur wenige Sekunden später saß er alleine in der Küche und strich sich seufzend durch die schwarzen Haare. Es würde eine wirklich sehr unterhaltsame Zeit auf ihn zukommen.


- - -


Kapitel 1.03 – Der Geist ist willig…


Nachdem er sich sehr widerwillig einem Frühstück gebeugt hatte, wartete Severus solange still am Tisch sitzend, bis sein Magen sich beruhigt und die Nahrung akzeptiert hatte. Er kannte die Wirkung des Trankes, den Granger ihm gegeben hatte, sehr gut, vor allem bei ihm. Madam Pomfrey hatte ihm mehr als einmal vorgebetet, dass er sehr viel empfindlicher auf das Gebräu reagierte als sämtliche andere Magier, an denen sie es zuvor eingesetzt hatte.


Nicht, dass er auf Informationen dieser Art wirklich erpicht gewesen war, aber darum hatte die Medihexe sich noch nie wirklich gekümmert. Es war nun mal einfach so, dass er es nicht gut vertrug und in schlimmen Fällen noch Tage später mit Übelkeit und Appetitlosigkeit zu kämpfen hatte. Und dieser Fall war… nun ja, schlimmer als gewöhnlich.


Als er einigermaßen sicher war, dass er das Essen – einen kleinen Apfel und eine trockene Scheibe Brot – bei sich behalten würde, stand er auf und machte sich auf den Weg zurück in sein Zimmer. Er hatte nach dem Aufwachen einen schwarzen Morgenmantel gefunden, den er als seinen eigenen identifiziert und daher erleichtert angezogen hatte. Da Granger nun allerdings angemerkt hatte, dass er auch angemessenere Kleidung finden würde, hielt er es für angebracht, zuerst ausgiebig zu duschen und sich dann anzuziehen.


Seine Muskeln schmerzten noch immer sehr von den Wochen, die er in dieser Hütte verbracht hatte, und jeder halbwegs gescheite Zauberer hätte ihn beschworen, sich noch zwei bis drei Tage – mindestens! – ins Bett zu legen. Doch von solch profanen Dingen wie Einhaltung einer Rekonvaleszenz hatte Severus noch nie viel gehalten und er würde auch in diesem Zwangsurlaub nicht damit beginnen. Vielmehr würde er nachher das Labor suchen gehen, das Granger erwähnt hatte, und nachsehen, ob er alle Zutaten für einen lindernden Trank finden würde.


Der Gedanke daran, sich nach so langer Zeit mal wieder komplett auf einen Zaubertrank konzentrieren zu können und auf nichts anderes achten zu müssen, weckte neue Energie in ihm und so öffnete er die Türen des Schrankes und begutachtete genauer, wie Albus ihn ausgestattet hatte.


Für ein paar irrwitzige Sekunden hatte er Angst gehabt, der Schulleiter hätte ihm quietschbunte Kleidung angedreht, hatte der alte Mann doch häufiger an Severus apelliert, sich mal ein bisschen freundlicher und farbenfroher zu kleiden. Zu seiner Erleichterung fand er nur das bekannte Schwarz.


Es war nicht so, dass er Schwarz besonders gerne mochte. Es war schlichtweg praktisch im Umgang mit Trankzutaten und Experimenten, bei denen es problemlos mal spritzen oder zündeln konnte. Er hatte die meisten seiner Hemden und Umhänge mit Zaubern belegt, die die schlimmsten Verschmutzungen und mögliche Verletzungen verhinderten. Er musste zugeben, dass er diese auch mal an farbiger Kleidung ausprobiert hatte, doch das Resultat war Signalrot aus Dunkelblau und grün gesprenkelt aus Weinrot gewesen. Lediglich bei schwarzer Kleidung bewirkten die Zauber keine Veränderung der Farbe, möglicherweise, da Schwarz die Farben aller Wellenlängen absorbierte.


Weiß wäre eventuell eine Alternative gewesen, denn wenn alle Wellen reflektiert wurden, konnte es auch keine wilden Veränderungen geben. Doch er hatte sich weder als so rein, noch als so unschuldig empfunden, dass er weiße Kleidung tragen wollte. Zumal der Kontrast zu seinem Haar schlichtweg indiskutabel gewesen wäre.


Tatsache war auf jeden Fall, dass er – mal abgesehen von ein paar weißen Hemden – nur schwarze Kleidung in seinem Schrank fand und das war auch gut so.


Severus bückte sich, wartete ab, bis die aufwallende Übelkeit abklang, und zog dann die Kiste mit privaten Dingen hervor, die Granger erwähnt hatte. Zweifellos war sie geschrumpft, denn in dem Ding von der Größe einer Zigarrenschachtel hätte nicht einmal eines seiner Bücher Platz gehabt. Also stellte er die Kiste auf den Tisch und machte sich auf die Suche nach seinem Zauberstab. Bis ihm einfiel, dass diese Suche sehr sinnlos sein würde. Malfoy hatte ihn ihm abgenommen, als er in Gefangenschaft geraten war.


Großartig…“, knurrte er leise und schob die Kiste von sich. Es hätte nicht viel Sinn, sie jetzt zu öffnen. Die Dinge wären zwar darin, aber in so kleiner Form, dass er damit nicht das Geringste anfangen könnte. Und zu allem Überfluss müsste er sie genau so, wie sie jetzt darin waren, wieder hineinlegen, damit die Umwandlung in die große Form gelingen würde.


Er seufzte leise, dann wandte er sich ab und suchte sich Kleidung und Handtücher aus dem Schrank, ehe er ins Bad ging. Bevor er Granger noch einmal unter die Augen treten würde, wollte er sich zumindest halbwegs herrichten und den irgendwie noch immer an ihm haftenden Gestank der Gefangenschaft abwaschen.


Der schwarzhaarige Mann trat vor den Spiegel und achtete nicht auf die Reflexion. Er wartete vielmehr ab, ob das Ding mit ihm sprechen würde, während er die Hygieneartikel auf der Ablage darunter inspizierte und in eine gewohnte Ordnung brachte. Als er auch nach mehreren Augenblicken schwieg, nickte Severus zufrieden.


Nur kein Grund zur Freude! Wir haben nicht immer was zu sagen“, bekam er prompt zur Antwort und sackte stöhnend in sich zusammen. Widerwillig blickte er nun doch in den Spiegel, übersah sein Äußeres aber geflissentlich. Er fixierte ein paar seiner abstehenden Haare und rümpfte die Nase darüber, dass er Granger so unter die Augen getreten war.


Wie auch immer. „Dann solltest du eines wissen: Ein Wort direkt nach dem Aufstehen und du wirst deine Einzelteile zusammensuchen können. Haben wir uns verstanden?“ Er musste dringend an seinem drohenden Tonfall feilen. Das klang alles nicht so, wie es sollte.


Aye, aye, Sir!“ Severus war überzeugt, hätte der Spiegel so etwas wie eine Zunge besessen, hätte er ihm diese nun entgegengestreckt.


Wollen wir's hoffen“, mahnte er mit einem letzten drohenden Blick und zog sich Bademantel und Nachthemd aus, ehe er unter die Dusche stieg. Zuerst ließ er sich das Wasser ganz heiß über seine verspannte Rückenmuskulatur fließen (was sich zwar einerseits wirklich gut anfühlte, andererseits aber höllisch auf den wunden Stellen brannte), dann drehte er den Wasserhahn abrupt in die andere Richtung und stöhnte verhalten, als das kalte Wasser auf seine Kopfhaut traf. Nicht einmal eine Tasse Kaffee schaffte es, ihn so schnell so wach zu bekommen, wie er zufrieden feststellte, ehe er die Temperatur auf ein angenehmes Mittelmaß stellte und begann, seinen abgemagerten Körper einzuseifen.


- - -


Als er eine Viertelstunde später nur im Morgenmantel und mit tropfenden Haarspitzen das Badezimmer verließ, fand er die Kiste in normaler Größe vor. Doch das war nicht alles. Daneben stand ein Tiegel mit einer weißen Paste darin und als er ein wenig davon zwischen seinen Fingern verrieb und prüfend daran roch, stellte er fest, dass es sich um eine Wundcreme handelte, die, auf seine frischen Narben aufgetragen, verhindern würde, dass diese allzu deutlich zurückbleiben würden. Wenn er sie etwa eine Woche lang morgens und abends anwandte, würde er nur zarte, silberne Striche behalten.


Severus war sich nicht sicher, ob er von diesem Eindringen Grangers in sein Zimmer begeistert sein sollte oder nicht. Zweifellos hatte sie ihm einen Gefallen getan, denn so brauchte er sie nicht mehr darum bitten, die Kiste auf ihren ursprünglichen Zustand zu vergrößern. Doch er würde ein ernstes Wörtchen mit ihr wechseln müssen. Sie konnte nicht einfach nach Lust und Laune in sein Zimmer marschieren, egal wie trotzig und selbstüberzeugt sie jetzt auch sein mochte.


Vorerst begnügte er sich allerdings damit, die Tür fest zu schließen und den Schlüssel im Schloss herumzudrehen. Dann zog er den Morgenmantel aus und begann, die Narben, die Grangers Behandlung letzte Nacht auf seinem Körper hinterlassen hatte, einzucremen. Hier und da empfand er noch Schmerz, wenn er den rötlich schimmernden, breiten Streifen zu nahe kam, vor allem an den Stellen, die besonders lange und tief geöffnet gewesen waren. Lucius und seine Abgesandten hatten ihre Aufgabe wirklich gut erfüllt und die sich schließenden Wunden in regelmäßigen Abständen wieder geöffnet. Gerade weit genug, damit er nicht verblutete, aber ausreichend mit Schmerz versorgt war. Er würde zweifellos noch lange seinen Spaß damit haben.


Es war wirklich ein interessantes Völkchen, dem er sich vor zwanzig und mehr Jahren angeschlossen hatte. Heute wusste er zwar noch, warum er es damals getan hatte – nachvollziehen konnte er es jedoch nicht mehr. Es war die größte Dummheit seines Lebens gewesen und seitdem ihm dies bewusst geworden war, hatte er sein Bestes getan, um einen Fehler dieser Art nicht noch einmal zu begehen. Ob es ihm gelungen war, würde die Zeit zeigen.


Nachdem er alle Stellen, die er erreichen konnte, ausreichend versorgt hatte, verschloss er den Tiegel wieder und stellte ihn in die oberste Schublade seines Nachtschrankes. Auf seinem Rücken würden große Narben zurückbleiben, denn zum einen konnte er nicht sehen, wo er die Paste anwenden musste, und zum anderen war er besonders jetzt nicht so gelenkig, als dass er dort ankommen würde.


Und nichts in der Welt würde ihn dazu bringen, Granger um Hilfe zu bitten!


Es war schon schlimm genug, dass sie ihm gestern seinen Hintern verarztet hatte. Er würde nicht behaupten, dass es ihm peinlich gewesen war. Er hatte in seinem Leben schon so viel erlebt, dass es kaum mehr etwas gab, das ihm peinlich sein könnte. Aber es war ihm unangenehm gewesen, dass seine ehemalige Schülerin seine Kehrseite versorgen musste.


Wobei, was hieß hier müssen? Sie hatte ihn ja quasi dazu gezwungen und seinen hilflosen Zustand dazu ausgenutzt, dass er sich ihr ausliefern musste. Eigentlich gab es also nichts, das ihm unangenehm und schon gar nicht peinlich sein müsste.


Und dennoch...


Sein Körper hatte in der Gefangenschaft zweifellos mehr gelitten als sein Verstand. Er hatte seine Erfahrungen mit den Todessern und der dunklen Seite seines Lebens schon lange gemacht und das, was in den letzten Monaten mit ihm geschehen war, war nicht schlimmer als vieles andere gewesen. Seine Psyche war schon seit Jahren nichts mehr, um das er sich Sorgen machen musste; Albus hatte ihn diesbezüglich ausreichend in gewisse Bereiche der Magie eingeführt. Er hatte seine Methoden, um sich von allem zu distanzieren, auf das er keinen Einfluss hatte. Sonst hätte er in seiner Position als Spion vermutlich schon lange den Verstand verloren.


Doch sein Körper war etwas, das er nur leidlich unter Kontrolle hatte. Das Fehlen von Wasser und Nahrung hatte seine Haut fahl und dünn werden lassen, seine Rippen und Beckenknochen stachen scharf hervor. Die Oberarme waren so schmal wie früher seine Unterarme, welche er sich jetzt gar nicht so genau ansehen wollte. Severus hatte sich nie viele Gedanken um sein Aussehen gemacht, doch dass sein jetziger körperlicher Zustand in keinerlei Hinsicht hilfreich sein würde, war ihm durchaus bewusst. Granger hatte Recht, er brauchte Nahrung.


Und sobald er die Nachwirkungen der letzten Nacht hinter sich hatte, würde er diese auch zu sich nehmen. Die richtigen Tränke würden den Aufbau von Fettmasse unterstützen und möglicherweise würde er in einigen Wochen wieder halbwegs der Alte sein.


Severus wischte diese Überlegungen irgendwann beiseite und zog sich an. Nun, da die Salbe eingezogen war, lief er nicht mehr Gefahr, seine Kleidung, die nur von außen geschützt war, zu verdrecken. Anschließend wischte er sich die Haare aus dem Gesicht und schüttelte das restliche Wasser von seinen Händen, ehe er zum Tisch hinüber ging und sich den Inhalt der Kiste genauer ansah.


Er lächelte zufrieden, als er den Deckel abgenommen hatte. Albus hatte schon immer gewusst, was er wirklich brauchte. Ganz oben lag eine Flasche Rotwein aus der Vitrine, die er wehmütig in Hogwarts hatte lassen müssen. Daneben fand sich noch ein Stapel seiner Lieblingsbücher, sowie das Notizbuch, in das er alle Kleinigkeiten schrieb, die ihm bezüglich seiner Tränke durch den Kopf gingen. Ein Glas Tinte und mehrere Federn, seine Taschenuhr und das magisch fixierte Ahornblatt, das ihn an den ersten Herbst in Hogwarts erinnerte und das er inzwischen als Lesezeichen benutzte. Ein kleines Denkarium, denn Albus wusste, wie oft Severus sich von der einen oder anderen Erinnerung befreite. Und schließlich die Lesebrille, die er niemals vor irgendwem getragen hatte, weil es ein Zeichen von Schwäche war.


Du wusstest schon immer, wie du mich besänftigen kannst, alter Mann“, nuschelte Severus kopfschüttelnd. Anhand dieser Dinge wurde ihm einmal mehr bewusst, dass dieser Schritt nötig gewesen war. Dass es keinen Sinn gehabt hätte, ihn an einen Ort zu bringen, an dem auch nur die geringste Möglichkeit bestand, dass Todesser ihn finden und erreichen könnten. Sie hatten in den letzten Wochen und Monaten ausreichend bewiesen, dass sie ihn zwar tot sehen wollten, dies aber bereitwillig lange hinauszögerten.


Mit einem Seufzen räumte Severus die Sachen wieder in die Kiste, abgesehen von seiner Taschenuhr. Anschließend verstaute er die Kiste im Schrank und verschloss diesen sorgfältig, dann machte er sich auf die Suche nach dem Labor.


- - -


Es war zugegebenermaßen nicht schwer, in einem Haus dieser Größe das zu finden, was man suchte. Zu Severus' Erleichterung war das Labor im Keller – alles andere wäre schlichtweg unpassend gewesen, denn viele Zutaten brauchten absolute Dunkelheit, damit sie nicht vor ihrer Zeit verdarben. Es hatte neben seinen persönlichen Vorlieben durchaus auch praktische Gründe gehabt, die die Labore in Hogwarts in die Kerker verbannt hatten.


Mit aufmerksamen Blicken streifte er zwischen den Tischen und Geräten umher, prüfte den Bestand der Kessel, den Granger hatte herschaffen lassen, und die Zutaten. Nach einigen Minuten nickte er zufrieden. Anscheinend hatte sie neben seiner Verbitterung in der Zeit des gemeinsamen Arbeitens auch gelernt, wie man ein Labor einrichtete.


Den Anflug von Schwäche und seinen schmerzenden Körper ignorierend, suchte Severus sich einen Kessel und entsprechende Zutaten zusammen, mühte sich geschlagene zehn Minuten damit ab, per Hand ein Feuer auf der vorgesehenen Stelle zu entzünden und war bereits kurz davor, die Streichhölzer wütend in die Ecke zu schmeißen, als es ihm endlich gelang.


Mit nun wirklich mieser Laune stellte er den Kessel auf das Feuer und begann, die ersten Zutaten vorzubereiten. Das wenigstens war eine Arbeit, die er auch früher stets per Hand erledigt hatte. Die Amateure, die meinten, magisch vorbereitete Zutaten seien ebenso gut, waren ihm schon immer zuwider gewesen. Jeder magische Einfluss veränderte die Zutaten und diese Veränderungen taten einem Trank niemals gut.


Das war übrigens ein Detail, in dem Granger ihm immer zugestimmt hatte. Und es war der Grund für eine recht amüsante Szene mit Weasley gewesen – zumindest für Severus war sie amüsant gewesen.


Weasley hatte an diesem Abend nach allen Kräften versucht, Granger aus dem Labor zu locken (Severus hatte es sich verboten, die Pläne des Jungen genauer zu erforschen, zumal er das Gespräch nur aus einem Nebenraum mitbekommen hatte). Unter anderem hatte er es mit dem Vorschlag, die Zutaten mit Magie vorzubereiten und die so gesparte Zeit besser zu nutzen, versucht.


Was Granger zu Severus' vollster Zufriedenheit dazu veranlasst hatte, ihn empört zurechtzuweisen. Die Arbeit, die sie damals getan hatten, war entscheidend für den Krieg und auf keinen Fall hätten sie die Wirkung in irgendeiner Weise gefährden können.


Weasley war nach der leicht genervten Standpauke seiner Freundin schmollend verschwunden und Severus hatte Grangers Blick mit einem amüsierten Lächeln eingefangen, als er an den Arbeitsplatz zurückgekehrt war.


Ein Wort und ich gehe ihm doch nach“, hatte sie gedroht, doch er hatte gesehen, dass auch sie ein Lächeln unt