Severus Snape
Eine Charakterisierung von Saramis
J. K. Rowling hat mit Severus Snape wahrscheinlich einen der interessantesten Charaktere der modernen Literatur geschaffen. Von Anfang an stand fest, dass er vielschichtig und geheimnisvoll sein würde. Mithilfe dieses Charakters bricht die Autorin zum ersten und zum letzten Mal Schwarz-Weiß-Muster auf.
Die Welt, in der Harry Potter spielt ist vom ersten Buch an in schwarz und weiß getrennt. Es gibt Voldemort, der der Kopf der bösen, dunklen Seite ist und es gibt Dumbledore, der auf der hellen Seite eine Anführerrolle übernimmt.
Ich halte es für unmöglich, diese beiden Charaktere außen vor zu lassen, wenn man Severus Snape verstehen will.
Beide Charaktere haben auf Harry, aus dessen Sicht wir die ganze Geschichte erleben, den größten Einfluss. Beide Figuren bekommen für Snapes Rolle in dem Ganzen am Ende einen Sinn.
Wir lernen Snape kennen, wenn er sich bereits für ein Leben als Spion entschieden hat. Seine Figur hat eine Geschichte, die dem Leser solange unbekannt ist, wie Harry sie nicht kennt. Sein Charakter hat also eine Entwicklung durchgemacht. Nun ist er stereotyp – die perfekte Nebenrolle.
Snape legt größten Wert auf seine Privatsphäre. Deshalb hat der Leser es so schwer, ihn zu verstehen, denn nur durch seine Vergangenheit, wird der ganze Mensch schlüssig. Darüber hinaus kann der Leser in den ersten Bänden nur wenige seiner Fragen beantworten, weil Harry an der Person Snape kein Interesse zeigt (außer in solchen Situationen wie die Okklumentikstunde und Snapes schlimmste Erinnerung).
Das ist es im Grunde, was ihn für uns so interessant macht, weshalb er unsere Fantasie so beflügelt. Wir haben immer mehr Frage als Antworten, was ihn betrifft. Außerdem stellen sich immer, wenn wir Antworten erhalten, noch mehr neue Fragen.
Die Komplexität dieser Figur ist von Anfang an unbestreitbar. Man merkt auch nach dem ersten Buch schon, dass Snape nicht in dieses Schwarz-Weiß-Schema hineinpasst.
Er dient zuerst als Instrument, um Quirrels Verrat zu entlarven und gleichzeitig vor Harrys Erkenntnis zu schützen. Aber hier wird er schon eindeutig schwarz gezeichnet. Am Ende ist er aber der Gute.
So sieht seine Person auf den ersten Blick aus. Ganz so einfach funktioniert er aber nicht.
Snape ist nicht gut. Das merkt man im Unterricht an seiner Ungerechtigkeit und an seinem Desinteresse den Schülern und ihren Fähigkeiten gegenüber. Snape bekommt also am Ende des ersten Buches nur einen weißen Anstrich.
So geht es über sie Bücher hinweg weiter.
Er bleibt rätselhaft. Wir wissen, dass er dunkle Magie gebraucht. Dennoch ist er für Dumbledore vertrauenswürdig. Genau da liegt der Knackpunkt.
Der Leser vertraut Dumbledore und seinem Urteil. Deshalb zieht er immer wieder in Betracht, dass Snape doch auf der guten Seite steht. Er ist Snapes Referenz auf der hellen Seite der Zaubererwelt. Er ist seine einzige Referenz. Die Autorin hat diese beiden Charaktere so geschickt zusammen geflochten, dass man sogar noch Snapes gute Seite in Betracht zieht, nachdem er Dumbledore ermordet hat.
Eigentlich steht er am Ende des sechsten Bandes eindeutig auf der Seite der Todesser. Er hat die einzige Person getötet, die ihm vertraut hat. Er flieht mit den Todessern aus dem Schloss. Und trotzdem ist man sich nicht ganz sicher.
Diese Zweischneidigkeit Snapes wird hauptsächlich durch die hohe Einschätzung Dumbledores erreicht. Das ganze kann nur dann funktionieren, wenn Dumbledore uneingeschränktes Vertrauen genießt.
Am Ende finden wir Aufklärung:
Snape befindet sich im wahrsten Sinne des Wortes irgendwo zwischen Gut und Böse. In den Erinnerungen, die er Harry hinterlässt werden seine Handlungsmotive deutlich.
Er handelt aus Liebe. Er kennt also die Macht, die Voldemort nicht hat. Das unterscheidet ihn von den anderen Todessern. Die Intensität dieser Liebe schockiert den Leser regelrecht. Sie ist der Grund warum er überhaupt noch existiert („I wish I were dead“ Bd. 7, S. 544). Sie ist der Grund, warum er auf Dumbledores Seite gewechselt ist („And what will you give me in return, Severus?“ Bd. 7, S. 544). Sie ist auch der Grund, warum Harry noch lebt („I thought…all this years…that we were protecting him for her“ Bd. 7, S. 551).
Durch Snapes Erinnerungen wird sogar nach seinem Tod noch die Schwarz-Weiß-Färbung der Story aufgebrochen. Dumbledore ist nicht der strahlende weiße Magier, den der Leser sich vorgestellt hat. Das ganze 7. Buch arbeitet auf diese Erkenntnis zu. Aber all seine Verfehlungen werden ihm im Gesamtzusammenhang noch verziehen. Schließlich versucht er Voldemort zu stoppen.
Erst durch die Erinnerung wird dem Leser wirklich klar, dass Dumbledore nicht so weit entfernt von Voldemort ist. Er ist nicht den moralisch entgegengesetzten Weg wie Voldemort gegangen, sondern er ist weiter gegangen. Er hat den Punkt, an dem Voldemort stehengeblieben ist, überschritten. Während Voldemort an der Überzeugung, Zauberer seien die besseren Menschen, festhält, hat Dumbledore diese Sichtweise hinter sich gelassen und dazu gelernt.
Dumbledore ist deshalb so wichtig für Snapes Geschichte, weil er als Vaterfigur funktioniert. Im 7. Buch wird es deutlich gesagt. Es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen Snape, Harry und Voldemort. Alle drei haben in Hogwarts ihr erstes richtiges zu Hause gefunden.
Dumbledore war für alle drei Schulleiter und deshalb Kopf des Hauses, also Vaterfigur. Deshalb erscheint es umso grausamer, dass er bereit ist diese drei Menschen und ihre Seelen für einander und für sein „Greater Good“ zu opfern. Dieses höhere Gut ist natürlich nicht mehr die Herrschaft der Zauberer über die Muggel, sondern die Vernichtung Voldemorts.
Dennoch erscheinen die Methoden, die er dazu verwendet, zweifelhaft. Der Leser fragt sich mehr als einmal, ob der Zweck die Mittel heiligt. Durch Snapes Erinnerungen wird Dumbledores weißes Image endgültig zerrissen.
Voldemort ist in die Fußstapfen seiner Vaterfigur getreten und hat dessen „Rassentheorie“ übernommen. Snape hat zuerste den gleichen Weg eingeschlagen, aber immer noch einen Anker außerhalb dieses Wahnsinns gehabt: Lily!
Aber die Liebe zu ihr, war nicht stark genug gewesen, ihn den Schritt über seine rassistische Einstellung machen zu lassen. Er war zu schwach, diesen Schritt zu tun, als sie noch lebte. Er fand diese Stärke erst nachdem ihr Leben bedroht war, nachdem alles zu spät war. Dann erst kroch er zu Kreuze.
Haben wir hier ein Verlorener-Sohn-Motiv?
Ich denke ja.
Dumbledore nimmt Snape in seine Reihen auf. Er lässt ihn jedoch für seine Taten büßen und macht ihn sich zu nutze.
Aber geleitet durch Dumbledore kann Snape den Schritt über seine rassistische Einstellung machen und tritt damit in dessen Fußstapfen. Nicht nur als Schulleiter von Hogwarts, sondern auch in moralischer Hinsicht.
Er übernimmt auch die aktive Rolle Harry gegenüber, die Dumbledore vor ihm hatte. Während Snape in den ersten sechs Büchern „nur“ eine bechützende Rolle eingenommen hatte, zeigt er Harry im 7. Band aktiv den Weg (“The silver doe“).
In Snapes Erinnerungen findet ein Rollentausch zwischen ihm und Dumbledore statt. Harrys Leben wird für Snape plötzlich wichtiger als für Dumbledore. Snape hat „reinere“, menschlichere Motive als der Schulleiter. Auch hier verwischt die bisher gewohnte Sympathie-Hierarchie. Der Leser, der ja Harry nicht sterben sehen will, stellt sich auf Snapes Seite und blickt geschockt auf die pragmatische Denkweise Dumbledores.
Dass Snape kein Rassist mehr ist, wird spätestens dann deutlich, wenn er Nigellus für das Wort Schlammblut tadelt. In dieser Situation sind die beiden allein, also muss Snape niemandem etwas beweisen. Sein Hass auf dieses Wort rührt aber seltsamerweise aus einer Zeit vor seiner Todesserschaft.
Dieses Wort war der größte Fehler seines Lebens. Als er Lily damit beschimpfte, hat er seinen Weg und den ihren bestimmt. Er wurde Todesser und sie Potters Frau. Diese Bedeutung wurde ihm erst später klar. Dass dies sein größter Fehler war, auch.
Dass Snape Harry so sehr hasste, darf man in seiner Charakterisierung nicht vernachlässigen. Harry ist für ihn ein Segen als Lilys Sohn, aber viel stärker ist das Bewusstsein, dass er auch James Sohn ist.
Für Snape war es immer einfacher zu hassen, als zu lieben. Das war seit seiner Kindheit so. Der Hass hat sein Leben immer bestimmt. Warum sollte er nach seiner Bekehrung damit aufhören. Der Hass hat ihn nach Slytherin gebracht (Hass auf Muggel), zum Todesser werden lassen, ihm Lily entrissen. Sein Hass wurde genährt durch Petunia und seinen Vater.
Snape hat sich mit seiner Zaubererseite identifiziert. Deshalb nennt er sich „Halbblut Prinz“. Er verweigert den Namen seines Vaters (dem Muggel) und benennt sich nach dem Mädchennamen seiner Mutter (der Hexe). Durch den Zusatz „Halbblut-“ wird deutlich, dass das Erbe seines Vaters für ihn nicht zählt.
All die Gründe, die Snape hat, Todesser zu sein, sind verständlich, aber sie entschuldigen sein Tun in keinster Weise.
Schlussendlich zeigt Snape den Wunsch nach Rehabilitation. Er überlässt Harry mehr Erinnerungen als nötig. Er will, dass Harry ihn versteht, auch wenn es nun keinen Sinn mehr macht. Er bittet Harry stumm darum, seine Motive zu veröffentlichen. Ich denke, dass dies dramaturgisch notwendig war, um dem Leser Snapes Charakter zu erklären. Aber es bringt auch einen ganz menschlichen Charakterzug zum Vorschein.
Snape will nicht in schlechter Erinnerung behalten werden. Er will sein Seelenheil retten, indem er sich erklärt. Er will nicht als Todesser sterben.
Deshalb ist Snape nicht schwarz, nicht weiß. Seine Welt ist es auch nicht.
J.K. Rowling hat mit dieser Figur die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischt. Snape ist deshalb von zentraler Bedeutung für das Verständnis des gesamten Werkes.
13.08.2007